Monday, 29. August 2016
08.09.2008
 
 

Russland, Europa, die USA und die Grundsätze der Geopolitik

F. William Engdahl

Jetzt, wo Einzelheiten darüber ans Licht kommen, was strategisch bei der Krise in Georgien und allgemein auf dem Kaukasus auf dem Spiel steht, wird deutlicher, dass Moskau zu einem »Rollback« entschlossen ist, allerdings nicht auf die Grenzen der Stalinzeit und des Kalten Kriegs ab 1948. Putin und Medwedew haben vielmehr damit begonnen, das höchst gefährliche Potential der NATO-Ausweitung zu entschärfen, die die Kriegsfalken in Washington seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 betreiben. Hätte Washington ungehindert seine Pläne durchsetzen können – wonach es bis zu dem überraschenden Nein zu einer NATO-Mitgliedschaft Georgiens von nicht weniger als zehn europäischen Mitgliedern der Allianz, darunter Deutschland und Frankreich, beim NATO-Gipfel im Februar aussah –, dann befände sich Georgien heute zusammen mit der Ukraine im Aufnahmeprozess für die NATO-isierung. Dies hätte der vollständigen militärischen und wirtschaftlichen Einkreisung Russlands Tür und Tor geöffnet. In mancher Hinsicht ist es unerheblich, wer in der Nacht des 8. August in Südossetien den ersten Schuss abgefeuert hat. Klar ist, dass Russland auf einen solchen Schuss gut vorbereitet war. Um die Ereignisse zu verstehen, müssen wir zu den Grundlagen der US-amerikanischen oder anglo-amerikanischen Strategie ab 1945 zurückgehen. Dagegen wendet sich Russland mit seiner Antwort auf den georgischen Angriff.

Allgemeine Grundlagen der Geopolitik

Nur Wenigen ist bewusst, dass der Architekt der amerikanischen »Grand Strategy« nach 1945 ein britischer Staatsbürger war: Sir Halford Mackinder. Mackinder, der seit Erscheinen seines richtungweisenden Aufsatzes von 1904 mit dem Titel The Geographical Pivot of History (etwa: Geographie als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte) der führende Stratege des britischen Empires war, hat definiert, wie die Vereinigten Staaten die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg dominieren könnte. Er hielt dies in einem Beitrag in Foreign Affairs, der führenden außenpolitischen Zeitschrift der USA, fest.

In seinem Foreign-Affairs-Artikel vom Juli 1943, d.h. kurz vor seinem Tod, als bereits feststand, dass die Vereinigten Staaten das Britische Empire in der Nachkriegswelt ablösen würden, legte Mackinder dar, wie strategisch bedeutsam es für die amerikanische Globalstrategie sein werde, das von Mackinder sogenannte »Heartland« (»Herzland«) zu kontrollieren. Als das Herzland definierte er den Norden und das Innere Euro-Asiens, im Wesentlichen die Länder Russland, Ukraine, Weißrussland – die damals zur UdSSR gehörten. Für Mackinder lag die strategische Bedeutung des Herzlands in seiner besonderen Geographie, der größten Flachland-Ebene der Welt, großen schiffbaren Flüssen und riesigen Weideflächen.

Mackinder verglich die strategische Bedeutung Russlands im Jahre 1943 mit der Frankreichs von 1914 bis 1918: »Russland folgt in wesentlichen Punkten dem Beispiel Frankreichs, aber in größerem Maßstab; seine offenen Grenzen liegen im Westen anstatt im Nordosten. Im derzeitigen Krieg ist die russische Armee entlang dieser offenen Grenze aufgestellt. Im Rücken liegt die riesige Fläche des Herzlands, das zur Verteidigung in der Tiefe und als Rückzugsgebiet dient.« Mackinder schärfte seinen politisch interessierten Lesern in den USA ein: »… wenn die Sowjetunion aus diesem Krieg als Eroberer Deutschlands hervorgeht, dann wäre es die größte Landmacht der Welt …, die Macht in der stärksten Verteidigungsposition. Das Herzland ist die größte natürliche Festung der Welt.«1

 

Der britische Vater der Geopolitik, Harold Mackinder, hielt das russische Eurasien für die »Schlüssel«-macht, die man kontrollieren müsse.

