Sunday, 26. June 2016
30.03.2016
 
 

Die Anbindung des Irans an Eurasien über den persischen Kanal

F. William Engdahl

Nachdem die Wirtschaftssanktionen der USA und EU Vergangenheit sind, wird es immer deutlicher, dass der Iran heute aufbauen und nicht wie der Westen, der darauf versessen zu sein scheint, zerstören will. Den jüngsten Hinweis dazu bietet die Ankündigung der Entscheidung Teherans, an einem großen Infrastrukturprojekt weiterzuarbeiten, zu dessen Fertigstellung vielleicht ein Jahrzehnt benötigt wird.

 

Es handelt sich um einen Binnenkanal, der zum ersten Mal das Kaspische Meer durch den Iran hindurch mit dem Persischen Golf verbinden würde. In Anbetracht der sehr gebirgigen Topografie des Irans wäre das kein einfacher Graben. Er würde auch für Russland und andere Länder entlang der Küste des Kaspischen Meeres von großem Vorteil sein und sich zudem schön in Chinas großes Infrastrukturprojekt »Ein Gürtel, Eine Straße« einfügen.

 

Seit der Zeit der Romanow-Zaren hat Russland nach einem Zugang zu den Warmwasser-Ozeanen für seine Marine und seinen Handel gesucht. Heute müssen russische Schiffe den türkischen Bosporus passieren. Das ist ein sehr enger Wasserweg, der vom Schwarzen Meer an Istanbul vorbei ins Marmarameer und von dort weiter durch die Dardanellen in die Ägäis und ins Mittelmeer führt.

 

Angesichts der frostigen Beziehungen zwischen Moskau und Ankara, seit die türkische Luftwaffe im vergangenen Jahr bewusst ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Luftraum unter Verletzung des internationalen Rechts abgeschossen hat, ist die Passage russischer Schiffe durch den Bosporus trotz bestehender Verträge über die freie Passage ein höchst unsicheres Unterfangen.

 

Das Gleiche gilt ebenso für iranische oder chinesische Schiffe, wenn sie die europäischen Mittelmeerhäfen anlaufen wollen. Sie müssen dazu heute den Suezkanal im Besitz der ägyptischen Regierung passieren. Die Konvention von Konstantinopel von 1888 garantiert zwar allen Nationen und Schiffen im Krieg oder Frieden das Recht auf freie Durchfahrt.

 

Doch ist auch die ägyptische Regierung, wie sich an dem von den USA unterstützten Putsch der Muslimbruderschaft unter Mohammed Mursi gezeigt hat, einem dramatischen politischen Risiko ausgesetzt. Ein iranischer Kanal würde Russland und anderen Staaten einen kürzesten Weg in den Indischen Ozean abseits von den türkischen Meerengen und dem Suezkanal in Ägypten öffnen.

 

Teheran hat jetzt Pläne offengelegt, um einen künstlichen Kanal zu bauen, der zum ersten Mal das Kaspische Meer und den Persischen Golf verbinden würde. Mit der Fertigstellung wird in etwa einem Jahrzehnt gerechnet. Der Bau hätte enorme wirtschaftliche und militärische Auswirkungen.

 

Der iranische »Suezkanal«

 

In jeder Hinsicht würde dieser Kanal sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch ein Konkurrent zum Suezkanal sein. Nach einem Bericht der russischen Sputnik News wurde das Projekt 2012, als die Sanktionen des Westens noch in Kraft waren, vom damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad befürwortet. Die Kosten wurden damals von Khatam-al Anbiya, einem Ingenieurbüro im Besitz der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) auf etwa sieben Milliarden US-Dollar geschätzt.

 

Damals verhängte Washington bei dem Versuch, das Projekt zu blockieren, Wirtschaftssanktionen gegen Unternehmen, die an dem Projekt beteiligt waren. Jetzt hat Washington aus anderen geopolitischen Gründen viele Sanktionen wieder aufgehoben und Teheran treibt das Projekt voran.

 


Der Kaspische Kanal des Irans hat einen großen Sicherheitsvorteil.
Er läuft ausschließlich durch iranisches Gebiet, einen gut zu verteidigenden Raum.

 

Zwei Routen werden für den iranischen »Suezkanal« in Betracht gezogen. Die kürzere westliche würde durch gebirgiges Gelände führen, während die längere Route die Bewässerung der riesigen Wüstenregionen im Osten des Irans ermöglichen und die Durchfahrt durch die enge Straße von Hormus zwischen Oman und dem Iran vermeiden würde.

