Dienstag, 6. Dezember 2016
31.05.2011
 
 

Zeitbombe China

Brigitte Hamann

Die größte Gefahr für die Weltwirtschaft liegt in China. Eine riesige geld- und schuldeninduzierte Blase ist dabei, sich immer mehr aufzublähen. Der Prozess ist außer Kontrolle, eine »sanfte Landung« nicht mehr möglich.

Ein neues »USA 2007« braut sich in China zusammen. Davon sind die beiden »alternativen« Chefstrategien Albert Edwards und Dylan Grice von der Société Générale überzeugt – alternativ, weil ihre Meinung sich nicht mit der offiziellen Ansicht der französischen Geschäftsbank decken muss. Als Ökonomen gehen sie eigene Wege und kommen zu aufschlussreichen Ergebnissen.

»Die Märkte überschätzen die Fähigkeiten der chinesischen Regierung«, machen sie in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger vom 26. Mai 2011 deutlich. »Die Erwartungen der Investoren sind im Verhältnis zum möglichen Ergebnis viel zu optimistisch. Das Vertrauen in den chinesischen Superzyklus – in die chinesische Great Moderation (die große Beruhigung) – ist riesig, obwohl das Risiko einer harten Landung enorm hoch ist. Die Situation erinnert mich an die USA Mitte des letzten Jahrzehnts: Eine monetäre und schuldeninduzierte Blase soll zu einem Soft Landing abgebremst werden. Aber die Blase ist bereits außer Kontrolle. Das ist ein großes Risiko für die Weltwirtschaft«, erklärte Albert Edwards. Die Markteilnehmer denken, China verfolge eine bessere Geld- und Konjunkturpolitik als die westlichen Länder. Sie glauben, die Volksrepublik habe die Lage unter Kontrolle und könne ihre Ziele besser erreichen, weil sie nicht durch demokratische Prozesse eingeschränkt sei. Dies berge viel Raum für Enttäuschungen, denn die Regierung in Peking sei nicht in der Lage, das ungezügelte Wachstum zu begrenzen.

Der bisher wenig erfolgreiche Bremsversuch zeigt sich auch an der steigenden Inflationsrate: Im April kletterte sie um 5,3 Prozent und lag damit nur unwesentlich unter den 5,4 Prozent im März. Die Lebensmittelpreise stiegen auch im April um 11,5 Prozent. Inzwischen müssen die Chinesen mehr als die Hälfte ihres Lohns für Essen ausgeben. Um die Inflation zu bekämpfen hatte die chinesische Zentralbank seit vergangenem Oktober den Leitzins viermal erhöht. Die Drohung, Unternehmen, die die Preise für ihre Produkte anheben, strafrechtlich zu verfolgen, sei, so Grice, »das unterste Niveau der Wirtschaftspolitik«. Peking versucht zudem, die Zahlen zu manipulieren, indem das Gewicht von Lebensmitteln im Konsumentenpreisindex reduziert wird.

Die Bindung der chinesischen Währung an den Dollar provoziert eine zusätzliche Erhöhung der Geldmenge. »Um den Kurs zum Dollar stabil zu halten, müssen Dollar gegen Renminbi gekauft und dazu Unmengen Geld gedruckt werden«, so Edwards. »Das ist die chinesische quantitative Lockerung. Diese Geldschwemme kann nicht durch Sterilisierung aufgefangen werden. Die Hälfte der Zunahme der Geldmenge ist auf die Wechselkurspolitik zurückzuführen.«

Edwards und Grice sind sich sicher: China hat nicht wirklich aus dem Debakel des Westens gelernt. Die laxe Geldpolitik forderte die Spekulation förmlich heraus. Bei einem nominalen Wirtschaftswachstum von fast 20 Prozent pro Jahr müssten die Zinsen entsprechend 20 Prozent betragen. Tatsächlich ist der reale Zins jedoch negativ. Als Geldanlage bleibt den Chinesen nur der Kauf von Immobilien. Aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen können sie ihr Vermögen nicht im Ausland anlegen. Eine Anlage bei der Bank ist unattraktiv, weil die Zinsen wesentlich niedriger als die Inflation sind. Wer Rendite sucht, kann nur in Immobilien investieren. Der Bauboom heizt die Inflation weiter an und führt zu Unmut in der Bevölkerung. »Auch in der größten Diktatur der Welt, in China, haben die Machthaber jetzt Angst, dass der Funke der Revolution überspringen könnte. Vorsorglich lässt das Regime in den chinesischen Internet-Suchmaschinen schon mal die Worte Ägypten, Mubarak und Revolution sperren. Das Problem: die hohen Lebensmittelpreise. Dazu kommt der Immobilienboom – die Mieten werden immer teurer. So manch ein Chinese kann sich das Dach über dem Kopf bereits nicht mehr leisten«, berichtete n-tv in einem Video vom 5. Februar 2011.

Der Bauboom hat noch eine andere Schattenseite. Wie die Xinhua News Agency am 9. Mai berichtete, sind die Schulden der chinesischen Bauunternehmen bis Ende März im Vergleich zum Vorjahr um 41 Prozent gestiegen. Gleichzeitig stieg der Wert nicht verkaufter Immobilien um 40,2 Prozent. Grund dafür sind staatliche Maßnahmen, die den Immobilienmarkt abkühlen sollen. Für die Unternehmen wird es dadurch schwieriger, ihr Betriebskapital durch einen schnellen Verkauf wieder aufzufüllen. Dies ist nur eines der vielen gravierenden Ungleichgewichte, die sich in China entwickelt haben. Sie lassen sich nicht einfach umkehren. Nur ein radikaler Schnitt im herrschenden Wachstumsmodell könnte etwas verändern. Peking bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen einer weiteren Überhitzung der Wirtschaft und dem bisher wenig erfolgreichen Versuch, die Investitionen einschneidend zu drosseln. In diesem Fall wäre ein massiver wirtschaftlicher Einbruch die Folge.

»Für die sehr lange Frist bin ich durchaus optimistisch für China«, resümiert Dylan Grice. »Ich sehe jedoch, wie sich das Potenzial für eine harte Landung und einen fiesen Schock für risikobehaftete Anlagen aufbaut.«

 


 

 

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