Sunday, 26. May 2013
10.10.2011
 

US-Drohnen von Virus befallen

Andreas von Rétyi

Wie das US-Militär erstmals vor zwei Wochen feststellte, wurden die Steuercomputer für ihre ferngelenkten Aufklärungs- und Kampfflugzeuge von einem hartnäckigen Virus befallen. Zu Einzelheiten hält sich das Pentagon wie üblich bedeckt, auch sei nicht klar, ob es sich um einen wirklich gefährlichen Virus handele, doch Tatsache ist, dass er Predator- und Reaper-Drohnen betrifft und damit Eingang in ein sensibles und sensitives System gefunden hat. Woher stammt er? Handelt sich um eine Rache für das Stuxnet-Virus?

Geht ein geheimer Virenkrieg um sich? Vielleicht. Dann allerdings in Gestalt einer nicht biologischen Kriegsführung, bei der sich alles um Computerviren dreht. Dabei machen derzeit Vermutungen und Spekulationen die Runde, dass sich der Iran nunmehr auf seine Weise für einen komplexen Virus rächt, der im Sommer 2010 entdeckt wurde und ganz offensichtlich exakt darauf ausgerichtet worden war, das iranische Atomprogramm zu stören: Stuxnet. Jetzt zirkuliert ein

hartnäckiger Virus in den Steuercomputern der amerikanischen Predator- und Reaper-Drohnen. Er hat sich in deren Fernsteuer-Cockpits eingenistet und wurde dort nach offiziellen Angaben vor rund zwei Wochen erstmals ausfindig gemacht. Was der Virus dort anstellt, kann oder will gegenwärtig niemand kundtun. Wie es heißt, greift er offenbar nicht schädlich ins System ein, zumindest nicht, was Steuerung und Betrieb der Drohnen betrifft. Die geplanten Missionen werden demnach auch weiterhin geflogen, bislang schienen dabei keine Probleme aufzutreten. Allerdings sind die Militärs angesichts dieses ungebetenen Gastes dennoch hoch alarmiert, stellt dessen Eindringen doch einen enormen Sicherheitsbruch dar. Vieles an der Situation scheint unklar. Als klar hingegen gilt, dass der Virus auch klassifizierte Systeme auf der Creech Air Force Base befallen hat, somit prinzipiell auf geheime Daten zugreifen und sie an Unbekannte oder auch ins Internet weitergeben kann. Ob das kleine Programm nun zufällig in die sensitive Maschinerie gelangte oder aber ganz gezielt eingeschleust wurde, steht offen. Die Creech Air Force Base ist die Steuerzentrale für die ferngelenkten Kleinflugzeuge, die über Kampfgebieten in Afghanistan, im Irak oder andernorts operieren. Die unscheinbare Basis befindet sich knapp 60 Kilometer nordwestlich von Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada, nahe der Atomteststadt Mercury auf der riesigen Nevada Test Site; besser bekannt sein dürfte die Creech-Basis unter ihrem früheren Namen Indian Springs Air Force Auxiliary Field / Range 63. Schon Mitte der 1990er-Jahre, als die Erstflüge der Predator-Drohne stattfanden, konnte ich dort die Flexibilität des Systems bewundern, und heute noch ist die mit der legendären Area 51 verbundene Creech-Basis die Heimbasis dieser Drohne. Auf dem Gelände befindet sich ein nicht näher bezeichnetes Gebäude, durch das ein nicht näher bezeichneter langer Korridor zu nicht näher bezeichneten Räumlichkeiten führt. Hier befinden sich Server und eine Bodenkontrollstation, kurz GCS (Ground Control Station), die ein wenig an eine Mischung zwischen überdimensionierter Spielkonsole und Flugzeug-Cockpit erinnert. Tatsächlich ist von beidem etwas dabei, vor allem aber wird hier real geflogen. An den Monitoren: speziell ausgebildete Piloten in kompletter Fliegermontur zusammen mit weiterem Personal. Per Joystick werden die Drohnen auf Spionage- oder Kampfeinsätze im fernen Ausland gesteuert. Was hier geschieht, ist oftmals streng geheim, hier wird gewiss nicht übers Internet agiert. Die Schattenkrieger lassen die unbemannten Flieger wie gespenstische Phantome über das Gelände rasen oder Stellungen ausspionieren, spüren verdeckte Aktivitäten auf und zielen darauf ab, Einzelziele zu eliminieren. Ein wahrlich tödliches Spiel. Gerade der Krieg gegen den Terror ließ die Drohnen zu einem wesentlichen Werkzeug der militärischen Operateure werden. Dabei gab es allerdings immer wieder auch deutliche Probleme mit der Technik, vor allem mit wiederholter Vereisung über dem afghanischen Hochland; auch wurden Drohnen von gegnerischer Seite abgeschossen.

