Das Ziel der Vereinbarung von 2005 bestand, wie Washingtoner Politiker damals deutlich machten, darin, Indien – während des Kalten Krieges Partner der Sowjetunion – zum »Trojanischen Pferd« Washingtons in Asien und vor allem gegen China, aufzubauen. Drei Jahre später wirkt das Trojanische Pferd eher wie ein wildgewordener Hengst, denn Indien vertieft inzwischen seine militärische Zusammenarbeit mit dem Iran, Russland und sogar China. Die Entwicklung macht deutlich, wie schwach der amerikanische Einfluss in geopolitischer und militärischer Hinsicht geworden ist.
Während Washingtons Glaubwürdigkeit als zuverlässiger Partner weiter litt, entbrannte unter Indiens führenden politischen Fraktionen ein erbitterter Kampf um Washingtons Verlangen, Indien in eine militärische Allianz gegen China zu zwingen. Das Ergebnis war, dass Indiens Regierung über Washington hinausblickte und zur gleichen Zeit militärische Kooperationen mit wichtigen eurasischen Alliierten wie China, dem Iran und vor allem mit seinem alten Verbündeten aus Zeiten des Kalten Krieges, Russland, schloss.
Neue russische Kooperationsvereinbarungen
Der indische Armeechef, General Deepak Kapoor, hält sich zu einem fünftägigen Besuch in Russland auf, um mit dem russischen Verteidigungsminister und führenden Beamten der Streitkräfte die »Vertiefung des militärischen Verhältnisses« zu diskutieren, wie es in der offiziellen indischen Presseerklärung heißt. Er beabsichtigt den Besuch einer Panzerdivision, ausgerüstet mit russischen T-90-Kampfpanzern, sowie der St. Petersburger Militärakademie und des Militärbezirks im Nordkaukasus.
Erst kürzlich sind nach russischen Berichten Verträge zwischen der russischen Rüstungsindustrie und Indien in Höhe von 18 Milliarden Dollar abgeschlossen worden, die bis 2010 erfüllt werden sollen. Indiens Armee erwägt zudem die Anschaffung von weiteren 350 T-90-Panzern zusätzlich zu den bereits gekauften vor einigen Jahren erworbenen 310 T-90-Panzern.
Der T-90 ist der modernste Panzer der russischen Bodentruppen und im Arsenal der indischen Armee. Der offiziellen Beschreibung zufolge verfügt der Panzer über hochmoderne Technologien. Er kann eine ganze Reihe von Munitionen abfeuern, darunter auch APDS (Armour Piercing Discarding Sabot), HEAT (High Explosive Anti-Tank), HE-FRAG (High Explosive Fragmentation) sowie Schrapnellen mit Zeitzünder. Der T-90S ist zusätzlich mit einem 9M119 Refleks ferngesteuerten Panzerabwehrsystem ausgerüstet, das über eine Reichweite von 100 bis 4000 Meter verfügt und dessen Geschosse Ziele in der maximalen Reichweite in 11,7 Sekunden erreichen. Das System ist für Panzer gedacht, die mit ERA (Explosive Reactive Armour) ausgerüstet sind, sowie für niedrig fliegende Ziele in der Luft, wie Hubschrauber, in einem Umkreis von fünf Kilometern. Mit der Hauptkanone können halbautomatische Raketen mit Tandemhohlladung abgefeuert werden.
2007 stattete der Oberbefehlshaber der russischen Bodentruppen, General Alexei Moslow, Indien einen offiziellen Besuch ab.

Russlands Putin und Indiens Singh kommen über ein nukleares Kooperationsangebot Russlands an Indien überein.
General Kapoors Besuch in Russland findet genau zu dem Zeitpunk statt, an dem sich indische und russische Unternehmen auf ein Joint Venture zur Entwicklung eines luftgestützten Überschall-Marschflugkörpers unter der Federführung von BrahMos Aerospace in Indien geeinigt haben. Der Marschflugkörper soll eine Reichweite von 290 Kilometer haben und einen konventionellen Sprengkopf mit bis zu 300 Kilogramm Gewicht befördern können sowie in der Lage sein, flache Angriffsziele zu treffen, wobei er nur in einer Höhe von 10 Metern fliegt und eine Geschwindigkeit von 2,8 Mach erreicht und damit dreimal schneller als der US-Tomahawk-Marschflugkörper ist.
Außerdem hat die russische Yantar-Werft in Kaliningrad gerade mit der Konstruktion einer neuen Krivak-IV-Fregatte, ausgerüstet mit einem Überschall-Marschflugkörpersystem zur Abwehr und Zerstörung von großen Schiffen und U-Booten für die indische Marine begonnen, die 2012 ausgeliefert werden soll.
