Wednesday, 25. May 2016
19.03.2014
 
 

Amerikanische und britische Ölkonzerne schüren in der Ukraine Illusionen über Schieferöl und -gas

F. William Engdahl

Neben vielen anderen Storys wird derzeit auch erzählt, bei der Auseinandersetzung in der Ukraine gehe es nur um die Eroberung der riesigen Schieferöl- und Schiefergasvorkommen. Führende Männer in der ukrainischen Regierung – schon im glücklosen Kabinett Janukowytsch – ließen sich davon überzeugen, im Schiefergestein in der Ukraine lagere ein wahrer Goldschatz. Zusammen mit britischen und amerikanischen Ölkonzernen gingen sie daran, die riesigen Vorkommen von unkonventionellem Gas und Öl in den Schiefergesteinsformationen im Osten des Landes zu erschließen. Der britisch-niederländische Konzern Shell und die amerikanische Chevron haben bereits Verträge zur Entwicklung des ukrainischen Schieferpotenzials unterzeichnet. Es gibt nur ein Problem, das den Menschen in der Ukraine bisher nicht bewusst ist: Die »Schieferrevolution« in den USA ist ein Wall-Street-Hype.

Ein Grund dafür, dass in der Ukraine einige so schnell bereit waren, alle Vorsicht fahren zu lassen und mit Russland zu brechen, ist darin zu suchen, dass der Energieriese Shell und die ukrainische Regierung im Januar 2013 einen Vertrag zur Förderung von Schiefergas in der Ukraine unterzeichnet haben. Zurzeit muss die Ukraine ungefähr 65 Prozent ihres Erdgasbedarfs aus Russland importieren. Der damalige ukrainische Energieminister Eduard Stavytsky sagte

anlässlich der Vertragsunterzeichnung im letzten Jahr, man werde »zehn Milliarden Dollar investieren, wenn die geologischen Untersuchungen die Erwartungen erfüllen«. Shell besitzt Rechte am Yuziwska-Feld im östlichen Teil des Landes, dort wo die stärkste prorussische Stimmung herrscht.

 

Nach Shell trat im November 2013 auch der US-Energieriese Chevron – Condoleezza Rices alte Firma – auf den Plan. Damals begannen auf dem Maidan-Platz gerade die Proteste gegen die Regierung. Die Regierung Janukowytsch unterzeichnete ein Production Sharing Agreement, eine Vertragsform bei Erdöl- und Erdgaskonzessionen, bei der sich eine oder mehrere Erdölunternehmen und das Gastland die Erdöl- bzw. Erdgasproduktion nach einem festgelegten Schlüssel teilen, für die Förderung von Schiefergas. Außerdem führte die Regierung zu demselben Zweck Verhandlungen mit einer von ExxonMobil geführten Unternehmensgruppe. Nach Angaben der Unternehmen könnte die Ukraine von den eigenen Feldern so viel Schiefergas fördern, dass die Gasversorgung in der Ukraine um 50 Prozent erhöht würde. Wie das US-Energieministerium – dieser Tage wohl kaum eine unvoreingenommene Quelle – schätzt, könnten in der Ukraine über 40 Billionen Kubikfuß förderbares Schiefergas lagern, genug, um die Nachfrage auf Jahrzehnte zu decken. Das Problem ist, dass das keiner so genau weiß.

 

Selbst wenn man die enormen Probleme des »Fracking«-Verfahrens, wie die Grundwasserverseuchung oder das mögliche Auslösen von Erdbeben, einmal beiseite lässt, ist bereits vorprogrammiert, dass der Traum vom Schiefergas für die Ukraine zum Albtraum wird.

 

Unternehmen rücken in den USA vom Schiefergas ab

 

Eines ist falsch an den Aussichten auf eine schiefergasbasierte Energierevolution in der Ukraine. Sie beruhen auf Lügen und Falschdarstellungen amerikanischer und britischer Ölkonzerne und der Regierungen. Die Schiefergasrevolution in den USA ist nur wenige Jahre nachdem sie begann schon wieder vorbei.

 

Shell hat gerade eine drastische Reduzierung seines Engagements in der US-Schiefergasentwicklung angekündigt. Shell verkauft seine Pachtverträge über rund 2800 Quadratkilometer Land in den Schiefergasgebieten von Texas, Pennsylvania, Colorado und Kansas und kündigt an, möglicherweise weiteres Gebiet abstoßen zu müssen, um die Schiefergas-Verluste zu stoppen. Shell-Chef Ben van Beurden erklärte: »Die finanzielle Performance ist schlicht nicht hinnehmbar … einige unserer Erkundungswetten haben sich nicht ausgezahlt.« Damit wählte er noch eine sehr verhaltene Formulierung.