Der Predator wird immer wieder eingesetzt, um Schläge gegen Terrornetzwerke und deren Repräsentanten vorzunehmen. Mit Amtsantritt von US-Präsident Obama griffen rund 30 von der CIA kontrollierte Drohnen verschiedene Ziele in Pakistan an. Bei den mehr als 230 Einsätzen wurden über 2.000 Menschen getötet, »verdächtige« militante Personen oder eben schlichtweg: Zivilisten. Verdacht genügt … Zahlreiche andere Einsätze einer ganzen Drohnenflotte belegen den Stellenwert, der dieser Technik heute zukommt. Wiederholt wurde in den vergangenen Jahren von erfolgreichen Einsätzen gegen Al-Qaida-Anführer berichtet, zuletzt über die Tötung Anwar al-Awlakis. Er galt als Extremist und Al-Qaida-Rekruteur. Am 30. September wurde er von einer US-Drohne getötet. Die restliche Geschichte bleibt geheim.

Dass die Drohnen und ihre großteils klassifizierten Aufgabenstellungen nicht komplett vor unbefugtem Zugriff sicher sind, zeigte sich allerdings bereits im Jahr 2009, als stunden-, ja tagelange Videoaufzeichnungen, wie sie die Bordkameras an Bodentruppen übermittelten, auf dem Notebook eines irakischen Aufständischen gefunden wurden. Der Datenklau glückte mit Billigsoftware, peinlich fürs US-Militär. Schwachstellen im System sind oftmals externe Festplatten, die dann zwischen Systemen gewechselt werden, wodurch beispielsweise auch die »Luftlöcher« zwischen geheimen und öffentlichen Netzen geschlossen werden. Aus Schaden wurden die Militärs nur teilweise klug, was dann auch zum Problem auf der Creech-Basis führte, wo entgegen weitreichender Restriktionen bis vor Kurzem immer noch entsprechende Speichermedien zum Einsatz kamen. Das Pentagon ist heute noch, nach Jahren, damit beschäftigt, viele hundertausend Computer zu »desinfizieren«, die 2008 durch solche Wechseldatenträger mit dem agent.btz-Wurm verseucht worden waren.

Jetzt also hockt ein Virus in der Steuerzentrale der Drohnen. Experten haben bereits mehrfach versucht, den Fremdling auszumerzen, bislang allerdings nur mit temporärem Erfolg: Er kehrt regelmäßig zurück. Der Führungsstab auf Creech wird täglich zum neuesten Stand der Dinge informiert, gibt jedoch keine weiteren Informationen an die Öffentlichkeit, denn die konkrete Stellungnahme zu Bedrohungen, Verletzbarkeit und Auswirkungen auf die internen Computernetze könnte Unbefugten dabei helfen, die Systeme anzugreifen, auszuspionieren und für eigene Zwecke zu nutzen, so betont Militärsprecher Lieutenant Colonel Tadd Sholtis vom Air Combat Command, das für die Drohnen und andere taktische Flugzeuge verantwortlich zeichnet. In der Tat wäre es wohl auch mehr als peinlich, wenn jemand ganz nach Hollywood-Manier die Kontrolle über die Joysticks übernehmen und die Drohnen gegen die USA richten würde!

Peinliche Sicherheitslücken hat es immer wieder gegeben und so wird es wohl auch künftig weiterhin sein. Nicht alles lässt sich kontrollieren, vor allem bei komplexen Systemen nicht. Manchmal wurden auch bewusst enorme Risiken eingegangen, um gegnerische Mächte zu täuschen oder deren Projekte zu sabotieren. So geschehen im Rahmen der Operation Merlin, bei der ein in die USA übergelaufener Wissenschaftler des russischen Atomprojekts als unauffälliger Informant im Iran auftreten sollte, um Atomgeheimnisse zu verraten. Die Grundidee bestand letztlich darin, manipulierte Pläne eines wesentlichen Bauteils weiterzugeben, um im Endergebnis zu einem funktionsunfähigen System zu führen und das iranische Atomprogramm auf diese Weise zu blockieren. Was dem Physiker vorgelegt wurde, waren die Blaupausen für den Zündmechanismus einer Atombombe. Dem russischen Wissenschaftler fielen die absichtlich eingebauten Fehler allerdings sofort auf, doch wurde ihm von der CIA gesagt, er solle einfach seinen Auftrag erfüllen und nicht weiter darüber nachdenken. Wenn ihm aber jene Unstimmigkeiten so schnell bewusst wurden, dann würden sie wohl auch die Experten im Iran sicher bald entdecken. Noch fataler: Um seine Glaubwürdigkeit für weitere Verhandlungen aufrecht zu erhalten, gab der Wissenschaftler seinen iranischen Kollegen einen Tipp und erklärte, er könne bei technischen Problemen weiterhelfen. Das Ende des Lieds war dann, dass Operation Merlin den Iranern direkt aus US-Händen entscheidende Informationen lieferte, ihr nukleares Ziel schneller zu erreichen. Um den so entstandenen Schaden wieder auszubügeln, fühlte sich die CIA ganz offenbar wohl in der Pflicht, andere geheime Operationen durchzuführen – darunter möglicherweise auch die Einschleusung des Stuxnet-Virus in iranische Computernetze und die bereits wiederholten Mordanschläge auf iranische Atomphysiker. Rächt sich die Gegenseite nun auf ihre Weise?

 

 


 

 

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