Donnerstag, 8. Dezember 2016
05.05.2013
 
 

Das Märchen vom Peak Oil wird klammheimlich begraben

F. William Engdahl

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich in offiziellen Regierungskreisen – etwa im deutschen Kanzleramt, der Internationalen Energieagentur oder dem US-Energieministerium – die Vorstellung festgesetzt, das absolute weltweite Fördermaximum von Erdöl und Erdgas (geochemisch als »Kohlenwasserstoffe« bezeichnet) sei erreicht oder bereits überschritten, in Zukunft blühten uns deshalb steigende Preise, es drohe eine Energieknappheit. Dieses Dogma ist als »Peak-Oil-Theorie« bekannt geworden.

1956 übergab der Geologe M. King Hubbert, der in Texas für die Ölgesellschaft Royal Dutch Shell tätig war, dem American Petroleum Institute eine Abhandlung, in der er vorhersagte, der Höhepunkt der Ölförderung in den USA werde im Jahr 1970 erreicht. Dabei ging er von der Annahme aus, Öl sei ein fossiler Brennstoff, eine biologische Substanz aus Überresten von

Dinosauriern, Algen, Bäumen oder anderen Lebensformen aus der Zeit vor 500 Millionen Jahren.

 

Die Theorie des fossilen Ursprungs des Erdöls hatte Hubbert ohne weiteres Nachfragen übernommen, allem Anschein nach unternahm er auch nicht den Versuch, einen so wichtigen Teil seiner Argumentation wissenschaftlich zu untermauern. Er vertrat den fossilen Ursprung des Erdöls wie ein Evangelium und begann, darum herum eine neue Religion aufzubauen, genauer gesagt eine neomalthusianische Austeritäts-Religion angesichts der vorhergesagten kommenden Ölknappheit.

 

Außerdem verwendete Hubbert, wie er in einem erstaunlich freimütigen Interview 1989 kurz vor seinem Tod zugab, bei der Berechnung der insgesamt förderbaren Ölreserven in den USA eine kaum als wissenschaftlich zu bezeichnende Methode. Sie war vergleichbar mit einem, der den Finger nass macht und in die Luft hält, um zu sehen, wie stark der Wind weht. Hubbert erklärte: »Dabei musste ich die mögliche Gesamt-Fördermenge kennen oder zumindest einschätzen können. … Die Kurven wurden gezeichnet. Ich meine, man zeichnete die Kurve, berechnete die Quadrate, und wenn das Ergebnis etwas zu hoch war, wurde es heruntergerechnet, war es etwas zu niedrig, ein bisschen herauf. Mathematik war dabei nicht im Spiel…«

 

Erdgas und Kohle, die er beide als Kohlenwasserstoffe oder fossile Brennstoffe klassifizierte, berücksichtigte Hubbert dabei nicht. Im Verlauf der Irak-Invasion von 2003 wurden seine alten Theorien wieder aus der Mottenkiste geholt und über das Internet verbreitet. Nach und nach wurden sie auch in Regierungskreisen aufgegriffen.

 

2005 veröffentlichte das US-Energieministerium den so genannten »Hirsch-Report« mit dem Titel Peaking of World Oil Production: Impacts, Mitigation, and Risk Management. Darin wurde der Höhepunkt der Förderung, Peak Oil, als gegeben vorausgesetzt und der zeitliche Rahmen sowie die wahrscheinlichen Folgen untersucht. In dem Bericht hieß es: »Der Höhepunkt der weltweiten Ölförderung stellt die USA und die Welt vor ein so bisher nicht gekanntes Problem des Risikomanagements. In dem Maße, wie der Höhepunkt (Peak) näher rückt, werden Preis und Preisschwankungen für Flüssigtreibstoff dramatisch steigen, ohne rechtzeitige Mäßigung werden die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kosten beispiellos sein…«i

 

Für die Theoretiker der Peak-Oil-Katastrophe stellt sich dabei nur ein Problem: Die Realität zeigt das Gegenteil. Wie der Öl-Ökonom Peter O‘Dell betont, geht der Welt das Öl nicht etwa aus, sondern ständig kommt neues hinzu. Wohin wir auch schauen, überall werden neue reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt, und zwar in einem Tempo, das den Verbrauch bei Weitem überschreitet. Big Oil – das sind BP, Shell, ExxonMobil, Chevron und deren Verbündete – versucht verzweifelt alle möglichen Tricks, um den derzeitigen Ölpreis ungefähr bei 100 Dollar pro Barrel zu halten, bei dem sich Investitionen in unproduktiven Ölsand in Kanada oder in Ölschiefer rechnen.

