Friday, 1. July 2016
26.11.2015
 
 

Drängt eine »unsichtbare amerikanische Hand« in Richtung Krieg?

Dave Lindorff

Bei der Beurteilung der Umstände des erschreckenden, aber auch leider absehbaren Abschusses eines russischen Kampfflugzeugs durch zwei türkische Militärmaschinen drängt sich gleich zu Anfang eine aller Wahrscheinlichkeit nach zutreffende Annahme auf – eine Annahme, die zweifelsohne auch von der russischen Regierung geteilt wird: Das Vorgehen der Türkei unter Einsatz von F-16-Kampfflugzeugen aus den USA erfolgte mit vollem Wissen und erweiterter Unterstützung der USA.

 

Angesichts des türkischen Vasallenstatus als Mitglied der US-dominierten NATO kann man auch begründet davon ausgehen, dass Ankara zu diesem hoch risikoreichen Vorgehen von den USA angehalten wurde.

Dieser Abschuss des russischen Kampfflugzeugs und der Tod eines seiner Piloten (der andere konnte sich retten und wurde von syrischen Spezialeinheiten aufgefunden) ist vor allem deshalb so gefährlich, weil die Türkei als NATO-Mitglied im Falle eines russischen Vergeltungsaktes, etwa des Abschusses einer türkischen Maschine, nach Artikel 5 des NATO-Vertrages den »Bündnisfall« ausrufen könnte. Alle anderen NATO-Mitglieder, einschließlich der USA, wären dann aufgrund der Beistandsverpflichtung aufgerufen, der Türkei beizustehen.

 

Russland ist sich dieser Tatsache natürlich bewusst, und aus diesem Grund waren die russischen Reaktion auf den Abschuss bisher zurückhaltend. Hätte eine jordanische, saudische oder kuwaitische Maschine eine russische SU-24 abgeschossen, hätte Russland sofort und sehr viel schärfer reagiert. Das verantwortliche Land hätte mit dem Abschuss eines eigenen Flugzeugs oder vielleicht sogar mit Luftangriffen auf Bodenziele rechnen müssen. Aber bisher hat sich der russische Präsident Wladimir Putin zurückgehalten und nach einem einberufenen Treffen lediglich erklärt, die russisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen und andere Formen der Zusammenarbeit würden zunächst auf Eis gelegt.

 

Diese Zurückhaltung ist ein positiver Umstand, aber Wladimir Putin wird sich damit nicht zufriedengeben können. Selbst wenn man innenpolitische Erwägungen (man stelle sich nur den öffentlichen Aufschrei und die Forderung nach einer militärischen Reaktion in den USA vor, hätte ein kleineres Land ein amerikanisches Militärflugzeug abgeschossen) einmal beiseitelässt, wird er in der einen oder anderen Weise reagieren müssen, weil er sonst sein – bisher erstaunlich erfolgreiches – umfassendes Projekt der Wiederherstellung des weltpolitischen Status Russlands als Weltmacht, wie er vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion gewesen war, gefährden würde.

 

Die Optionen, unter denen Putin auswählen kann, decken eine große Bandbreite ab. Einige von ihnen sind allerdings mit erheblichen allgemeinen Risiken für die Welt als Ganze und nicht allein für Russland und die Türkei verbunden.

 

So könnte er etwa die Präsenz der russischen Luftwaffe in Syrien ausweiten, was er bereits tut. Russland könnte in aller Ruhe abwarten, bis eine türkische Militärmaschine ihrerseits in den syrischen Luftraum eindränge, um sie mit Raketen oder durch russische Kampfflugzeuge abzuschießen. Natürlich wird die Türkei jetzt alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um eine Verletzung des syrischen Luftraums zu vermeiden, aber ein solches Szenario ist durchaus denkbar.

 

Ich gehe davon aus, dass die russischen Kampfpiloten und die Kommandeure der Luftabwehrbatterien in Syrien bereits entsprechende Befehle erhalten haben und demgemäß tätig würden. Und sollte über jeden vernünftigen Zweifel hinaus belegbar sein, dass sich das türkische Kampfflugzeug tatsächlich im syrischen Luftraum aufgehalten hätte, wäre auch nicht damit zu rechnen, dass es zu einer Konfrontation zwischen der NATO und Russland käme, die dann in den Dritten Weltkrieg münden könnte.

 

Aber Russland stehen noch sehr viel mehr Möglichkeiten offen, auf die türkische Eskalation zu reagieren. Man darf nicht vergessen, dass Russland auch die syrische Küste sichert und daher in der Lage wäre, jedes türkische Schiff zu versenken oder zu entern, das in syrische Gewässer (oder russische Gewässer im Schwarzen Meer, das an beide Länder grenzt) eindränge.

