Thursday, 17. May 2012
11.06.2008
 

Neue Strategie: »Gazprom« engagiert sich in Afrika

F. William Engdahl

Schon unter Präsident Putin hatte Russland damit begonnen, sein staatliches Energieunternehmen »Gazprom« als Hebel zu benutzen, um der Einkreisung Russlands durch die NATO und die USA zu begegnen. Jetzt kommt ein bedeutsames neues Element hinzu, denn »Gazprom« hat mit der Regierung von Nigeria, einem Land, das bislang als Vasall mächtiger anglo-amerikanischer Interessen galt, ein umfangreiches Energieabkommen geschlossen. Zusammen mit der intensiven Politik Chinas, mit vielen Ländern in Afrika Energieabkommen zu schließen, bedeutet diese Vereinbarung eine neue Ebene des Engagements in einem Neuen Kalten Krieg um das Öl.

Wie Gazprom soeben bekanntgab, haben Gazprom und die Nationale Ölgesellschaft Nigerias (Nigerian National Petroleum Corporation, NNPC) den gemeinsamen Bau eines einheitlichen Pipeline-Systems in Nigeria vereinbart. NNPC-Direktor Abubakar Yaradua und Gazprom-Chef Alexej Miller »besprachen Fragen der bilateralen Zusammenarbeit, darunter die Einrichtung eines Joint Venture zur Produktion von Öl und Gas und die Nutzung von Erdölbegleitgas sowie den Bau von Elektrizitätskraftwerken«.

Bedeutsamerweise hat Nigeria in einem Schritt, der Gazproms Einfluss bei den afrikanischen Gasreserven mit den Interessen Europas koordiniert, vorgeschlagen, dass sich Gazprom am Bau einer Gaspipeline beteiligt, die von Afrika durch die Sahara und das Mittelmeer nach Europa führen soll. »Die nigerianische Seite zeigte Interesse an der partnerschaftlichen Beteiligung Gazproms am Bau des Projekts einer Trans-Sahara-Gaspipeline«, erklärte Gazprom.

Nigeria gehört zu den größten Kohlenwasserstoff-Produzenten in Afrika. Das Land verfügt über gesicherte Erdgas-Vorkommen von über 5,2 Billionen Kubikmeter und produziert jährlich 22 Millionen Tonnen Flüssiggas.

 

Bis vor Kurzem galt das energiereiche Nigeria als Vasall der Angloamerikaner.

 

Gazproms Engagement in Nigeria ist eine große Herausforderung für die westlichen Ölgesellschaften. Das neue Abkommen ist wahrscheinlich nur das erste in einer ganzen Reihe neuer Energieabkommen zwischen Russland und afrikanischen Ländern. Für einige europäische Länder, die Russlands geopolitischen Einfluss eher eingeschränkt sehen möchten, bedeutet es einen erheblichen Rückschlag. Dass Gazprom jetzt Zugang zu den riesigen Ölreserven Nigerias erhält, steigert auch die Besorgnis bei den Regierungen der EU und der USA über Gazproms wachsende Rolle bei der europäischen Gasversorgung.

Ein hoher Vertreter der nigerianischen Ölindustrie erklärte, Gazprom biete Investitionen in die Energieinfrastruktur als Gegenleistung für die Möglichkeit, einige der größten Gaslager der Welt zu erschließen. Gazprom ist das größte Erdgas-Unternehmen der Welt.

 

Gazprom erhält libysche Vermögenswerte

Gazprom hat sich kürzlich auch nach Libyen ausgeweitet. Im April führte Putin – damals noch russischer Präsident – in Russland Gespräche mit zwei italienischen Energiebetrieben, Eni und Enel. Eni erklärte damals, man wolle die Erschließungsquoten für libysche Gasvorkommen mit der russischen Gazprom teilen. Putin beschrieb die Energie-Beziehungen zwischen beiden Ländern als Durchbruch. 2007 kaufen Eni und Enel mehrere russische Energieunternehmen, darunter Arcticgas und Urengoil, als die Anlagen des in Konkurs gegangenen russischen Ölriesen Yukos versteigert wurden, sowie 20 Prozent der Anteile bei Gazprom Neft, Gazproms Öltochter. Für diese Anlagewerte zahlten die beiden italienischen Firmen insgesamt 5,83 Milliarden Dollar.

Eni gehören weiterhin 50 Prozent der »Blue Stream Gaspipeline«, die unter bzw. auf dem Boden des Schwarzen Meeres verläuft (der Rest gehört Gazprom). Enel hält 59,8 Prozent der Anteile des Energieunternehmens OGK-5 und einen 49,5-prozentigen Anteil an dem russischen Energieversorgungsunternehmen RusEnergo Sbyt. Außerdem ist Eni an der »South Stream Pipeline« beteiligt, die bei dem Treffen mit Putin als eines der vielversprechendsten Kooperationsprojekte bezeichnet wurde. Zu dieser Liste gehören mittlerweile auch Swap-Geschäfte zwischen Gazprom und Eni.

Libyen gilt als vielversprechende Quelle für die Öl- und Gasversorgung Europas, nachdem die Sanktionen aufgehoben wurden. Die gesicherten Gasreserven des Landes werden auf 1,49 Billionen Kubikmeter geschätzt (d.h. es sind die viertgrößten in Afrika; hinter Algerien, Nigeria und Ägypten). Libyen produziert jährlich 588,74 Millionen Barrel Öl und 7 Milliarden Kubikmeter Gas. Libyen steht bei schwefelarmem leichten Rohöl mit nachgewiesenen Reserven von 37,5 Milliarden Barrel an erster Stelle in Afrika und an fünfter Stelle bei der OPEC (nach Saudi-Arabien, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Irak). Schwefelarmes leichtes Rohöl ist wegen entsprechender Emissionsstandards der OECD und wegen der hohen Raffinerieeffizienz sehr gefragt.

