Thursday, 20. November 2014
31.03.2013
 
 

Nähert sich China Russland an?

F. William Engdahl

Ein Besuch bei Russlands Präsident Wladimir Putin war das vorrangige außenpolitische Anliegen von Chinas neuem Staatspräsidenten XI Jinping. Soeben beendete er einen dreitätigen Besuch in Moskau, währenddessen er nicht nur zu einem siebenstündigen Gespräch mit Putin zusammentraf, sondern auch erstmalig das »Allerheiligste« der russischen Militärführung besuchte. Die Reise diente keinesfalls nur der Festigung gutnachbarlicher Beziehungen, sie bedeutet vielmehr eine potenziell riesige tektonische Verschiebung in der globalen Geopolitik.

Die dringendsten Gespräche betrafen natürlich die Frage der Energieversorgung. Russland ist der größte Erdgasproduzent der Welt und gleichauf mit Saudi-Arabien auch der wichtigste Produzent von Erdöl. China braucht beides, und zwar in enormen Mengen. Die wichtigsten Akteure auf russischer Seite sind Igor Sechin, Chef des Ölkonzerns Rosneft, und Alexej Miller,

Direktor des staatlichen Konzerns Gazprom. Sechin gilt allgemein als rechte Hand Putins.

 

Gas-Geopolitik

 

Bei dem Treffen unterzeichnete der chinesische Ölkonzern CNPC (China National Petroleum Corporation) mit Gazprom eine vorläufige Vereinbarung über den Kauf von 30 Milliarden Kubikmetern Erdgas, das Volumen soll mit der Zeit verdoppelt werden. Der Gasvertrag läuft bereits seit fast 20 Jahren, aber bisher hatte Gazprom den Lieferpreis nicht senken wollen. Nachdem im Mittelmeer vor Zypern und Griechenland griechische Gasfelder entdeckt wurden, sieht Gazprom aber jetzt seine dominierende Rolle auf dem Gasmarkt der EU bedroht. Putin spricht in letzter Zeit von einer Neuausrichtung der russischen Wirtschaftspolitik in Richtung Eurasien. Ein erfolgreicher Abschluss des schon lange erwarteten chinesisch-russischen Gasabkommens würde signalisieren, welchen Stellenwert Putin Eurasien und insbesondere China zumisst.

 

Russland verfügt über Erdgasreserven von rund 48 Billionen Kubikmetern – genug, um die ganze Welt für 15 Jahre zu versorgen. Russland ist mit rund 1.699 Millionen Kubikmetern pro Tag der zweitgrößte Erdgasproduzent der Welt, nach den USA, wo in jüngster Zeit auch Schiefergas gefördert wird. Russland ist der führende Exporteur, täglich werden rund 556 Millionen Kubikmeter ins Ausland geliefert, das meiste davon nach Europa.

 

Dagegen spielte Russland im asiatischen Gasgeschäft bislang eine eher untergeordnete Rolle. Um dort maßgeblich mitzumischen, muss Gazprom unverzüglich die riesigen Onshore-Gasfelder in Ostsibirien entwickeln. Doch dazu muss ein ausreichend großer Markt gesichert werden, damit sich die Investitionen rechnen. Hier kommt China ins Spiel.

 

Das russische Gas würde über die »östliche Route« der Gaspipeline Power of Siberia von Russland nach China gelangen, deren erster Abschnitt 2017 den Betrieb aufnehmen soll. Im Jahr 2006 unterzeichneten Russlands Gazprom und die China National Petroleum Corporation eine Grundsatzvereinbarung über den Bau von zwei Gaspipelines. Sie sollten groß sein – jede so groß wie die mögliche Alaska North-Slope-Gaspipeline. Die erste sollte täglich 82 Millionen Kubikmeter nach Nordwest-China liefern, wo sie an einen Pipeline-Knotenpunkt angeschlossen werden sollte. Über die zweite sollten täglich 105 Millionen Kubikmeter Gas an den nordchinesischen Industrie-Knotenpunkt gehen. Wären diese Projekte gebaut worden und die Pipelines in vollem Betrieb, so könnten sie China mit rund der Hälfte des heute im Land verbrauchten Erdgases versorgen. Doch bisher ist es nicht dazu gekommen, weil sich die beiden Unternehmen nicht auf einen Preis für das Gas verständigen konnten. Eine Einigung zum jetzigen Zeitpunkt könnte ein Signal für eine tektonische Veränderung in den russisch-chinesischen Beziehungen bedeuten.

 

Zur Deckung des Bedarfs importiert China seit fast zehn Jahren Gas, bislang allerdings nicht aus dem benachbarten Russland. Der Grund dafür waren Politik und Preis. Die chinesische Regierung hat den Gaspreis für Verbraucher wie beispielsweise Kraftwerke auf relativ niedrigem Niveau festgeschrieben. Importeure von teurem ausländischem Gas verlieren deshalb Geld. Die Regierung unternimmt vorsichtige Schritte, den Gaspreis zu erhöhen, fürchtet aber, dass ein zu schnelles Vorgehen die Wirtschaft schwächen könnte. Und da China immer stärker auf importiertes Gas angewiesen ist, macht man sich an offizieller Stelle Sorgen über die Reaktion ausländischer Gasanbieter, wenn man einem höheren Preis für russisches Gas zustimmt.

 

Es wird erwartet, dass der Bedarf in China in den nächsten 20 Jahren um 400 Prozent steigen wird. Das nach China importierte Gas kommt aus Asien, dem Mittleren Osten, Australien, Afrika und Südamerika. 2011 erhielt China sogar eine Lieferung von US-amerikanischem Gas, und zwar aus der einzig operierenden Anlage für den Export von Flüssiggas in Nikiski, Alaska.

