Donnerstag, 17. August 2017
17.05.2016
 
 

In China und Russland ist Eurasien schon Wirklichkeit

F. William Engdahl

Am Ende des amerikanischen Bürgerkrieges prägte der New Yorker Journalist Horace Greely den populären Slogan: »Go West, young man, and grow up with the country.« (»Suche dein Glück im Westen und wachse gemeinsam mit dem Land.«) Angesichts des Niedergangs der gewaltigen, aber veralteten amerikanischen Volkswirtschaft, der massiven Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, des Rückgangs der Einkommen, einer anhaltend hohen realen Arbeitslosigkeit und einer ähnlichen Schieflage in vielen Ländern der Europäischen Union sollte dieser Slogan heute geändert werden: »Go East, young man – in den boomenden Volkswirtschaften Eurasiens und insbesondere in Russland und China hast du noch eine Zukunft.« Während die NATO säbelrasselnd mit Flugzeugen und Kriegsschiffen Russland und China immer näher rückt, knüpfen diese beiden eurasischen Giganten so enge Beziehungen wie noch niemals zuvor in ihrer Geschichte. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen Bündnisse im Energiebereich.

 

Synergien im Energiesektor


Seit Mai 2014 haben Russland und China im Bereich Energie umfassende Abkommen abgeschlossen, die China weniger anfällig für Versuche der NATO oder der Lieferstaaten aus der Nahostregion machen, Druck auf das Land auszuüben. Gleiches gilt für Russland, das nun jeglichen Erpressungsversuchen seitens der Ukraine oder der EU mit größerer Gelassenheit entgegensehen kann.

 

Am 14. Mai 2014 unterzeichneten der russische Präsident Wladimir Putin und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping in Peking ein umfangreiches Abkommen, in dessen Rahmen ab 2018 jährlich 38 Mrd. Kubikmeter russischen Erdgases über eine Pipeline mit dem Namen »Sila Sibiri« (»Kraft Sibiriens«) an China geliefert werden sollen. Die Route der Pipeline verläuft östlich von der russischen Teilrepublik und dem Oblast Irkutsk bis zu den Flüssiggasverladestationen an der russischen Pazifikküste.

 

Im November des gleichen Jahres wurde dann ein Abkommen über eine westlich verlaufende Pipeline abgeschlossen (Kraft Sibiriens 2), die sogenannte Westroute, die die Erdgasfelder Westsibiriens über die Altai-Region in der Autonomen Region Xinjiang mit dem Nordwesten Chinas verbinden soll. Beide Länder führten bereits schon vorläufige Gespräche über eine mögliche dritte und vierte Teilstrecke, die die ursprünglichen Trassen erweitern und damit Lieferkapazitäten von bis zu 100 Mrd. Kubikmeter Erdgas ermöglichen könnten. Die West-Route wurde als vorrangig eingestuft und soll innerhalb von sechs Jahren gebaut werden.

 

Nach Inbetriebnahme der beiden Pipelines der Ost- und der West-Route wird Russland an die 59 Prozent des gegenwärtigen chinesischen Jahresverbrauchs an Erdgas decken. Damit würde die EU ihren bisherigen Status als größter Exportmarkt für russisches Erdgas verlieren und China nähme ihre Stelle ein. Derzeit liegt der Erdgas-Jahresverbrauch Chinas bei 169 Mrd. Kubikmeter.

 

Auf dem schon genannten Gipfeltreffen der beiden Präsidenten in Peking unterzeichneten die Vorstandschefs des staatlichen russischen Erdölkonzerns Rosneft und des ebenfalls staatlichen chinesischen Erdölkonzerns China National Petroleum Corporation (CNPC) – Alexei Miller und Zhou Jiping – eine Vereinbarung, nach der CNPC einen zehnprozentigen Anteil an Wankorneft erwirbt. Dieses Subunternehmen Rosnefts erschließt und beutet das riesige Erdölfeld Wankor in der sibirischen Region Krasnojarsk aus. China wird im Gegenzug russisches Erdöl aus Wankor im Wert von etwa sieben Mrd. Dollar erhalten.

 

Am 19. April 2016 erklärte der erste stellvertretende russische Energieminister Alexei Teksler gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, bestimmte staatliche chinesische Erdölkonzerne dächten darüber nach, einen Anteil von 19,5 Prozent an Rosneft zu erwerben, der Ende 2016 an private Investoren verkauft werden soll. Wahrscheinlich dürfte CNPC den Zuschlag erhalten.

