Saturday, 30. July 2016
24.06.2010
 
 

Russland: Das neue El-Dorado der Zocker und Verlocker

Wang Xin Long

Vom 17. bis 19. Juni 2010 wurde das »St. Petersburg International Economic Forum« (SPIEF) abgehalten, jenes Treffen, bei dem seit 1997 alljährlich die wirtschaftlichen Beziehungen Russlands zum Rest der Welt zur Sprache kommen. Das Treffen als solches ist nicht irgendeines, denn es kommt auch nicht irgendwer: kein Geringerer als der Präsident der Russischen Förderation ist Schirmherr und Teilnehmer, aber auch die Besucher und Teilnehmer gehören zum erlesenen Kreis der Wirtschaftselite.

Das diesjährige Treffen fand unter dem Motto statt: »Laying the Foundation for the future«, die Grundsteinlegung für die Zukunft also. Und es sieht ganz danach aus, dass hier einige wichtige Impulse für die Zukunft gegeben wurden. Denn das Programm des diesjährigen SPIEF gibt Grund für einige Erwartungen: Der Wirtschaftsdialog zwischen Russland und der EU, zu Indien und den USA. Aber auch solch interessante Themen wie »Smart Energy« – also eine vernünftige Energieversorgung – wurden dieses Jahr besprochen.

Es gab einige besondere Höhepunkte, die im Kontext betrachtet von besonderer Wichtigkeit sind. Zum Beispiel die Plenarsitzung zum Thema »Global Economy – The World Under Chang« (zu Deutsch: »Globale Wirtschaft – die Welt im Wandel«), die vom russischen Präsidenten Medwedew höchstpersönlich mit einem Grußwort eröffnet und begleitet wurde. Moderator dieses runden Tisches war der Chefredakteur des amerikanischen Wall Street Journal, Robert Thomson. Aber auch die Teilnehmer der Runde sind von besonderem Interesse: die französische Ministerin für Arbeit und Industrie, Christine Lagarde, ihr Kollege vom indischen Handelsministerium, Anand Sharma, sowie Amre Moussa, Generalsekretär der Staaten der Arabischen Liga, und Stanley Fischer, Gouverneur der israelischen Zentralbank, saßen gesellig beieinander, berieten und referierten über die Finanzwelt im Wandel.

Auch die Plenarsitzung mit dem Titel: »Global Energy and the Future of the Gas Market« (»Globale Energie und die Zukunft des Gasmarktes«) war von besonderer Wichtigkeit, denn hier wurden solch brisante Themen wie die Sicherstellung der Gasversorgung Europas erörtert. Teilnehmer dieser Sitzung waren hochkarätige Vorständler der großen Öl- und Gasgesellschaften aus dem In- und Ausland sowie Gerhard Schröder in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Nord Stream AG – jener Gesellschaft, die in Zusammenarbeit mit der russischen Regierung eine der wichtigsten Pipelineprojekte nach Westeuropa betreibt.

Eine weitere interessante Runde war die Plenarsitzung »Finance after the Crisis« (»Finanzierung nach der Krise«). Interessant deshalb, weil hier Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank AG, mit am runden Tisch saß, neben weiteren hochrangigen Persönlichkeiten aus dem internationalen Banken- und Finanzsektor. Aber nicht nur die Chefs namhafter Banken nahmen dort Platz, sondern auch zwei Größen aus der Politik: Thomas Mirow, Präsident der Europäischen Bank für Entwicklung und Wiederaufbau, und die bereits oben genannte französischen Ministerin für Arbeit und Industrie. Moderiert wurde die Runde übrigens von Dr. Klaus Schwab, dem Vorsitzenden des World Economic Forum.

Aber nicht nur die illustre Besetzung der Runde ist interessant. Auch die Themen, die bei der Sitzung zur Sprache kamen, waren es: So zum Beispiel die systemischen Risiken, die aus der Finanzkrise hervorgehen könnten; wie der freie Kapitalfluss im Welthandel gefördert werden sollte; und welche Rolle die BRIC-Staaten in der Finanzwelt nach der Krise spielen sollen.

