Friday, 27. May 2016
19.12.2013
 
 

Irakische Kurden eröffnen riskante Erdölpipeline in die Türkei

F. William Engdahl

Mit der offiziellen Inbetriebnahme einer neuen Erdölpipeline von den kurdischen Autonomiegebieten im Irak (Kurdistan Regional Government, KRG) zum türkischen Ölhafen Ceyhan im östlichen Mittelmeer ist die geopolitische Lage im Nahen und Mittleren Osten wieder um ein Grad riskanter und komplizierter geworden. In der kurdischen Region im Nordirak lagern Schätzungen zufolge 45 Milliarden Barrel unerschlossenes Erdöl; die Entscheidung zum Bau der Pipeline fiel ursprünglich ohne Zustimmung der irakischen Zentralregierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Am 16. Dezember verkündete die Regierung al-Maliki die Zustimmung zur Inbetriebnahme, allerdings unter Auflagen. Es ist ein Schritt mit weitreichenden, in den Einzelheiten noch nicht absehbaren Folgen für den gesamten ölreichen Mittleren Osten.

Der stellvertretende irakische Ministerpräsident Husain asch-Schahristani, der auch für den Bereich Energie zuständig ist, erklärte am 16. Dezember – offenbar nach einem Kompromiss mit der Türkei und der kurdischen Regionalverwaltung –, die Zentralregierung begrüße ein mit kurdischen und türkischen Vertretern erreichtes Energieabkommen. Laut asch-Schahristani bietet das Abkommen, gemäß dem die kurdische Regierung im Nordirak über eine

grenzüberschreitende Pipeline Erdöl an die Türkei liefern wird, die Chance zur Diversifikation des irakischen Energiesektors: »Wir unterstützen das Abkommen und streben an, den Export von Erdöl und zukünftig auch Erdgas in die Türkei zu erhöhen

 

 

Die 350 Millionen Dollar teure und 200 Kilometer lange Pipeline, über die täglich 300 000 Barrel Erdöl transportiert werden können, versetzt das KRG in die Lage, erheblich mehr Rohöl in die Türkei zu exportieren. Der Transport über eine bestehende Pipeline unter der Kontrolle der Regierung in Bagdad, die von Kirkuk im Irak nach Ceyhan an der türkischen Mittelmeerküste verläuft, wurde im Dezember des vergangenen Jahres gestoppt. Das KRG war gezwungen, geringe Mengen Erdöl per Tanklastwagen in die Türkei zu transportieren.

 

Der Irak wird balkanisiert

 

Seit der katastrophalen US-amerikanischen Besetzung des Irak im Jahr 2003 ist das Land zwischen der sunnitisch-islamischen Minderheit, einer schiitischen Mehrheit und den semi-autonomen Kurden im Norden des Landes gespalten. Sunnitische Araber machen ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung aus, sie besetzten unter Saddam die meisten Regierungsposten. Den Schiiten, über 60 Prozent der Bevölkerung, waren in der Zeit von Saddams Diktatur politische Rechte und die freie Ausübung ihrer Religion verwehrt. Die schiitisch-religiösen Parteien, die bei demokratischen Wahlen im Irak seit 2003 zwei Mal die Mehrheit errangen, unterhalten enge Beziehungen zum Iran – was al-Malikis Regierung in erbitterte Gegnerschaft zum sunnitisch beherrschten Saudi-Arabien und anderen sunnitisch-salafistischen Golfstaaten bringt.

 

Weitere 20 Prozent der Iraker sind Kurden, eine überwiegend säkulare nationalistische ethnische Bevölkerungsgruppe im nördlichen Irak mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur. Seit Ende des Ersten Weltkriegs und den militärischen Erfolgen der Türkei unter Kemal Atatürk in den 1920er Jahren ist das Volk der Kurden künstlich zwischen der Türkei, dem Iran, Syrien und dem Irak aufgeteilt, sodass eine ständige Spannung in der gesamten Region besteht, die vom Westen oft aus geopolitischen Gründen ausgenutzt wird.

 

Die aktuelle Entscheidung Washingtons, ExxonMobil und Chevron darin zu unterstützen, die reichen Ölvorkommen der kurdischen Autonomiegebiete (KRG) zu entwickeln, und die neue Erdölpipeline in die Türkei sorgen in Bagdad für erhebliche Spannung, denn sie könnten ein abtrünniges kurdisches Autonomiegebiet finanziell unabhängig von Bagdad machen. Es besteht die reale Gefahr einer Balkanisierung des Irak.

