
Die gigantische Astro-Antenne hat eine bewegte Geschichte hinter sich, obwohl sie selbst eher unbeweglich ist. Zumindest die knapp 305 Meter messende Radioschüssel, ein engmaschiges Gitternetz, das in eine natürliche Talmulde auf Arecibo, Puerto Rico, eingebettet wurde, bleibt konstruktionsbedingt völlig starr in Position. Über dem parabolischen Reflektor schwebt in beinahe 140 Meter Höhe – und damit ungefähr so hoch wie die ägyptische Cheopspyramide – eine dreieckige Empfänger-Plattform mit einer Masse von mehr als 800 Tonnen. Sie wird von Stahlseilen gehalten, die ihrerseits an drei hohen, um die Schüsselantenne aufgestellten Masten befestigt sind. Über einen Ausleger kann der Empfänger immerhin so weit verstellt werden, dass ein zum Himmelsäquator paralleler Streifen von 39 Grad erreichbar wird. Alle Objekte in diesem Bereich lassen sich für eine Weile nachführen und beobachten.
Erste Arbeiten an diesem »Technikwunder« begannen im Sommer 1960, vor rund einem halben Jahrhundert also. Seitdem spielte sich so manches am Arecibo-Teleskop ab, das nicht nur als
Schauplatz für Kinofilme wie Golden Eye oder Contact diente. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahr 1971 konnte die Leistungsfähigkeit des Systems erheblich gesteigert werden und veranlasste den SETI-Pionier Frank Drake, mit dem Teleskop eine Radiobotschaft ins All zu schicken. Immerhin war Drake auch Chef des Arecibo-Observatoriums, da bot sich eine solche Aktion an. Das von hier mit extrem hoher Leistung abgestrahlte Signal enthielt ein paar grundsätzliche Informationen über die Menschheit sowie einige weitere naturwissenschaftliche Daten, unter anderem auch zu Erde und Sonnensystem. Mit diesem besonderen Signal versuchte sich die Menschheit nun also aktiv und gezielt im All bemerkbar zu machen, während SETI – die Suche nach Extraterrestrischer Intelligenz – in der Regel allein dem »Lauschen im kosmischen Rauschen« gilt.
Man schrieb den 16. November 1974, als Drakes Arecibo-Botschaft auf ihre lange Reise ging. Als deren Ziel war der rund 25.000 Lichtjahre entfernte Kugelsternhaufen M 13 im nördlichen Sternbild Herkules auserkoren worden – eine prachtvoll funkelnde Ansammlung von geschätzt einer Million Sternen in einer sphärischen Formation am Rande unseres Milchstraßensystems.
Das ganze Ereignis kam einer Publicity-Party gleich und besaß eher symbolischen Charakter als wissenschaftlichen Wert. Selbst wenn »am anderen Ende der Leitung« irgendjemand war und sich sofort nach Ankunft der Botschaft meldete, die Antwort würde bei uns erst nach rund 50.000 Jahren eintreffen. Außerdem, ein Kugelsternhaufen mit seinem sehr alten Sternenbestand und nur geringem Metallanteil böte kaum geeignete kosmische Bedingungen für planetare Systeme. Und zu guter Letzt muss jene frohe Botschaft dereinst an M 13 vorbeirasen, da die relative galaktische Bewegung von Sonne und Kugelsternhaufen beim Versand durch den interstellaren »Postmaster General« nicht berücksichtigt wurde. Dennoch erlangte die Arecibo-Botschaft einen sehr hohen Bekanntheitsgrad und entwickelte sich bald zum Synonym für die gesamte SETI-Forschung, ob nun zu deren Vorteil oder nicht.
Das Arecibo-Observatorium selbst, das bis heute noch rund um die Uhr im wissenschaftlichen Einsatz ist, wurde neben SETI-Programmen für verschiedenste astronomische Untersuchungen benutzt und galt dabei stets als eine rein wissenschaftliche Einrichtung, an der Fachastronomen aus aller Welt ihre Forschungen betreiben konnten. Als sein eigentliches und ursprüngliches Aufgabenfeld wurde die Ionosphärenforschung genannt, im Auftrag der US-Wissenschaftsstiftung National Science Foundation (NFS). Zunächst firmierte das Observatorium unter dem offiziellen Namen Arecibo Ionospheric Observatory (AIO). 1971 erhielt die Einrichtung dann einen neuen Namen und wurde zum National Astronomy and Ionosphere Center (NAIC). Um die geheimdienstliche Bedeutung dieses speziellen Observatoriums besser einordnen zu können, ist ein kurzer Blick in die Geschichte der Lauschangriffe vielleicht ganz nützlich.