 

Öl, Öl, überall Öl …

 

Auch wenn die Mainstreammedien kaum davon Notiz genommen haben: In den vergangenen Jahren wurden einige große Ölfelder entdeckt, welche die These, der Welt gingen das Öl und Gas aus, Lügen strafen.

 

Vor der Küste Brasiliens wurden Ölvorkommen bestätigt. In Kenia wurden entlang des Großen Grabenbruchs mindestens zehn Milliarden Barrel Erdöl entdeckt.ii Im Sverdrup-Ölfeld der Nordsee, von dem man seit Jahren behauptet, es werde bald erschöpft sein, wurde Ende 2012 neues Öl in der Nähe der Shetland-Inseln gefunden. Schon ist die Rede von einem neuen Nordseeöl-Boom. Anadarko Petroleum meldet gerade ein neues Erdgasfeld vor der Küste Mosambiks. Fast überall, wo Ölgesellschaften Probebohrungen durchführen, finden sie Erdöl oder Erdgas, von Darfur über den Tschad bis Kamerun, Guinea und sogar Mali.

 

Und das betrifft nur neu entdeckte konventionelle Quellen von Öl und Gas. Beziehen wir die überall auf der Welt in Schiefergestein eingeschlossenen Kohlenwasserstoffe mit ein, so wird der Überfluss an Erdöl und -gas fast überwältigend. In den USA ist in den letzten drei Jahren ständig die Rede von dem Öl, das aus Schiefergestein in Bakken, North Dakota oder in Texas extrahiert wird. Dadurch stieg die heimische Ölförderung auf den höchsten Wert seit 1992. Allerdings gibt es derzeit erhebliche Komplikationen bei der Technik des »Frackings«, unter anderem die Verseuchung des Trinkwassers und die Gefahr der Auslösung von Erdbeben. Doch hinsichtlich des Arguments, Erdöl und -gas seien ausschließlich »fossilen« Ursprungs und damit begrenzt, bedeuten das neu entdeckte Schiefergas und -öl für die Verfechter des Peak Oil einen Schlag ins Kontor.

 

Im Januar dieses Jahres berichtete der australische Sydney Herald, im australischen Arckaringa-Becken seien bis zu 233 Milliarden Barrel Öl entdeckt worden, die Billionen von Dollar wert sein könnten.iii Damit würde das Gebiet zu einem »neuen Saudi-Arabien«.

 

Auf der Liste neu entdeckter Öl- und Gasvorkommen steht auch das gesamte östliche Mittelmeer vor den Küsten Israels, Libanons, Syriens, Zyperns und Griechenlands. Und tatsächlich liefert der Faktor Energie, wie ich in früheren Artikeln im Einzelnen beschrieben habe, für Katar, Saudi-Arabien, die Türkei, Frankreich und die USA die Motivation für den Versuch, die pro-iranische Regierung in Syrien zu stürzen und durch eine neue, von Katar abhängige, zu ersetzen, wobei Katar selbst ein wichtiger Exporteur von Erdgas ist.

 

Woher kommt das Erdöl denn in Wirklichkeit?

 

Nun veranstalten die großen Ölgesellschaften und ihre Verbündeten ein großes Geschrei um den drohenden Peak Oil, aber wie entsteht das Öl denn wirklich und wo finden wir es?

 

In der Zeit des Kalten Krieges sind sowjetische Wissenschaftler allen Theorien über den Ursprung des Erdöls nachgegangen. Sie waren erstaunt, in der westlichen Literatur keinerlei wissenschaftliche Bestätigung der Theorie von »Öl als fossilem Brennstoff« zu finden. Die fossile Theorie, ein Eckpfeiler des Peak-Oil-Arguments, war die unbewiesene Hypothese eines russischen Wissenschaftlers aus den 1890er Jahren. Sie wurde von den großen britischen und amerikanischen Ölgesellschaften als willkommenes Argument übernommen, mit dem sie sich großzügige Subventionen und hohe Preise für ihre Ölproduktion sichern konnten.

 

Würde Öl tatsächlich aus totem biologischem Material wie Dinosauriern oder Pflanzen entstehen, angeblich in einem noch nicht genau erklärten Prozess der Umwandlung zu Erdöl (oder Gas und Kohle) mithilfe von Hitze und Druck, wie hätten dann große Ölfelder in einer Tiefe von über 10.000 Metern unter den tiefsten fossilen Ablagerungen entdeckt werden können? Laut den »Erdölexperten« sind die Überreste des Lebens tief im Untergrund vergraben und werden durch Hitze und Druck in Rohöl umgewandelt. Aber kein unabhängiges oder anderweitig bestätigtes Experiment hat bisher unter solchen Temperatur- und Druckbedingungen Rohöl hervorgebracht.

