Wednesday, 24. August 2016
11.05.2015
 
 

Russland, die Türkei und der neue Griechenland-Sirtaki

F. William Engdahl

Die Europäische Union hat das seltene Talent, unfehlbar Eigentore zu schießen. Unter dem Druck einer russophoben Regierung in Washington und diverser russophober EU-Regierungen wurde letztes Jahr in Brüssel entschieden, bilaterale Vereinbarungen zwischen dem russischen Staatskonzern Gazprom und EU-Ländern wie Griechenland und Bulgarien zu blockieren. Die Vereinbarungen betrafen den Kauf von Gas, das über eine neue russische Pipeline geliefert werden sollte. Die Pipeline, die South Stream heißen sollte, war als südliches Gegenstück zur North Stream geplant, über die Gas nach Deutschland strömt.

 

Aus Sicht der Neokonservativen in Obamas State Department und Pentagon hätte das zu so engen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der EU und Russland geführt, dass Amerikas Erpressungspotenzial gegenüber der EU signifikant gemindert worden wäre. Die EU-Kommission verstößt offen gegen sämtliche rechtlichen Prinzipien, wenn sie versucht, rückwirkend neue Gesetze durchzusetzen, gegen die Gazprom angeblich verstoßen habe. Darüber hinaus zwang sie letztes Jahr die schwache bulgarische Regierung, aus dem Vertrag mit Gazprom auszusteigen.

 

Begeistert entwickelten die Russophoben in Washington Fantasievorstellungen, wie sie mit Russlands Verbündetem Iran einen Atomvertrag abschließen könnten, der Teheran dazu verleiten würde, Russland zu hintergehen und iranisches Gas aus dem weltgrößten Erdgasfeld South Pars zu verkaufen – über eine andere Pipeline durch die iranische Stadt Basargan an der Grenze zur Türkei, von wo das Gas über die Türkei nach Griechenland und Italien geliefert werden sollte.

 

Anders als das gescheiterte amerikanische Projekt Nabucco-Pipeline, für die es nicht genug Erdgas gab, hätte die persische Pipeline – wenn der Iran so dumm wäre, sie von Washington kontrollieren zu lassen – genügend Gas, auf jeden Fall genug, um Russlands Position auf dem EU-Markt zu schwächen. Diese Märkte wurden bisher von der Gazprom über ältere ukrainische Pipelines beliefert.

 

Putin zwingt die EU, Farbe zu bekennen

 

Wie bereits im vergangenen Dezember betont, erwischte Russlands Präsident Wladimir Putin die EU auf dem falschen Fuß, als er während eines Türkei-Besuchs das Ende des Gazprom-EU-Projekts South Stream verkündete. Er präsentierte eine Alternative, bei der russisches Gas über die Türkei direkt ins EU-Mitgliedsland Griechenland geliefert würde. Drei EU-Staaten konnten »mitmachen oder es sein lassen«. Der Vorteil für die Gazprom und Russland besteht darin, dass sie nicht für den Bau der benötigten Pipelines in der EU verantwortlich wären.

 

Als Putin die Entscheidung bekanntgab, erklärte er unverblümt: »Wenn Europa es nicht realisieren wird, dann wird es nicht realisiert. Wir werden den Strom unserer Energieressourcen in andere Regionen der Welt umleiten. Wir konnten von Bulgarien nicht die erforderlichen Genehmigungen erhalten, also können wir das Projekt nicht fortführen. Wir können nicht alle Investitionen vornehmen, nur um an der bulgarischen Grenze gestoppt zu werden.

 

Natürlich ist es die Entscheidung unserer Freunde in Europa.« Mit South Stream wäre die Belieferung an die südlichen EU-Länder, darunter Bulgarien, Ungarn, Österreich, Italien, Kroatien und auch Serbien gesichert gewesen. Die bestehenden Transit-Pipelines durch die Ukraine wären damit überflüssig geworden.

 

Heute, nicht einmal sechs Monate später, haben Russland und die Türkei einen Vertrag über die Lieferung von Gazprom-Gas über eine neue, bereits im Bau befindliche »Turkish Stream«-Pipeline unter Dach und Fach gebracht. Am 7. Mai erklärte Gazprom-Chef Alexei Miller: »Laut der getroffenen Vereinbarung soll die Lieferung russischen Gases entlang der Turkish Stream im Dezember 2016 beginnen.« Zuvor war Miller mit dem türkischen Minister für Energie und Rohstoffe, Taner Yıldız, zu einem Gespräch zusammengetroffen. Die neue Pipeline verläuft über die Türkei zu einem Gasknoten an der türkisch-griechischen Grenze, von dem aus das Gas an europäische Kunden weiter verteilt wird.

