Friday, 29. July 2016
19.05.2014
 
 

Professor wird von Schweizer GVO-Konzern attackiert, weil er die Wahrheit sagt

F. William Engdahl

Als Ergänzung zu dem Interview mit Gottfried Glöckner über die Schäden, die der Syngenta-Genmais an seinen Kühen und auf seinem Land anrichtete, und den schockierenden Details der Taktiken, mit denen ihn das Unternehmen mundtot machen wollte, wird im Folgenden darüber berichtet, was einem Biologieprofessor der Berkeley University widerfuhr. Seine unabhängigen Untersuchungen an Atrazin, einem weiteren Syngenta-Herbizid, das bei dem GV-Mais von Syngenta verwendet wird, geben weitere Veranlassung zum Alarm über die wirklichen Gefahren nicht nur patentierten gentechnisch veränderten Saatguts, sondern auch der patentierten Unkrautvernichter, die mit dem Saatgut verkauft werden.

Atrazin gehört zu den meistverwendeten Unkrautvernichtungsmitteln in den USA und Australien. In der Europäischen Union wurde es 2004 wegen andauernder Kontaminierung des Grundwassers verboten. Die US-Regierung genehmigt die Verwendung von Atrazin bei Feldfrüchten, insbesondere Mais und Zuckerrüben, in Amerika zwar noch immer, doch die eigene Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) räumte ein, dass Atrazin im Jahr

2001 das am häufigsten im Trinkwasser entdeckte Pflanzenschutzmittel war. Schon 2007 hieß es in einem Bericht der Behörde, durch das Trinken von Wasser aus kontaminiertem Grundwasser oder einer Oberflächen-Wasserquelle könnten Kinder dem Stoff ausgesetzt werden.

 

In dem sieben Jahre alten EPA-Bericht war zu lesen: »Atrazin greift bei Menschen und Tieren hauptsächlich das endokrine (Hormon-) System an. Studien weisen bislang darauf hin, dass es sich bei Atrazin um einen endokrinen Disruptor handelt, einen Wirkstoff, der bei Tieren nachweislich das natürliche Hormonsystem verändert. Implikationen einer möglichen endokrinen Disruption für die Gesundheit von Kindern betreffen die Wirkung während Schwangerschaft und geschlechtlicher Entwicklung; doch darüber liegen nur wenige Studien vor.«

 

Viele dieser »wenigen vorliegenden Studien«, die oft genug ohne finanzielle Unterstützung einer Universität durchgeführt wurden, verdanken ihre Existenz der Hartnäckigkeit eines einzelnen Wissenschaftlers, Prof. Tyrone Hayes. »Belohnt« wurde er dafür mit einer 15 Jahre währenden Kampagne des Herstellers, des GVO-Agrobusiness-Konzerns Syngenta aus Basel in der Schweiz, seinen wissenschaftlichen Ruf zu ruinieren, und nicht nur das.

 

Vor 15 Jahren wurde Professor Tyrone Hayes von Syngenta angesprochen, Tests über die Sicherheit des Herbizids Atrazin durchzuführen. Schon damals zählte Hayes zu den weltweit führenden Forschern über die Endokrinologie der Amphibien, beispielsweise der Frösche. Dass die Wahl auf ihn fiel, war also nur logisch. Seine Untersuchungsergebnisse waren allerdings kaum das, was sich Syngenta wünschte. Hayes entdeckte nämlich, dass Atrazin die geschlechtliche Entwicklung von Fröschen hemmen konnte. Diese Entdeckung war nicht nebensächlich, denn Atrazin wird bei fast der Hälfte des gesamten in den USA angebauten Maises angewendet, und auf der ganzen Welt stammt in Futtermitteln enthaltener Mais aus den USA.

 

Syngenta beauftragte Hayes im Jahr 1998 mit den Untersuchungen an Fröschen, die Atrazin ausgesetzt wurden. Er beendete die Beziehung 2001, nachdem Syngenta sich geweigert hatte, verantwortungsvoll auf seine alarmierenden Ergebnisse zu reagieren. Hayes entdeckte, dass Atrazin die geschlechtliche Entwicklung von Fröschen hemmen konnte.

 

»Männchen entwickelten Eier in den Hoden, oder sie entwickelten Eierstöcke in den Hoden, oder sie verwandelten sich praktisch in Hermaphroditen«, sagte Hayes. »Später entdeckten wir, dass sie sich manchmal komplett in Weibchen verwandelten.« Als er dem Konzern seine Ergebnisse vorgestellt habe, sei deutlich geworden, dass »sie wollten, dass ich die Daten manipulierte, dass sie die wissenschaftlichen Untersuchungen nicht weitertreiben wollten und dass sie nicht wollten, dass ich die Daten bekannt machte«.

 

Eineinhalb Jahre nach Beendigung der Mitarbeit in dem Syngenta-Gremium veröffentlichte Hayes seine Arbeit über Atrazin in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences. Wie er schrieb, wurde bei den Fröschen durch den Kontakt mit Atrazin ein »Hermaphroditismus«, wie er es bezeichnete, hervorgerufen – und das bei einer Konzentration, die um das 30-Fache unter dem von der EPA für das Wasser zugelassenen Wert lag. Er vermutete, dass die Chemikalie ein Faktor bei dem weltweit beobachteten Rückgang der Amphibien-Population sein könnte.

