Wednesday, 23. May 2012
07.12.2010
 

QE2, der Weg in die Hyperinflation à la Simbabwe? Unwahrscheinlich!

Ellen Brown

Vor einem Monat erhoben die Bond Vigilantes* lautstark Protest: die QE2 (zweite Quantitative Lockerung) der US-Notenbank Federal Reserve sei der erste Schritt auf dem Weg zu Hundert-Billionen-Dollar-Scheinen à la Simbabwe. Simbabwe (das ehemalige Rhodesien) ist ein Paradebeispiel dafür, was schieflaufen kann, wenn eine Regierung Geld druckt, um ihre Schulden zu bezahlen. 2008 brach dort die Wirtschaft zusammen, als die Landeswährung so stark hyperinflationiert wurde, dass sie zuletzt gegen den Dollar zu einem Kurs von zehn Billionen zu eins gehandelt wurde.

Am 29. November schrieb Cullen Roche auf der Website The Pragmatic Capitalist:

»Im Oktober waren ›Geld drucken‹ und ›Schulden monetisieren‹ die neuen Modewörter … Die Fed verkündete ihre QE2-Politik; hier im Land (und auch weltweit) war man fast ausnahmslos davon überzeugt, dass die USA den Dollar damit in eine Art Todesspirale schicken würden. QE2 werde einen neuen Schub einer Inflation auslösen, gegen die sich Simbabwe wie ein Spaziergang ausnähme. Und dann geschah etwas Merkwürdiges – als die QE2 in Gang kam, stieg der Dollar und ist seitdem nicht wieder gefallen.«

Was also ist in Simbabwe wirklich geschehen? Und warum sieht es so aus, als werde der Dollar durch QE2 gestärkt und nicht geschwächt, wie die Inflationistas vorhergesagt hatten?

 

Anatomie einer Hyperinflation

Professor Michael Hudson hat das Phänomen der Hyperinflation eingehend untersucht. Er behauptet, dass »jede Hyperinflation in der Geschichte ihren Ursprungauf den Devisenmärkten hat. Sie entsteht, wenn Regierungen versuchen, entsprechende Mengen ihrer eigenen Währung auf den Markt zu werfen, um ihre Auslandsschulden zu begleichen.«

Auf den Devisenmärkten wird eine Landeswährung angreifbar durch Manipulation von Spekulanten.

Die Wirtschaftskrise in Simbabwe reicht in das Jahr 2001 zurück, als die Regierung ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnte und der IWF die üblichen Maßnahmen wie eine Refinanzierung oder einen Kreditschuldenerlass verweigerte. Simbabwes Kreditwürdigkeit war ruiniert; das Land konnte nirgends Darlehen bekommen, also griff die Regierung zu dem Mittel, mehr eigenes Geld auszugeben und damit auf dem Devisenmarkt Dollars zu kaufen. Diese Dollars wurden benutzt, um den IWF zu bezahlen und das Kreditrating wieder zu verbessern. Laut einer Erklärung der Zentralbank von Simbabwe wurde die Hyperinflation durch Spekulanten verursacht, die exorbitant hohe Kurse für US-Dollars berechneten, was eine drastische Abwertung der Währung Simbabwes zur Folge hatte.

Doch es gab anscheinend noch ein weit dunkleres Element. Der Kolumnist Timothy Kalyegira vom Daily Monitor aus Uganda schrieb 2007 in einem Artikel:

»Die meisten Beobachter und die Öffentlichkeit glauben, die Wirtschaftskrise in Simbabwe sei auf Mugabes Entscheidung von 2000 zurückzuführen, Farmen im Besitz von Weißen zu beschlagnahmen. Das könnte auch stimmen. Doch was wäre mit einem anderen, weit dunkleren Element – Sabotage?«

Kalyegira fragte, wie eine Regierung »mit demselben Tyrannen namens Mugabe als Präsident, derselben Korruption und demselben Missmanagement [vor 2000] die Inflationsrate im einstelligen Bereich halten konnte, dass aber derselbe Führer, dieselbe Regierung, dieselbe Fiskalpolitik nach 2000 plötzlich so hoffnungslos inkompetent wurden, dass die Inflationsrate nach letzten Meldungen bei über 500.000 Prozent liegt«?

