Thursday, 17. May 2012
09.06.2008
 

Kasachisch-chinesische Partnerschaft im Energiesektor stärkt den Zusammenhalt Eurasiens

F. William Engdahl

China und das in Zentralasien gelegene Kasachstan, beide Mitgliedsländer der »Shanghai Cooperation Organization«, entwickeln eine enge Partnerschaft im Energiebereich, die manche in Washington nicht gerade wohlwollend betrachten. Für China und Kasachstan liegen die gegenseitigen Vorteile auf der Hand. Washington kann nicht viel tun, um diesem Trend entgegenzuwirken, es bleiben nur militärische Drohungen von Seiten der NATO.

Kasachstans Lage ist geopolitisch grünstig, das Land verfügt über große Reserven an Erdöl und Erdgas. Kein Wunder, dass das Land mittlerweise zu den großen Spielern auf dem riesigen Energiesektor Zentralasiens gehört. Als Binnenstaat hat Kasachstan gemeinsame Grenzen mit Russland, China, Usbekistan, Kirgisistan und Turkmenistan. Traditionell war Kasachstan schon immer Alliierter und weit mehr als ein Partner Russlands, denn beide Länder haben denselben kulturellen, ethnischen, sprachlichen und geschichtlichen Hintergrund.

Aber seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1999 betreibt die Regierung von Kasachstan eine – nach ihren eigenen Worten – »multivektorale« Politik, d.h. sie versucht gleichzeitig Verbindungen zu allen großen geopolitischen Mächten aufzubauen, Chinas, Russland, die USA, Europa und die muslimische Welt eingeschlossen. Dabei zählt China aus mehreren Gründen zu den wichtigsten Partnern Kasachstans.

 

Zusammenarbeit Kasachstan-China

Beide Länder haben eine gemeinsame Grenze. Darüber hinaus ist China der am schnellsten wachsende Importeur von Öl und Gas zur Deckung des Bedarfs seiner schnell wachsenden Wirtschaft. Die China nächstgelegenen Regionen mit reichen Energievorkommen sind das Kaspische Meer und die Energieressourcen im Osten Russlands. Die Zusammenarbeit auf dem Energiesektor mit den Ländern am Kaspischen Meer, darunter Kasachstan, entwickelt sich schnell, ja explosiv. Chinas Ölbedarf wird sich voraussichtlich bis 2030 mehr als verdoppeln. China sucht gegenwärtig nach neuen Lieferquellen; für die Politik der Energiesicherheit des Landes hat dies oberste Priorität. Dabei geht es nicht nur um Öl, sondern auch um Strom, Kohle und Gas. Energieressourcen aus Russland, Kasachstan und Turkmenistan sind für die chinesische Wirtschaft entscheidend wichtig, denn Pipelines aus Zentralasien und Russland durch China würden helfen, die Energieversorgung für Nordostasien zu diversifizieren – und damit die Abhängigkeit der Region vom Öl aus dem Nahen Osten vermindern.

Vor 1993 nahm China nicht aktiv am internationalen Energiemarkt teil. Das hat sich allerdings radikal verändert, denn heute ist China nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Rohölimporteur der Welt. 1997 engagierte sich die staatliche Ölgesellschaft Chinas, die Chinese National Petroleum Company (CNPC) in erheblichem Umfang im Ölsektor Kasachstans. Seitdem ist das überseeische Engagement drastisch gestiegen, Chinas Energiestrategie ist zu einer lebenswichtigen und sensitiven Frage geworden. 2004 schlossen die Chinesen Geschäfte im Tschad, in Saudi Arabien, Kuba, im Jemen, in Marokko, Kasachstan, Peru, Ägypten und Gabun ab. 2005 wurden in Usbekistan, Aserbeidschan, Kasachstan, Kanada, der Mongolei, den Philippinen und in Venezuela entsprechende Verträge unterzeichnet. Allerdings gelang es den Chinesen nicht, eine große Ölraffinerie in Südkorea zu übernehmen und sie scheiterten auch bei der Übernahme von Unocoal, weil das Weiße Haus die Übernahme wegen angeblicher Sicherheitsbedenken blockierte.