 

Hingegen gab es sehr wohl erfolgreiche Experimente, die zeigten, dass Kohlenwasserstoffe unter den Temperatur- und Druckbedingungen im Erdmantel in rund 200 Kilometern Tiefe gebildet wurden, wo es keine toten Dinosaurier gibt. Der russische Geophysiker Professor Wladimir Kutscherow und andere Wissenschaftler haben erfolgreich und wiederholt die abiogene Synthese von Kohlenwasserstoffsystemen unter Bedingungen demonstriert, die dem Erdmantel entsprechen.iv

 

Die russischen und ukrainischen Wissenschaftler präsentierten in den 1950er Jahren eine revolutionäre neue Hypothese über die Entstehung des Erdöls. Wie die meisten revolutionären Thesen in der Geschichte der Wissenschaft wird auch die russische Theorie verlacht und attackiert, vor allem von Vertretern von Big Oil im Westen, die finanziell und ideell hinter der Peak-Oil-Lobby stehen. Das Märchen von der Ölknappheit gewährt ihnen die monopolistische Kontrolle über die Energieversorgung der Welt.

 

Laut der russischen oder wissenschaftlich richtiger gesagt abiotischen (nichtbiologischen) Theorie werden Kohlenwasserstoffverbindungen im Erdmantel gebildet und wandern durch Migrationskanäle in die Erdkruste, wo sie in unterschiedlichen Gesteinsstrukturen Öl- und Gaslager bilden. Die Ansammlung von Öl und Gas wird als Teil des natürlichen Prozesses der Ausgasung der Erde betrachtet, der seinerseits für die Schaffung der Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre war.v

 

Das bedeutet, dass Öl und Gas theoretisch fast überall auf der Welt gefunden werden können, wo es signifikante tektonische Bewegung gibt. Einer der führenden russischen Geophysiker, die an der Bestätigung des abiotischen Ursprungs der Kohlenwasserstoffe beteiligt waren, Prof. Wladimir Kutscherow von der Moskauer Staatsuniversität, erklärt: »Die wissenschaftliche Betrachtung der Entstehung der Kohlenwasserstoffe erlaubt es uns, Rohöl und Erdgas als erneuerbare Energien zu betrachten und Struktur, Größe und Lokalisierung der Kohlenhydratreserven der Welt neu zu untersuchen.«vi Kutscherow schätzt die Menge Erdgas allein in Gashydraten. Gashydrate (»brennbares Eis«) sind die Aggregate aus transparenten oder semi-transparenten weißen, grauen oder gelben Kristallen. Methanhydrate gibt es in den Polargebieten Asiens, Europas und Nordamerikas und in 93 bis 95 Prozent des Gebiets der Weltmeere, wo das »brennbare Eis« immer Erdgas enthält. Kutscherow stellt die folgende konservative Berechnung an: »Nehmen wir einmal an, nur 0,1 Prozent der gesamten geschätzten Menge an Methan aus Gashydratlagerstätten könnten genutzt werden. Dann lässt sich leicht berechnen, dass diese Menge den Erdgasbedarf für die nächsten Jahrtausende decken könnte.«vii

 

Das betrifft nur Gas, und die »alternden« Ölfelder in Saudi-Arabien sowie das Supergiant-Feld Ghawar zeigen wenig Anzeichen für eine »Alterung« – vielleicht deshalb, weil sich das Feld wie alle anderen großen Ölfelder in einem ständigen Nachfüllprozess von unten wieder auffüllt. Den wissenschaftlich verifizierbaren Ursprung der Kohlenwasserstoffe zu verstehen, gehört wohl zu den strategisch wichtigsten wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit. Der Frage gebührt weit mehr unabhängige Aufmerksamkeit als ihr bisher von den russischen Wissenschaftlern gewidmet worden ist.

 


Fußnoten:

 

i Robert Hirsch et al, Peaking of World Oil Production: Impacts, Mitigation, and Risk Management, US Department of Energy, Washington DC, Oktober 2005.

ii Eduard Gismatullin, Cradle of Mankind Offers Kenyans Three Centuries of Oil, Bloomberg, 15. März 2013.

iii Jonathan Pearlman, »Oil Discovery in Australia’s Outback could transform world’s oil industry«, 24. Januar 2013, Calgary Herald.

iv Ebenda.

v V.G. Kutcherov, »Scenario for world energy transformation in XXI century: natural gas dominated«, Proceedings of the Third International Gas Processing Symposium, 5.-7. März 2012, Katar.

vi Ebenda.

vii Ebenda.

 

 


 

 

 

 

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