Der kanadische Kommentator Stephen Gowans nennt es »Kriegsführung mit anderen Mitteln«. Die Abwertung der Währung eines feindlichen Landes war in der Geschichte stets eine Kriegstaktik. Napoleon hat sie gegen Russland, die Briten gegen die amerikanischen Kolonisten angewendet.

1992 hat der Financier George Soros gezeigt, wie es geht, als sein Hedgefonds praktisch im Alleingang das britische Pfund zum Absturz brachte. Sein Fonds hat damals Pfund im Gegenwert von über zehn Milliarden Dollar leerverkauft, was die Bank of England zur Abwertung der Währung zwang und Soros geschätzte 1,1 Milliarden Dollar sowie den Titel »Der Mann, der die Bank von England knackte« einbrachte. 1997 schätzte das britische Finanzministerium die Kosten auf 3,4 Milliarden Pfund.

Man fragt sich, ob es dann wirklich reiner Zufall ist, dass es sich bei der »Initiative für eine Offene Gesellschaft in Südafrika« um eine Soros-Organisation handelt. Laut Wikipedia leitet deren für Simbabwe zuständiger Direktor auch den Gewerkschaftsbund in Simbabwe, die treibende Kraft bei der Gründung der Bewegung für Gesellschaftlichen Wandel, die wichtigste Eingeborenenorganisation, die sich für einen Regimewechsel in Simbabwe einsetzt.

 

Krieg mit anderen Mitteln

Stephen Gowans hat im März 2007 in einem Artikel für die Website Global Research ausführlich beschrieben, wie diese Kampagne für einen Regimewechsel in Simbabwe ablief:

»Vor 1980 war Simbabwe eine britische Kolonie, in der die Weißen als überlegen galten. Benannt war sie nach dem britischen Financier Cecil Rhodes, dessen Unternehmen, die British South Africa Company, den eingeborenen Matabele und Mashona in den 1890er-Jahren das Land gestohlen hatte …

Seit Veteranen aus dem Guerillakrieg gegen die Apartheid in Rhodesien mit Gewalt Farmen im Besitz von Weißen in Simbabwe beschlagnahmt haben, wird Robert Mugabe, der Präsident des Landes, von Politikern, Menschenrechtsorganisationen und Medien im Westen verteufelt …

Ich behaupte, dass Mugabe deshalb verteufelt wird, weil der Westen die Wirtschaftspolitik und die Politik der Landverteilung der Regierung Mugabe ändern will …, und dass das Ziel des Regimewechsels letztendlich darin besteht, Mugabe durch jemanden zu ersetzen, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass er die westlichen Interessen, insbesondere die britischen Investitionen in Simbabwe, achtet.«

Timothy Kalyegira stimmt dieser Theorie zu, wenn er beobachtet:

»John Perkins, ein ehemaliger Undercover-Agent, erinnerte sich an Ereignisse, die einem erstaunlich bekannt vorkommen, wenn man betrachtet, was heute in Simbabwe geschieht: ›… 1951 … rebellierte der Iran gegen eine britische Ölgesellschaft, die die Bodenschätze und die Menschen im Iran ausbeutete … Erbost bat England seine … Alliierten, die Vereinigten Staaten, um Hilfe … Washington entsandte den CIA-Agenten Kermit Roosevelt, der den Auftrag hatte … eine Reihe gewalttätiger Demonstrationen zu organisieren, die den Eindruck erweckten, der [iranische Premierminister] Mossadegh sei gleichermaßen unbeliebt und unfähig.‹ (Confessions Of An Economic Hit Man, Ebury Press, deutsche Ausgabe: Bekenntnisse eines Economic Hitman, Goldmann). Eindeutig bestand Mugabes Verbrechen darin, die Privilegien für die Weißen in Simbabwe abzuschaffen und sich persönlich gegen das Weiße Establishment in London und Washington zu stellen.«

 

Die USA sind nicht Simbabwe

Selbst wenn die Hyperinflation in Simbabwe das Ergebnis von Währungsmanipulationen und nicht von Ausbeutung durch korrupte Politiker war, könnte dasselbe nicht auch dem US-Dollar passieren?

Die Antwort lautet: Unwahrscheinlich. Die USA haben keine Schulden in ausländischer Währung, über die sie keine Kontrolle haben. Sie können langfristige Anleihen in der eigenen Währung auflegen.

