Samstag, 29. April 2017
02.07.2016
 
 

Russland, Türkei, Israel und ein neues Machtgleichgewicht

F. William Engdahl

Es hieß einmal, die Natur verabscheue das Vakuum. Für die Geopolitik gilt das tatsächlich. Die Mehrheit der britischen Bürger hat dafür gestimmt, das dysfunktionale Konstrukt namens Europäische »Union« zu verlassen. Das ist ein Symptom für etwas viel Tieferreichendes, etwas Tektonisches. Ein großer Damm ist gebrochen, jetzt verändern die herausbrechenden Fluten die Welt. Der Damm war die vermeintliche Unbesiegbarkeit Washingtons und der Vereinigten Staaten als einziger globaler Supermacht, des Welt-Hegemons, der verzweifelt versucht, sich gegen den Strom zu stellen. Entstanden ist das Vakuum durch den rasanten Abstieg der USA als Weltmacht und es sorgt rund um den Globus für Reaktionen. Die vielleicht überraschendste ist die scheinbare Annäherung von Wladimir Putin, Bibi Netanjahu und ausgerechnet Recep Tayyip Erdoğan.

 

Die Entwicklungen auf internationaler Bühne laufen rasch ab. Und den USA gelingt es seit Jahren nicht, überzeugend, positiv und konstruktiv die Führung zu übernehmen. Das gilt insbesondere seit dem September 2001. So entwickelt sich zügig ein Szenario, das man getrost als schlimmsten Albtraum Washingtons und der Oligarchen, die die amerikanische Hauptstadt kontrollieren, bezeichnen kann – das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts.

 

Obwohl der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im April das britische Volk »angewiesen« hat, in der EU zu bleiben, kommt es jetzt zum Brexit. Es ist also möglich, sich erfolgreich gegen das Diktat aus Amerika aufzulehnen. Und nun reden auch noch Russland, Israel und ausgerechnet die Türkei miteinander.

Sie sprechen über Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einer Vielzahl von Bereichen, über Erdgas-Pipelines nach Europa, über ein Ende der militärischen und politischen Unterstützung, die die Türkei dem Islamischen Staat zukommen lässt, und über Wege, wie die drei Nationen nachrichtendienstliche Informationen austauschen und gemeinsam auf ein Ende des Konflikts in Syrien hinwirken können. Nachdem im November 2015 ein türkischer Militärjet über dem syrischen Luftraum ein russisches Kampfflugzeug abschoss und Erdoğan sich weigerte, eine Entschuldigung auszusprechen, wären derartige Gespräche völlig undenkbar gewesen.

 

US-Außenminister John Kerry und US-Vizepräsident Joe Biden haben in den vergangenen Monaten viel Mühe auf die Aufgabe verwendet, eine Annäherung zwischen Israel und der Türkei herbeizuführen. Zum Teil ging es dabei auch um die Energiepolitik: Die Türkei ist stark abhängig vom russischen Erdgaskonzern Gazprom, eine Annäherung an Israel würde den Weg dafür öffnen, diese Abhängigkeit mit israelischem Gas aus dem riesigen Leviathan-Feld zu verringern.

 

Am 27. Juni, wenige Tage nach der Brexit-Wahl, verkündeten Israel und die Türkei, man habe sich versöhnt. Nach sechs Jahren Feindseligkeit wollen die beiden Nationen künftig wieder ein ganz normales Verhältnis führen. Im Rahmen eines umfassenden Abkommens vereinbarten die Länder, in geheimdienstlichen Belangen und in Sicherheitsfragen zu kooperieren, gemeinsame Militärmanöver abzuhalten und in Energie- und Rüstungsprojekte zu investieren.

Das gut mit dem israelischen Geheimdienst vernetzte Weblog Debkafile schreibt, die jüngste Übereinkunft sei Teil einer größeren Agenda ähnlicher Vereinbarungen zwischen Israel, der Türkei, Ägypten und Jordanien. Ziel sei es, den bei der Regierung Obama, bei Hillary Clinton und bei David Petraeus so beliebten Muslimbrüdern den Garaus zu bereiten. Die Muslimbrüder standen im Mittelpunkt meines Buchs Amerikas heiliger Krieg. Die Bruderschaft pflegt seit den frühen 1950er-Jahren eine sehr enge Verbindung zur CIA und ist die Mutterorganisation, der in den 1980er-Jahren die afghanischen Mudschahedin entsprangen, bin Ladens al-Qaida, die Al-Nusra-Front in Syrien und der IS. Sie scheinen heutzutage überall zu sein.

