
Während diese Zeilen entstehen, rast der geheime Weltraumgleiter X-37B gerade über das australische Northern Territory hinweg, seine Bahn führt ihn in enormer Schnelligkeit um die Erde herum. Derzeit bewegt sich der kompakte Gleiter mit einer Geschwindigkeit von 7,38 Kilometern pro Sekunde, entsprechend immerhin 26.600 Kilometern in jeder Stunde. Ein kosmisches Geschoss. Nur einige wenige Orts-Zeit-Marken verdeutlichen dieses »Affentempo«.
5.52 Uhr MEZ: Teheran. Weiterflug über Afghanistan, Pakistan und Jaipur in Indien (5.58 Uhr). Alles in nur sechs Minuten! Von dort weiter zur Südspitze Malaysias, »Ankunft« gegen 6.05 Uhr, dann nördlich von Kuala Lumpur in Richtung Timor-See und Australien. Die X-37B, auch bekannt als Orbital Test Vehicle 1 (kurz: OTV1) befindet sich um 6.14 Uhr an der südwestlichen Küste bei Darwin. In insgesamt lediglich 16 Minuten von Jaipur, Indien, nach Darwin, Australien!
Satellitenbeobachter verfolgen die Bahn des so geheimen Testgleiters seit den ersten Tagen mit
Argusaugen, um möglichst viel über seine potenzielle Leistung und seine Aufgaben in Erfahrung zu bringen. Dabei ist immer wieder erstaunlich, was ein bewegter Lichtpunkt am Himmel so alles preisgibt. Bekannt war immerhin, dass die maximale Flugdauer auf 270 Tage ausgelegt war, sodass jetzt von einem baldigen Ende der Mission ausgegangen werden kann. Im Januar dürfte die Landung erfolgen. Wie sich gezeigt hat, lässt auch die aktuelle Entwicklung des Bahnverlaufs darauf schließen. Mit Tausenden von Sichtungen hat das weltweite Amateur-Netzwerk von Satellitenbeobachtern dem OTV1 nachgespürt.
Der etwa zehn Meter lange Orbitalgleiter bewegte sich ursprünglich in einem Abstand von mehr als 400 Kilometern um die Erde und war von Anfang an gut am dunklen Himmel auszumachen. Wiederholte Änderungen der Bahn haben es den »Verfolgern« nicht leicht gemacht. So verloren sie dadurch für einige Tage die Orientierung, konnten das Objekt nicht mehr orten. Doch die Beharrlichkeit führte zum Ziel, mit einer eindeutigen Neuidentifizierung der X-37B.
Am 9. August wurde der Antrieb des Raumgleiters gezündet, um ihn in einen höheren Orbit zu verfrachten. Weitere Manöver am 6. Oktober sowie am 1. und 12. November führten dann allerdings zu einem stufenweisen Absinken, sodass die Bahn jetzt im Bereich zwischen 282 und 291 Kilometer Höhe liegt. Am 23. November entdeckte der erfahrene afrikanische Satellitenbeobachter Greg Roberts das »Objekt der Begierde« wieder. Die Bahndaten müssen allerdings noch bestätigt werden.
Dem kanadischen Beobachter Ted Molczan fiel ein besonderer Aspekt der einzelnen Bahnen auf: Jede war so gewählt, dass sie innerhalb weniger Tage wieder über die gleichen Punkte der Erde führte. »Solche Wiederholungen im Rhythmus von zwei, drei oder vier Tagen sind typisch für die
Orbits von US-Aufklärungssatelliten«, erläutert Molczan. Auf diese Weise können besonders wichtige Punkte der Erdoberfläche zu Überwachungszwecken in ziemlich schneller Folge immer wieder fotografiert und auf Veränderungen hin überprüft werden. Interessant dabei auch der gegenwärtige Verlauf der Bahn über Afghanistan und Pakistan hinweg.
Die verschiedenen hohen Bahnen dürften mit unterschiedlichen Experimenten zusammenhängen, so vermutet Molczan, wobei zu Beginn des Orbitalfluges logischerweise mit dem größten Abstand vom Erdboden begonnen wird, um dann immer niedriger zu kreisen. Über die einzelnen Aktivitäten ließen die Behörden allerdings kein Sterbenswörtchen verlautbaren. Klar ist, dass es sich hier um einen Testflug handelt, was natürlich nutzbringende Beobachtungen nicht ausschließen muss. Auch wurde der genaue Zeitpunkt der Landung nicht preisgegeben. Dabei könnten allerdings entsprechende Warnungen an Piloten sowie eine Sperrung des Luftraums für militärische Operationen durchaus einigen Aufschluss geben. Vielleicht finden sich in den NOTAMs (Notices To Airmen) entsprechend verräterische Hinweise.
Die X-37B wird sich nach allem, was derzeit bekannt ist, parallel zum Verlauf einer Piste der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien einschießen und auf knapp 500 Stundenkilometer gebremst aufsetzen. Als Ausweichbasis gilt die auch für Shuttle-Flüge häufig genutzte Edwards Air Force Base im kalifornischen Antelope Valley. Wie es dann mit diesem kleinen Space Shuttle weitergeht, das durchaus in der Lage ist, Spionagesatelliten ins All zu transportieren, ist derzeit nicht bekannt. Allerdings dürfte bereits im März ein zweites Exemplar dieses von Boeing Phantom Works gebauten Orbitalflugkörpers gebaut werden.
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