 

Russland ist natürlich bewusst, dass es bei diesem Zwischenfall nicht in erster Linie um die Türkei, sondern um den Versuch der USA geht, dem wachsenden Machteinfluss Russlands sowohl auf globaler Ebene als auch in der Nahmittelostregion entgegenzutreten.

 

Daher könnte sich Russland dafür entscheiden, in einer Region zu reagieren, in der es über eine vorteilhaftere Position verfügt. So könnte Moskau z.B. in der Ukraine seine Unterstützung für die abtrünnigen Volksrepubliken im Donezk und in Lugansk verstärken, indem es etwa ein ukrainisches Militärflugzeug abschießt oder diesen Regionen russische Luftunterstützung als Schutzmaßnahme zusichert. Darüber hinaus könnte Russland auch indirekt die kurdischen Rebellen sowohl in Syrien als auch in der Türkei selbst unterstützen, die gegen die türkischen Streitkräfte kämpfen.

 

Russland kann auf vielfältige Weise den Druck sowohl auf die Türkei als auch auf die NATO erhöhen, ohne dass diese Maßnahmen zu einer direkten Konfrontation mit den USA oder ihren NATO-Vasallen führen müssten. Moskau spielt dabei auch in die Hände, dass – von den USA einmal abgesehen – die europäischen NATO-Mitglieder keinerlei Interesse daran haben, einen Krieg mit Russland zu beginnen.

 

Sicherlich stehen Hitzköpfe und Kriegstreiber im amerikanischen Kongress, dem Pentagon und möglicherweise sogar in der von den Neokonservativen unterwanderten Regierung Obama bereit, auf eine derartige absurde Machtprobe hinzuarbeiten. Aber in Europa, das zum vorrangigsten Schauplatz der Kriegshandlungen würde und wo die Erinnerungen an die schreckliche Zerstörungskraft eines Krieges noch sehr wach sind, lehnt man einen derartigen Wahnsinn ab.

 

Tatsächlich könnte es sich auf lange Sicht gesehen sogar als schwerer Fehler für die USA erweisen, die Türkei zu einer solchen tödlichen Provokation gedrängt zu haben, weil dies die ohnehin schon vorhandene antiamerikanische Einstellung in der Bevölkerung so wichtiger NATO-Länder wie Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien noch weiter verstärken könnte.

 

Man darf auch nicht übersehen, dass sich Russland und China in den vergangenen Jahren in wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht stark angenähert haben. Daher besteht die reale Möglichkeit, dass diese beiden Länder in Absprache den Druck auf die USA in der Region des westlichen Pazifiks etwa dadurch verstärken könnten, dass sie ihrerseits eine amerikanische Militärmaschine abschießen, die gerade einen weiteren der provokativen amerikanischen Flüge in der Nähe der neuen chinesischen Inselprojekte im Südchinesischen Meer unternimmt.

 

Ein solches Vorgehen würde das ohnehin überdehnte amerikanische Militär zwingen, weitere Kräfte aus Europa und dem Nahmittelosten nach Asien zu verlegen.

 

Alle diese Szenarien bergen schreckliche Gefahren, und es ist schwer, vorherzusagen, welche Richtung die weitere Entwicklung nehmen wird. Aber eines scheint sicher: Dieser ungeheuerliche Abschuss eines russischen Militärflugzeugs, das in keiner Weise eine Bedrohung der Türkei oder der türkischen Streitkräfte darstellte, wird sich noch lange auswirken.

 

Denn Russland und Präsident Putin können nicht zulassen, dass die Türkei und die NATO mit ihrem unverfrorenen Vorgehen gegen Russland und russische Piloten straflos davonkommen; insbesondere deshalb nicht, weil Russland in Syrien völkerrechtlich legal auf Ersuchen der syrischen Regierung aktiv ist, während die USA, die Türkei und andere Länder in flagranter Verletzung des Völkerrechts verdeckt oder offen die Aufständischen unterstützen.

 

Wenn in den USA nicht bald vernünftigere Köpfe ans Ruder kommen, könnten diese Entwicklungen sich sehr schnell zu einer ähnlichen Gemengelage wie 1914 entwickeln, als schlecht durchdachte Verträge dazu führten, dass ein eigentlich relativ geringfügiger Anlass auf dem Balkan unaufhaltsam in den Ersten Weltkrieg mündete.

 

 

 

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