 

In dem wenig bekannten Aufsatz deutete Mackinder weiterhin an, Westeuropa, vor allem Deutschland mit seiner Industrie, das für die anglo-amerikanische Hegemonie eine Herausforderung darstellte, würde am besten durch ein feindseliges Herzland UdSSR im Osten und ein militärisch starkes Amerika auf dem Atlantik unter Kontrolle gehalten. In gewisser Weise war es gleichgültig, ob diese UdSSR noch freundliche Beziehungen zu Washington unterhielt oder im Kalten Krieg der Feind war. In jedem Fall würde es Westeuropa in Schach halten, und es nach 1945 zur amerikanischen Einflusszone machen.

 

Amerikanische Kriegspläne gegen Moskau nach 1945

Wie ich in meinem neuen Buch Apokalypse jetzt! darlege, das sich mit der heutigen US-Militärpolitik nach der Auflösung des Warschauer Pakts vor 17 Jahren beschäftigt, erwogen sowohl US-Präsident Harry Truman als auch Churchill einen direkten Angriff auf das Herzland, sobald Deutschland im Zweiten Weltkrieg kapituliert hatte.2

Nur durch ein Veto der USA gegen Churchills geopolitischen Plan wurde der Beginn des Kalten Kriegs um drei Jahre verzögert. Es ist für Viele nicht leicht zu verstehen, dass der Kalte Krieg zu einem erheblichen Teil eine US-amerikanische geopolitische Strategie war, die Nachkriegs-Weltordnung dadurch zu kontrollieren, dass man ein feindliches Russland und ein feindliches China in Asien nach dem Koreakrieg benutzte, um den militärischen Schutz der USA durch die NATO und durch verschiedene asiatische Verteidigungsbündnisse in Asien in der Nachkriegswelt zu etablieren.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre konfrontierte die Politstrategen in Washington plötzlich mit einem großen Dilemma. Ihr »Feindbild« – der sowjetische Bär – war plötzlich verschwunden. China war Wirtschaftspartner. Nach einer Phase vorsichtiger beiderseitiger Abrüstung gab es keinen Grund mehr für den Fortbestand der NATO.

Für US-Strategen wie Barack Obamas Berater Zbigniew Brzezinski bedeutete der Wegfall des Feindbildes Russland eine strategische Bedrohung für die weitere Vorherrschaft einer »Einzigen Supermacht Amerika«. In einem Aufsatz in Foreign Affairs hatte Brzezinski, der wie Henry Kissinger implizit und sogar explizit Mackinders geopolitische Ideen in der Formulierung der US-Außenpolitik umgesetzt hat, 1997 das Ziel der US-Außenpolitik nach dem Kalten Krieg umrissen:

Da Amerika nunmehr zur einzigen globalen Supermacht geworden ist, ist eine umfassende Strategie für Eurasien unumgänglich geworden.

Die Mehrzahl der politisch durchsetzungsfähigen und dynamischen Staaten der Welt liegt in Eurasien. Im Laufe der Geschichte kamen alle, die globale Machtansprüche erhoben, aus Eurasien. Die bevölkerungsreichsten Bewerber um regionale Hegemonie, China und Indien, liegen in Eurasien, ebenso wie alle potentiellen Herausforderer der politischen oder wirtschaftlichen Vormachtstellung Amerikas. … In Eurasien leben 75 Prozent der Weltbevölkerung, es produziert 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und besitzt 75 Prozent der globalen Energiereserven. Insgesamt übersteigt das Machtpotential Eurasiens sogar das Amerikas.

Eurasien ist ein Superkontinent, die Achse der Welt. Eine Macht, die die Vorherrschaft in Eurasien hätte, übte entscheidenden Einfluss auf zwei der produktivsten Weltregionen aus, auf Westeuropa und Ostasien. Ein Blick auf die Karte zeigt zudem, dass ein Land mit einer dominierenden Rolle in Eurasien fast automatisch auch den Mittleren Osten und Afrika kontrollieren könnte. … Die Entwicklung der Machtverteilung auf der eurasischen Landmasse hat entscheidende Bedeutung für Amerikas globale Vormachtstellung und sein historisches Erbe.

