Dienstag, 22. August 2017
14.04.2016
 
 

Russland, Iran und Aserbaidschan verständigen sich auf bahnbrechenden Verkehrskorridor

F. William Engdahl

Da sich die westlichen Mainstreammedien derzeit vor allem auf das jüngste Aufflackern der militärischen Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan im anhaltenden Konflikt über die gebirgige armenische Enklave Bergkarabach in Aserbaidschan konzentrieren, ist ihnen eine wichtige Ankündigung des russischen Außenministers Sergei Lawrow weitgehend entgangen. Nach den Gesprächen mit seinen iranischen Amtskollegen hatte Lawrow erklärt, man werde jetzt mit der Verwirklichung des seit Langem diskutierten Nord-Süd-Verkehrskorridors entlang des Kaspischen Meeres beginnen. Bedeutsam ist hierbei, dass auch Aserbaidschan einer Beteiligung an dem Vorhaben zugestimmt hat. Dies deutet darauf hin, dass es der russischen Diplomatie auf der Grundlage des Konzepts der Entwicklung der wirtschaftlichen Infrastruktur wieder einmal gelungen ist, den Bestrebungen Washingtons, zur Aufrechterhaltung seiner im Niedergang begriffenen weltweiten Vormachtstellung in aller Welt Kriege vom Zaun zu brechen, zunächst einmal einen Riegel vorzuschieben.

 

Nur wenige Stunden nachdem Aserbaidschan im Rahmen des Konflikts um Bergkarabach seine Pläne für einen umfassenden Militäreinsatz aufgegeben hatte – obwohl der zunehmend verzweifelte türkische Präsident Erdoğan offen auf einen solchen drängte –, sagte der russische Außenminister Sergei Lawrow vor zahlreichen Medienvertretern, Russland, der Iran und Aserbaidschan hätten sich darauf geeinigt, Gespräche zur Umsetzung des Nord-Süd-Verkehrskorridors aufzunehmen. Begleitet wurde Lawrow dabei von seinem iranischen Amtskollegen Jawad Zarif und dem aserbaidschanischen Außenminister Elmar Mamamdyarow.

 

»Wir haben über Fragen im Bereich der konkreten Zusammenarbeit gesprochen. Wir stimmten überein, dass unsere jeweiligen betreffenden Behörden nun damit beginnen werden, bestimmte praktische Aspekte der Verwirklichung des ›Nord-Süd‹-Verkehrskorridors entlang der Küste des Kaspischen Meeres im Detail zu erörtern.

 

Diese Maßnahmen sehen die Beteiligung der Verkehrsministerien vor, die sich hinsichtlich der technischen und finanziellen Parameter des Vorhabens absprechen sollen.

 

Dies schließt auch eine zukünftige Zusammenarbeit der Zollbehörden und Konsulate ein. Darauf haben wir uns heute verständigt«, sagte Lawrow.

 

Die Vervollständigung des Goldenen Dreiecks


Diese Vereinbarung zwischen Russland, dem Iran und Aserbaidschan stellt einen gewaltigen Schritt in Richtung Stabilisierung des größten Wirtschaftsraumes der Welt – des Eurasischen Kernlandes – dar. Diese Großregion, so wurde der führende britische Geopolitiker Sir Halford Mackinder im Rahmen seiner sogenannten »Heartland«-Theorie seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht müde zu warnen, bedeute die einzige wirkliche Bedrohung der anhaltenden Vorherrschaft des britischen Empire und seiner amerikanischen Erben, des Amerikanischen Jahrhunderts.

 

Dieser direkte moderne Verkehrskorridor, der seit Beginn der ersten Gespräche im Jahr 2002 als »Nord-Süd-Verkehrskorridor« bekannt ist, soll letztlich Indien, den Iran und Aserbaidschan mit den Ländern und Märkten der Eurasischen Wirtschaftsunion verbinden, zu der nicht nur Armenien, sondern auch Russland, Kasachstan, Kirgisistan und Weißrussland gehören.

 

Diese Verkehrsverbindungen werden die Volkswirtschaften ganz Eurasiens von Russland bis hin zu Indien, das ebenfalls der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) angehört, umgestalten. Zu den Mitgliedern der SCO, deren strategische Bedeutung ständig wächst, gehören China, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan. In diesem Jahr werden Indien und Pakistan formell als Vollmitglieder aufgenommen, und es wird erwartet, dass man auch dem Iran, der gegenwärtig noch einen Beobachterstatus innehat, nach der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen noch in diesem Jahr eine Vollmitgliedschaft anbietet.