Heute wird diese Währung von der Federal Reserve ausgegeben, die sich im Privatbesitz eines Bankenkonsortiums befindet; doch die Fed ist seit den 1960er-Jahren zumindest halb gebunden, sie führt ihre Gewinne an das Finanzministerium ab. Auf ihrer Website heißt es: »Die Mitgliedsbanken der Federal Reserve sind nicht … profitorientiert, sie zahlen ihre Einkünfte jedes Jahr nach Abzug der Betriebskosten und anderer Kosten an das US-Finanzministerium zurück.« Das Federal-Reserve-Gesetz sieht vor, dass es jederzeit geändert oder widerrufen werden kann, sodass die endgültige Kontrolle beim US-Kongress verbleibt.

Wie Randall Wray, Wirtschaftsprofessor an der University of Missouri-Kansas City, schreibt, »st eine unfreiwillige Zahlungsunfähigkeit für eine souveräne Regierung buchstäblich ausgeschlossen«.

Anders als Simbabwe, das seine Schulden an den IWF mit US-Dollars bezahlen musste, können die USA sich einfach alles Geld, das sie brauchen, verschaffen, ohne sich irgendjemandem gegenüber zu verpflichten. Sie können die Dollars drucken oder sie von der Fed borgen, die sie druckt. Darum geht es auch bei der zweiten Runde der Quantitativen Lockerung durch die Federal Reserve: 600 Milliarden Dollar werden für den Ankauf langfristiger Staatsanleihen ausgegeben.

Wird der Wert der Währung dadurch aber nicht verwässert?

Nein, sagt Cullen Roche, denn der Tausch von Dollars gegen Staatsanleihen verändert den Umfang der Geldmenge nicht. Eine Dollarnote und eine Dollaranleihe sind im Wesentlichen dasselbe. Die eine bringt Zinsen und ist etwas weniger liquide als die andere, aber beide stellen für die Wirtschaft die Verpflichtung dar, Waren und Dienstleistungen im Gegenwert von einem Dollar zu liefern. Wenn die Anleihegläubiger Bargeld gewollt hätten, dann hätten sie die Anleihen selbst auszahlen können. Sie haben weder mehr Geld, das sie ausgeben könnten, noch größeren Anreiz, es auszugeben, wenn sie von der Regierung Bargeld erhalten hätten, als wenn sie Anleihen besitzen.

Darüber hinaus fügt es der Wirtschaft keinen Schaden zu, wenn der Geldmenge weiteres Geld hinzugefügt wird, solange die Geldmenge schrumpft, wie es gegenwärtig der Fall ist. Das meiste Geld besteht heute ohnehin in Form von Bankkredit, und der schrumpft, weil die Banken ihren Verschuldungsgrad verringern. Uneinbringliche Forderungen vernichten Kapital, wodurch wiederum die Möglichkeit zur Kreditvergabe vernichtet wird. QE2 bedeutet lediglich den Versuch, gewissermaßen die leere Liquiditäts-Kanne wieder aufzufüllen – und zwar einen ziemlich schwachen Versuch. Der Finanzkommentator Charles Hugh Smith schätzt unter Berufung auf die Hochrechnung der Vermögensstatistik der Fed (Fed Flow of Funds, 17. September 2010), dass der Wirtschaft jetzt Teilabschreibungen für Besicherungen und Kredit in Höhe von 15 Milliarden Dollar bevorstehen. Auf der Grundlage seiner Hochrechnung könnte man durchaus sagen, die Fed könnte ausreichend Geld drucken, um sämtliche Staatschulden zu decken, ohne eine Preisinflation zu riskieren. (Die gegenwärtige Rohstoffpreis-Inflation hat andere Ursachen, wie in einem früheren Artikel »Was steht wirklich hinter der Quantitativen Lockerung QE2?« beschrieben.)

Dean Baker, einer der Direktoren des Center for Economic and Policy Research in Washington, schrieb kürzlich über das US-Haushaltsdefizit:

»Es gibt keinen Grund, warum die Fed diese Schulden nicht einfach aufkaufen (was sie in hohem Maße tut) und auf unbegrenzte Zeit halten könnte. Wenn die Fed die Schulden hält, werden künftigen Steuerzahlern keine Zinslasten auferlegt. Die Fed erstattet dem Finanzministerium jedes Jahr ihre Zinseinnahmen. Im vergangenen Jahr hat sie 80 Milliarden Dollar Zinsen an das Finanzministerium überwiesen, das entspricht fast 40 Prozent der gesamten Zinsbelastung des Landes. Und die Fed verfügt über weitere Instrumente, um zu gewährleisten, dass die Ausweitung der Geldbasis, die durch den Ankauf der Schulden erforderlich wird, nicht zur Inflation führt.

