Dienstag, 22. August 2017
23.05.2016
 
 

Willy Wimmer: Alpen-Wähler knallen den Volksparteien einen vor den Latz

Willy Wimmer

Jetzt beklagen alle und unisono einen Rechtsruck in Österreich und in EU-Europa. Mit dem berühmten Finger zeigen dabei die auf andere, die Wettbewerber sind und nichts Besseres zu tun haben. Das alles verdeckt aber eine zentrale Frage: Was hat eigentlich die Christdemokraten und Sozialdemokraten in Österreich und nicht nur dort getrieben, sich so meilenweit von den Bürgern und den Wählern zu entfernen, dass diese in Scharen zu denen überlaufen, die man nicht so genau kennt? Was legitimiert die etablierten Parteien, ihr eigenes Versagen durch politische Verleumdungen an die Adresse der Emporkömmlinge zu kompensieren? Das scheint das letzte Mittel zu sein, das für die Versagerparteien zur Verfügung steht.

 

Die Bürger, die das Versagen beklagen und die Missstände anprangern, werden bestenfalls als »Pack« und schlimmstenfalls als »Nazi« beschimpft. Das eigene Versagen wird dann durch »Kampagnen gegen Rechts« gegen diejenigen legitimiert, die eigentlich nur den Anspruch geltend machen, ordentlich regiert und als Bürger ernst genommen zu werden.

Man sollte sich bei den deutschen Liberalen umsehen, die als Vertreter des angelsächsischen Turbokapitalismus vom Wähler mit dem Vertreiben aus dem Bundestag bestraft worden sind. Das kann auch den ehemaligen Volksparteien so ergehen, wenn sie nach Wien ‒ und unabhängig vom Wahlausgang‒ keine Konsequenzen ziehen.

Die Schottische National-Partei hat es doch vorgemacht. Sie geht unverändert auf die Menschen zu, nimmt sie ernst, hört ihnen zu, bevor die mehr und mehr übel riechenden Nichtregierungsorganisationen ihr Unwesen treiben, und sie hat Erfolg. Die Menschen wollen den demokratischen Staat, der durch die Altparteien abgewrackt und in Misskredit gebracht worden ist.

 

Jetzt kann man sich in Österreich einem neuen Bundespräsidenten widmen, und die Fairness von außen gebietet es, ihm 100 Tage und einen Schnaps obendrauf zu gewähren. Wenn seine Worte von der in Österreich notwendigen inneren Versöhnung ernst gemeint sein sollen, dann hat er genug Zeit damit zu tun. Von außen ist jeder politische Beobachter gut beraten, sich den »Kampf der Kulturen« und die jeweiligen Auswirkungen auf die Parteienlandschaft genau anzusehen.

 

In anderen europäischen Ländern kann sich das »Modell Österreich« ebenfalls abspielen. Alle uns im Ausland zugänglichen Informationen machen deutlich, dass die im ersten Wahlgang in Österreich unterlegenen Altparteien in der Mehrheit sich hinter dem neuen Bundespräsidenten versammelt haben, um ihn ins Amt zu hieven. Es wird nicht nur die große Frage sein, ob damit das bisherige Rumwursteln verlängert und ausgebaut werden soll oder ob in der Kombination mit dem neuen Bundeskanzler ein allgemeiner Neuanfang gewagt werden sollte.

 

Augenfällig ist dabei, dass die hinter dem neuen Bundespräsidenten stehenden politischen Altlager keinesfalls homogen sind oder nur in der Sache einen entsprechenden Eindruck vermitteln wollen. Sie werden nach diesem einmaligen Kraftakt auch ihre Rechte und Chancen als eigenständige politische Gruppen wieder einfordern, und das bedeutet eine bis auf den Grund gehende Trennung der hinter Bundespräsident von Bellen stehenden politischen Formationen.

 

Mit diesem Bündnis haben die Differenzen zwischen den jeweiligen Parteien nicht aufgehört. Sie werden an Schärfe gewinnen. Vor allem dann, wenn man sich das Hofer-Lager ansieht. Hier ist die FPÖ die politisch aufstrebende Formation, die als weitaus stärkste österreichische Partei Wähler aus anderen Parteien magisch ‒ wenn auch nicht ausreichend ‒angezogen hat, ohne die Parteien als solche in diese Formation einzubeziehen.

 

Anders als im Von-Bellen-Lager werden die Egoismen nicht überhand nehmen und die zentrifugalen Kräfte nicht dominieren. Die FPÖ steht mit diesem Präsidentenwahlergebnis als obsiegende Kraft vor der Hofburg, während die Unterstützer des neu gewählten Bundespräsidenten ihre jeweilige politische Heimstadt wieder anstreben werden. Es ist abzusehen, dass mit diesem Wahlergebnis alle oder die meisten politischen Formationen in Österreich ihre Chancen bei einem künftigen FPÖ-Bündnis ausloten werden. Der Sieger heute heißt Professor van der Bellen, und der Gewinner heißt Strache.

 

Damit verschwindet keinesfalls die Herausforderung für Brüssel. Schottland, Frankreich, Polen und andere machen deutlich, dass auch ohne die britischen Fisimatenten die »Messen in Brüssel langsam gesungen« sind. Während die europäischen Lichtgestalten Juncker und Schulze der Aufgabe der europäischen Nationen zugunsten eines fremdbestimmten Brüsseler Imperiums das Wort reden, stellen die Bürger den Wert der eigenen Nation für ihre Verantwortung als Staatsbürger und ihren Wert als solche fest.

 

Mit den »europäischen Werten« ist es inzwischen so abgewirtschaftet wie mit der NATO als »transatlantische Wertegemeinschaft«. Der ehemalige Ministerpräsident von Luxemburg, Jean-Claude Juncker, weiß doch am besten, wie sehr über die Steuergesetzgebung in Europa zugunsten amerikanischer Großkonzerne diesen eine »Lizenz zum Plündern« eingeräumt worden ist und das ganze System durch die NATO aufrechterhalten wird.

 

Heute soll die NATO eine »Friedensgemeinschaft« sein? Noch nie in der modernen Geschichte ist ein Verteidigungsbündnis, das die NATO einmal gewesen ist, so schamlos in eine globale Angriffsformation an den Völkern und Parlamenten vorbei umgewidmet worden. Der neue österreichische Präsident führt eine politische Formation an, die diesen Weg lauthals bejubelt und sich nicht nur aus Österreich absetzen wird, wenn es im Osten dann so richtig kracht.

 

 

 

 

 

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