 

China investiert in Jamal-Flüssiggas-Komplex im Nordwesten Sibiriens


Am 3. Mai kündigte nun der Generaldirektor des im Bau befindlichen Flüssiggas (LNG)-Exportterminals Jamal im Nordwesten Sibiriens auf der gleichnamigen Halbinsel etwas an, das den Sanktionskriegern in Washington mit Sicherheit keine Freude bereitet hat. Das Konsortium des russischen Flüssiggasprojekts unterzeichnete eine Kreditvereinbarung mit der chinesischen Export-Import-Bank und der chinesischen Entwicklungsbank, die das Vorhaben mit einem 15 Jahre laufenden Kredit im Umfang von 9,3 Mrd. Dollar unterstützen werden. Dies entspricht etwa drei Vierteln der geschätzten Gesamtkosten, die bis zur Inbetriebnahme der Anlage, die Berichten zufolge einmal 16,5 Mio. Tonnen Flüssiggas pro Jahr produzieren soll, anfallen.

 

Nachdem die von Washington gegen Russland verhängten Sanktionen verhinderten, dass sich die großen russischen Energiekonzerne im Westen mit Krediten versorgen konnten, schien das gesamte Projekt infrage gestellt. Auf der Internetseite des Unternehmens heißt es: »Jamal wurde Ende 2013 in Angriff genommen und ist nicht nur eines der komplexesten jemals konzipierten Projekte zur Verflüssigung von Erdgas, sondern würde auch die Wettbewerbsfähigkeit enorm stärken, … da es auf die riesigen Erdgasreserven zurückgreifen kann, die sich auf der Halbinsel Jamal befinden. [Das Projekt] ist deshalb so komplex, weil es über dem nördlichen Polarkreis angesiedelt ist.« Beteiligt an dem Projekt sind u.a. das russische Unternehmen Novatek, die chinesische CNPC, das französische Unternehmen Total (mit 20 Prozent) und bemerkenswerterweise der chinesische Seidenstraßen-Fonds.

 

OAO Novatek ist der größte unabhängige russische Erdgasproduzent und ist überwiegend in der Autonomen Region der Jamal-Nenzen im Westen Sibiriens aktiv. Dort befinden sich die wichtigsten Erdgasfelder Russlands, die etwa 80 Prozent der russischen Erdgasförderung und etwa 16 Prozent der weltweiten Erdgasförderung ausmachen. Und jetzt übernehmen die Chinesen die finanzielle Hauptlast, damit dieses Mammutprojekt Jamal verwirklicht werden kann.

 

Im Zusammenhang mit der Entdollarisierung, die gegenwärtig in Russland, China, dem Iran und anderen eurasischen Ländern stattfindet, ist bemerkenswert, dass die chinesischen Kredite in Euro und nicht in Dollar ausgewiesen werden.

 

Es hat den Anschein, als hätten die wutschäumenden Neokonservativen Washingtons um Victoria Nuland im Außenministerium und Verteidigungsminister Ash Carter in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass sich China und Russland immer stärker annähern.

 

Dieses beeindruckende Meisterstück gelang den amerikanischen Strategen, weil sie gegen Russland Finanz- und Wirtschaftssanktionen verhängten und die chinesischen Schifffahrtsstraßen bedrohten, in Xinjiang Terrorismus förderten, die militärischen Aspekte der von den USA verkündeten strategischen außenpolitischen Schwerpunktverlagerung nach Asien (»Pivot to Asia«) vorantrieben und auf den Abschluss des »Freihandelsabkommens« TTP drängten, das China bewusst ausschließt.

 

Als Folge dieser Politik knüpften Russland und China weitreichende und tiefgreifende Wirtschaftsbeziehungen in ganz Eurasien, die letztlich das Zentrum des weltweiten Wirtschaftswachstums bilden werden, da das chinesische Projekt der Neuen SeidenstraßeOne Belt, One Road – Russland, China, den Iran und die riesigen Regionen Eurasiens durch ein modernes Netzwerk von Hochgeschwindigkeitsbahntrassen und Häfen, Energieverbindungen, Pipelines und Strom-Infrastruktur miteinander verbindet.

 

Russland ist offenbar fest entschlossen, dem Slogan »Go East, young man!« zu folgen.

 

Es bedeutete einen grundlegenden Paradigmenwechsel, sollten sich die Nationen Europas ebenfalls für diese Perspektive entscheiden und sich im Osten neue Märkte für ihre stagnierenden Volkswirtschaften erschließen, anstatt neue Stützpunkte für eine amerikanische Raketenabwehr zu eröffnen, auf ihren Territorien modernste US-Atomwaffen zu lagern und amerikanische Truppen an den Grenzen zu Russland zu.

 

 

 


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