 

Seit dem Golfkrieg von 1991 haben eine von den USA verhängte »Flugverbotszone« über dem kurdischen Norden und später getroffene Maßnahmen den kurdischen Gebieten ein hohes Maß an Autonomie verschafft. Die wird mit der kurdisch-türkischen Pipeline nun noch weiter ausgebaut. Die neue irakische Verfassung erkennt die De-facto-Autonomie der Kurden im nördlichen Irak an, sie dürfen die Einkünfte aus neuen Erdölfeldern behalten und eigene Streitkräfte unterhalten. Umstritten bleibt der Status der ölreichen nördlichen Stadt Kirkuk, auf die sowohl Kurden als auch Araber und eine von Ankara unterstützte türkische Minderheit Anspruch erheben.

 

Seit al-Maliki im März 2011 mit Baschar al-Assad aus Syrien und dem Iran ein Abkommen über den Bau einer Erdgaspipeline unterzeichnete, über die Gas aus dem riesigen iranischen North-Pars-Feld am Persischen Golf durch den Irak nach Syrien transportiert wird, haben Saudi-Arabien, Katar und andere sunnitische Regime am Golf Milliarden von Dollar in die Finanzierung von Terroristen, Söldnern und die syrische Opposition gesteckt, die Assad stürzen wollen. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist eine treibende Kraft im sich seit 2011 zuspitzenden Krieg in der Region. Jetzt bietet die Inbetriebnahme einer Erdölpipeline aus dem kurdischen Gebiet in die Türkei die reale Gefahr einer zunehmenden Spaltung des Irak in einen kurdischen, schiitischen und sunnitischen Staat. In den letzten Monaten hat Saudi-Arabien erhebliche Gelder für die Bewaffnung radikaler sunnitischer Al-Qaida-Söldner im Irak bereitgestellt, die neue Sabotageakte gegen al-Malikis schiitische Mehrheitsregierung verüben.

 

ExxonMobil und Chevron unterstützen Kurden

 

Die Türkei ihrerseits ist bestrebt, die Abhängigkeit vom teuren russischen Erdgas und vom Iran abzubauen. Die irakische Region Kurdistan bietet einen Weg aus der Klemme. Laut einem Bericht der Internationalen Energieagentur aus dem Jahr 2012 wird der Irak auf dem Weltmarkt für Erdöl in den nächsten Jahrzehnten eine entscheidende Rolle spielen. 2035 könnten bis zu 8,3 Millionen Barrel täglich produziert werden, allerdings nur, wenn »die Beilegung der Differenzen über die Herrschaft des Kohlenwasserstoff-Sektors … die Chance für kräftiges Wachstum auch aus dem Norden des Irak ermöglicht«. Gemeint ist das kurdische Gebiet.

 

2011 riskierte ExxonMobil den Bruch mit Bagdad über andere Erdölkonzessionen, als der Konzern insgeheim mit dem KRG einen Entwicklungsvertrag über 20 Jahre abschloss. Chevron folgte kurze Zeit später, beide mit stillschweigender Zustimmung Washingtons. Die Ölblocks in dem Exxon-KRG-Vertrag liegen in einem umstrittenen ölreichen Gebiet, auf das sowohl die Zentralregierung in Bagdad als auch das KRG Anspruch erhebt. Es verläuft von der iranischen Grenze im Osten bis zur syrischen Grenze im Nordwesten.

 

Darüber hinaus will Ankara mehr als nur das Öl aus dem Kurdengebiet, nämlich das Erdöl aus dem gesamten Irak. Bei einem Treffen in St. Petersburg erklärte der türkische Energieminister Taner Yıldız vor Kurzem, die Steigerung der Erdöl- und Erdgasförderung solle nicht nur im Rahmen der Entscheidungen des KRG getroffen werden, sondern »die irakische Regierung und das ganze irakische Volk sollten gemeinsam entscheiden«.

 

Die neue KRG-Erdgaspipeline ist eindeutig Teil der neuesten Strategie der Türkei, sich zum »Energie-Drehkreuz« für die gesamte Region aufzuschwingen. Ceyhan, die Hafenstadt, in der das Öl aus dem KRG ankommen wird, ist auch das Mittelmeer-Terminal der Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan (der »BTC«), die von BP und amerikanischen Ölkonzernen betrieben wird und Rohöl vom Kaspischen Meer durch Aserbaidschan, Georgien und die nördliche Türkei transportiert. Alles zusammen bedeutet ein potenzielles neues geopolitisches Risiko für die vom Krieg zerrissene Region.

 

 

 


 

 

 

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