... In nächster Zukunft sollten die USA den herrschenden geopolitischen Pluralismus in Eurasien festigen und absichern. Diese Strategie setzt vorrangig auf politisches Vorgehen und diplomatische Manipulation, damit das Entstehen einer feindlichen Koalition verhindert wird, die zu einer Herausforderung für die amerikanische Vormachtstellung werden könnte, ganz zu schweigen von der entfernten Möglichkeit, dass ein anderer Staat diese anstreben könnte ...3

 

Mackinder und die Bush-Doktrin

Unter dem Strich ist die US-Außenpolitik – egal, ob unter George H.W. Bush mit Anleitung Henry Kissingers, unter Clinton oder unter George W. Bush – Mackinders Orientierung gefolgt, die in Brzezinskis Erklärung zum Ausdruck kommt: nämlich dem Prinzip »teile und herrsche«, und der Politik des Machtgleichgewichts. Zu verhindern, dass irgendeine »rivalisierende Macht« oder Machtgruppe in Eurasien die Dominanz der USA als Einzige Supermacht »herausfordern« könnte, wurde im September 2002, ein Jahr nach dem 11. September, in der offiziellen National Security Strategy of the United States festgeschrieben.4

Die Politik der Bush-Doktrin ging so weit, zum ersten Mal einen »präemptiven« Krieg zu rechtfertigen, wie beispielsweise den Angriff auf den Irak 2003. Damit sollten ausländische Regimes gestürzt werden, die angeblich die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohten, und zwar auch dann, wenn sie keine unmittelbare Bedrohung darstellten. Mit dieser Doktrin hat die US-Außenpolitik für einen Großteil der zivilisierten Welt definitiv ihre Legitimität verloren.

Seit 2002 droht Washington unablässig mit verdeckten Regimewechseln; die besten Beispiele dafür sind die indirekte Errichtung NATO-freundlicher Regimes in Georgien und der Ukraine 2003 und 2004. Washington hat unter Bruch des bei einem Treffen zwischen James Baker III und dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow ausgehandelten Einvernehmens gehandelt, wonach die USA als Gegenleistung für Moskaus Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur NATO-Mitgliedschaft dieses wiedervereinigten Deutschlands zugesichert hatten, die Grenzen der NATO nicht weiter ostwärts zu verschieben.5

In Washington hatte man anscheinend plötzlich das diplomatische Gedächtnis verloren, denn 1991 begannen Vertreter wie John McCains außenpoltischer Guru Randy Scheunemann, ein führender neokonservativer Kriegsfalke, ihren Werbefeldzug, um Polen, die Baltischen Staaten, die Tschechische Republik und andere Mitgliedsstaaten des ehemaligen Warschauer Pakts in die NATO zu integrieren. Es ist wohl keine Überraschung, dass Moskau den Braten roch und verständlicherweise darüber alarmiert war.

Als Washington schließlich Anfang 2007 ankündigte, sein Verteidigungs»aufgebot«, US-Raketen eingeschlossen, in Polen und in der Tschechischen Republik zu stationieren, reagierte der damalige Präsident Putin mit lauten Protest. Seine Äußerungen wurden von den stets wachsamen US-Medien weitgehend zensiert, man berichtete nur über die »schockierten« Kommentare amerikanischer Vertreter auf die feindliche Reaktion Russlands auf die US-Raketenpläne.