 

Trotz der Kündigung des Forschungsvertrags mit Syngenta setzte er seine Untersuchungen an Atrazin fort. Die Ergebnisse waren noch alarmierender. Mit finanzieller Unterstützung der Berkeley University und der National Science Foundation (Nationale Stiftung für Wissenschaft) wiederholte Hayes die Versuche. Später schrieb er seinem Forschungsgremium: »Ich denke, ich sollte Sie warnen, dass meiner Ansicht nach bei diesen Tieren etwas sehr Merkwürdiges vor sich geht.« Nachdem er die Frösche seziert hatte, stellte er fest, dass einige nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifiziert werden konnten: Sie hatten sowohl Hoden als auch Eierstöcke. Andere hatten deformierte überzählige Hoden.

 

Die Attacke von Syngenta

 

Schon bald bemerkte er, dass er auf Konferenzen überall auf der Welt, zu denen er als Redner oder Teilnehmer eingeladen worden war, von Syngenta-Vertretern verfolgt wurde. Er erfuhr, dass Syngenta-Wissenschaftler, mit denen er vorher zusammengearbeitet hatte, viele Einzelheiten über seine Arbeit und seinen Terminkalender wussten, er hatte den Verdacht, dass sie seine E-Mails lasen.

 

In einem Meinungsbeitrag in Forbes beschuldigte Jon Entine, ein Journalist, der in Syngentas Unterlagen als »unterstützende dritte Partei« aufgeführt wird, Hayes, Verschwörungstheorien anzuhängen und »internationale Aufsichtsbehörden auf eine fruchtlose Suche zu schicken«, was »ans Kriminelle grenzt«.

 

Dokumente, die vor Kurzem im Rahmen einer Sammelklage freigegeben wurden, enthüllen schockierende Einzelheiten. Sie stammen vom Bezirksgericht im Kreis Madison im US-Bundesstaat Illinois und wurden ursprünglich im Rahmen eines Gerichtsverfahrens, das 2004 von den Versorgungsbetrieben der Stadt Holiday Shores angestrengt wurde, unter Verschluss gehalten. Aus den E-Mails und anderen internen Syngenta-Dokumenten ging hervor, dass Syngenta-Vertreter Möglichkeiten besprachen, »Hayes zu diskreditieren« und »sich Hayes‘ Fehler/Probleme zunutze zu machen«. Sie sprachen darüber, sich seine Frau genauer anzusehen und ein psychologisches Profil über ihn zu erstellen.

 

Weiterhin mutmaßten Konzernvertreter, wenn Tyrone Hayes in Skandale verwickelt sei, würden ihn die Ökos fallen lassen. Den veröffentlichten Dokumenten zufolge bezahlte Syngenta auch regelmäßig »verbündete Dritte«, die als unabhängige Unterstützer auftraten; der Konzern führte eine Liste von 130 Personen und Gruppen, die als Experten gewonnen werden könnten, ohne ihre Verbindungen zum Konzern offenzulegen.

 

Andere von Hayes früheren Ergebnissen inspirierte Studien ergaben ebenfalls, dass Atrazin bei Humanstudien Föten schädigen und bei Männern die Anzahl der Spermien mindern könnte. Eine Studie der Indiana University ergab Hinweise auf vermehrte Geburtsfehler bei Kindern von Frauen, die in Gebieten lebten, in denen das Wasser stark mit Atrazin belastet war.

 

Der Fall in Holiday Shores führte zu einer Sammelklage, die 2012 nach achtjährigem Rechtsstreit endlich entschieden wurde. Syngenta erkannte sich zwar nicht für schuldig (das tun Konzerne nie), willigte aber 2013 ein, 105 Millionen Dollar für den Betrieb von Filteranlagen in über 1000 kommunalen Wasserversorgungssystemen in Illinois, Missouri, Kansas, Indiana, Iowa und Ohio zu bezahlen.

 

2012 entschied die EPA, Atrazin beeinträchtige die geschlechtliche Entwicklung von Fröschen nicht. Damals lagen bereits 75 veröffentlichte Studien zu dem Thema vor, doch die EPA berücksichtigte die meisten bei ihrer Entscheidungsfindung nicht, weil sie angeblich den 2003 von der Behörde formulierten »Qualitätsanforderungen nicht genügten«. Ähnlich argumentierte die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, als sie die Séralini-Studien über das Unkrautvernichtungsmittel Roundup diskreditierte.

 

Die Schlussfolgerung der EPA beruhte weitgehend auf einer Reihe von Studien, die von Syngenta finanziert und von Werner Kloas, Endokrinologe an der Humboldt-Universität in Berlin, durchgeführt wurden. Einer der Koautoren war Alan Hosmer, ein Syngenta-Wissenschaftler, dessen Aufgabe laut einer Leistungsbewertung unter anderem in der »Verteidigung von Atrazin« und »Einflussnahme bei der EPA« bestand. In einem anderen Aufsatz, der in der Zeitschrift Policy Perspectives erschien, kritisierte Jason Rohr, Ökologe an der University of South Florida, der einem EPA-Gremium angehört hatte, die »lukrative Industrie des ›Mietens von Wissenschaftlern‹, die angestellt werden, um Daten anzufechten«. Wie er schrieb, habe eine von Syngenta bezahlte Prüfung der Atrazin-Literatur vermutlich über 50 Studien falsch dargestellt und 100 bis 140 unrichtige oder irreführende Aussagen enthalten, von denen »96,5 Prozent günstig für Syngenta schienen«.

 

 

 


 

 

 

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