 

Zentraler Bestandteil des Abkommens zwischen Israel und der Türkei ist, dass die Türkei beträchtliche Mengen israelischen Gases vom Offshore-Feld Leviathan bezieht.

Der Bär in der Suppe

 

Wie bereits gesagt, hat John Kerry sehr intensiv daran gearbeitet, dass Israel und die Türkei ihr Verhältnis zueinander normalisieren. Am 26. Juni bestellte er Netanjahu nach Rom, um das gerade verkündete Abkommen mit der Türkei zu finalisieren. Washingtons Motive bei dieser Angelegenheit sind alles andere als friedlicher Natur. Aktuell deckt die Türkei 60 Prozent ihres Erdgasbedarfs in Russland. Und dieses Gas soll die Türkei künftig aus Israel beziehen, geht es nach den USA. Außerdem sollen Israelis und Türken in Syrien gemeinsame Sache gegen Baschir al-Assad machen. Dadurch soll Washington via Syrien die Erdgas- und Erdöl-Pipelines im Nahen Osten unter Kontrolle bekommen können. Seit fünf Jahren bemüht sich Washington nun in dem aus dem Ruder gelaufenen Konflikt um diesen großen geopolitischen Preis.

 

Insofern kann man sich vorstellen, wie grün John Kerry um die Nase geworden sein muss, als er erfuhr, dass sich in Sachen Türkei und Israel noch mehr tat. Erdoğan entschuldigte sich öffentlich (und angeblich auf Drängen Israels) dafür, dass im November 2015 der russische Jet abgeschossen wurde. Er stimmte Entschädigungszahlen an den russischen Staat und an die Familie des getöteten Piloten zu. Kurzum: Erdoğan tat etwas, womit keiner gerechnet hatte. Er entschuldigte sich öffentlich und erfüllte alle Bedingungen, die Russland für eine Wiederaufnahme normaler diplomatischer Beziehungen gestellt hatte. Wenn einem etwas die Dinge verhagelt, spricht man auch davon, dass jemand eine Fliege in der Suppe gefunden hat. Für Kerry, Washington und Washingtons Oligarchen ist Putin gerade zum großen russischen Bären in dem Süppchen geworden, das sich die USA im Nahen Osten kochen.

Die Türkei entschuldigt sich, Russland eröffnet Gespräche

 

Am 27. Juni, also an dem Tag, als die Wiederannäherung zwischen Israel und der Türkei verkündet wurde, erklärte Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Wladimir Putin eine Botschaft habe zukommen lassen. Darin spricht er sein Bedauern über den Abschuss des russischen Kampfjets aus. Er sprach der Familie des getöteten Piloten sein Mitgefühl und sein tief empfundenes Bedauern aus und bat sie um Verzeihung. Weiter stimmte die Türkei zu, eine Entschädigung zu zahlen. Der türkische Präsident hat also auf ganzer Linie klein beigegeben.

 

Es gab Meldungen, denen zufolge Israel diese Annäherung eingefädelt hat, etwas, das definitiv nicht auf der Tagesordnung Washingtons stand. Offenbar haben in den vergangenen Monaten stetig herzlicher werdende Treffen zwischen Israels Premier und Putin in Russland stattgefunden. Die Übereinkunft, die sich nun zwischen Russland, der Türkei und Israel abzeichnet, schafft völlig neue und komplexe Realitäten, und sie hat Auswirkungen weit über Syrien oder die Gasfelder der Region hinaus.

 

Ende April schrieb ich über das Treffen zwischen Netanjahu und Putin: »Nach Berichten der staatlichen russischen Medien diskutierten Netanjahu und Putin jedoch auch über eine mögliche Rolle, die das russische Staatsunternehmen Gazprom, der größte Förderer und Vermarkter von Erdgas auf der Welt, als Teilhaber auf dem israelischen Erdgasfeld Leviathan spielen könnte.

