Thursday, 17. May 2012
06.08.2008
 

Erdgas-Vertrag mit Turkmenistan: das »Great Game« um Energie in Eurasien

F. William Engdahl

Hier im Westen sind sich nur Wenige darüber bewusst, dass Turkmenistan der Dreh- und Angelpunkt der gesamten eurasischen Energiestrategie Russlands ist. Seit dem Tod des absolutistischen Präsidenten Saparmurat Niasow (der auf Lebenszeit regierte) im Dezember 2006 gibt es hinter den Kulissen eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Washington und Moskau über den Zugriff auf die riesigen Erdgasvorkommen der ehemaligen Sowjetrepublik. Wie es jetzt aussieht, haben möglicherweise Moskau und »Gazprom« den Kampf für sich entschieden; damit wäre ein wichtiger Schritt getan, die Energiekarte auszuspielen, um der Einkreisungsstrategie Washingtons und der NATO zu begegnen.

Nach einem Bericht in Russia Today bietet Gazprom Turkmenistan zinsfreie Kredite in der Hoffnung, den Preis für das Gas aus Zentralasien niedrig zu halten. Außerdem bietet Gazprom Finanzhilfen für turkmenische Gas-Infrastrukturprojekte an, um den Preis unter dem europäischen Niveau zu halten. Auf diese Weise würde Gazprom pro Jahr Turkmenistan umgerechnet etwa 240 bis 480 Millionen Dollar zur Verfügung stellen. Das russische Unternehmen, dass dieses Geld zu einem Zinssatz von 6% bis 8% jährlich aufnehmen müsste, schlug zwei Formeln zur Berechnung des Preises vor.

Ab 2009 wird es einen Preisanstieg geben. Das Abkommen wurde nach einem Besuch des Vorstandsvorsitzenden von Gazprom in Turkmenistan unterzeichnet; der Vertrag beruht auf dem Prinzip marktgerechter Preise für langfristige Gaskäufe durch Gazprom in Turkmenistan. Das Land hatte bisher verlangt, dass Gazprom sogenannte »Marktpreise« für sein Gas bezahlt: mehr als das Doppelte der heute gezahlten 150 Dollar (95 Euro) pro 1000 Kubikmeter. Das Konzept dieses »Marktpreises« für Erdgas ist aber weit schwieriger durchzusetzen, als für das transportierbare Erdöl, denn der Erdgastransport hängt von einer teuren Pipeline- und Tanker-Infrastruktur ab; es gibt also zahllose regionale »Marktpreise«.

 

Die ehemalige Sowjetprovinz Turkmenistan ist für Erdgaslieferungen nach Eurasien strategisch positioniert.

 

Der jetzige Preis, den Turkmenistan von Gazprom für sein Öl bekommt, liegt weit unter dem, den Gazprom von seinen Kunden in Europa fordert, nämlich fast 400 Dollar pro 1000 Kubikmeter. Gazprom kauft Gas von Turkmenistan und verkauft es an andere Länder, wie beispielsweise die Ukraine. Das turkmenische Gas ist für Gazproms Lieferkette lebenswichtig und im Prinzip stammt das Konzept noch aus der Zeit, als Turkmenistan integraler Bestandteil der Sowjetunion und der sowjetischen Wirtschaftsinfrastruktur war.

Das zweite Abkommen, das Turkmenistan mit Gazprom unterzeichnet hat, ist einzigartig, denn es macht Gazprom zum Stifter für lokale Energieprojekte in Turkmenistan. Im Wesentlichen wird durch die zwei Abkommen gewährleistet, dass Russland die Kontrolle über die turkmenischen Gasexporte behält.

 

Das »Great Game« in der Eurasischen Energie

Das »Great Game« (Großes Spiel) in Bezug auf die Energie im Kaspischen Raum hat in letzter Zeit eine dramatische Wende genommen, denn in der Geopolitik der Energiesicherheit mussten die Vereinigten Staaten eine große Niederlage im Rennen um das Kaspische Öl einstecken. Die Frage ist jetzt, wie lange es sich Washington noch leisten kann, den Iran aus dem Energiemarkt herauszuhalten.