 

Die östliche Route vom Golf von Oman zum Südosten des Kaspischen Meeres hat eine Gesamtlänge zwischen 1465 und 1600 Kilometern, je nach Streckenführung im Land. Sie hätte den zusätzlichen Vorteil, Bewässerung und Entwicklung der Landwirtschaft in den trockenen östlichen und mittleren Provinzen des Landes zu ermöglichen. Dort hatte der Mangel an Niederschlägen in den letzten Jahrzehnten zu einer starken Trockenheit geführt. Der Wasserweg würde das Auffüllen der unterirdischen Wasserressourcen erlauben.

 

Die westliche Route bietet zwar die kürzeste Entfernung, hat aber erhebliche Nachteile. Die westliche Strecke wäre rund 950 Kilometer lang und würde teilweise in befahrbaren Flussbetten verlaufen, müsste aber auf rund 600 Kilometern die Täler des Zāgros-Gebirges durchqueren. Die Überquerung dieses hohen Gebirges in den Provinzen Kurdistan und Hamedan, in denen der Kanal Höhen von über 1800 Meter übersteigen müsste, ist ein wesentlicher Nachteil dieser Route.

 

Unabhängig davon, für welche Route man sich entschließt und was man offensichtlich aus Gründen der nationalen Sicherheit bis jetzt geheim hält, ergeben sich aus einem Kanal, der das Kaspische Meer mit dem Indischen Ozean verbindet, mehrere große Vorteile.

 

Zunächst würde er die kürzeste Schiffsverbindung zwischen dem Persischen Golf und Indien einerseits und Ost-, Mittel- und Nordeuropa auf der anderen Seite im direkten Wettbewerb mit dem politisch unsicheren ägyptischen Suezkanal schaffen. Für Russland wäre es ein großer geopolitischer Vorteil, dass der Kanal ihm einen direkten, einfachen Zugang zum Indischen Ozean unabhängig vom Suezkanal und der türkischen Bosporus-Meerenge bietet.

 

In wirtschaftlicher Hinsicht würde das Projekt im Iran wichtige Arbeitsplätze schaffen. Etwa zwei Millionen neue Arbeitsplätze würden beim Bau und zur Wartung des langen Kanals zusätzlich entstehen. Das Projekt würde es Teheran auch erlauben, die abgelegenen östlichen Landesteile durch eine unterstützende Infrastruktur zu beleben. Hinzu kämen der Bau neuer moderner Häfen in Bam und Tabas, zollfreie Wirtschaftszonen, Werften, Flughäfen und geplante Städte. Der Kanal würde auch die weitere Wüstenbildung verhindern oder stark reduzieren, indem er eine Barriere gegen die Ausbreitung der Wüste in die fruchtbaren Gebiete des Irans bildet.

 

Dazu kommt, dass sich der Iran vorbereitet, ein vollwertiges Mitglied der Eurasischen Shanghaier Kooperation für Zusammenarbeit (SCO) zu werden. Seit 2008 hat der Iran den Status eines Beobachters in der SCO. Doch die UN-Sanktionen verhinderten bis Januar dieses Jahres die Vollmitgliedschaft. Sowohl Russland als auch China unterstützen stark seine volle Mitgliedschaft. Sie wird wahrscheinlich noch in diesem Sommer auf der Jahrestagung der SCO genehmigt werden.

 

Chinas Präsident Xi Jinping hatte im Februar 2016 Teheran besucht und die Beteiligung des Irans an Chinas großem eurasischen Infrastrukturprojekt erörtert. Es sieht die Schaffung eines Netzes von Häfen und superschnellen Bahnverbindungen kreuz und quer in Eurasien von Peking bis nach Weißrussland und darüber hinaus vor.

 

Sehr wahrscheinlich haben Xi und Premierminister Rouhani auch Chinas Beteiligung an der Finanzierung und gegebenenfalls auch am Bau des iranischen Kanals, der iranischen Alternative zum Suezkanal, diskutiert.

 

Bei meinem Besuch in Teheran konnte ich kürzlich beobachten, dass die Iraner den Krieg satt haben, da sie sich noch nicht ganz von dem tragischen Morden und Zerstören in dem von den USA angezettelten Krieg zwischen dem Irak und dem Iran in den 1980er-Jahren erholt haben, auch nicht von der sich daran anschließenden Destabilisierung durch die USA.

 

Vielmehr wünschen sie sich eine friedliche wirtschaftliche Entwicklung und nationale Sicherheit. Das iranisch-persische Kanalprojekt ist ein schöner Schritt in diese Richtung.





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