Monday, 30. May 2016
02.03.2014
 
 

Die Vergewaltigung der Ukraine: Phase zwei beginnt

F. William Engdahl

Die Ereignisse in der Ukraine seit November 2013 sind dermaßen verwunderlich, dass man es kaum glauben mag. Ein rechtmäßig (wie alle internationalen Wahlbeobachter bestätigten) gewählter Präsident Wiktor Janukowytsch wird nach drei Monate langen gewalttätigen Protesten und terroristischen Morden durch eine so genannte Opposition aus dem Amt vertrieben und wie ein Kriegsverbrecher zur Flucht gezwungen.

In den Augen der Anführer des Protests bestand sein »Verbrechen« darin, dass er ein Angebot der EU zu einem vage formulierten Assoziierungsabkommen, das der Ukraine nur wenige Vorteile geboten hätte, zugunsten eines konkreten Abkommens mit Russland, das dem Land die sofortige Senkung der Schuldenlast um 15 Milliarden Euro und Preisnachlässe für Gasimporte aus Russland gewährte, abgelehnt hat. An dem Punkt drehte Washington voll auf – und das Ergebnis heute ist eine Katastrophe. Eine geheimnisumwobene paramilitärische neonazistische

Organisation, der Verbindungen zur NATO nachgesagt werden, spielte eine entscheidende Rolle bei gezielten Angriffen von Scharfschützen und der Gewalt, die zum Zusammenbruch der gewählten Regierung führten. Doch für den Westen ist die Zerstörung der Ukraine damit noch nicht beendet. Jetzt tritt der Internationale Währungsfonds (IWF) mit strengen Auflagen als Vorbedingung für westliche Finanzhilfen auf den Plan.

 

Nach dem berühmten öffentlich bekannt gewordenen Telefongespräch der Europabeauftragten des US-Außenministeriums [State Department] Victoria Nuland mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew, in dem sie detailliert darüber sprach, wen sie in einer neuen Koalitionsregierung in Kiew sehen wollte, und in dem sie die von der EU vorgeschlagenen Lösungen mit ihrem Kommentar »Fuck the EU« abkanzelte, handelte die EU im Alleingang. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier schlug vor, gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius nach Kiew zu fliegen und dort zu versuchen, eine Beilegung der Gewalt zu erreichen, bevor die Lage weiter eskaliere. Polens Außenminister Radosław Sikorski wurde gebeten, sich ihnen anzuschließen. An den Gesprächen der EU-Delegation in Kiew waren neben Präsident Janukowytsch auch die drei Führer der Opposition und ein Vertreter Russlands beteiligt. Die USA waren nicht eingeladen.

 

Die Intervention der EU ohne Washington war ungewöhnlich und macht die zunehmende Spaltung zwischen beiden in den letzten Monaten deutlich. Tatsächlich war es die EU, die dem US-Außenministerium sagte: »F**** the US«, wir nehmen das hier selbst in die Hand.

 

Nach einer harten Gesprächsrunde einigten sich alle großen Parteien, einschließlich der Vertreter der Mehrheit der Demonstranten, auf neue Präsidentschaftswahlen im Dezember, die Rückkehr zur Verfassung von 2004 und Julija Tymoschenkos Freilassung aus dem Gefängnis. Der Kompromiss schien das monatelange Chaos zu beenden und für alle wichtigen Beteiligten ein gangbarer Weg zu sein. Der diplomatische Kompromiss hielt nicht einmal für zwölf Stunden. Dann brach die Hölle los.

 

Scharfschützen begannen am 22. Februar, in die Menge auf dem Maidan-Platz (Platz der Unabhängigkeit) zu schießen. Es folgte eine Panik und die Polizeieinheit zog sich in Panik zurück, wie Augenzeugen berichten. Ohne Begründung scherte der Oppositionsführer Vitali Klitschko aus der erzielten Einigung aus. Janukowytsch floh aus Kiew. Die bisher nicht beantwortete Frage lautet, wer hat die Scharfschützen eingesetzt? Nach Angaben altgedienter amerikanischer Geheimdienstquellen kamen sie aus einer ultrarechten paramilitärischen Organisation, die unter dem Namen »Ukrainische Nationalversammlung – Selbstverteidigung des Ukrainischen Volkes« (»UNA-UNSO«) bekannt ist.

 

Seltsame ukrainische »Nationalisten«

 

Der Führer der UNA-UNSO, Andriy Shkil, wurde vor zehn Jahren Berater Julija Tymoschenkos. Während der von den USA angezettelten »Orangenen Revolution« von 2003/2004 unterstützte die UNA-UNSO den Pro-NATO-Kandidaten Wiktor Juschtschenko gegen seinen pro-russischen Widersacher Janukowytsch. Mitglieder von UNA-UNSO stellten 2003/2004 das Sicherheitspersonal für Juschtschenko und Julija Tymoschenko auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew. Berichten zufolge unterhält die UNA-UNSO auch enge Verbindungen zur deutschen Nationaldemokratischen Partei (NPD).

