Schon vergessen? Die Bedeutung globaler Nahrungsmittelsicherheit
F. William Engdahl
Die in den letzten Tagen aus Mozambique gemeldeten Unruhen als Reaktion auf gestiegene Getreidepreise sowie die Entscheidung der russischen Regierung, das bestehende Exportverbot für Getreide zu verlängern, sind ein Hinweis darauf, dass weltweit die Getreidereserven für Notfälle zwei Jahre nach der Preiskrise bei Getreide von 2008 bedenklich knapp geworden sind. Doch die Regierungen der USA und der EU wollen sich nicht damit konfrontieren, wodurch dieser Notstand eigentlich entstanden ist: Die Weltgetreidepreise werden seit einigen Jahren nicht mehr von Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern von der Wall Street mit ihrer Spekulation in eine besondere Form von Finanzderivaten, die sogenannten Getreide-Futures. Das Verhalten der Regierungen bedeutet grobe politische Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit.

Seit der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 1994 halten die EU, die USA, Kanada und andere große Industrieländer keine staatlichen Getreidereserven zur Notversorgung nach Missernten oder Naturkatastrophen mehr. Stattdessen bestimmen die sogenannten ABCD – das sind die vier großen privaten Getreidekartelle ArcherDanielsMidland (ADM), Bunge, Cargill in den USA und Dreyfus in Frankreich – nach eigenem Gutdünken über die Lagerhaltung für die Welt. Im Vorfeld der Gründung der WTO hatten diese Unternehmen eine geschickte Medienkampagne lanciert, mit der der Eindruck erweckt wurde, Steuergelder würden für den Aufbau riesiger Getreidereserven verschwendet.
Die Gruppe der ABCD setzte dagegen, sie selbst könne die Märkte der Welt besser nach den Prinzipien des »freien Marktes« versorgen, wie sie auch beim Öl gelten. Tatsächlich aber führte die private Kontrolle über Getreidenotreserven zu höheren und stärker schwankenden Preisen als je zuvor. Genau das hatten Wall-Street-Banken wie Goldman Sachs und das Getreidekartell, die an diesen Preisschwankungen Milliarden verdienen, beabsichtigt.
Russland mit seinen fruchtbaren Ackerböden ist der größte Weizenexporteur in Europa. Fast die Hälfte der Getreideanbaufläche war von den verheerenden Waldbränden betroffen, die im Juli in ganz Russland wüteten; die Ernte wird um mindestens 30 Prozent geringer ausfallen als vor einem Jahr. In der Ukraine wird sie fast 20 Prozent, in Kasachstan um möglicherweise bis zu 35 Prozent weniger betragen als im Vorjahr. Die drei Länder produzieren einen erheblichen Teil des exportierten Weizens der Welt, vor allem deshalb, weil die fruchtbare Ackerkrume noch nicht wie in den USA oder den Ländern der EU durch hochgradig industrialisierte Landwirtschaft zerstört ist.
Die beiden Länder mit den höchsten staatlichen Getreidereserven sind Indien und China. Klugerweise hält die chinesische Regierung an den Getreidereserven fest, die als vorrangig für die nationale Sicherheit betrachtet werden. China hält 35 Prozent der Gesamtweizenreserven der Welt, doch ist nicht davon auszugehen, dass China diese Reserven auflöst, um die Preise auf dem Weltmarkt zu senken. Das Gleiche gilt für Indien.
Demzufolge gilt für die Getreidereserven dasselbe wie für ein Toyota-Werk: Man arbeitet mit »just-in-time«-Lagerbeständen. Cargill und deren Freunden an der Wall Street und in London beschert dies satte Profite, dem Rest der Welt dagegen Hunger und Aufstände.
Mozambique – nur ein Vorbote?
In Mozambique sind in den letzten Tagen mehrere Menschen bei Unruhen und Massendemonstrationen gegen gestiegene Lebensmittelpreise ums Leben gekommen. Die Proteste, die auch am Donnerstag noch andauerten, waren als Reaktion auf die Erhöhung des Brotpreises um 30 Prozent ausgebrochen.
In Kamerun droht die Regierung allen Unternehmen, die sich nicht an bestehende Preisvereinbarungen für Lebensmittel halten, mit der Schließung, nachdem Verbrauchergruppen gewarnt hatten, die derzeitigen Preissteigerungen könnten zu Unruhen führen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom, die de facto
unter der Kontrolle des ABCD-Kartells steht, versichert, es gäbe keinen Grund zur Besorgnis – auch so lässt sich sicherstellen, dass die Märkte auch weiterhin vom privaten Getreidekartell und den Derivatehändlern an der Wall Street beherrscht werden. Beruhigend ist das allerdings eher nicht. Natürlich sind die Anhänger der neuen Religion des Global Warming schnell bei der Hand zu behaupten, die Lage sei das Resultat des weltweiten Temperaturanstiegs. Sie lassen dabei geflissentlich außer Acht, dass auf der Welt seit etwa 2007 eine neue Phase kälterer Temperaturen eingesetzt hat, die möglicherweise Jahrzehnte anhalten wird. Der letzte Winter auf der nördlichen Halbkugel hat davon einen Vorgeschmack gegeben.
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