 

Das Problem beim unkonventionellen Schiefergas besteht darin, dass es sich völlig anders verhält als konventionelle Gasvorkommen. Nach einer anfänglichen Förderspitze erschöpft es sich sehr schnell und nicht langsam über zwei Jahre. Jetzt heißt es, herauszukommen, bevor die Blase platzt. Aber Giganten wie Shell und BP sind gefangen und versuchen jetzt offenkundig, eine ahnungslose Ukraine in die Schieferfalle zu locken. Wir können nur vermuten, dass der lange Arm von Victoria Nulands State Department [US-Außenministerium] Chevron und den anderen Ölkonzernen die Hölle heiß macht, bei den Ukrainern die Illusion einer Energieunabhängigkeit von Russland durch die Schiefergasförderung zu schüren.

 

Im Rahmen einer kürzlich erstellten Analyse über die tatsächlichen Resultate der mehrjährigen Schiefergasförderung in den USA und der Förderung des teuren Öls aus den Athabasca-Teersanden in Kanada schrieb der Erdölanalyst David Hughes: »Die Förderung von Schiefergas ist explosionsartig auf gegenwärtig fast 40 Prozent der Erdgasförderung in den USA gestiegen. Trotzdem hat sie seit Dezember 2011 ein Plateau erreicht; 80 Prozent des geförderten Schiefergases stammen von fünf Vorkommen, von denen sich mehrere erschöpfen. Die hohe Erschöpfungsrate von Schiefergasbrunnen verlangt kontinuierlichen Kapitaleinsatz – geschätzt auf 42 Milliarden Dollar für die Bohrung von über 7000 Brunnen –, um die Förderung aufrecht zu erhalten. Dagegen lag der Wert des 2012 geförderten Schiefergases nur bei etwas über 32,5 Milliarden Dollar.«

 

Da sich das Gas so schnell erschöpft, ist ein Unternehmen gezwungen, in die Bohrung von immer mehr Brunnen zu investieren, um die Gasförderung zu stabilisieren, wie ein Tiger, der seinen Schwanz um einen Baum herum jagt. Kurz: Das Wunder Schiefergas verliert seinen Glanz.

 

Welche anderen Optionen bestehen für die Ukraine?

 

Eine weitere nicht-russische Gasoption, die von Leuten verbreitet wird, die im Bereich weltweiter Energie und Erdgas wenig Ahnung haben, ist die Idee, Flüssiggas (LNG, nach dem englischen »Liquified Natural Gas«) vom übersättigten US-Gasmarkt zu importieren. Diese Illusion scheint der ehemalige ukrainische Vizepremier Jurij Bojko gehegt zu haben. Bei einem neueren Interview mit einem US-Energiejournalisten erklärte er: »Wir brauchen Unterstützung für das Verschiffen von LNG in die Ukraine. Es gab bereits Bemühungen, ein in den USA gebautes schwimmendes Offshore-Terminal einzurichten, an dem Ladungen gelöscht werden könnten. LNG, das in Schiffen unter amerikanischer Flagge vor der Küste der Ukraine ankäme, wäre eine sehr eindrucksvolle Weise, die Ukraine zu unterstützen… Amerika könnte zum Erdgasexporteur nach Europa werden, um dem Einfluss Russlands etwas entgegenzusetzen.«

 

Das Problem liegt zum einen daran, dass der kalte Winter in den USA die Erdgas-Lagerbestände deutlich reduziert hat. Zum anderen sind Konzerne wie Shell, BP und andere dabei, ihre unprofitable Schiefergasproduktion in den USA zurückzufahren. Und drittens bestimmt ein aus der Zeit der Energiekrisen der 1970er Jahre stammendes amerikanisches Gesetz, dass in den USA gefördertes Erdöl und Erdgas in den USA selbst verbraucht werden müssen, um die Energieabhängigkeit zu reduzieren. Natürlich könnte der Kongress das Gesetz jederzeit außer Kraft setzen, aber darauf deutet momentan nichts hin. Es bleibt das Problem, dass der US-Schiefergasboom zu Ende geht. Würde sich die Ukraine von amerikanischem Schiefergas abhängig machen und die Lebenslinie zum russischen Gas kappen, wäre das schlimmer als sich selbst in den Fuß zu schießen.

 

Die ukrainische Energiepolitik steht auf einer Ebene von Washingtons geopolitischem Schachspiel. Washington verführt die Ukraine zu der trügerischen Hoffnung, entweder die eigenen Schiefergasvorkommen oder US-Importe könnten 65 Prozent der lebenswichtigen ukrainischen Erdgasimporte aus Russland ersetzen.

 

 

 

 


 

 

 

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