Washington konterte mit der lächerlichen Behauptung, die Einrichtungen in Polen und in der Tschechischen Republik seien nötig, um die amerikanischen Sicherheitsinteressen im Fall eines möglichen Atomangriffs durch den Iran zu verteidigen. Putin entlarvte den Schwindel dieser angeblichen Verteidigung gegen einen Angriff durch den Iran, indem er eine Alternative vorschlug, nämlich die US-Abfangraketen in Aserbaidschan, das weit näher an Teheran liegt, zu stationieren. Bush war davon völlig überrascht und sprachlos. Aber Washington ignorierte einfach die Option Aserbaidschan und baute die Anlagen in Polen und der Tschechischen Republik weiter auf.6

Was nur sehr wenige Menschen wissen, die nicht dem engen Kreis der Militärstrategen angehören: die Raketenabwehr, und sei sie noch so primitiv, ist – in den Worten eines amerikanischen Raketenabwehrstrategen – »das fehlende Bindeglied zu einer atomaren Erstschlagsfähigkeit«.7 Wenn die USA an Russlands Grenzen eine Raketenabwehr stationieren können und Russland über keine derartigen Anlagen verfügt, dann haben die USA den Dritten Weltkrieg gewonnen und sind in einer Position, Russland die Konditionen einer bedingungslosen Kapitulation, seiner Zersplitterung und seiner völligen Auflösung diktieren zu können. Kein Wunder also, dass Putin politisch interveniert hat. Die Strategen in Moskau wissen genau, was hinter den US-amerikanischen Militärabenteuern seit den 1940er-Jahren steht.

 

Eurasische Geopolitik nach dem 8. August 2008

Dies alles führt uns zurück zu den Konsequenzen des russischen Einschreitens nach dem 8. August 2008 in Georgien, zu dem, was Russland mit seinem sofortigen entschlossenen militärischen Eingreifen und der anschließenden Verkündung der »Fünf Punkte der russischen Außenpolitik« durch Präsident Medwedjew erreicht hat. Einige westliche Kommentatoren sprechen bereits von der »Medwedjew-Doktrin«. Zu diesen fünf Punkten gehört neben der erneuten Versicherung, Russland sehe sich an die Prinzipien des Völkerrechts gebunden, die schlichte Erklärung, »die Welt muss multipolar sein«.

Medwedjew wörtlich: »Eine unipolare Welt ist inakzeptabel. Wir werden keine Vorherrschaft zulassen. Wir können keine Weltordnung akzeptieren, in der ein Land alle Entscheidungen trifft, auch kein so ernst zu nehmendes und einflussreiches Land wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Solch eine Welt ist instabil und konfliktanfällig.« Nachdem er versichert hatte, Russlands wünsche friedliche und freundliche Beziehungen mit Europa, den USA und anderen Ländern, und außerdem angekündigt hatte, russische Bürger würden beschützt, »überall, wo sie sich aufhalten«, kam Medwedjew zum entscheidenden fünften Punkt: »Wie andere Länder hat auch Russland besondere Interessen in bestimmten Regionen. In diesen Regionen liegen Länder, mit denen uns eine gemeinsame Geschichte verbindet und denen wir als Freunde und gute Nachbarn verbunden sind. Wir werden unserer Arbeit in diesen Regionen besondere Aufmerksamkeit widmen und freundliche Verbindung mit diesen Ländern, unseren engen Nachbarn, pflegen.«8

 

Russlands Präsident Medwedjew hat fünf Punkte der russischen Außenpolitik dargelegt, in denen er eine einzige globale Supermacht ablehnt und eine strategische Interessensphäre Russlands definiert.

 

Wenn wir die jüngsten außenpolitischen Schritte Russlands betrachten, die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens als souveräne und unabhängige Staaten, dann bekommt das Abkommen mit Tadschikistan vom 29. August besondere Bedeutung, wonach Russland seine Präsenz auf dem tadschikischen Flughafen Gissar ausbauen kann. Das Abkommen an sich war schon ein schwerer Schlag für Washingtons geopolitische Strategie in Eurasien. Das entfernte zentralasiatische Land Tadschikistan, das von Uranexporten nach Russland abhängt und einen großen Teil seines Einkommens durch das Geschäft mit Heroin bezieht, hatte sich nach 2005 näher in die strategische Nähe Washingtons begeben. Angesichts der russischen Reaktion in Georgien hielt es Präsident Emomali Rahmon, der Tadschikistan diktatorisch regiert, allerdings für das Sicherste für sein Land, engere Verbindungen mit Moskau statt mit Washington zu unterhalten.