 

Seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 standen Mitglieder der paramilitärischen UNA-UNSO hinter jeder Revolte gegen den Einfluss Russlands. Der rote Faden in allen ihren gewalttätigen Kampagnen ist stets ihre feindliche Haltung zu Russland. Die Organisation ist laut altgedienten US-Geheimdienstquellen Teil einer geheimen »Gladio«-Organisation und nicht die nationalistische ukrainische Gruppe, als die sie in den westlichen Medien dargestellt wird.i

 

Nach Angaben dieser Quellen war UNA-UNSO (offiziell bestätigt) in die Ereignisse in Litauen im Winter 1991, in den sowjetischen Coup d’État im Sommer 1991, den Krieg für die Republik Transnistrien 1992, den gegen Moskau gerichteten Abchasien-Krieg 1993, den Krieg in Tschetschenien, die von den USA organisierte Kosovo-Kampagne gegen Serbien und den Krieg vom 2008 in Georgien involviert. Diesen Berichten zufolge waren paramilitärische Kräfte der UNA-UNSO in jeden schmutzigen Krieg der NATO in der Zeit des Kalten Krieges involviert, und zwar immer im Interesse der NATO. »Diese Leute sind die gefährlichen Söldner, die überall auf der Welt eingesetzt werden, um die schmutzigen Kriege der NATO zu führen und es Russland in die Schuhe zu schieben, denn diese Gruppe gibt sich als russische Spezialeinheiten aus. DAS SIND DIE ›BAD GUYS‹, vergesst die Nationalisten, die nur Schaufensterdekoration sind, das hier sind die Männer hinter den Scharfschützen-Attacken«, betonen diese Quellen.ii

 

Wenn es stimmt, dass UNA-UNSO nicht »ukrainische« Opposition ist, sondern vielmehr eine hochgeheime NATO-Kraft, die die Ukraine als Basis benutzt, so würde das die Vermutung nahelegen, dass der Friedenskompromiss der EU mit den Gemäßigten wahrscheinlich durch einen der wichtigen Player sabotiert wurde, die von den diplomatischen Gesprächen am 21. Februar in Kiew ausgeschlossen waren – Victoria Nulands US State Department. Sowohl Nuland als auch der rechtsgerichtete republikanische US-Senator John McCain unterhielten Kontakt zu der ukrainischen oppositionellen Swoboda-Partei, deren Vorsitzender offen antisemitisch ist und die Taten des Führers einer ukrainischen Galizien-Division der SS im Zweiten Weltkrieg verteidigt. Die Partei wurde 1995 offiziell gegründet, sie nannte sich ursprünglich »Sozial-Nationale Partei der Ukraine« und verwendete ein Hakenkreuz-ähnliches Emblem. Swoboda ist der Wahlarm neofaschistischer Organisationen in der Ukraine wie UNA-UNSO.


Ein weiteres Anzeichen dafür, dass Nuland bei den jüngsten Ereignissen in der Ukraine die Hand im Spiel hatte, ist die Tatsache, dass erwartet wird, dass das neue ukrainische Parlament Nulands Favoriten, Arsenij Jazenjuk aus Tymoschenkos Partei, zum Übergangsvorsitzenden des neuen Kabinetts nominieren wird.

 

Wie immer die endgültige Wahrheit aussieht, klar ist, dass Washington eine neue wirtschaftliche Vergewaltigung der Ukraine vorbereitet, und zwar über seine Kontrolle über den Internationalen Währungsfonds (IWF).

 

Plünderung der ukrainischen Kronjuwelen durch den IWF

 

Jetzt, wo die »Opposition« einen rechtmäßig gewählten Präsidenten ins Exil an einen unbekannten Ort vertrieben und die nationale Polizeieinheit Berkut aufgelöst hat, verlangt Washington, dass sich die Ukraine den harten Bedingungen des IWF unterwirft.

 

Bei Verhandlungen im letzten Oktober forderte der IWF von der Ukraine die Verdoppelung der Preise für Gas und Strom für Industrie und Haushalte, die Aufhebung des Verbots des privaten Verkaufs von fruchtbarem ukrainischem Ackerland, eine Reform der wirtschaftlichen Beteiligungen, die Abwertung der Währung, die Kürzung der staatlichen Hilfen für Schulkinder und Senioren – alles, um den »Haushalt auszugleichen«. Als Gegenleistung sollte die Ukraine kümmerliche vier Milliarden Dollar erhalten.

 

Vor dem Sturz der moskaunahen Janukowytsch-Regierung in der vergangenen Woche war Moskau bereit gewesen, ukrainische Staatsanleihen in Höhe von 15 Milliarden Dollar aufzukaufen und die Preise für Gas um ein Drittel zu senken. Verständlicherweise wird Russland solche Unterstützung jetzt nicht gewähren. Es war die wirtschaftliche Kooperation zwischen der Ukraine und Moskau, die Washington um jeden Preis sabotieren wollte. Das Drama ist längst noch nicht vorüber. Auf dem Spiel stehen die Zukunft Russlands, die Beziehungen zwischen Russland und der EU und die globale Macht Washingtons, oder zumindest der Fraktion in Washington, die zukünftige Kriege als das Hauptinstrument der Politik betrachtet.

 


Fußnoten:

 

i Quellenbericht, »Who Has Ukraine Weapons«, 27. Februar 2014, privat an den Autor.

ii Ebenda.

 

 

 


 

 

 

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