Russland hat zugestimmt, ab 2009 einen Grundgaspreis an Turkmenistan zu bezahlen, der ein Mix aus dem durchschnittlichen in Europa und der Ukraine geforderten Lieferpreis ist. Das bedeutet, dass Russland ab 2009 anstelle des derzeitigen Preises von ca. 140 Dollar für 1000 Kubikmeter 225 bis 295 Dollar zahlen wird. Das Ganze läuft auf zusätzliche jährliche Zahlungen zwischen 9,4 und 12,4 Milliarden Dollar hinaus. Der Übergang zum Prinzip der Marktpreisfestsetzung geschieht im Rahmen eines bis 2028 geltenden Vertrages.

Die zweite Vereinbarung legt fest, dass Gazprom Anlagen für den Gastransport finanzieren und bauen sowie Erdgasfelder in Turkmenistan erschließen wird. Gazprom-Chef Alexej Miller dazu: »Wir haben eine Vereinbarung darüber getroffen, dass Gazprom die neuen Haupt-Pipelineverbindungen aus dem Osten des Landes finanziert und baut, Erdgasfelder erschließt und die Kapazität des turkmenischen Abschnitts der Kaspischen Gaspipeline auf 30 Milliarden Kubikmeter erhöht.« Interessanterweise wird Gazprom die Finanzierung dieser Projekte in Turkmenistan mit zinsfreien Krediten übernehmen.

Das Gazprom-Abkommen wird offensichtlich auf der höchsten Ebene des Kremls unterstützt. Russlands Präsident Dimitri Medwedjew war acht Jahre lang Vorsitzender von Gazprom, bevor er russischer Präsident wurde. Auf dem Weg zum G8-Gipfel vor wenigen Wochen machte Medwedjew einen Zwischenstopp in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabad, um dort politische Gespräche zu führen.

 

Turkmenistan in Zentralasien blieb während der Ära der Sowjetunion kulturell weitgehend unberührt.

 

Das russisch-turkmenische Erdgasabkommen wurde nicht nur aus rein geschäftlichen Überlegungen getroffen, denn nun müssen wahrscheinlich auch die Verträge mit den beiden anderen großen zentralasiatischen Erdgasproduzenten, Kasachstan und Usbekistan, neu verhandelt werden. Es ist Teil der Großen Strategie des Kremls.

 

Moskaus Große Strategie in Eurasien

Der stellvertretende russische Premierminister Igor Setschin wurde gerade nach Peking entsandt, um eine Kooperationsstrategie im Energiebereich in Gang zu setzen. Die Initiative trägt den Namen »Energie-Verhandlungsmechanismus«. Die offenkundig sensitiven Gespräche zwischen dem größten Energieproduzenten in Eurasien und seinem größten Abnehmer sind weitgehend aus den Medien herausgehalten worden. Die regierungseigene Zeitung China Daily räumte ein: »Sowohl China als auch Russland wahrten Stillschweigen über die Einzelheiten der erreichten Verständigung über eine Zusammenarbeit im Energiesektor …«

Wie China Daily beobachtete, »ist eine Änderung der russischen Energieexport-Politik im Gange. Es kann sein, dass Russland seine Aufmerksamkeit weniger den westlichen Ländern und mehr dem asiatisch-pazifischen Raum zuwendet ... Die Zusammenarbeit im Energiesektor ist für die chinesisch-russischen Beziehungen von großer Bedeutung ..., die politische und geographische Nähe der beiden Länder stellte ihre Zusammenarbeit unter einen sicheren Schirm und machte sie zu einem Geschäft, bei dem beide Seiten nur gewinnen können. Die russisch-chinesischen Beziehungen sind besser denn je ... Beide Seiten haben die noch verbliebenen Grenzstreitigkeiten beigelegt, haben gemeinsame Militärmanöver abgehalten und erfreuen sich eines rapide wachsenden bilateralen Handels.«

China diskutiert mit Moskau auch über den Ausbau der Öllieferungen, die gemeinsame Erschließung neuer Öl- und Gasfelder, die Errichtung von Öl- und Gaspipelines sowie den Bau von Raffinerien und Chemiefabriken. Kurz: Die Zusammenarbeit der beiden großen eurasischen Mächte im Bereich Energie hat jetzt eine noch nie dagewesene strategische Dimension angenommen.