 

Chinas Staatspräsident Xi Jingping erklärte während seiner wichtigen Gespräche im Januar in Teheran, sein Land unterstützte eine iranische Vollmitgliedschaft. Beide Länder stimmten formell einer iranischen Beteiligung an dem Jahrhundertprojekt der Neuen Seidenstraße »One Belt, One Road« zu, das in ganz Eurasien unter der Führung Chinas vorangetrieben wird. Mit dem Verkehrskorridor Teheran–Moskau liefert der Iran nun das letzte fehlende Teilstück des Goldenen Dreiecks Peking/Teheran/Moskau – ein wichtiger wirtschaftlicher und geopolitischer Fortschritt.

 

Volkswirtschaftliche Folgen des Verkehrskorridors


Die endgültige Errichtung des Nord-Süd-Verkehrskorridors wird den Wirtschaftraum ganz Eurasiens maßgeblich umgestalten.

 

Zu diesem Verkehrskorridor gehören moderne Wasserstraßen, Eisenbahntrassen und Straßennetze, auf denen dann Güter zwischen Indien, dem Iran, Aserbaidschan, Russland und Zentralasien transportiert werden können. Und sollte die Europäische Union wieder zur Vernunft kommen, die Unterstützung für die ukrainische Kriegsregierung einstellen und die Sanktionen gegen Russland fallenlassen, wäre auch eine Anbindung der dahinsiechenden Volkswirtschaften der EU möglich. Der neue Korridor wird einige der weltweit größten Städte wie Mumbai, Moskau und Teheran mit der iranischen Hafenstadt Bandar Anzali miteinander verbinden. Und von dort geht es dann weiter etwa zum russischen, am Kaspischen Meer gelegenen Hafen Astrachan an der Mündung der Wolga.

 

Im Jahr 2014 fanden erste Probeläufe für zwei Routenverläufe statt. Die erste Route verlief von Mumbai über den iranischen Hafen an der strategisch wichtigen Straße von Hormus, einer wichtigen Meerenge des Persischen Golfs, durch die Erdöl und Flüssigerdgas verschifft werden, bis nach Baku. Die zweite Route verlief von Mumbai über Bandar Abbas am Persischen Golf, Teheran und den iranischen Hafen Bandar Anzali am Kaspischen Meer zum russischen Hafen Astrachan. Mit diesen Probeläufen wollte man wichtige Engpässe ermitteln und die damit zusammenhängenden Probleme lösen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, dass die indisch-russischen Transportkosten um »2500 Dollar pro 15 Tonnen Nutzlast« gesenkt werden konnten.

 

Nach einer anderen Studie des Indischen Verbands der Güterspediteure ist diese Route um »bis zu 30 Prozent günstiger und um 40 Prozent kürzer als die traditionellen Routen«. Die gegenwärtig übliche Route verläuft von Mumbai über das Rote Meer und den Sueskanal, das Mittelmeer und die Straße von Gibraltar bis zum Ärmelkanal und dann weiter bis nach Sankt Petersburg und Moskau. Ein Blick auf die Landkarte macht deutlich, dass diese Route in strategischer Hinsicht sehr anfällig für Sperrungen durch die NATO oder die USA ist.

 

Mit dem von den USA organisierten Staatsstreich im Februar 2014 in der Ukraine kam eine vom amerikanischen Außenministerium handverlesene Schar »proamerikanischer«, korrupter Oligarchen und Neonazis ans Ruder. Auf diese Weise sollten die Beziehungen zwischen Russland und der EU nachhaltig gestört werden. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Pläne für den Nord-Süd-Verkehrskorridor erst einmal zurückgestellt wurden.

 

Da gegenwärtig das Infrastrukturprojekt der Neuen Seidenstraße »One Belt, One Road« konkrete Formen annimmt, eröffnete der Nord-Süd-Verkehrskorridor unter Beteiligung Russlands, des Irans und Aserbaidschans zusätzlich nun die Möglichkeit eines integrierten wirtschaftlich, politisch und militärisch zusammenhängenden Großraums, der schon bald den Beginn eines, wie es spätere Historiker einmal nennen werden, Eurasischen Jahrhunderts markieren könnte, da das Amerikanische Jahrhundert und damit die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstandene weltweite amerikanische Vorherrschaft dabei sind, ähnlich wie das Römische Weltreich im vierten nachchristlichen Jahrhundert, unterzugehen. Wieder einmal beweist der Osten sein enormes schöpferische Potenzial, während der Westen offenbar nur eines erfolgreich kann: zerstören.

 

 

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