 

Kasachstans Kohlenwasserstoff-Exporte

Fast das gesamte Öl- und Gaspipeline-Netz in Kasachstan wurde während der Sowjetzeit erbaut, es war hauptsächlich für den Export durch das Gebiet der heutigen Russischen Föderation geplant. Nach Ansicht der kasachischen Regierung könnte die Abhängigkeit von einem einzigen Land – Russland – in der Zukunft zu möglichen Konflikten oder Auseinandersetzungen führen.

 

Die vorgeschlagenen Öl- und Gaspipeline-Verbindungen in ganz Eurasien prägen die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen

 

Deswegen hat der Kasachstans Präsident Nasarbayew beschlossen, dass Alternativrouten für den Export von Kohlenwasserstoffen gesucht werden. Diese sollen russisches Territorium umgehen, was neue Verhandlungen mit interessierten Partnern (darunter auch Russland) erfordert sowie neue Abkommen zwischen den einzelnen Staaten und neue Infrastruktur-Einrichtungen.

Im offiziellen kasachischen Dokument zur Energiestrategie 2030 werden Iran und China und die Pipelineverbindung unter dem Kaspischen Meer nach Baku und weiter nach Europa, an russischem Territorium vorbei, als bevorzugte Route der Pipelines für den zusätzlichen Energieexport genannt.

 

Energiehandel zwischen Kasachstan und China

Kasachstan und China entwickeln die gegenseitigen Beziehungen aktiv auf mehreren Feldern. Nach Angaben der Kasakhstanskaya Pravda, einer Zeitung in Kasachstan, sind zwischen beiden Ländern insgesamt 105 Abkommen und Verträge geschlossen worden. Kasachstan ist mittlerweile der zweitgrößte Handelspartner Chinas, das Potential für weiteres Wachstum ist enorm. Die Handelsbilanz zwischen den Ländern betrug 2003 etwa 3,3 Milliarden Dollar, erreichte aber 2006 schon 8,36 Milliarden Dollar. Im ersten Halbjahr 2007 wurde der Wert bereits auf 5,97 Mrd. Dollar geschätzt.

China hat, neben anderen Projekten, eine Ölraffinerie im Süden Kasachstans gebaut, außerdem zwei Pipelines. 2005 kaufte die CNPC (Chinese National Petroleum Company) PetroKasakhstan für 4,2 Milliarden Dollar auf. China ist auch Aktionär der folgenden Unternehmen: CNPC-Aktobemunaigas, der viertgrößte Produktionsbetrieb in Kasachstan, der Aktiengesellschaft MunaiTas (das Kenkiyak-Atyrau-Projekt) und der Kasachstan-China-Pipeline.

Zu den Energieabkommen zwischen China und Kasachstan gehören der Bau Atasu-Alashankou-Ölpipeline von Westkasachstan nach dem westlichen Landesteil Chinas sowie der Zugang chinesischer Ölgesellschaften zur Entwicklung des Öls am Kaspischen Meer und die Beteiligung kasachischer Ölfirmen an chinesischen Ölfeldern im Südchinesischen Meer.

Der Bau der Atasu-Alashankou-Pipeline gehört zu den meistdiskutierten Projekten in Zentralasien. Sie ist Teil der Pipeline von Kasachstan nach China, die von Westkasachstan nach Westchina führen wird. Phase 2 dieser Pipeline ist bereits fertig gestellt, die Pipeline für Phase 3, von Kenkiyak nach Kumkol, wird gegenwärtig gebaut und soll Ende 2009 fertig gestellt sein. Dann werden die Energiesicherheit Chinas und die wirtschaftliche Sicherheit Kasachstans eng verzahnt sein. Bedeutsamerweise ist Russland dabei nicht ausgeschlossen.

