Thursday, 17. May 2012
16.01.2008
 

»Gazprom« und der Neue Kalte Krieg um die afrikanischen Bodenschätze

F. William Engdahl

Das staatlich kontrollierte Unternehmen »Gazprom«, der größte Erdgaskonzern der Welt, ist der Eckstein für Wladimir Putins geopolitische Strategie, die darin besteht, seine Energiereserven dafür zu nutzen, um sich dem überwältigenden militärischen Druck Washingtons zu widersetzen.

Putin und Gazprom haben einen Multi-Milliarden-Vertrag mit dem ehemaligen Bundeskanzler Schröder sowie der BASF und E.ON für den Bau einer Gaspipeline durch die baltischen Staaten abgeschlossen, mit der es möglich ist, Deutschland mit russischem Gas zu versorgen, ohne dass Polen oder andere potentielle Transitländer dabei berücksichtigt werden müssen.

Bis jetzt wurden die meisten Geschäfte der Gazprom, wie z.B. Nord Stream, innerhalb von Eurasien abgeschlossen. Nun jedoch versuchen Putin und Gazprom in traditionell amerikanischen Gewässern zu fischen, um sich größere Aufträge in dem rohstoffreichen Afrika zu sichern. Angesichts der aggressiven chinesischen Werbung um zahlreiche afrikanische Staaten vom Sudan bis zum Tschad, von Nigeria bis nach Guinea, um seinen eigenen Energiebedarf  zu sichern, entwickeln sich jetzt neue geopolitische Konflikte um die unendlichen Ressourcen des afrikanischen Subkontinents, der mehr als ein Jahrhundert lang die Domäne der europäischen Mächte und der USA war. Was sich jetzt in Afrika abspielt, ist in jeder Beziehung ein Neuer Kalter Krieg um Energie. Jetzt ist auch Russland als Mitspieler in diesem dreidimensionalen Wettlauf um Ressourcen auf den Plan getreten. Unklar ist zu diesem Zeitpunkt nur noch, wie die USA darauf reagieren werden, aber reagieren werden sie wohl müssen.

 

Gazprom dringt ins Nigerdelta vor

Gazprom steht in konkreten Verhandlungen mit Nigeria, dem größten Ölexporteur. Es geht um die Investition von Milliarden von Dollar in ein Erdgasprojekt. Nigeria verfügt angeblich über eine der größten ungenutzten Gasreserven in der Welt. Russland verfügt über die bei weitem größten ungenutzten Gasreserven, in großem Abstand gefolgt vom Iran.

Nigeria verfügt über die größten Öl- und Gasreserven Afrikas

 

Die westlichen Länder sind natürlich sehr daran interessiert, sich diese Flüssigerdgas (LNG)-Vorräte zu sichern. Bei LNG handelt es sich um Gas, das zur Flüssigkeit abgekühlt wird, um es mit Tankern um die ganze Erde zu transportieren. Damit ist der Westen nicht mehr auf gefährdete Pipelines angewiesen. Bis zum Jahr 2015 soll der Anteil von LNG 16 Prozent der weltweiten Gaslieferungen ausmachen.

Der langsame Aufbau von LNG-Anlagen in Ägypten, Australien, Indonesien und im Iran könnte Nigeria mit seinen gigantischen Gasreserven und seinem leichten Zugang für amerikanische und europäische Käufer eine noch größere strategische Bedeutung verleihen. Bisher haben sich nur britische und US-amerikanische Ölunternehmen an der Ausbeutung der Reserven beteiligt.

Anscheinend erwartet die nigerianische Regierung, dass Russland darauf hinarbeitet, Gas durch seine eigene LNG-Anlage oder vielleicht auch durch die geplante nigerianische Trans-Sahara-Pipeline zu exportieren. »Gazprom plant eine Kooperation im gesamten Bereich der nigerianischen Gasindustrie«, sagte ein offizieller Sprecher der Energieindustrie. »Aber ihr Ziel besteht letztlich darin, Gas an die europäischen und amerikanischen Märkte zu liefern, und dies würde voraussichtlich vermittels LNG erfolgen.« Wahrscheinlich wird sie sich darauf konzentrieren, im rohstoffreichen Nigerdelta Fuß zu fassen, um die dortigen Gasfelder zu erschließen. Shell und andere große westliche Unternehmen sind dort schon seit Jahrzehnten fest etabliert.

Nigeria verfügt über die größten nachgewiesenen Erdgasreserven in Afrika, nämlich 5,21 Billionen Kubikmeter. Das sind etwa ein Neuntel der russischen Gasreserven. Die jährliche Gasförderung liegt bei 28 Milliarden Kubikmetern. Das entspricht in etwa der Fördermenge Kasachstans, liegt aber weit unter der von Algerien und Ägypten.

Die bisher unzureichende Infrastruktur hat die Ausbeutung der Gasreserven Nigerias stark behindert. Die westlichen Ölgiganten Shell, Chevron und Exxon Mobil sind bereits seit längerer Zeit in diesem Land aktiv. In den letzten fünf Jahren haben sie insgesamt fünf Milliarden Dollar für den Bau von Gasverflüssigungsanlagen investiert. Bis heute ist jedoch nur eine in Betrieb.

Nigeria ist ein viel versprechender Markt. Im Gegensatz zu anderen Ländern in Westafrika wurden seine Reserven noch nicht aufgeteilt. Gazprom hat erklärt, dass es zu einem Teil des globalen Marktes werden wird, um seine Position zu stärken und die Kapitalisierung zu erhöhen. Der Versuch, an der Entwicklung der nigerianischen Gasreserven mitzuarbeiten, ist ein logischer Schritt in diese Richtung, erklärte ein Sprecher der Firma.

