Montag, 5. Dezember 2016
03.06.2014
 
 

Die amerikanische Schieferöl-Bonanza kollabiert

F. William Engdahl

Das US-Energieministerium hat die eigene Schätzung über die Menge des wirtschaftlich förderbaren Schieferöls aus dem Monterey-Becken in Kalifornien um 96 Prozent gesenkt. Das bedeutet einen schweren Schlag für den Plan der Obama-Regierung, die Vereinigten Staaten wieder zur globalen Erdöl-Supermacht zu machen.

Es ist ein erstaunliches Eingeständnis: Das US-Energieministerium reduziert seine eigene Schätzung, wie viel Rohöl aus den Schieferformationen entlang der San-Andreas-Verwerfung nördlich von Bakersfield in Kalifornien gefördert werden kann. Die Schieferformation ist als »Monterey Shale« bekannt. Am 21. Mai teilte die Energy Information Administration (EIA) des

Ministeriums in einer Pressemitteilung mit, man habe die geschätzte Menge des förderbaren Öls von 17,3 Milliarden Barrel um 96 Prozent auf nurmehr 600 Millionen Barrel reduziert. Vor nicht einmal einem Jahr hatte die Behörde noch von mehr als 15,4 Milliarden Barrel Schieferöl gesprochen, was die neue revidierte Schätzung noch verheerender macht.

 

 

Regierung stützt sich auf wertlose Schätzungen

 

Die nach unten revidierte Schätzung bedeutet einen schweren Schlag für das Mantra über die USA als neue Öl-Supermacht, das Washington in letzter Zeit ständig wiederholte. Wie konnte es geschehen, dass solche viel zu hoch gegriffenen Schätzungen akzeptiert wurden, sodass der Bundesstaat Kalifornien und private Investoren in der Hoffnung auf Profit viel Geld nach Monterey pumpten? Jetzt wird bekannt, dass eine kleine Beraterfirma in Arlington, Virginia, 2010 einen Bericht für die US-Regierung erstellte, der auf einer äußerst dubiosen Methodik beruhte. Und das ist keine kleine Sache.

 

Der Bericht und überoptimistische Prognosen bestimmter Kreise, wonach die USA zum neuen Saudi-Arabien des Erdöls würden, beruhten auf Schätzungen, die die Ingenieur-Beraterfirma INTEK Inc. aus Virginia 2010 für das US-Energieministerium erstellt hatte. Nachdem immer mehr Geophysiker und Experten Zweifel daran anmeldeten, dass es möglich sei, derart große Mengen Schieferöl aus dem Monterey Shale zu fördern, stellt sich nun heraus, dass INTEK bei den Daten über Monterey einige willkürliche Annahmen eingeschmuggelt hatte. INTEK musste zugeben, dass die Zahlen über Monterey nicht von sauber ermittelten Fakten, sondern von technischen Berichten und Präsentationen von Ölgesellschaften abgeleitet waren, insbesondere der Firma Occidental Petroleum, die die meisten Pachtverträge in Monterey hält.

 

Im Juli 2011 wurde der INTEK-Bericht unter der offiziellen Imprimatur der staatlichen EIA veröffentlicht. Für die Welt sah es so aus, als wäre er eine offizielle Schätzung der US-Regierung. Es verlieh ihm »Bedeutung« und heizte den von der Wall Street verbreiteten Schieferöl-Mythos kräftig an. Nur im Kleingedruckten auf der Titelseite des Berichts fand sich der Hinweis, dass »die in diesem Bericht geäußerten Ansichten nicht als Ansicht des Energieministeriums ausgelegt« werden sollten.

 

Die zugrunde liegende Studie, die von der kleinen Beraterfirma erstellt wurde, beruhte offenbar auf verschiedenen Quellen und Methoden. Hinsichtlich der Schätzung des förderbaren Schieferöls in Kalifornien musste der Autor, Hitesh Mohan von INTEK, einräumen, dass die Schätzung über Kalifornien hauptsächlich auf Informationen beruhte, die ihm Ölgesellschaften, allen voran Occidental Petroleum, überlassen hatten, die daran interessiert sind, die Zahlen hochzujubeln, um Investoren anzulocken. Mohan gibt zu, dass seine Zahlen vor allem aus technischen Berichten dieser Gesellschaft stammten, die mit ungefähr 650 000 Hektar die meisten Öl-Pachtverträge am Monterey Shale hält.