 

Die russische Beteiligung an der ins Stocken geratenen Erschließung des israelischen Gasfeldes würde das finanzielle Offshore-Risiko der israelischen Gasunternehmen verringern und die Sicherheit der Gasfelder erhöhen, da die russischen Verbündeten, die Hisbollah im Libanon oder der Iran nicht wagen würden, gegen russische Joint Ventures vorzugehen.

 

Wenn die russischen Berichte zutreffen, könnte das auf einen wichtigen neuen Schritt von Putins Energie-Geopolitik im Nahen Osten hindeuten, einen, der Washington eine schwere Niederlage bei seinen zunehmend ungeschickten Manövern zur Beherrschung des Weltzentrums für Öl und Gas zufügen könnte.«

 

Und genau das scheint gerade zu geschehen. Erdoğan unternimmt nicht etwa antirussische Schritte, indem er Gazprom vor die Tür setzt und auf israelisches Gas umsteigt, vielmehr sprechen Russland, Israel und die Türkei nun darüber, ihre Kräfte zu bündeln und gemeinsam den gewaltigen Gasmarkt der EU ins Visier zu nehmen. Erdoğan könnte sich seinen Traum erfüllen, dass die Türkei zu einem Drehkreuz für Erdgas aufsteigt und Gas sowohl aus Israel als auch aus Russland über türkisches Territorium nach Europa fließt. Dass er den Drang verspürt, Gas aus Syrien oder dem Irak zu stehlen, bleibt davon unberührt.

 

In einem früheren Bericht, der inzwischen nicht mehr online steht, hatte Debkafile gemeldet, im Rahmen der Vereinbarung zwischen Putin und Erdoğan werde die Türkei ihre verdeckte Unterstützung für den IS in Syrien einstellen. Vermutlich werden die Russen auch wieder erlauben, dass russische Touristen in die Türkei reisen. Das bisherige Verbot kam die türkische Wirtschaft teuer zu stehen.

 

Die Einzelheiten der von Israel vermittelten Wiederannäherung zwischen Erdoğan und Putin wurden offenbar in Geheimgesprächen hinter den Kulissen vereinbart. Dafür spricht, dass am 27. Juni, am selben Tag also, als sich Erdoğan bei Russland entschuldigte, der Gazprom-Sprecher Sergei Kuprijanow Interfax sagte, man sei offen, was Gespräche über das Projekt »Turkish Stream« anbelangt, eine Pipeline, die über den Grund des Schwarzen Meeres führen soll. Ende 2015 hatte Präsident Putin die Gespräche zu »Turkish Stream« abgebrochen. Das war Teil der Sanktionen, die Moskau nach dem Abschuss des Jets gegen die Türkei verhängt hatte.

 

Man stelle sich vor, dass beides Realität wird: Russlands Gazprom beteiligt sich an der Erschließung des israelischen Leviathan-Felds, inklusive einer Pipeline zur Türkei, über die in einem Joint-Venture mit Gazprom israelisches Gas in die EU fließt. Gleichzeitig lebt das türkisch-russische Projekt »Turkish Stream« wieder auf und leitet russisches Gas unter dem Schwarzen Meer hindurch in die Türkei und von dort weiter zur griechischen Grenze. Als Ergebnis dieser beiden Entwicklungen würde Russland viel stärker dastehen im Nahen Osten, der instabilsten Region der Welt, wobei deren Instabilität schlichtweg damit zusammenhängt, dass es sich um die Region mit den größten bekannten Vorkommen an Erdöl und Erdgas handelt. Gleichzeitig schwindet mit jeder Stunde der Einfluss der USA in der Region.

 

Vielleicht ist es kein Zufall: Keine 48 Stunden, nachdem sich die Russen und die Türken versöhnten und die Dreiergespräche zwischen Israel, Russland und der Türkei publik wurden, ereignete sich ein schweres Selbstmordattentat auf dem internationalen Flughafen von Istanbul. Über 40 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Am selben Tag wurden aus der russischen Provinz Dagestan nach längerer Pause wieder Angriffe des IS gemeldet. Russische Sondereinsatzkräfte führen nun in drei Gebirgsregionen entlang der Grenze von Dagestan zu Tschetschenien Antiterroroperationen durch. Richtet hier John Kerry unter falscher Flagge Erdoğan und Putin gleichermaßen beste Grüße aus? Falls ja, wäre das eine reichlich schäbige Methode.

 

 

 

 

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