Die Regierung des NATO-freundlichen ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko (der durch die »Orangene Revolution« an die Macht gekommen war), brach am 3. September zusammen. Juschtschenko zog sich aus der Regierungskoalition zurück, nachdem sich Premierministerin Julia Timoschenko geweigert hatte, dem Präsidenten in seiner Unterstützung für Georgien und der Verurteilung Russlands wegen des jüngsten Südossetien-Konflikts zur Seite zu stehen. Juschtschenko beschuldigte Timoschenko des »Verrats und politischer Korruption«, weil sie seine US-freundliche Haltung nicht teilen wollte. Ein weiterer Grund für seinen Rückzug war die Verabschiedung neuer Gesetze, die Timoschenkos Partei in der De-facto-Koalition durchgesetzt hatte, mit denen dem Präsidenten das Vetorecht bei der Kandidatenauswahl für das Amt des Premierministers entzogen und ein Verfahren über eine Amtsenthebung des Präsidenten eingeführt wurde. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti hat der ehemalige pro-russische ukrainische Premierminister Viktor Janukowitsch, der jetzt Chef der Partei der Regionen ist, erklärt, er schließe die Bildung einer parlamentarischen Mehrheit mit dem Block Julia Timoschenkos nicht aus. Ein solcher Schritt könnte möglicherweise die gesamte Frage eines NATO-Mitgliedsbegehrens der Ukraine vom Tisch fegen.

 

Die ukrainische Premierministerin Timoschenko könnte in den nächsten Tagen über das Schicksal der Ukraine bestimmen.

 

Die US-amerikanische Globalstrategie ist in der Krise, und Moskau spürt das offensichtlich. Die Vereinigten Staaten haben einfach nicht die Macht, mit dem Krieg im Irak und zunehmend auch Afghanistan fertigzuwerden. Beide waren als wichtiger Teil einer amerikanischen Politik zur Kontrolle der eurasischen Rivalen, besonders Russland und China, gedacht. Ein militärisches Eingreifen über simples Säbelrasseln gegen Russland in Georgien hinaus hat sich für Georgiens Nachbarstaaten nun als völliger Bluff erwiesen.

In der Fortführung bedeutet die derzeitige US-amerikanische Politik einen Krieg gegen den Islam und nicht gegen Russland. Das Zusammentreffen von US-Präsidentschaftswahl, einer sich täglich verschlimmernden verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrise und des Glaubwürdigkeitsverlusts der US-Außenpolitik seit dem Amtsantritt der Regierung Bush 2001 hat anderen Mächte den Raum verschafft, Mackinders schlimmsten Albtraum zu verwirklichen: Ein russisches Herzland, das nicht nur lebensfähig, sondern auch in der Lage ist, strategische Beziehungen zu knüpfen; und zwar nicht durch Waffengewalt wie in der Zeit des Kalten Krieges, sondern durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und Handel, wie z.B. mit China, Kasachstan und anderen Mitgliedern der Shanghai Cooperation Organization (SCO).

Washington hat sich strategisch gefährlich verrechnet, und das nicht nur in Georgien. Es begann schon 1990, als es möglich gewesen wäre, durch friedliche wirtschaftliche Zusammenarbeit Brücken zwischen den OECD-Staaten und Russland zu bauen. Stattdessen sandten George Bush sen. und die USA die NATO und den IWF nach Osten und schufen wirtschaftliches Chaos, Ausbeutung und Instabilität. Offensichtlich hielten sie dies für den besseren Weg.

 

_______________

Quellen:

 

[1] Sir Halford J. Mackinder, The Round World and the Winning of the Peace, New York Council on Foreign Relations, Foreign Affairs, Jahrg. 21, Nr. 4, Juli 1943, S. 599–601.

