Wednesday, 19. June 2013
17.08.2012
 

CIA liefert Stinger-Raketen an syrische »Freiheitskämpfer« – Parallelen zwischen Syrien und Afghanistan

Deepak Tripathi

Die Aufdeckung der Entscheidung Präsident Barack Obamas, den bewaffneten syrischen Rebellen im Geheimen amerikanische Unterstützung zukommen zu lassen, bringt eine neue Wende in den syrischen Konflikt. Dieses Präsidialdekret, das in der Welt der Geheimdienste als »Verfügung zur Genehmigung nachrichtendienstlicher [verdeckter] Operationen« bekannt ist, ermächtigt die CIA, die bewaffneten Rebellengruppen zu unterstützen, die auf den Sturz der Regierung Baschar al-Assads hinarbeiten. Aber diese Bedrohung ist längst nicht nur gegen das Regime in Damaskus gerichtet.

Diese Enthüllung forderte sehr schnell ihr erstes Opfer. Der UN-Sondergesandte für Syrien, Kofi Annan, kündigte umgehend seinen Rücktritt an und beklagte sich bitter darüber, dass der UN-Sicherheitsrat zu einem Forum für gegenseitige Schuldzuweisungen und Beschimpfungen verkommen sei. Annan nahm dabei keine der Seiten, die direkt in den Syrien-Konflikt verwickelt sind, wie etwa Kämpfer vor Ort und deren Unterstützer aus dem Ausland, aus. Aber auch der

Zeitpunkt seines Rücktritts war bezeichnend. Ihm war klar: Mit der Unterstützung der syrischen bewaffneten Rebellen durch die CIA, dem zunehmenden Engagement der arabischen Verbündeten der Amerikaner und der Blockade im UN-Sicherheitsrat stand er auf verlorenem Posten.

 

 

Die Entscheidung Präsident Obamas, die regierungsfeindlichen Kräfte in Syrien über die CIA zu unterstützen, erinnert an eine auch geheime Anordnung des früheren, ebenfalls demokratischen Präsidenten Jimmy Carter vom Juli 1979. Carters damalige verhängnisvolle Entscheidung bildete den Startschuss für von der CIA angeführte Operationen zur Unterstützung der Mudschaheddin, die damals gegen die kommunistische Regierung in Afghanistan kämpften. In meinem Buch Breeding Ground: Afghanistan and the Origins of Islamist Terrorism (»Der Nährboden: Afghanistan und die Ursprünge des islamistischen Terrorismus«) beschreibe ich in den Kapiteln sieben und acht, wie sich diese Operation, die zunächst harmlos mit einem bescheidenen Bündel unterstützender Maßnahmen begann, im weiteren Verlauf zu einem Milliarden Dollar umfassenden Kriegsvorhaben gegen das kommunistische Regime in Kabul und die Sowjetunion entwickelte, deren Streitkräfte im Dezember 1979 nach Afghanistan einmarschiert waren. Im folgenden Jahr unterlag Carter Ronald Reagan bei den Präsidentschaftswahlen, und dieser setzte alles auf eine Karte und versorgte die islamischen Kämpfer gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan bis zum bitteren Ende mit Unsummen Geldes und großen Mengen an Waffen.

 

Carters Nationaler Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński behauptete später, Carter sei in dieser Angelegenheit seinen Vorschlägen gefolgt. Ziel sei es gewesen, die sowjetischen Streitkräfte nach Afghanistan zu locken, um ihnen dort ihr »Vietnam-Erlebnis« zu bescheren. Der erniedrigende Abzug der Sowjets aus Afghanistan 1989, der folgende Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in Russland und Afghanistan sowie der Aufstieg der Taliban lösten Kettenreaktionen mit weltweiten Folgen aus. Mit der Entscheidung Präsident Obamas, auf Seiten der syrischen Rebellen, zu denen auch fundamentalistische islamische Kämpfer gehören, in den Konflikt zu intervenieren, scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Der heute 85-jährige Brzeziński besitzt noch heute in den Korridoren der Macht in Washington einigen Einfluss. Und General David Petraeus, ein geachteter Kriegsheld, steht heute an der Spitze der CIA.

 

Drei Jahrzehnte später spricht einiges für die These, dass Präsident Carter mit seiner Geheimen Anordnung zur Unterstützung der [afghanischen] Mudschaheddin die Absicht verfolgte, die Sowjets in das unübersichtliche und unwirtliche Afghanistan zu locken und auf diese Weise ihre militärischen Kräfte zu binden und vom Iran fernzuhalten, der sich damals inmitten der Wirren der Islamischen Revolution befand, in deren Verlauf der von Gnaden der USA herrschende Schah Reza Pahlavi im Februar 1979 gestürzt wurde. Wenn dies tatsächlich der Plan war, ist die sowjetische Führung schnurstracks in diese Falle getappt.