 

Das heißt, dass für das Land wirklich kein kurzfristiges, ja nicht einmal ein mittelfristiges Defizitproblem besteht. Das derzeitige Defizit ist etwas Positives; tatsächlich hätten wir mehr Arbeitsplätze und mehr Wachstum, wenn es größer wäre. Außerdem gibt es keinen Grund, warum die derzeit akkumulierten Schulden für künftige Generationen eine Belastung durch die Zinsen darstellen sollten. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die japanische Zentralbank zurzeit Schulden hält, die fast 100 Prozent des BIP des Landes entsprechen. Dadurch ist die Zinsbelastung in Japan wesentlich niedriger als in den Vereinigten Staaten, obwohl die Verschuldung Japans relativ zum Wirtschaftsumfang fast vier Mal höher ist.« [Hervorhebung durch die Autorin, E. B.]

Obwohl Japan relativ gesehen also fast vier Mal so hoch verschuldet ist wie die USA und die Zentralbank Schulden in Höhe von fast 100 Prozent des BIP hält, fliehen Investoren nicht aus dem Yen oder treiben die Wirtschaft in die Hyperinflation. Tatsächlich gelingt es Japan trotz umfangreicher quantitativer Lockerung noch immer nicht, die Deflation zu überwinden. Das Land verfügt noch immer über verlässliche Handelspartner und ist noch immer die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – für eine kleine Insel höchst bemerkenswert.

Würde die Fed dem Beispiel Japans folgen und Schulden in Höhe des Bruttoinlandsprodukts des Landes halten, dann hielte die Fed damit 14,75 Billionen Dollar an Staatsanleihen, genug, um die gesamte Staatsverschuldung der USA von 13,8 Billionen Dollar praktisch zinsfrei zu refinanzieren.

Die Staatsverschuldung in den USA wird seit den 1830er-Jahren unter Präsident Andrew Jackson nicht mehr abgetragen. Sie wird einfach von Jahr zu Jahr weiter verlängert. Eine zinsfreie Verschuldung, die auf unabsehbare Zeit verlängert wird, ist funktionell dasselbe, wie wenn die Regierung dieses Geld ausgibt.

Andrew Jackson hätte gesagt, die Regierung solle das Geld selbst ausgeben, anstatt es von den Banken zu leihen, die es ausgeben. Wenn sich der Kongress nach der Verfassung selbst das Recht gegeben habe, Geld auszugeben, so sagte er: »… dann hat er es erhalten, um es selbst auszuüben und nicht, um es an andere Personen oder Gesellschaften zu delegieren«.

Das könnte tatsächlich der Grund dafür sein, dass der Kurs des US-Dollars seit der Einführung von QE2 gestiegen ist, während der Eurokurs gefallen ist. Die Regierungen der EU-Länder tun, was die Defizitfalken von ihnen erwarten: sie kürzen Leistungen, privatisieren Rentenkassen und greifen zur Sparpolitik, um ihre Haushalte auszugleichen. Infolgedessen wird ihre Wirtschaft geschwächt und sie versinken immer tiefer in Schulden, ohne dass sie irgendwoher die zusätzliche Mittel erhalten könnten, um die Schulden und die wachsende Zinslast zu tilgen.

Die USA und Japan erkunden ein anderes Model: Sie lassen eine Ausweitung der Währungen zu, um den Bedarf ihrer Volkswirtschaften decken zu können. Das war tatsächlich auch das ursprüngliche Geldsystem der amerikanischen Kolonisten. Dieses hat Abraham Lincoln wieder aufgegriffen, um eine lähmende Kriegsverschuldung zu vermeiden – deshalb sprach man später von der »Greenback-Lösung«.

 

__________

1 So wurden in den 1980er-Jahren bestimmte Investoren bezeichnet, die auf eine ausreichend hohe Verzinsung der Staatsanleihen und eine Bekämpfung der Inflation pochten.

 

 


 

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