[2] Zwar galten sie noch immer als Alliierte, aber schon während des Zweiten Weltkriegs begannen die USA mit der Vorbereitung eines Krieges gegen die Sowjetunion. Im Sommer 1945, am Ende der Potsdamer Konferenz, hatten die USA heimlich einen Plan zum »Erstschlag« in einem Atomkrieg entwickelt. Zu diesem Zweck wurde am 19. Juli 1945 das Geheimdokument JCS 1496 entworfen. Der erste Plan für einen atomaren Angriff wurde kurze Zeit später auf Anordnung von Präsident Truman von General Dwight Eisenhower entwickelt. Der Plan mit Namen TOTALITY (JIC 329/1) sah einen Atomangriff auf die Sowjetunion mit 20 bis 30 Atombomben vor. Mit einem ersten Schlag sollten 20 sowjetische Städte ausradiert werden: Moskau, Gorki, Kubischew, Swerdlowsk, Nowosibirsk, Omsk, Saratow, Kazan, Leningrad, Baku, Taschkent, Scheljabinsk, Nischni Tagil, Magnitogorsk, Molotow, Tiflis, Stalinsk, Grosny, Irkutsk und Jaroslawl. Details in Michio Kaku und Daniel Axelrod, To Win a Nuclear War: The Pentagon's Secret War Plans, Boston, South End Press, 1987, S. 30–31. Die geheime Strategie des Pentagon seit Ende des Kalten Krieges, die Modernisierung der US-Atomstreitmacht und der Einsatz einer Raketenabwehrtechnologie ist nur die moderne Fassung einer 1945 in Gang gesetzten Politik: die sogenannte Full Spectrum Dominance der Welt, durch die Zerstörung der einzigen potentiellen Widerstandsmacht – Russland.

[3] Zbigniew Brzezinski, A geostrategy for Eurasia, New York Council on Foreign Relations, Foreign Affairs, September/Oktober 1997.

[4] Condoleezza Rice, u.a., National Security Strategy of the United States, Washington D.C., National Security Council, 20. September 2002.

[5] Philip Zelikow und Condoleezza Rice, Germany Unified and Europe Transformed, Cambridge, Harvard University Press, 1995, S. 180–184. Der damalige US-Botschafter in Moskau, Jack Matlock, bestätigte in einem persönlichen Gespräch mit dem deutschen Forscher Hannes Adomeit von der Stiftung Wissenschaft und Politik des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheitsfragen, er sei bei den Gesprächen dabei gewesen und habe in seinem Tagebuch festgehalten, dass US-Außenminister James Baker III gegenüber dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow gesagt habe, »jede Ausweitung der NATO-Zone ist unakzeptabel«. Merkwürdigerweise erwähnt Baker dieses Versprechen in seinen Memoiren nicht.

[6] Richard L. Garwin, Ballistic Missile Defense Deployment to Poland and the Czech Republic, A Talk to the Erice International Seminars, 38th Session, 21. August 2007, unter www.fas.org/RLG/. Garwin, ein führender Rüstungswissenschaftler in den USA, zeigt, wie verlogen die Begründung der US-Regierung für die Raketenpolitik ist, S. 17. Garwin fragt: »Gibt es Alternativen zum Einsatz in der Tschechischen Republik? Ja …, ein Ägeis-Kreuzer in der Ostsee und ein weiterer im Mittelmeer könnten Europa genauso gut vor iranischen Raketen schützen.« Garwin kommt auch zu demselben Schluss wie Putin: die US-Raketen richten sich direkt gegen Russland.

[7] Robert Bowman, Lt. Col. und ehemaliger Chef der SDI-Forschung unter Präsident Ronald Reagan, zitiert in: National Security Council Institutional Files, POLICY FOR PLANNING THE EMPLOYMENT OF NUCLEAR WEAPONS, 17. Jan. 1974, NSDM 242, unter: http://64.233.183.104/search?q=cache:xHvc_74xiroJ:nixon.archives.gov/find/textual/presidential/nsc/institutional/finding_aid.pdf+NSDM-242+henry+kissinger+role+in&hl=en&ct=clnk&cd=3&gl=de&client=firefox-a

[8] RIA Novosti, »Medwedjew umreißt fünf Hautpunkte der zukünftigen Außenpolitik«, 31. August 2008.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Russland, der Iran und die Georgien-Krise