Indiens Militärkooperation mit dem Iran und China
Das indische Militär hat auch damit begonnen, militärische Kooperationen mit Amerikas Erzfeind, dem Iran, einzugehen. Indien und der Iran hatten bereits 2003 über ein militärisches Kooperationsabkommen verhandelt, dem Neu-Delhi-Abkommen. 2007 unterzeichneten die beiden Länder eine Vereinbraung über eine gemeinsame indisch-iranische militärische Arbeitsgruppe.
Außerdem hat der indische Premierminister erst vor Kurzem einen außergewöhnlich langen Besuch in Peking unternommen, um damit deutlich zu machen, dass sich Indien nicht gegen China stellen wird. Der chinesische Außenminister, Yang Jeichi, konstatierte kürzlich, dass die chinesisch-indischen Beziehungen in die richtige Richtung gingen und erwähnte Pläne »zur Stärkung der strategischen Partnerschaft zwischen den beiden Ländern«. Der bilaterale Handel mit Indien soll bis 2010 bei 60 Milliarden US-Dollar liegen. Der indische Minister für ausländische Angelegenheiten, Pranab Mukherjee, sieht die Gespräche in Peking positiv: »Wir teilen in vielen internationalen Fragen die gleiche Einstellung, unter anderem zur Energiekrise, zur Ernährungskrise und zum Klimawandel. Wir haben beschlossen, nicht nur enger zusammen zu arbeiten, um unser bilaterales Verhältnis zu verbessern, sondern um gemeinsam die Probleme der internationalen Gemeinschaft anzugehen«, erklärte er.
Indien und China sind übereingekommen, ihren Verteidigungsdialog zu erweitern und gemeinsame militärische Manöver abzuhalten und den Austausch auf höchstem Niveau zu fördern. Sie haben auch eine Absichtserklärung bezüglich der grenzübergreifenden Flüsse unterzeichnet. Beide haben sich für den Erhalt von Frieden und Sicherheit entlang ihrer Grenzen ausgesprochen und ihre Bereitschaft erklärt, eine pragmatische und für beide Seiten akzeptable Lösung für ihre Streitigkeiten zu suchen.
Mukherjee’s Besuch, der darauf angelegt war, einen positiven Impuls in die bilateralen Verbindungen zu bringen, führte zu besseren Beziehungen zwischen Indien und China und zu einer Zunahme des Handels.
All das deutet darauf hin, dass der von Washington angestrebte Einfluss auf Neu Delhi nicht der strategische Coup ist, als den die Bush-Cheney- Administration ihn gegen den wachsenden Einfluss Chinas gesehen hatte.
Indien ist ebenfalls ein kooperatives Mitglied der zunehmend einflussreicher werdenden Shanghai Cooperation Organization, SCO, die sieben Jahre zuvor von China und Russland unter Mitwirkung von vier anderen zentralasiatischen Ländern – Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan – initiiert worden war. Die sechs Mitglieder der SCO haben damit begonnen, eine enge Partnerschaft in den Bereichen Wirtschaft, Energie und militärischen Beziehungen zu entwickeln.

Indien ist offizieller Beobachter der zunehmend einflussreicher werdenden Shanghai Cooperation Organization.
Die Mitgliedsstaaten der SCO haben einzelne Gebiete, die vorrangig von gemeinsamem Interesse sind, definiert. Dazu gehören Transportwesen, Energie, Information und Telekommunikationstechnik. Eine Internetseite über die regionalen Wirtschaftskooperationen der SCO wurde lanciert. Regelmäßige Treffen der Minister für Außenwirtschaft und Handelsbeziehungen wurden eingerichtet. 16 verschiedene Arbeitsgruppen wurden mit der Lösung einer Menge von Fragen und Problemen, unter anderem über Zoll, Energie, Investitionen Transportwesen, Tourismus und Gesundheitsfürsorge, betraut.
Indien hat zusammen mit dem Iran, Pakistan, der Mongolei und Afghanistan den Status eines offiziellen Beobachters der SCO. Die SCO hat sich, wie ich in meinem Buch Mit der Ölwaffe zur Weltmacht beschrieben habe, zum Alptraum des Begründers der anglo-amerikanischen Geopolitik, Sir Halford Mackinder, entwickelt. Zbigniew Brzezinski gilt als der wichtigste außenpolitische Berater des demokratischen Präsidentschaftskandidaten, Barack Obama. In einem bedeutenden Artikel im Magazin Foreign Affairs des New Yorker Council on Foreign Relations (CFR) zitiert Brzezinski 1997 Mackinder, indem er sagt, das primäre Ziel der US-Außenpolitik muss unter allen Umständen sein, eine wachsende wirtschaftliche und politische Kooperationen unter den wichtigsten Mächten Eurasiens zu vermeiden – insbesondere China, Indien und Russland. Genau diese findet derzeit statt – als unbeabsichtigte Konsequenz einer fehlgeschlagenen einseitigen Außenpolitik Washingtons seit 2001.
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