Hier ist ein Aufhorchen angebracht. Denn die BRIC-Staaten – das sind Brasilien, Russland, Indien und China – repräsentieren aus Sicht der großen Banken und Finanzinstitute die Finanzmärkte der Zukunft. Das BRIC-Gebilde ist ein finanztechnisches, geografisches Gedankenprodukt, welches 2003 vom Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill aus der Taufe gehoben wurde und sich an den vier derzeit am stärksten im Wachstum befindlichen Staaten orientiert, BRIC eben.

Selbstverständlich war Jim O’Neill als Gründervater der BRIC-Idee auch als Teilnehmer beim SPIEF mit dabei. So saß er zum Beispiel in der Sitzung »Sovereign Wealth Funds: Global Risks and Opportunities« (»Staatsfonds: Globale Risiken und Chancen«) am runden Tisch mit solch interessanten Akteuren wie dem Vorstandsvorsitzenden der obersten Saudischen Investitionsbehörde, Amr Al-Dabbagh, sowie Yngve Slyngstad, dem Chef der Abteilung Investment Banking der Norwegischen Zentralbank. Diese Sitzung wurde übrigens moderiert vom Chefredakteur der Nachrichtenagentur Reuters, Michael Lawrence. Themen der Runde: Chancen und Risiken von Staatsfonds in der Zukunft; inwiefern Entwicklungs- und Schwellenländer einen besseren Risikoausgleich bei Investitionen bieten im Vergleich zu entwickelten Ländern; und welche Industriezweige am meisten von den Investitionen durch Staatsfonds profitieren werden. Die im Ergebnis dieser Sitzung generierten Informationen stellen ein unbezahlbares Insiderwissen dar, weil hier festgestellt wurde, aus welchen Industriezweigen der Entwicklungs- und Schwellenländer der größte Investitionsgewinn zu erwarten ist. Selbstverständlich war diese – wie die meisten anderen Sitzungen beim SPIEF – nur den geladenen Gästen vorbehalten. Wer dieses Wissen hat, kann und wird daraus ein gigantisches Kapital schlagen.

Weiter nahm Jim O’Neill von Goldman Sachs an der Plenarsitzung zum Thema »Global Economy. BRIC Session: Fiscal Policy and Reserve Currency« (»Globale Wirtschaft. BRIC Sitzung: Steuerpolitik und Reservewährung«) teil. Dort waren unter anderen auch der Chef der brasilianischen Entwicklungsbank und der Vizepräsident der chinesischen Zentralbank anwesend. Auch die in dieser Sitzung angesetzten Themen waren von allergrößter Brisanz: Denn es wurde darüber gesprochen, ob die BRIC-Staaten weiterhin vereint an der Forderung einer neuen Reservewährung festhalten – einem Währungskorb nach dem Vorbild der Sonderziehungsrechte (Special Drawing Rights, SDR), und welche technischen und politischen Hindernisse bei der Ablösung des US-Dollars als Reservewährung entstehen mögen. Hallo: Die Ablösung des US-Dollars als Reservewährung?!

Die Tatsache, dass solch wichtige Dinge während eines internationalen »Geschäftsforums«, sozusagen im Rahmen einer privaten Tagesordnung, unter Teilnahme hochrangiger Politiker besprochen werden, ist schon denkwürdig. Es zeigt, dass internationale wirtschafts- und finanzpolitische Belange immer mehr auf den privatwirtschaftlichen Sektor verlagert werden. Den großen Konzernen und den aufstrebenden Nationen kann dieses recht sein. Es drängt sich der Eindruck auf, dass das Kapital immer mehr zu einem vaterlandslosen Gesellen mutiert, auf der ständigen Suche nach Betätigung und Mehrung, losgelöst von den Interessen und der Teilhabe der zurückgelassenen Nationen.