 

John Staub, der bei der EIA des Energieministeriums für die Veröffentlichung des fehlerhaften INTEK-Berichts verantwortlich war, räumte kürzlich bei einem Interview ein: »In den Informationen, die wir zusammentragen konnten, finden wir keine Beweise dafür, dass die Ölförderung in diesem Gebiet (Monterey – W.E.) mit Techniken wie Fracking besonders produktiv wäre. Unsere Schätzungen über die Ölförderung plus mangelndes Wissen über geologische Unterschiede zwischen den Ölfeldern haben zu falschen Prognosen und Schätzungen geführt.«

 

Unabhängige Erdölgeologen wie David Hughes hatten darauf beharrt, anders als bei den Schieferöllagern in North Dakota und Texas, wo intensives Fracking betrieben wird, weil das Schiefergestein dort relativ eben und wie eine Torte geschichtet ist, sei der Monterey Shale durch seismische Aktivität gefaltet und geborsten, das Öl lagere in tieferen Schichten, sodass es auch mit der heutigen Fracking-Technologie praktisch nicht zu fördern sei.

 

Geopolitische Konsequenzen

 

Auf der Grundlage der abenteuerlichen Schätzung, die Mohan und INTEK für das Energieministerium erstellten, finanzierte die kalifornische Ölindustrie eine Studie der University of California und der Industrie selbst. Darin wurde geschätzt, dass durch die Förderung von 14 Milliarden Barrel Schieferöl in der wirtschaftlichen Krisenregion bis zu 2,8 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Das Pro-Kopf-BIP würde jährlich um 11 000 Dollar steigen, die Einnahmen des Staates um bis zu 25 Milliarden Dollar pro Jahr. Um an das Öl zu gelangen – sofern es förderbar wäre, was es offensichtlich nicht ist – müssten laut Schätzungen 28 000 Bohrlöcher gebohrt werden, das wären 16 pro Quadratmeile. Um 14 Milliarden Barrel Öl aus dem Monterey Shale zu fördern, müsste jede von ihnen im Laufe ihrer Betriebszeit von rund 60 Jahren 550 000 Barrel produzieren. Das Land über der Monterey-Formation sähe aus wie ein von Bohrlöchern durchstochenes Nadelkissen.

 

Selbst Hitesh Mohan, der Autor des INTEK-Berichts, den die Regierung 2011 ihrer Schieferöl-Gesamtschätzung zugrunde legte, gibt zu, dass die Förderdaten aus großen Schieferölprojekten in Texas und North Dakota besagen, dass die Förderung schon nach zwei bis vier Jahren drastisch zurückging. »Die durchschnittliche Lebensdauer einer Schieferölquelle beträgt drei bis vier Jahre. Sie erschöpft sich sehr schnell«, so Mohan. »In den ersten zwei Jahren bekommen Sie 60 bis 70 Prozent der Förderung. Um ein gewisses Förderniveau aufrecht zu erhalten, müssen Sie ständig weiterbohren.« Doch wie der Geologe J. David Hughes, der die erste detaillierte Analyse über die Bohrergebnisse für Schiefergasbrunnen in Monterey erstellte, betont, legte INTEK seinen langfristigen Schätzungen über das Fracking in Monterey Förderraten von konventionellen Erdölquellen zugrunde, deren Lebensdauer wesentlich höher ist als die von Schieferquellen.

 

Kalifornien gehört zu den US-Bundesstaaten mit den strengsten Umweltauflagen. Die Industrie hatte behauptet, Beweise für schwere Umweltschäden durch Fracking, bei dem Millionen von Litern hochgiftige Chemikalien in das Schiefergestein gepumpt werden, und Beweise dafür, dass Gesteinsstrukturen durch Fracking geschwächt und Erdbeben ausgelöst werden können, sollten ignoriert werden. Die Umweltauflagen sollten im Interesse des freien Unternehmertums gelockert oder aufgehoben werden.

 

Dass der Mythos über das Schiefergas von Monterey nun platzt, hat erhebliche Konsequenzen, vor allem geopolitischer Natur. Die Obama-Regierung hatte erst kürzlich mit ihrer neuen Rolle als wiedergeborene Erdöl-Supermacht der Welt – auf Grundlage ihrer Schätzung für das kalifornische Schieferöl von Monterey – geprahlt. Die Schätzung über die US-amerikanischen Schiefer- oder Tight-Gas-Vorkommen beruhte zu zwei Dritteln auf den 14 Milliarden Barrel Schieferöl aus dem Monterey Shale.

 

Die Regierung Obama hat erst kürzlich davon gesprochen, Schieferöl und Schiefergas aus den USA könnten die Ukraine in dem gegenwärtigen Konflikt mit Russland retten. Die Ukraine bezieht den größten Teil ihres Erdöls und Erdgases aus Russland. Der 2010 von INTEK erstellte Bericht der amerikanischen EIA ist übrigens auch die einzige Grundlage für die Schätzung, wonach die Volksrepublik China über die »größten« Schieferöl- und Schiefergas-Vorkommen verfügt. Wenn die EIA jetzt zugeben muss, dass die Schätzungen über das Monterey-Becken weit übertrieben waren, fällt auch ein dunkler Schatten auf diese Schätzungen.

 

 

 


 

 

 


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