F. William Engdahl

Es wird noch sehr wenig verstanden, welche Folgen der kürzlich mit amerikanischer Ermunterung geführte georgische Militärschlag gegen Südossetien für die gesamte Nahostpolitik haben wird; und das gilt nicht nur für die Politik Russlands in dieser Krisenregion, sondern auch für die der USA und Israels. Nach dem militärischen Zusammenstoß vom 8.  mehr …

Russland, die Ukraine, die NATO und die Schwarzmeerflotte

F. William Engdahl

Zwischen Russland und der Ukraine sowie mit der NATO gibt es wachsende Spannungen, weil die Regierung der Ukraine wiederholt damit gedroht hat, die russische Schwarzmeerflotte aus den von der Ukraine gepachteten Marinestützpunkten zu verbannen. Die jüngsten Spannungen zeigen erneut, wie stark die hochriskante NATO-Politik Washingtons den Frieden  mehr …

Full Spectrum Dominance: Der Plan des Pentagons zur Kontrolle des Internets

F. William Engdahl

Zu der Strategie, die das Pentagon selbst als »Full Spectrum Dominance« bezeichnet, gehören nun auch Pläne, die Internet-Kommunikation zu kontrollieren. Der Plan ist Teil der sogenannten »Information Operations«. Wenn es gelingt, die Pläne in die Tat umzusetzen, würde das Leben auf der Erde mit einem Schlag viel stärker kontrolliert. Der Krieg  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

»Krebsschaden« US-Finanz-Oligarchie: Privatbanken, Manipulationen, Kriege und das in Sicht kommende Ende der amerikanischen Hegemonie

Thomas Mehner

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise dokumentiert es: Das von vielen »Experten« hoch gelobte westliche Finanzsystem, das seinen Ursprung in Großbritannien und den USA hat, ist nicht in der Lage, stabile Verhältnisse zu garantieren. Stattdessen werden immer wieder »Blasen« geschaffen, die mit schöner Regelmäßigkeit platzen und die  mehr …

Russland, der Iran und die Georgien-Krise

F. William Engdahl

Es wird noch sehr wenig verstanden, welche Folgen der kürzlich mit amerikanischer Ermunterung geführte georgische Militärschlag gegen Südossetien für die gesamte Nahostpolitik haben wird; und das gilt nicht nur für die Politik Russlands in dieser Krisenregion, sondern auch für die der USA und Israels. Nach dem militärischen Zusammenstoß vom 8.  mehr …

Russland, die Ukraine, die NATO und die Schwarzmeerflotte

F. William Engdahl

Zwischen Russland und der Ukraine sowie mit der NATO gibt es wachsende Spannungen, weil die Regierung der Ukraine wiederholt damit gedroht hat, die russische Schwarzmeerflotte aus den von der Ukraine gepachteten Marinestützpunkten zu verbannen. Die jüngsten Spannungen zeigen erneut, wie stark die hochriskante NATO-Politik Washingtons den Frieden  mehr …

Mackinders Albtraum: Russland und China errichten strategische Partnerschaft

F. William Engdahl

Die aggressive Außenpolitik der Regierung Bush–Cheney seit dem Beginn ihres »Kriegs gegen den Terrorismus« im September 2001 hat zu einer strategischen Kombination geführt, die das genaue Gegenteil dessen darstellt, was Amerikas Neokonservative eigentlich erreichen wollten. Anstatt den USA weiterhin das Vorrecht einzuräumen, gegen jeden nur  mehr …

Full Spectrum Dominance: Der Plan des Pentagons zur Kontrolle des Internets

F. William Engdahl

Zu der Strategie, die das Pentagon selbst als »Full Spectrum Dominance« bezeichnet, gehören nun auch Pläne, die Internet-Kommunikation zu kontrollieren. Der Plan ist Teil der sogenannten »Information Operations«. Wenn es gelingt, die Pläne in die Tat umzusetzen, würde das Leben auf der Erde mit einem Schlag viel stärker kontrolliert. Der Krieg  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.