Wednesday, 23. May 2012
11.11.2010
 

Geheimer Raketenstart an der kalifornischen Küste?

Andreas von Rétyi

Am vergangenen Montag-Abend kam es zur Sichtung eines ungewöhnlichen Phänomens vor der kalifornischen Küste. Ein Kameramann des US-Senders KCBS filmte vom Hubschrauber aus einen mysteriösen Kondensstreifen, dessen spiralförmiges Muster sich deutlich über einen weiten Bereich des Himmels zog und an den Start einer große Rakete erinnerte. Die US-Behörden beteuern, nichts über den Auslöser der mysteriösen Spur zu wissen. Was aber war es dann?

Irgendetwas muss vor der südkalifornischen Küste am frühen Abend des 8. November in den Himmel gestartet worden sein, offenbar aus dem Meer heraus. Das unidentifizierte Objekt hinterließ einen riesigen Kondensstreifen. Keine der denkbaren Erklärungen kann bisher bewiesen oder widerlegt werden, fast alles scheint möglich. Doch eine Halluzination ist ausgeschlossen, denn der Vorfall wurde auf Videoband dokumentiert.

David Lapan, ein Marineoberst und Pentagon-Sprecher, wies darauf hin, mit der nordamerikanischen Luftraumverteidigung NORAD gesprochen zu haben, ebenso mit der US-Luftfahrtbehörde FAA sowie anderen für die Luftsicherheit zuständigen Stellen. Alle erklärten einhellig, nicht zu wissen, worum es sich bei der Erscheinung wirklich gehandelt habe. Ein Sprecher der Marine gab ebenfalls zu verstehen, dass es in der fraglichen Region und Zeitspanne keine Navy-Aktivitäten gegeben habe. Ein Sergeant der Vandenberg-Basis an der kalifornischen Küste erwähnte lediglich den Start einer Delta-II-Trägerrakete, die einen Satelliten ins All verfrachtet habe – dies allerdings schon am vorausgegangenen Freitag. Seitdem habe es keine weiteren Starts gegeben.

Natürlich ist klar, dass diese abschlägigen Nachrichten der offiziellen Stellen rein gar nichts aussagen. Ein geheimer Abschuss zeichnet sich ja in der Regel durch vermeintliche Ahnungslosigkeit der zuständigen Stellen aus.

Der ehedem stellvertretende US-Verteidigungsminister Robert Ellsworth sagte angesichts der Videoaufnahmen: »Es ist spektakulär … atemberaubend … eine große Missile.« Ellsworth hält mit Blick auf Präsident Obamas Asien-Aufenthalt eine entsprechende Machtdemonstration der USA für denkbar, möglicherweise sei eine Interkontinentalrakete von einem U-Boot aus abgeschossen worden. Auch als geheimer Abschuss wäre die Botschaft sicherlich unmissverständlich beim Adressaten angekommen. Oder war es am Ende die gegnerische Seite, die ihrerseits Macht demonstrieren wollte?

Zum Teil allerdings wird von – angeblich unabhängigen – Fachleuten auch gänzlich bezweifelt, dass es sich überhaupt um eine Rakete gehandelt habe. Sie suchen die Erklärung in profaneren Ursachen, beispielsweise auch im fernen Kondensstreifen eines zivilen Flugzeugs, der bei bestimmter Perspektive manchmal senkrecht wie eine Rakete nach oben zu steigen scheint. Unter geeigneter Sonneneinstrahlung würde das einen erstaunlichen Anblick bieten.

Sicher gibt es das alles. Doch wäre dann wohl recht schnell eine eindeutige Identifikation erfolgt. John Pike von GlobalSecurity.org ist sich völlig sicher, dass es sich um ein Flugzeug handelte – die Spitze des Musters bewege sich »viel zu langsam für eine Rakete«, so erklärte der Sicherheitsexperte gegenüber CNN. Angesichts des offenbar unbekannten Flugwinkels eine bemerkenswerte Aussage.

Daniel Beck, ein Sprecher der Boeing Corporation, erklärte, zumindest sein Unternehmen sei in den Vorfall nicht verwickelt. Boeing startet im Rahmen seines Testprogramms für Anti-Missile-Laser gelegentlich auch Maschinen von San Nicolas Island vor der kalifornischen Küste. Auch kann keine Linienmaschine dem Kondensmuster bislang wirklich einwandfrei zugeordnet werden.

Ziemlich kontrastierend zu Pike erfolgte die Aussage von Doug Richardson, immerhin Herausgeber von Jane’s Missiles and Rockets. Im Auftrag der Londoner Times prüfte er das Video und stellt fest, hier gebe es wenig Zweifel: »Es ist eine Festtreibstoff-Missile«, erkenntlich am Rauch.

So sind sich die Fachleute also wieder einmal uneins, wie so oft.