 

Da die Umweltverschmutzung durch Chinas Kohlekraftwerke steigt, setzt man verstärkt auf Erdgas. Bis 2030 soll Gas 12 Prozent des Energiemixes des Landes ausmachen, heute sind es lediglich rund fünf Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, muss China in den nächsten Jahren die langfristige Versorgung sichern. Dieser ambitionierte Einsatz von Erdgas wird nach einem Bericht des britischen Oxford Institute for Energy Studies bis 2030 rund ein Drittel des weltweiten Gasbedarfs ausmachen.

 

Für Russland würde eine Pipeline nach China das Tor für die Ausweitung nach Südkorea und Japan aufstoßen; alle drei Länder erhielten die Option für den Import von Pipelinegas und Flüssiggas. Darüber hinaus könnte damit der Grundstein für die Errichtung einer »Union Asiatischer Gasverbraucher« gelegt werden.

 

Bislang weigert sich Gazprom, der CNPC in einer solchen Vereinbarung eine Aktienbeteiligung einzuräumen und verlangt für die Pipeline die kürzeste Route durch die Mongolei, was China aus Sicherheitsgründen ablehnt. Die chinesische Seite verlangte, dass die Pipeline um das Land herumgeführt würde, um die Versorgung zu sichern.

 

 

Ende 2012 gab Gazprom Pläne für den Bau einer großen Pipeline-Hauptlinie aus dem Fernen Osten des Landes zum Hafen Wladiwostok bekannt. Der Name des Projekts lautet »Power of Siberia«. Quelle: Gazprom

 

Auch Verhandlungen über Öl

 

Der zweite wichtige Verhandlungsgegenstand war ein Vertrag zwischen Sechin’s Unternehmen Rosneft, das heute als größter Ölkonzern der Welt geführt wird, und dem chinesischen Staatsunternehmen CNPC. Danach sollte die chinesische Entwicklungsbank Rosneft einen Kredit von über zwei Milliarden Dollar einräumen. Dies als Gegenleistung für die Lieferung von Öl in den nächsten 25 Jahren, und zwar zusätzlich zu der 2009 vertraglich zugesicherten Menge. Das würde die Verdopplung des jährlich von Rosneft an China gelieferten Volumens bedeuten. Außerdem werden russische Unternehmen in China eine Ölraffinerie bauen und sich an der Suche nach Erdöl und -gas beteiligen.

 

Noch eines ist bedeutsam: Der Vertrag könnte auch einen chinesischen Staatskredit von 30 Milliarden Dollar an Rosneft einschließen. Rosneft ist gerade dabei, für 55 Milliarden Dollar den britisch-russischen Ölkonzern TNK-BP von der BP zurückzukaufen. Das Öl von Rosneft würde über die East-Siberia-Pacific-Ocean-Pipeline (ESPO) geliefert. In diesem Jahr wird Russland wahrscheinlich 15 Prozent seines Öls nach China und in andere asiatische Länder exportieren. Außerdem erwägt Rosneft, ab Januar des nächsten Jahres jährlich weitere zehn Millionen Tonnen Öl über Kasachstan nach China zu pumpen.

 

Engere militärische Beziehungen

 

Der bedeutsamste Teil der Vereinbarungen und ein Indikator für den wachsenden Druck, den China von Obama’s »Asian Pivot«, der militärischen Reorientierung vom Nahen Osten auf Chinas zunehmende Präsenz empfindet, waren die Gespräche zwischen Xi und Putin über eine engere militärische Zusammenarbeit. Wie Xi Jinping bestätigte, werden China und Russland ihre militärischen, politischen und strategischen Beziehungen intensivieren, einschließlich der Zusammenarbeit der Streitkräfte. Am letzten Tag seines Besuchs wurde Xi zu einem Treffen mit der russischen Militärführung in das Kommandozentrum der russischen Streitkräfte eingeladen. Es war das erste Mal, dass einem ausländischen Staatschef der Zutritt zum »Herzen« des russischen Militär-Establishments gestattet wurde. Auch der chinesische und der russische Verteidigungsminister trafen sich zu einem privaten Gespräch über die Zusammenarbeit.

 

Beide Länder widersetzen sich US-amerikanischen Plänen, einen Raketenschirm außerhalb der Grenzen der USA zu errichten. Eine Frage, die für China sogar noch dringlicher ist, denn Washington hat angekündigt, Abwehrraketen in Alaska statt in Polen zu stationieren. Im Rahmen der Shanghai Cooperation Organization haben Russland und China seit 2005 mehrere gemeinsame Manöver abgehalten. Der Shanghai Cooperation Organization gehören auch die zentralasiatischen Länder Kasachstan, Kirgisistan Tadschikistan und Usbekistan als Mitglieder an. Seit den 1990er-Jahren kauft China in großem Stil Rüstungsgüter von Russland. Der Handel erreichte 2005 einen Höchststand, als China von Russland Güter für fast vier Milliarden Dollar kaufte. Seither schwanken die Zahlen, nach einem Absinken auf 800 Millionen Dollar im Jahr 2009 stiegen sie im vergangenen Jahr wieder auf 2,1 Milliarden Dollar, wie Rosoboronexport, der staatliche russische Rüstungsexport-Monopolist, meldet.

 

1997 schrieb Amerikas Strategie-Guru Zbigniew Brzezinski, die einzige mögliche geopolitische Herausforderung für Amerikas Rolle als einzige Supermacht der Welt könne aus Eurasien kommen. Die chinesisch-russischen Entwicklungen der vergangenen Woche könnten der erste Schritt sein, seinen Albtraum Wirklichkeit werden zu lassen – mit enormen Folgen für Europa und besonders für Deutschland.

 

 

 


 

 

 

 

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