 

Der neue russische Präsident Medwedjew war früher Vorstandsvorsitzender von Gazprom.

 

Dem Vernehmen nach will Gazprom jetzt einen Anteil an den libyschen Vorkommen erwerben. Im letzten Jahr kaufte sie eine Lizenz zur Erkundung und Erschließung des dortigen Blocks 19, der über ähnlich umfangreiche Gasreserven verfügt wie die Gaslager in Süd-Russkoye in der Autonomen Region Jamal-Nenets im nordöstlichen Ural. In das Projekt Block 19 will Gazprom in den nächsten vier Jahren 300 Millionen Dollar investieren. 2007 erhielt das Unternehmen den Zuschlag für drei Projekte in Libyen. Im März 2008 unterzeichnete Gazprom eine Vereinbarung mit der libyschen nationalen Ölgesellschaft für die gemeinsame Entwicklung eines großen Gebietes im Mittelmeer, wo Gazprom bis 2012 200 Millionen Dollar investieren will.

Außerdem erhielt Gazprom vor Kurzem im Rahmen der letztes Jahr abgeschlossenen Vereinbarungen über einen Anteile-Swap 49 Prozent der Anteile von zwei Ölkonzessionen der deutschen BASF.

Gazprom arbeitet seit Langem daraufhin, Enis Projekte in Afrika zu übernehmen; erste Diskussionen darüber gab es bereits 2006, als Eni Gazproms Anteile des unabhängigen russischen Gasproduzenten Novatek aufkaufen wollte. Eni hält 50 Prozent der Anteile der »Green Stream Pipeline« in Libyen – mit einer Transportkapazität von 8 Milliarden Kubikmetern pro Jahr –, die zwei Offshore-Lager vor der lybischen Küste mit Sizilien verbindet. Dem italienischen Unternehmen gehören auch Anteile eines Flüssig-Erdgas-Betriebs mit einer jährlichen Kapazität von 3,2 Millionen Tonnen sowie 33,3 Prozent der Anteile des »Elefanten-Öllagers«, dessen Reserven auf 499,8 Millionen Barrel geschätzt werden. Dazu kommen noch Anteile an der Erkundung und Erschließung von vier Vorkommen in Zentral-Libyen.

 

Andere Ziele für Gazprom in Afrika

Abgesehen von den Projekten in Libyen, die für Gazprom und seine Öltochter Gazprom Neft interessant sind, kann Eni eine Kooperation in Ägypten anbieten, wo sie Anteile in einer Flüssig-Erdgas-Firma in Damietta besitzt. Die Jahreskapazität des Betriebs soll auf 15 Milliarden Kubikmeter gesteigert werden. Eni hält auch eine Lizenz zur Erschließung des Lagers El-Bougaz im Mittelmeer und ist außerdem bereit, Gazprom ein Drittel des Elefanten-Öllagers in Libyen zu verkaufen.

Gazprom liefert 25 Prozent des in der EU verbrauchten Gases und plant, diesen Anteil auf ein Drittel zu steigern. Die libyschen und möglicherweise auch die ägyptischen Projekte sichern Gazprom ausreichende Reserven, um auch auf den italienischen und portugiesischen Markt vorzudringen. Vor allem die Beteiligung an den ägyptischen Projekten wird hilfreich sein, um in Spanien einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Gazprom wird erheblich profitieren, wenn Gas von Afrika nach Europa geliefert wird, und dies wird seine Präsenz auf den südeuropäischen Märkten erheblich stärken. Ein Anteil an der Flüssig-Erdgas-Produktion in Nordafrika wird Gazproms kürzlich bekannt gegebenen Pläne unterstützen, bis 2030 rund 25 Prozent des weltweiten Flüssig-Erdgas-Marktes zu erobern. Darüber hinaus will Gazprom die Zwischenhändler bei Flüssig-Erdgas-Lieferungen an die USA und dortigen Verkäufen abschaffen.

Ein Abkommen zur Entwicklung eines Flüssig-Erdgas-Betriebs zwischen Nigerias Nachbarstaat Äquatorialguinea und Gazprom wurde unterzeichnet, was möglicherweise auch zu einer neuen Route zum Export von nigerianischem Gas nach Europa führen kann.

In der Zeit des Kalten Krieges unterhielt Russland enge Verbindungen zu Angola, Mozambique und anderen Satellitenstaaten in Afrika. Jetzt ist man bemüht, die Beziehungen in Afrika wiederaufleben zu lassen, auch um gegenüber China und Indien im Wettlauf um die Rohstoffe des afrikanischen Kontinents nicht ins Hintertreffen zu geraten. Gazprom hat bereits Beziehungen zu Sonangol, der staatlichen Ölfirma Angolas, aufgenommen und strebt nach ähnlichen Partnerschaften im ölreichen Golf von Guinea, einer Region, zu der Nigeria, Kamerun und andere afrikanische Staaten gehören.

Die Tatsache, dass das Pentagon kürzlich ein neues Afrika-Kommando AFRICOM eingerichtet hat, zeigt, mit welcher Sorge Washington die Präsenz Chinas und jetzt auch Russlands auf dem afrikanischen Kontinent betrachtet.

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