Das Ganze ist gleichzeitig Washingtons geopolitischer Albtraum – der Zusammenschluss der beiden wichtigsten Akteure auf der eurasischen Landmasse, wie der britische Vater der Geopolitik, Sir Halford Mackinder, es in seinem bahnbrechenden Aufsatz The Geographical Pivot of History (Die geografische Achse der Geschichte) von 1904 beschrieb. Der außenpolitische Chefberater von US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama, Zbigniew Brzezinski, ein unverhohlener Anhänger von Mackinders Geopolitik, erklärte einmal, die wichtigste Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik bestünde darin, eine Allianz der großen Nationen Eurasien zu verhindern, denn diese Kombination enthielte alles, was erforderlich ist, um der wirtschaftlichen Vorherrschaft der Vereinigten Staaten den Kampf ansagen zu können.

Wie ich in meinem kürzlich auf dieser Seite veröffentlichten Beitrag China und Russland beenden 40-jährigen Grenzkonflikt: Die geostrategische Bedeutung geschrieben habe, haben die beiden Länder vor Kurzem ihren 40 Jahre währenden Grenzkonflikt beigelegt – ebenfalls ein Zeichen wachsender Kooperation.

Es wird deutlich, dass das Gazprom-Abkommen in Aschgabat und Setschins Gespräche in Peking Teil einer größeren Eurasien-Strategie Moskaus sind. China hat kürzlich ein langfristiges Abkommen mit Turkmenistan unterzeichnet, wonach Turkmenistan ab 2009 für 30 Jahre jährlich 30 Milliarden Kubikmeter Gas an China liefern wird. Der Bau der Gaspipeline von Turkmenistan in das Uigurische Autonome Gebiet Sinkiang im Westen Chinas hat bereits begonnen. China bezahlt Turkmenistan 195 Dollar pro 1000 Kubikmeter Erdgas. Mit der Vereinbarung von Aschgabad vom Freitag übernimmt nun Gazprom das Ruder bei der Abwicklung des gesamten turkmenischen Erdgasexports – inklusive den Gasexporten nach China.

Im Oktober wird es eine weitere Runde von Gesprächen zwischen Putin und Chinas Premierminister Wen Jiabao geben; bei der Gelegenheit sind auch Gespräche über Energie vorgesehen. Nach den »Plänen für den Ernstfall« von CIA und Pentagon soll gerade das nicht passieren. Washington hat seit Jahrzehnten Milliardenbeträge ausgegeben, um beide Mächte zu entzweien, zumindest zwischen ihnen aber einen Graben tiefsten Misstrauens zu ziehen. Dass es nun zu solch einer Veränderung kommt, ist auch ein Anzeichen für den weltweit schwindenden Einfluss der USA.

Generell deutet die Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen Russland und China auf eine engere Zusammenarbeit beider Länder hin. Von Januar bis Juli 2008 erreichte Russlands Handel mit China nach Schätzungen der russischen Außenhandelsbehörden 26,9 Milliarden Dollar, ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 31,1%, wobei Russlands Exporte nach China 12,6 Milliarden Dollar und der Export chinesischer Güter nach Russland 14,3 Milliarden Dollar betrugen.

Im letzten Jahr verzeichnete China gegenüber Russland zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 einen Handelsüberschuss in Höhe von 8,76 Milliarden Dollar. Die Importe aus Russland machten 2006 rund 11% des chinesischen Gesamtimports aus, 2007 waren es 9% und von Januar bis Juli 1008 6,9%. Am 31. Juli veröffentlichte die Russische Stiftung für Öffentliche Meinung (FOM) das Ergebnis einer Umfrage, wonach 54% der Russen China als freundliche Nation betrachteten.