 

China gehörte damals zu diesem informellen, von den USA geführten Bündnis gegen die Sowjetunion. Heute stehen Moskau und Peking angesichts der Eskalation des Syrienkonflikts Seite an Seite gegen Washington. Das von den USA angeführte Bündnis besteht demgegenüber aus vielen der bekannten früheren Akteure – der nun sehr viel größeren Europäischen Union, Saudi-Arabien, Katar und anderen Vertretern des sunnitischen Blocks in der arabischen Welt. Und nicht zu vergessen ist die Türkei, die heute Rückzugsraum und Basis für die gegen Assad kämpfenden Kräfte geworden ist und ihnen [militärische] Hilfsgüter liefert. Die islamistische Regierung der Türkei spielt in Syrien heute eine vergleichbar entscheidende Rolle, wie sie Pakistan in den 1980er Jahren in dem amerikanischen Stellvertreterkrieg in Afghanistan einnahm.

 

Ein amerikanischer Regierungsvertreter erklärte in Washington gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die »Vereinigten Staaten arbeiten mit einem geheimen Kommandozentrum zusammen, das von der Türkei und deren Verbündeten unterhalten wird«. Wenige Tage zuvor hatte die Nachrichtenagentur bereits berichtet, Saudi-Arabien, Katar und die Türkei hätten in der südtürkischen Stadt Adana nahe der Grenze zu Syrien eine »Schaltzentrale« eingerichtet, von wo aus ihre Aktivitäten koordiniert würden. Nur zwölf Kilometer entfernt befindet sich der amerikanische Luftwaffen-, Militär- und Geheimdienststützpunkt Incirlik.

 

Vor einigen Tagen meldete der amerikanische Nachrichtensender NBC News, die Freie Syrische Armee der Aufständischen sei über die Türkei mit [Ein-Mann-Boden-Luft-] Raketen vom Typ Stinger versorgt worden, um offensichtlich gegen Kampfflugzeuge der Regierung vorgehen zu können. Dies erinnert an die Entscheidung des früheren amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan Mitte der 1980er Jahre, den in Afghanistan kämpfenden Mudschaheddin [mehr als 2.000] Stinger-Raketen zur Verfügung zu stellen, um die Luftherrschaft der Sowjets zu brechen. Über den Einsatz dieser Waffe wurde zuerst 1987 berichtet, und es stellte sich heraus, dass diese hitzesuchenden Waffen so präzise trafen, dass sie drei Viertel der sowjetischen Flugzeuge oder Kampfhubschrauber abschossen. In meinem Buch Breeding Grounds berichte ich, dass nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan und dem damit einhergehenden Sturz der kommunistischen Regierung in Kabul 1992 vermutlich einige Hundert übrig gebliebene Stinger-Raketen den Taliban und deren Verbündeten in die Hände fielen.

 

In den letzten Monaten waren amerikanische und europäische Regierungsvertreter eifrig bemüht, den Medien gegenüber den Eindruck zu vermitteln, hinter den Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen, die über die Türkei abgewickelt wurden, stünden vor allem Saudi-Arabien und Katar. Diese Vorgehensweise stimmt mit der langfristigen Politik der Saudis überein, Islamisten aus Saudi-Arabien selbst fernzuhalten, weil diese als Bedrohung für das dortige Herrscherhaus betrachtet werden. Die langfristigen Lektionen aus Stellvertreterkriegen finden offenbar vor dem Hintergrund kurzfristiger und risikoreicher »Vorteile« wenig Beachtung.

 

Diese Berichte über von der amerikanischen Regierung abgesegnete Lieferungen von Stinger-Raketen an die syrischen Rebellen liefern erste Hinweise darauf, dass jetzt in der Nahmittelostregion nichtstaatliche Akteure über hochentwickelte amerikanische Waffensysteme verfügen. Die Tatsache, dass Washington ein so enges Bündnis so kurz nach der Ermordung Osama bin Ladens mit Kräften eingeht, zu denen auch Islamisten gehören, ist einerseits unglaublich, befindet sich aber andererseits mit vergleichbaren wahnwitzigen Entscheidungen der Vergangenheit auf einer Linie. Wieder einmal wird die Gegenwart über die Zukunft entscheiden.

 

Auch die Lage in Ägypten wird zunehmend explosiver. Die Ermordung von zwölf ägyptischen Grenzposten auf der Sinai-Halbinsel durch »angebliche Islamisten« und die darauf folgenden gewalttätigen Ausschreitungen stellen den neuen Präsidenten Mohammed Mursi gleich an verschiedenen Fronten vor Probleme. Für Israel stand sofort fest: Für die Tat verantwortlich seien islamische Militante aus Gaza, in dem die Hamas regiert, der wiederum enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft, der Partei des ägyptischen Präsidenten, nachgesagt werden. Die Muslimbruderschaft ihrerseits beschuldigt den israelischen Geheimdienst Mossad und behauptet, damit wolle Israel die Präsidentschaft Mursis schwächen. Diese Entwicklungen werfen einen Schatten auf die Beziehungen Mursis zur Hamas und verstärken gleichzeitig seine Abhängigkeit von den ägyptischen Streitkräften, auf deren Hilfe er bei der Niederschlagung der Unruhen angewiesen ist, was wiederum seine Autorität und sein Ansehen schwächt. Mörderischer Optimismus der Mächtigen und selbstmörderischer Pessimismus der Opfer in einer von

Unterdrückung gekennzeichneten Umgebung bedrohen das Leben unzähliger Menschen.

 

 

 

 


 

 

 

 

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