Wednesday, 23. May 2012
21.03.2009
 

Russland und China halten gemeinsame Militärmanöver ab

F. William Engdahl

Seit dem Ende des Kalten Krieges Anfang der 1990er-Jahre war es das unausgesprochene Ziel der US-Außenpolitik, jedwede engere wirtschaftliche und vor allem militärische Kooperation zwischen den großen Staaten auf dem eurasischen Kontinente zu verhindern – das galt vor allem für Russland und China. Die Ironie der Geschichte: Gerade wegen der unilateralen Politik der USA in den letzten acht Jahren haben Russland und China trotz schwerwiegender Gegensätze und eines tiefsitzenden Misstrauens zu einer strategischen Zusammenarbeit gefunden. Diesen Sommer werden Russlands Streitkräfte zum zweiten Mal mit der chinesischen Volksbefreiungsarme gemeinsame Manöver in China abhalten. Der Westen sollte sich im eigenen Interesse darum bemühen, die Bedeutung dieser Maßnahme zu verstehen.

Wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte, werden in diesem Sommer gemeinsame russisch-chinesische Manöver stattfinden. Diese Peace Mission 2009, die im Nordosten Chinas stattfinden, sind die zweiten gemeinsamen Militärübungen dieser beiden Staaten. Das erste bilaterale Manöver, eine »Friedensmission« zur Abwehr terroristischer Gefahren, war im August 2005 in der östlichen chinesischen Provinz Shandong abgehalten worden. Dabei wurden neben 10.000 Soldaten – darunter Einheiten der Marineinfanteristen und Fallschirmjäger – auch Kriegsschiffe und die Luftwaffe beider Seiten eingesetzt.

 

Russland und China rücken enger zusammen, während die NATO ihre Präsenz in Zentralasien ausweitet.

 

Das chinesische Verteidigungsministerium erklärte, Zweck der gemeinsamen Manöver sei die »Entwicklung einer strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China«. Über diese Begründung sollte man sorgfältig nachdenken. Wie ich in meinem Buch Apokalypse jetzt! darlege, besteht das Hauptziel der US-Außenpolitik seit den 1960er-Jahren darin, einen Keil von Misstrauen und Feindschaft zwischen China und Russland zu treiben und damit sicherzustellen, dass die beiden größten Mächte in Eurasien sich vorwiegend miteinander beschäftigen und daher von außen leichter im Interesse der USA manipuliert werden können.

Die Übereinkunft, diesen Sommer wieder eine gemeinsame Militärübung abzuhalten, wurde bei dem Treffen der Verteidigungsminister beider Staaten im letzten Jahr getroffen.

 

 

Die afghanische Bedrohung für Russland und China

Noch ist unklar, wie weit die hohen Militärs in Russland und China gehen werden, um sich der wachsenden strategischen Bedrohung zu erwehren, die von der militärischen Präsenz der US-Truppen in Zentralasien, insbesondere in Afghanistan, ausgeht. Den führenden russischen Geostrategen ist klar, dass die von der Obama-Administration pressewirksam bekanntgegebene Entscheidung, das militärische Engagement der USA in Afghanistan zu erhöhen, nichts mit einem US-amerikanischen Wunsch zu tun hat, in diesem geostrategisch so wichtigen Land den Frieden zu erringen und die Voraussetzungen für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. Vielmehr geht es dabei vor allen Dingen um die Realsierung der Pentagon-Pläne, einen amerikanischen Brückenkopf in Zentralasien – das die Planungschefs im Pentagon als »Groß-Zentralasien« (Greater Central Asia) bezeichnen –   aufzubauen, der es den NATO-Truppen erlauben würde, eine gewisse militärische Kontrolle über Russland und China auszuüben und eine engere Zusammenarbeit dieser beiden eurasischen Mächte zu verhindern.

 

US-Militärbasen umzingeln Russland seit 1990.

 

Afghanistan-Experten definieren derzeit drei verschiedene »Taliban«-Gruppierungen in Afghanistan. Die sogenannten »schwarzen« Taliban bestehen aus ausländischen Söldnern, die angeworben wurden, um in diesem Land ständig für Spannung und Unruhe zu sorgen. Ihnen geht es nur um ihren Sold, d.h. ums Geld, und nicht um Afghanistan. Diese »schwarzen« Taliban – beileibe keine Afghanen – sind für die meisten Terroranschläge verantwortlich und dienen darüber hinaus als idealer Vorwand, die Präsenz der NATO-Truppen in Afghanistan aufrechtzuerhalten bzw. auszuweiten. Die zweite Taliban-Gruppierung, die sogenannten »grauen« Taliban, sind Afghanen, die im Zuge eines 30 Jahre währenden Bürgerkriegs Berufssoldaten geworden sind und jetzt dafür kämpfen, die Besatzungstruppen aus ihrem Land zu werfen. Die dritte Gruppe, die »weißen« Taliban, werden von den Afghanen gebildet, die ab und an zu den Waffen greifen, um ihre Familien in einem völlig ruinierten Land zu schützen.

Das aktuelle Vorgehen der NATO-Truppen in Afghanistan ist vielschichtig. Das Land ist geostrategisch exzellent positioniert, um Russland, China und den Iran beobachten, d.h. überwachen zu können. Mit der Besetzung Afghanistans kann man die Integration und Kooperation der ehemaligen sowjetischen GUS-Staaten Eurasiens nach Kräften hintertreiben, wenn nicht sogar verhindern. Damit kann die USA außerdem die Energielieferungen aus dem kaukasisch-kaspischen Raum und Zentralasien kontrollieren. Schließlich bietet Afghanistan jetzt der NATO eine Militärbasis in Chinas Rücken.

Die Militärstrategen in Russland und China wissen das alles nur zu gut. Die jetzt wieder aufgeflammte Diskussion über die Verbindungswege nach Afghanistan sind eine neue Phase der Politik, die in der Geschichte von den britischen Geopolitikern das Great Game, das »Große Spiel« zur Erringung der Kontrolle über Eurasien genannt wurde. Das ist die wahre Bedeutung der neuen gemeinsamen Militärmanöver von Russland und China, und diese Tatsache wird in den Massenmedien nicht erwähnt – weder jetzt, noch in Zukunft. Wie der frühere Berater von US-Präsident Obama, Zbigniew Brzezinski, schon vor einem Jahrzehnt schrieb, ist Zentralasien »der geopolitische Hauptpreis für Amerika«. Russland und China sind verständlicherweise nicht allzu sehr darauf erpicht, Washington diesen Preis kampflos zu überlassen.

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