In den 1950er-Jahren und vor allem auch nach dem »Sputnik-Schock« von 1957 waren die USA
noch verstärkt daran interessiert, verschlüsselte Botschaften der Sowjets abzufangen und durch zeitweilige gegnerische Systemfehler gelegentlich auch an Klartexte heranzukommen. Man arbeitete fieberhaft an Methoden, die Geheimnisse der sowjetischen Raumfahrt auszuspionieren und bediente sich dabei teils völlig unkonventioneller Mittel und Möglichkeiten. Dem Erfindungsreichtum schienen keine Grenzen gesetzt. Wer die Telemetriedaten der Raumschiffe in Händen hielt, konnte daraus vieles ableiten. Ein Vorschlag bestand darin, mehrere Höhenballons in die Erdatmosphäre zu starten und Schallwellen von Raketenstarts aufzufangen. Vor allem aber ging es darum, Funksignale aufzufangen, über große Entfernungen hinweg. Die Erdkrümmung durfte kein Hindernis darstellen. Also mussten die Signale von einer geeigneten Luftschicht reflektiert werden. Und wenn die Natur nicht genügte, dann musste eben künstlich nachgeholfen werden – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Schon damals nutzte man hierzu Chemikalien, die man in der Atmosphäre verteilte. Bei einem Experiment wurde eine Rakete von der Eglin Air Force Base in Florida gestartet, um Aluminiumoxid und Cäsiumnitrat per Explosion freizusetzen. Eine nicht gerade gesunde Chemie. Doch das tat nichts zur Sache, denn sie galt ja einem höheren Zweck, im Wortsinne. So schwebte schließlich eine Giftwolke über dem Südwesten der USA und bildete dort den geeigneten künstlichen Reflektor, über den versuchsweise ein ahnungsloser TV-Sender in Shreveport, Louisiana, abgehört wurde. Dessen Übertragungen wanderten über die reflektierende Wolke nunmehr bis zu den Bahamas in 2.400 Kilometer Entfernung, um von Lauschern des technischen Geheimdienstes der USA abgehört zu werden. Die National Security Agency (NSA) konnte auf diese Weise immerhin eine ganze Stunde lang verfolgen, was der über das Experiment nicht informierte Sender alles ausstrahlte. Harmlose Informationen, ganz klar, aber sehr bedeutend für den Test.
NSA-Chefkryptologe Nate Gerson sah sich von dem gelungenen Versuch angespornt und strebte nach mehr. Jetzt wollte er statt temporärer Giftwolken den Mond als Reflektor verwenden und dachte sogar über Mars und Venus als geeignete Spiegel nach. Das klang utopisch, war aber unter einer Voraussetzung tatsächlich realistisch: Man benötigte am Erdboden ein extrem empfindliches Ohr, eine Superantenne zum Empfang der sehr schwachen Reflexe. Und da kam der Bau des Ionosphären-Observatoriums auf Puerto Rico gerade recht. Die 305-Meter-Schüssel von Arecibo würde sämtliche Voraussetzungen für das Projekt erfüllen. Nur ein Problem gab es: Die Parabolantenne auf der Karibikinsel sollte rein zu zivilen Zwecken genutzt werden, auch wenn die Pentagon-Behörde ARPA dahinter stand, die Advanced Research Projects Agency als »Vorgänger« der DARPA als Behörde für fortschrittliche Verteidigungsprojekte. ARPA-Chef Charles Herzfeld ließ sich später allerdings von der NSA erweichen, und man begann mit einer geheimen Kooperation.
So wurde die zivile Arecibo-Antenne zum mächtigen Werkzeug der NSA. Offiziell war in der ersten
Zeit von einer »Studie der Mondtemperaturen« die Rede – die zivile Bemäntelung eines geheimdienstlichen Programms. Keineswegs ein Einzelfall.
Das anfängliche Problem war gelöst, doch ein anderes kristallisierte sich schnell heraus: Der Standort war nicht optimal für das Vorhaben. Besser wären die Seychellen gewesen. Hier allerdings existierte keine natürliche Talmulde, in die man eine ähnliche Riesenschüssel hätte betten können. Die ARPA schlug nunmehr sogar vor, dort doch einfach eine Atombombe zu zünden, um auf diesem Weg problemlos eine ausreichend große Senke zu schaffen. Nichts leichter als das! Allerdings machten bald bilaterale Verträge zum Stopp von Atomversuchen einen Strich durch die ganze Rechnung.
Später wollten die Geheimniskrämer dann eine ideal platzierte Riesenschüssel in West Virginia
errichten. Hier, in Sugar Grove, Pendleton County, sollte ein fast 200 Meter großer, frei beweglicher und damit auch im Einsatz sehr flexibler Gigant entstehen, um als perfekte NSA-Abhöreinrichtung zu dienen. Doch sprengte das Projekt schon in der mechanischen Konstruktion die damalige Rechnerleistung, außerdem wurde den Spionagetechnikern bald bewusst, dass es bessere Methoden gab. Ihnen blieb letztlich nichts anderes übrig, als die Empfänger direkt im Weltraum zu stationieren, um möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. So setzte sich die Überwachung aus dem Erdorbit über die Jahre fort, wobei offiziell wiederum gerne »rein wissenschaftliche« Aufgaben und astronomische Fragestellungen vorgegaukelt wurden, um eine Aura der absoluten Unverdächtigkeit zu schaffen. Derweilen wurde das Arecibo-Observatorium für die geheimdienstliche Arbeit schnell wieder uninteressant und diente tatsächlich wohl ausschließlich der Astronomie. Nun allerdings werden Sponsoren gesucht, um die gigantische Forschungseinrichtung weiter zu betreiben. Sollten sie ausbleiben, dürfte das Ende des Riesenohrs von Arecibo wohl im kommenden Jahr besiegelt sein – der Abschluss eines bedeutenden Kapitels der Astronomie und einer ungewöhnlichen Facette nachrichtendienstlicher Anstrengungen.
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