 

Ein geopolitisches Sahnehäubchen

 

Nur wenige Minuten nach Abschluss der russisch-türkischen Vereinbarung machte Putin – dem Vernehmen nach ein ausgezeichneter Schachspieler – einen meisterhaften geopolitischen Zug in das EU-Desaster namens Euro-Zone. Wie das griechische Nachrichtenjournal Capital.gr berichtete, führte er am selben Tag, als Millers Türkei-Vertrag abgeschlossen wurde, ein offenbar sehr freundliches Telefongespräch mit Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras.

 

Nach dem Gespräch gab Putins Büro eine Erklärung heraus; Putin habe Tsipras versichert, Russland sei bereit, Griechenland Geld zur Verfügung zu stellen, wenn sich das Land an dem Turkish-Stream-Projekt in die EU beteilige. In der Erklärung des Kreml hieß es: »In dem Zusammenhang bestätigte die russische Seite ihre Bereitschaft, die Finanzierung für staatliche und private Unternehmen, die sich an dem Projekt beteiligen, in Erwägung zu ziehen.«

 

Nach Tsipras‘ Gesprächen mit Putin am 8. April in Moskau dementierte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow einen Spiegel-Bericht, wonach die beiden sich darauf geeinigt hätten, dass Moskau der klammen griechischen Regierung einen Barvorschuss von fünf Milliarden Dollar gewähren würde, die Zusage beruhe auf erwarteten zukünftigen Gewinnen in Verbindung mit der Pipeline. Damals betonte der griechische Energieminister, Athen werde Moskau ab 2019, wenn die Pipeline den Betrieb aufnehmen soll, das Geld zurückzahlen.

 

Das war am 8. April. Springen wir nun zum 7. Mai und dem Abschluss des Vertrags über die Russia-Turkish-Stream, dann deutet heute alles darauf hin, dass es auch eine russisch-griechische Einigung gibt, Athen den Barvorschuss zu überweisen, bevor die griechische Regierung Kredite an IWF und EU zurückzahlen muss, um weitere »Unterstützung« von EU und EZB zu erhalten. Der Unterschied war eindeutig der Abschluss über die Turkish Stream. Jetzt haben EU-Bürokraten in Brüssel mit Sicherheit neue schmerzhafte Blähungen – im Englischen treffend »gas pains« genannt –, wenn Putin dem geopolitisch wichtigen Türkei-Vertrag ein griechisches Sahnehäubchen aufsetzt.

 

Wenn Russlands Barvorschuss an Tsipras tatsächlich durchkommt, kann nicht nur Athen einen Sirtaki tanzen. Dieses Mal wird es ein Tanz, bei dem ein Russe den Part des Alexis Sorbas übernimmt, nämlich Putin und nicht der Mexikaner Anthony Quinn. Wolfgang Schäuble, Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker haben drei Optionen: Sie können beschließen, an der Seitenlinie zu stehen und den Takt zum sinnlichen neuen Sirtaki zu klatschen.

 

Oder sie können mittanzen, wenn sie Washingtons Erpressung über eine Verlängerung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland zurückweisen. Oder sie boykottieren den Tanz und sinken tiefer in eine neue Euro-Krise.

 

Die aktuellen Panikverkäufe auf den deutschen Anleihemärkten zeigen, dass die Berliner Regierung gut beraten wäre, sich eine ganz neue Choreografie für ihre europäische Strategie zu überlegen. Der alte atlantische NATO-Tanz wird rapide zum Totentanz für Deutschland und Europa. Putins Sirtaki würde für Europa und die Welt viel mehr Spaß bedeuten.

 

 

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (23) zu diesem Artikel

12.05.2015 | 22:41

jonathan

Das Griechenland mit der EU va banc spielt, war von vorn herein klar. Der griechische Finazminister, - Wirtschaftsprofessoer - ist kein Dummkopf, dass da unterschwellige Verhandlungen laufen, sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock.r. Putin ist ein hervorragender Schachspieler, der spielt mit Hirn was man von den verblödeten und gierigen Eu-Dummköpfen leider nicht sagen kann. Er stellt die Weichen besetzt die richtigen Positionen und wartet im Hintrrund auf de nächsten Zug...