Ein weiterer besonderer Höhepunkt des SPIEF 2010 war auch gleichzeitig dessen Abschluss: Der französische Präsident, Nicolas Sarkozy, hielt gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Medwedew die Eröffnungsrede zur Abschlusssitzung mit dem Titel »Rethinking Global Economic Trends« (frei übersetzt: »Neues Denken in Globalen Wirtschaftstendenzen«).

Am runden Tisch saßen hier solche Größen aus Wirtschaft und Politik wie Dominic Barton, Direktor von McKinsey & Company, Klaus Kleinfeld, Vorsitzender Geschäftsführer der Alcoa Inc., John J. Mack, Vorstandsvorsitzender von Morgan Stanley in New York, Frederic Oudea, Vorsitzender Direktor der Société Générale, und Dr. Klaus Schwab, Gründer und Geschäftsführer des World Economic Forum, sowie John Lipsky, Stellvertretender Geschäftsführer des Internationalen Währungsfonds (IMF). Die Top-Shots der internationalen Finanzwelt plaudern also im privaten Rahmen über die Geschicke der Welt.

Bilderberg war gestern, das St. Petersburg International Economic Forum ist der neue Chef.

Die Liste der interessanten Planersitzungen beim SPIEF 2010 könnte noch erheblich umfangreicher dargelegt werden, aber belassen wir es dabei. Das Programm und die Teilnehmerlisten sind im Internet öffentlich einzusehen.

Es fallen aber einige besondere Merkmale auf: In Sankt Petersburg fanden sich letzte Woche Hunderte hochrangige Wirtschafts- und Politikgrößen ein. Es war ein ganzes Heer von international anerkannten Wirtschaftswissenschaftlern vor Ort, aber auch Wirtschaftsbosse und jene Politiker, die in ihren jeweiligen Heimatländern Schlüsselfunktionen innehaben. Wie man der Teilnehmerliste entnehmen kann, waren aus Deutschland aber gerade einmal sechs offizielle Teilnehmer angereist, allesamt Wirtschaftsbosse von Konzernen mit internationaler Verflechtung. Dass diese Manager die Interessen ihrer Arbeitgeber vertreten haben, liegt auf der Hand. Am selben Treffen nahmen aber auch hochrangige Politiker, Minister und Direktoren staatlicher Einrichtungen teil, bis hin zur Chefetage einiger Zentralbanken. Ja, sogar das ein oder andere Staatsoberhaupt war anwesend.

Aber kein einziger Politiker nahm offiziell im Namen der Bundesregierung teil.

Wenn man sich die Situation der letzten Monate vor Augen hält, fällt auf, dass alle Welt, seien es Konzerne oder Regierungen, im Rahmen hochkarätiger Versammlungen und Foren an einer Lösung der Finanzkrise und einem Ausbau des wirtschaftlichen Wohlstandes arbeiten. Zugegebenermaßen unter Vertretung der jeweiligen Interessen, aber das sollte erst einmal als legitim angesehen werden. Es fällt aber auch auf, dass bei all diesen wichtigen Zusammenkünften das einstige Zugpferd der Weltwirtschaft fehlt: Die Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bleiben mittlerweile scheinbar lieber zu Hause, als auf internationaler Ebene ihren Mann – oder eben die Frau – zu stehen.

Insgesamt wurden 47 Investitionsabkommen unterzeichnet mit einem Gesamtvolumen von 338 Milliarden Rubel (rund 8,9 Milliarden Euro), und es wurden Grundsteine gelegt für weitere Kooperationen in der Zukunft. Dieser Kuchen wird nun aufgeteilt, neben anderen auch unter den vier BRIC-Staaten, wovon China einer ist. Gerne würde die Volksrepublik – und wohl auch alle anderen Staaten – Geschäfte mit der Bundesrepublik machen; aber dann müsste auch einmal jemand irgendwann vorbeikommen und nachfragen.

Irgendwie kommt es einem so vor, dass das Forum gar nicht stattgefunden hat.

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