 

Großangelegte russische Energie-Strategie für Afrika

Gazprom hat auch ein Abkommen zum Aufbau einer LNG-Anlage in Äquatorialguinea, Nigerias Nachbarn, unterzeichnet, mit der möglicherweise Nigerias Gasreserven in den Westen exportiert werden.

Und im letzten Dezember bekam Gazprom den Zuschlag für die Erschließung und Ausbeutung eines Öl- und Gasfeldes in Libyen. Das Unternehmen wird dort 100 Millionen Dollar für ein Projekt investieren, mit dem ein Ölvorkommen von schätzungsweise 147 Millionen Barrel im libyschen Ghadames-Becken, in der Nähe der Grenzen zu Algerien und Tunesien, erschlossen wird.

Das russische Wirtschaftstageblatt Vedomosti berichtete bereits früher am Tage, dass neben Gazprom, das eine Zone von etwa vier Kilometer erschließen wird, bei einer staatlichen Auktion Ölblöcke  an Shell, die polnische PGNiG und die algerische Sonatrach gingen.

Gazprom führt gegenwärtig drei Projekte in Libyen durch. Der staatliche Gasriese schloss mit der libyschen Firma NOC ein Abkommen zur gemeinsamen Erschließung eines Offshore-Gebiets von 10 km² an der Mittelküste ab. Das Unternehmen plant, bis zum Jahr 2012 200 Millionen Dollar in das Projekt zu investieren. Unter einem »Asset Swap Agreement« (einem Vertrag zum Vermögenstausch) erhielt Gazprom von der deutschen BASF kürzlich einen Anteil von 49,9 Prozent an zwei Ölkonzessionen in Libyen

Die nachgewiesenen Erdgasreserven in Libyen betragen insgesamt etwa 1,49 Billionen Kubikmeter. Damit steht das Land nach Algerien, Nigeria und Ägypten in Afrika an vierter Stelle. Die jährliche Ölproduktion des Landes beträgt 80,1 Millionen Tonnen, die Gasförderung bei sieben Milliarden Kubikmeter. Etwa 83 Prozent der in Libyen geförderten Gasmengen werden im Land verbraucht. Die restlichen 17 Prozent werden exportiert.

Mit seinen nachgewiesenen Vorräten von ca. 37 Milliarden Barrel Sweet Crude (schwefelarmes Öl) liegt Libyen in Afrika an erster Stelle. Unter den OPEC-Ländern nimmt es nach Saudi-Arabien, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Irak den fünften Platz ein. Leichtes schwefelarmes Öl ist in den USA und Europa am meisten begehrt. Dort werden damit insgesamt 5,1 Milliarden Tonnen unverbleites Benzin hergestellt. Den überaus freundlichen Empfang, den der französische Präsident Sarkozy unlängst dem libyschen Staatschef Ghadaffi bereitete, kann man als Versuch der Franzosen ansehen, sich einen Anteil an den libyschen Energiereserven zu sichern, nun, da Washington zynischerweise die Sanktionen gegen Libyen aufgehoben und das Land für ausländische Investoren geöffnet hat.

Die USA haben gerade erst ein eigenes militärisches Kommando aufgestellt, anstatt die Afrikapolitik von Stuttgart aus zu betreiben.  Africom, das »Unified Military Command«, mit dem das Pentagon seine Operationen in Afrika durchführt, befasst sich mit allen Teilen des Kontinents, außer Ägypten, das weiterhin unter die Zuständigkeit des Central Command fällt.

Diese Maßnahme des Pentagon, die von Präsident Bush abgesegnet wurde und jetzt sehr schnell in die Praxis umgesetzt wird, ist ein Zeichen für die wachsende Bedeutung Afrikas für die USA, die die Kontrolle über die großen Energieressourcen als geopolitisches Druckmittel gegenüber China und anderen Ländern, die nicht über nennenswerte Energiereserven verfügen. Der neue Kommandeur von Africom ist Konteradmiral Robert Moeller. Mit Blick auf Westafrika und dem Golf von Guinea und Nigeria bemerkte Moeller vor kurzem: »Wir haben nicht die Absicht, unsere gegenwärtigen Interessenssphären, wie z.B. das Horn von Afrika im Norden, zu vernachlässigen .... Aber wir sind jetzt in der Lage, uns intensiver auch mit anderen Gegenden des Kontinents zu beschäftigen.«

Die US-Regierung und private Denkfabriken schätzen, dass Afrika schon im nächsten Jahrzehnt 20 bis 25 Prozent der amerikanischen Energieeinfuhren decken wird.

Steven Morrison, Direktor des Afrika-Programms beim Center for Strategic and International Studies, einer wichtigen Denkfabrik in Washington, sagte, dass die USA »aufgrund des immer schärfer werdenden Wettbewerbs mit China, Indien und anderen Ländern um politischen Einfluss und Zugang zu den Bodenschätzen« nun ebenfalls versuchen, auf dem Kontinent Fuß zu fassen.

Wenn man jetzt noch Russland auf die Liste setzt, dann wird klar, welches Konfliktpotential da vorhanden ist. Mit dem neuen Kommando wird die Politik der USA von einer eher passiven Rolle zu einem aktiven Engagement übergehen.

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