 

US-Gegenstrategie liegt in Scherben

Die Vereinigten Staaten haben hinter den Kulissen emsig daran gearbeitet, die EU zu bewegen, die sogenannte »Nabucco-Gaspipeline« zu entwickeln, um Russlands Vorherrschaft auf dem Gasmarkt der EU zu lockern. Das jetzt geschlossene Abkommen mit Turkmenistan konsolidiert Russlands Kontrolle über die Erdgasexporte Zentralasiens. Gazprom hat kürzlich angeboten, alles Gas aus Aserbaidschan zu europäischen Preisen aufzukaufen. (Medwedjew war am 3. und 4. Juli zu einem Besuch in Baku.) Baku wird die am Freitag in Aschgabad unterzeichneten Vereinbarungen sehr genau unter die Lupe nehmen. Das russische Vorgehen in Zentralasien hat sehr ernste Auswirkungen für die Kampagne der USA und der EU, das Nabucco-Pipeline-Projekt in Gang zu bringen.

Man hatte gehofft, mit der »Nabucco-Pipeline«, die von der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen soll, Zugriff auf das turkmenische Erdgas zu erhalten, indem man eine Pipeline-Verbindung von Turkmenistan und Aserbaidschan durch das Kaspische Meer baute, die dann an das bereits bestehende Pipeline-Netzwerk vom Kaukasus in die Türkei, wie beispielsweise die britisch-amerikanische Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline angeschlossen würde.

Nachdem nun der Zugang zum turkmenischen Gas versperrt ist, ist der Nutzen von »Nabucco« in Frage gestellt. Ohne »Nabucco« ergibt die gesamte Strategie der USA, die europäische Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu verringern, keinen Sinn. Deshalb steht Washington nun vor einer politischen Zwickmühle. Die jüngsten Vereinbarungen in Aschgabad haben zur Folge, dass »Nabucco« nun entscheidend von Gaslieferungen aus dem Mittleren Osten abhängig ist, insbesondere dem Iran, dem nach Russland zweitgrößten Erdgaslieferanten der Welt. Die Türkei verfolgt die Idee, der Iran solle Gas nach Europa liefern und hat angeboten, in der verfahrenen Lage zwischen den USA und dem Iran zu vermitteln.

Russland diskutiert auch die Idee eines »Gas-Kartells«, vergleichbar der OPEC beim Öl. Bei einem Besuch des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez in Moskau vor einigen Tagen bezog sich Medwedjew auf diese Idee. Wie die russische Zeitung Nesavisimaja Gaseta berichtete, »findet Moskau die Idee der Koordination der Gasproduktion und Preisfestsetzung mit anderen gasexportierenden Ländern zu verlockend, um sie fallenzulassen«. Die Tageszeitung zitierte Gazprom-Chef Miller mit den Worten: »Dieses Forum der Gasexporteure wird die weltweite Gas-Balance verändern. Es ist die Antwort auf die Frage, wann, wo und wie viel Erdgas gefördert werden soll.«

Bis vor Kurzem hatte Moskau  empfindlich auf den Widerstand der EU gegen ein Gaskartell reagiert. Bezeichnenderweise hat Washington offen gewarnt, man werde gesetzliche Maßnahmen gegen Länder ergreifen, die sich einem Gaskartell anschlössen. Aber die hohen Erdgaspreise haben die Verhandlungsposition der EU geschwächt.

Für die USA und die EU werfen die jüngsten Schritte Russlands enorme Probleme auf. Russland hat sein Ansehen als Hauptgaslieferant nach Europa erheblich gestärkt. Es kontrolliert nicht nur die Gasexporte aus Zentralasien, sondern hat auch sichergestellt, dass die Gasexporte aus dieser Region über Russland und nicht die von den USA und der EU vorgeschlagenen transkaukasischen Pipelines laufen. Wir stehen an einer entscheidenden Schwelle – die Ära des billigen Erdgases geht dem Ende zu. Andere gasexportierende Länder werden sich an dem Preis für das turkmenische Gas orientieren. Europäische Unternehmen können es nicht mit Gazprom aufnehmen. Aserbaidschan wird zum Testfall. Russland spielt die dominierende Rolle bei der Festsetzung des Erdgaspreises auf dem Weltmarkt. Ein Gaskartell wird es mit Sicherheit geben. Die geopolitischen Auswirkungen für die USA sind außerordentlich weitreichend.

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