Neuer US-Aufklärungssatellit gestartet
Andreas von Rétyi
Nach einigen Schwierigkeiten startete die US-Luftwaffe in der Nacht zum Mittwoch einen neuen Aufklärungssatelliten ins All. Der Prototyp ORS-1 soll ein bis zwei Jahre im All verbleiben. Das System ist darauf ausgelegt, Bodentruppen in Echtzeit mit exakten strategischen Bilddaten aus Kampfgebieten zu versorgen.
Es war neun Minuten nach elf Uhr nachts Ortszeit, als sich die vierstufige Minotaur-1-Trägerrakete in den schon dunklen Himmel über dem NASA-Raumflughafen von Wallops Island erhob. Nachdem der erste Starttermin wegen schlechten Wetters verschoben werden musste, verlief der zweite Anlauf erfolgreich. An Bord befand sich ORS-1, Prototyp eines auf militärische Aufklärungsmissionen abgestimmten Satelliten der US-Luftwaffe. Das hochmoderne System soll Bodentruppen sehr schnell und extrem genau mit taktisch entscheidenden Bilddaten und Informationen versorgen.
Ganz reibungslos verlief der »Stapellauf« des neuen Satelliten allerdings nicht. Technische Defekte sorgten für eine Verzögerung von rund zweieinhalb Stunden. Zunächst gab es ein Problem im Bereich des unterstützenden Startsystems, dann noch eine zusätzliche Panne am autonom arbeitenden System zur Selbstzerstörung der Rakete, das eingreifen soll, falls im weiteren Verlauf etwas schief ginge. Eine leicht paradox erscheinende Situation. Aber keine Technik ohne Mängel, und in diesem Falle befinde man sich noch in der Erprobungsphase von Hilfsmitteln, die etliche Funktionen automatisieren, um damit die Kosten für Starts zu senken. Die Wallops Flight Facility (WFF) mit ihrem NASA-Raumflughafen gilt auf dem Sektor als führend, und nach dem Start erklärte deren Chef Bill Wrobel sichtlich gelöst: »Dies ist seit Dezember 2006 der vierte Start einer Minotaur 1 und wir freuen uns darauf, bei künftigen Projekten weiter mit der Air Force und dem ORS zusammenzuarbeiten.«
Der 226 Millionen US-Dollar teure Satellit ist das erste operationelle System des von Wrobel angesprochenen Operational Responsive Space Office der US-Luftwaffe. Und auch, wenn die NASA weithin als eine zivile Forschungseinrichtung gilt, sind ihre Bande zum Militär weder jung noch zart. Genau wie das jetzt allmählich in Rente gehende Shuttle-Programm ursprünglich vor allem für Betrieb und Wartung von Spionagesatelliten ins Leben gerufen wurde, so finden sich beinahe allerorten durchaus auch weniger zivile Hintergründe bei der riesigen US-Weltraumbehörde. Jene gemeinsame Geschichte lässt sich von den Anfängen bis in die Gegenwart verfolgen und würde Bände füllen. Kein Wunder, wenn diese Tradition auch auf Wallops Island im US-Bundesstaat Virginia weitergeführt wird.
Der nach der zuständigen Air-Force-Abteilung benannte ORS-1-Satellit wurde mit dem hoch auflösenden Multispektral-Sensor SYERS-2 der Goodrich Corporation ausgestattet, um nahezu in Echtzeit für einen perfekten Überblick über Kampfgebiete zu sorgen. Auffallend dabei: So neu ist SYERS-2 gar nicht und kommt bereits an Bord der legendären U-2-Spionage-Flugzeuge zum Einsatz. Die Überwachung wird dabei in verschiedenen Wellenlängen durchgeführt, um Tag und
Nacht sowie bei verschiedenen Witterungsbedingungen klare Bilder zu erhalten. Allzu klare Angaben zur Aufgabenstellung von ORS-1 werden derzeit hingegen jedoch nicht gemacht, man hält sich wie üblich eher bedeckt. Doch gerade der Einsatz von SYERS lässt entsprechende Schlussfolgerungen zu. Natürlich gilt dies auch hinsichtlich des ORS, das seinen Sitz auf der weitflächigen Kirtland Air Force Base in New Mexico hat und sich im Rahmen des taktischen Satellitenprogramms darum kümmert, dass kleinere Raketen und Satelliten genutzt werden, um die Streitkräfte zügig mit relevanten Informationen bei Kampfeinsätzen zu versorgen. Nach einer rund einmonatigen Test- und Kalibrierungsperiode soll das ORS-1-Aufklärungssystem für mindestens zwei Jahre im Betrieb sein.
Der Liftoff war am Mittwoch ursprünglich für »08:28 p.m.« geplant, sollte also gegen Sonnenuntergang erfolgen. Dann wären wohl riesige leuchtende Muster zu sehen gewesen, ähnlich wie sie schon häufiger bei vergleichbaren Starts von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien zu beobachten waren. Teils sorgten sie regelrecht für Aufregung und Verwirrung. Auch der nächtliche ORS-Start konnte von Beobachtern noch aus weiter Ferne eindrucksvoll wahrgenommen werden.
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