 

 

Aber, ist es nicht mehr als nur ein merkwürdiger Zufall, dass sich im zeitlichen Umfeld der mysteriösen Spur ganz offenbar auch militärische Aktivitäten entfalteten? Am 8. November wurde von der US Naval Air Warfare Center Weapons Division (Point Mugu, Kalifornien) eine Sicherheitswarnung für einen Teil des Luftraums vor der kalifornischen Küste herausgegeben, die zur Zeit der Sichtung noch nicht aktiviert war. Sie lässt allerdings darauf schließen, dass hier im Kontext weitere Aktivitäten erfolgten. Die betreffende »Notice to Airmen« (NOTAM) bezieht sich auf Warning Areas (W) sowie auf Control Area Extensions (CAE). Nur zur kurzen Erläuterung: Es gibt zwei CAEs von Kalifornien hin zu W-291, die einen leichteren Zugang zu den Luftwegen nach Hawaii und anderen transpazifischen Örtlichkeiten geben sollen. W-291 verläuft direkt über San Clemente Island. Diese Insel sowie das benachbarte San Nicolas Island zählen beide zu Navy-Sperrgebiet. Wie mir allerdings der Marinehistoriker Dr. Vincent A. Transano schon vor vielen Jahren, im Januar 1996, mitteilte, verfügte man im zuständigen Department of the Navy in Port Hueneme über keinerlei Informationen zur Militärgeschichte der Insel.

CAE 1177 erstreckt sich von San Catalina Island südwestlich zwischen W-291 und dem Pt. Mugu Sea Range – auf Point Mugu befindet sich die Marinebasis Naval Station Point Mugu, von der seit 1958 unter anderem auch Prototypen von Raketen gestartet wurden. CAE 1156 verläuft westlich von San Diego durch den nördlichen Abschnitt von W-291. Der Luftraum W-537 wird in der DoD Flight Information Publication – Area Planning / Special Use Airspace North and South America vom 27. Oktober 2005 unter dem geografischen Namen »Santa Barbara, CA«, beschrieben. Er verläuft von Santa Barbara an der kalifornischen Küste in südwestliche Richtung über den 34. Breitengrad Nord und fächert sich in Küstenferne auf, wobei er noch ein gutes Stück über den 122. Längengrad West hinausreicht.

Hier nun also die NOTAM in der Übersetzung: KZLA LOS ANGELES A2832/10 – DIE FOLGENDEN RESTRIKTIONEN SIND ERFORDERLICH AUFGRUND DER AKTIVIERUNG VON W537 DURCH DIE NAVAL AIR WARFARE CENTER WEAPONS DIVISION. IM INTERESSE DER SICHERHEIT WIRD ALLEN NICHT TEILNEHMENDEN PILOTEN EMPFOHLEN, W537 ZU MEIDEN. IFR-VERKEHR [IFR: INSTRUMENTENFLUG] UNTER ATC[AIR TRAFFIC CONTROL]-JURISDIKTION SOLLTE FREIGABE UM W537 UND CAE 1176 ERWARTEN. CAE 1155 WIRD FÜR EINE OZEANPASSAGE NICHT VERFÜGBAR SEIN. CAE 1316 & CAE 1318 WERDEN FÜR EINE OZEANPASSAGE NICHT VERFÜGBAR SEIN. CAE 1177 WIRD FÜR EINE OZEANPASSAGE VERFÜGBAR SEIN. W537 AKTIV, CAE 1176 GESPERRT. OBERFLÄCHE – FL 390 [Bodenlevel zu Flughöhe = 39.000 Fuß], 09 NOV 20:00 BIS 10 NOV 01:00 2010. CREATED: 08 NOV 20:52 2010. Dass die Aktivierung kurz nach der Sichtung erfolgte, scheint erstaunlich. Dies könnte unter Umständen auch auf einen Unfall oder einen Fremdauslöser hindeuten. Wenn von nicht teilnehmenden Piloten die Rede ist, darf entsprechend von teilnehmenden Piloten ausgegangen werden. Teilnahme woran, fragt sich dabei nur. Interessant auch das Limit der Sperrung bis zum 10. November, 01:00 Ortszeit.

Jene Region, aus deren Umgebung das Objekt aufgestiegen sein muss, wird seit vielen Jahren militärisch genutzt. Die vor der kalifornischen Küste liegenden Channel Islands sind wie erwähnt teilweise militärische Sperrzone – Trainingsgebiet der Navy-SEALs. Hier werden unter anderem auch Predator-Drohnen beherbergt und geflogen. Entlang eines Streifens zwischen Nevada und der kalifornischen Küste, der über mehrere militärische Testgebiete hinwegführt, wurden wiederholt ungewöhnliche Flugzeuge beobachtet, die mit der Entwicklung fortschrittlicher Stealth-Jets und anderer moderner Maschinen in Verbindung stehen. Die Channel Islands sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an den Komplex gekoppelt, zu dessen immer noch geheimsten Zentren DET 3 / AFFTC rechnet, jene Anlage, die als Area 51 weit bekannter ist. Der vermutete Startpunkt des unbekannten Objekts lag allerdings offenbar nördlicher als San Clemente oder San Nicolas und auch näher an der Küste, offenbar nicht weiter als 60 Kilometer im Meer, so wird angenommen.

Derzeit gilt der per Video gut dokumentierte Kondensstreifen noch als unerklärlich. Zwar gibt es zum augenblicklichen Zeitpunkt viele Spekulationen, doch wäre es jetzt wichtig, weitere Daten zu erhalten, vielleicht können auch private Netzwerke, die sich unter anderem der Sichtung von Raketenstarts, von Satelliten und auch Geheimsatelliten widmen, durch genauere Beobachtungen und Bahnberechnungen hier bald zu einer Klärung beitragen.

 

 


 

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