Das Griechenland mit der EU va banc spielt, war von vorn herein klar. Der griechische Finazminister, - Wirtschaftsprofessoer - ist kein Dummkopf, dass da unterschwellige Verhandlungen laufen, sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock.r. Putin ist ein hervorragender Schachspieler, der spielt mit Hirn was man von den verblödeten und gierigen Eu-Dummköpfen leider nicht sagen kann. Er stellt die Weichen besetzt die richtigen Positionen und wartet im Hintrrund auf de nächsten Zug es Gegners Alle Hochachtung dieser beiden Interlektuellen Staatsmänner, den verblödeten EU-Dienern eine Breitseite zu verpassen.


12.05.2015 | 14:18

ctzn5

... wobei der us-botschafter aus GR abgezoogen wird, obwohl der gasknotenpunkt nur bis zur griechischen grenze geht und - gemäss den eu-regelungen - kein Putin / Miller / Gasprom der welt vorhat, "seine" pipes im unioneuropa zu verlegen. ganz schön widersprüchlich, diese us-armleuchtende weltherrschaft. korrekter wäre, den botschafter aus TR abzuziehen.


12.05.2015 | 12:33

jeanette

tousch´e fuer putin ! http://rt.com/business/257701-greece-russia-brics-invitation/


12.05.2015 | 10:08

Livia

Weiterhin auf die USA zu setzen ist wie heute eine Passage auf der Titanic zu buchen! Wenn endlich die EU die NATO samt US-Einflüsterung und Militär entsorgen würden, hätten die sogar keinen Grund mehr, die Ukraine weiter zu destabilisieren!!! Dann können sie ihren Truppen Skier kaufen und versuchen Rußland von Alaska aus anzugreifen.


12.05.2015 | 09:35

jeanette

....na Hans, gott sei dank kommt es auf ihren glauben nicht an. ich weiss, dass putin das spiel schon lange durchschaut hat im gegensatz zu ihnen. hat er doch bewiesen, dass er sich nicht wie wir , hinter die fichte fuehren laesst. deswegen wurde dem ifw auch eine abfuhr beim "ankuscheln" in die neue asiatische bank erteilt. das sind alles trojanische pferde, die der us gesteuerte westen plante. ein guter schachzug die griechen mit der neuen us untreuen regierung dort...

....na Hans, gott sei dank kommt es auf ihren glauben nicht an. ich weiss, dass putin das spiel schon lange durchschaut hat im gegensatz zu ihnen. hat er doch bewiesen, dass er sich nicht wie wir , hinter die fichte fuehren laesst. deswegen wurde dem ifw auch eine abfuhr beim "ankuscheln" in die neue asiatische bank erteilt. das sind alles trojanische pferde, die der us gesteuerte westen plante. ein guter schachzug die griechen mit der neuen us untreuen regierung dort unter den schuetzenden fluegel zu nehmen. die verweifelten amis kochen!


12.05.2015 | 08:11

Fritz - Ulrich Hein

Irgendwie passt doch alles zusammen: Die Amis schulen in den Hinterhöfen Russlands ausländisches Militär (um diese auf NATO-Einsätze vorzubereiten), dann läuft eine ganze Armada an Kriegsschiffen (Russland + China) zu Übungen ins Mittelmeer aus und die USA zogen gestern, 11.Mai 2015 ihren Botschafter aus Athen ab. Grund: Er hätte nicht genug Druck auf die griechischen Politiker ausgeübt, um sie abhängiger von der US-Wirtschaft zu machen. Und gleichzeitig verlautete, dass...

Irgendwie passt doch alles zusammen: Die Amis schulen in den Hinterhöfen Russlands ausländisches Militär (um diese auf NATO-Einsätze vorzubereiten), dann läuft eine ganze Armada an Kriegsschiffen (Russland + China) zu Übungen ins Mittelmeer aus und die USA zogen gestern, 11.Mai 2015 ihren Botschafter aus Athen ab. Grund: Er hätte nicht genug Druck auf die griechischen Politiker ausgeübt, um sie abhängiger von der US-Wirtschaft zu machen. Und gleichzeitig verlautete, dass Deutschland Israel einen Kauf von mehreren Kriegsschiffen mit 160 Mio. Euro finanziert, dessen Vertrag heute, 12.5.15 in Kiel unterzeichnet wird. Israel würde die Kriegsschiffe benötigen, um ihre Interessen bei Öl- und Gasvorkommen im Mittelmeer zu vertreidigen. Ein Puzzle, dass aneinandergefügt, ein unfriedliches Bild ergibt.

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