 

Die russische Dimension

Kasachstan liegt zwischen Russland und China. Der Bau einer Pipeline unter Umgehung russischen Territoriums wird in Moskau aus offensichtlichen Gründen nicht gern gesehen, weil es den russischen Einfluss in der Region genau in dem Moment schmälert, wo die NATO sich entlang aller Grenzen Russlands ausdehnt. Der Grund ist einfach: der direkte Öltransport an den Verbraucher senkt die Abhängigkeit Kasachstans von Moskau ganz erheblich und schwächt den Einfluss des Kremls in der Region. Andererseits kann Kasachstan bei seinem Vorgehen die geopolitische Strategie und die Pläne des Kremls nicht außer Acht lassen. Moskau hat Verständnis für die derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen seiner Alliierten und Nachbarn: die Steigerung der Ölproduktion in Kasachstand und die Unmöglichkeit, größere Mengen von Öl durch das russische Pipeline-Netz zu transportieren, der hochkomplexe Prozess, es zu den internationalen Märkten zu transportieren und das Bemühen Kasachstans, eine ausgeglichene Balance zwischen der EU, den USA, Russland und China zu wahren sowie schließlich die gestiegene chinesische Nachfrage nach Öl.

 

Eine gemeinsame kasachisch-russische Pipeline von Tengiz nach Novorossiysk am Schwarzen Meer gehört zu einem Netz eurasischer Pipelines.

 

Weiterhin kann Russland keine gemeinsamen Projekte anbieten, den Transport kasachischer Kohlenwasserstoffe zu verwirklichen, ausgenommen das Projekt eines Kaspischen Pipeline-Konsortiums, ein gemeinsames kasachisch-russisches Projekt. Es geht um eine Pipeline, die die Ölfelder in West-Kasachstan mit einem neuen Seeterminal in der russischen Stadt Novorossiysk am Schwarzen Meer, also über eine Entfernung von 1510 Kilometer, verbindet. Das ist das Ergebnis eines »pragmatisches Herangehens« von Seiten Putins und der neuen Regierung Medwedjew, das die Selbstinteressen der russischen Unternehmen an die oberste Stelle der Prioritätenliste stellt, vor die Synchronisierung der wirtschaftlichen und strategischen Interessen der beiden Länder. Es ist eine weniger formale Herangehensweise.

Offiziell akzeptiert der Kreml die Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und China dort, wo auch russische Unternehmen beteiligt sind. Transneft, das russische Transportunternehmen für Öl und Gas, hat kürzlich begonnen, Öl durch die Pipeline nach China zu transportieren.

Neben Russland ist auch Usbekistan stark interessiert an den Beziehungen im Energiebereich zwischen Kasachstan und China und möchte in diese Zusammenarbeit einsteigen, nachdem das Land jetzt ebenfalls der Shanghai Cooperation Organization (SCO) beigetreten ist. Usbekistan ist als Lieferant auch an der Gaspipeline von Kasachstan nach Usbekistan beteiligt. Auch Turmenistan ist daran interessiert, sich mit seinen Gasreserven einer kasachisch-chinesischen Gaspipeline anzuschließen.

Wenn diese Energie-Pipelineverbindungen im Rahmen der allseitigen Beteiligung an der eurasischen Shanghai Cooperation Organization miteinander verzahnt werden, dann ist klar, warum Washington versucht, Kasachstan in eine engere Integration der NATO zu locken. Das scheint aber unwahrscheinlich, denn sowohl Russland als auch China sind daran interessiert, das weitere Eindringen der NATO in den eurasischen Raum zu verhindern.

 

Washingtons Präsident, hier mit dem kasachischen Präsidenten Nasarbayew, hat nur wenig Möglichkeiten, die eurasischen Energieverbindungen zu kappen, es sei denn durch Einsatz der NATO.

 

 

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