Samstag, 3. Dezember 2016
01.09.2013
 
 

Syrien: Ärzte ohne Grenzen oder Ärzte ohne Skrupel?

F. William Engdahl

Nach dem weltweiten Aufschrei in den Mainstreammedien und der Forderung der Regierungen Großbritanniens, der Türkei, Frankreichs und anderer Länder nach einem militärischen Eingreifen gegen die Regierung von Baschar al-Assad in Syrien wegen einer mutmaßlichen Nervengasattacke auf mehrere Tausend Menschen in Syrien, rührt jetzt noch eine wichtige neue Stimme die Kriegstrommel im Nahen Osten.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) hat eine Pressemitteilung herausgegeben, die in großen Medien in einer Weise zitiert wird, als bestätige sie die Vorwürfe, die Mitglieder der syrischen Opposition vor einer Woche erhoben hatten.

In der Erklärung, die am 24. August von ihren Büros in New York und Brüssel herausgegeben wurde, erklärte die Organisation Ärzte ohne Grenzen: »Nach Berichten von Mitarbeitern dreier Krankenhäuser im Gouvernement Damaskus … wurden dort am vergangenen Mittwochmorgen in einem Zeitraum von weniger als drei Stunden etwa 3600 Patienten mit neurotoxischen Symptomen eingeliefert. 355 von ihnen sind nach Angaben der Krankenhausmitarbeiter gestorben

 

Weiter heißt es in der Erklärung: »›Medizinisches Personal, das in diesen Einrichtungen arbeitet, hat Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen detaillierte Informationen über eine große Zahl von Patienten mit Symptomen wie Krämpfen, übermäßiger Speichelbildung, stark verengten Pupillen, verschwommenem Blick und Atemnot zukommen lassen‹, sagt Dr. Bart Janssens, Leiter der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel.«

Doch die Organisation fügt einen Vorbehalt ein: »›Ärzte ohne Grenzen kann weder die Ursachen dieser Symptome nach wissenschaftlichen Kriterien bestimmen noch ermitteln, wer für einen möglichen Angriff verantwortlich ist‹, erklärt Janssens. ›Doch die beschriebenen Symptome der Patienten zusammen mit dem epidemiologischen Muster der Ereignisse – ein massiver Zustrom von Patienten in kurzer Zeit, der Aufenthaltsort der Patienten vor der Einlieferung, die Kontaminierung von medizinischem Personal und Ersthelfern – deuten stark auf einen massenhaften Kontakt mit einem neurotoxischen Stoff hin. Das könnte auf eine Verletzung des humanitären Völkerrechts hindeuten, das den Gebrauch von chemischen und biologischen Waffen komplett verbietet.‹«

 

War das der entscheidende Intelligence-Bericht, der die US-Regierung umstimmte, die sich zuvor anscheinend nicht sicher war, wer in Syrien was getan hatte? Auf jeden Fall erfordern die Einzelheiten und die möglichen Auswirkungen eine genauere Untersuchung.

 

Ärzte ohne Skrupel?

 

Die Geschichte der Ärzte ohne Grenzen reicht zurück zum Biafra-Krieg vor ungefähr 40 Jahren. Die Organisation wurde von dem französischen Arzt Bernard Kouchner gegründet, der später Minister in der sozialistischen Regierung von François Mitterand und 2007 Außenminister in Sarkozys konservativer Regierung wurde.

 

Kouchner, ein ehemaliger Anführer des Aufstands vom Mai 1968 in Frankreich, behauptete 1971, MSF seien die erste NGO, die medizinische Notfallhilfe leiste. Auf jeden Fall gehörte sie zu den Organisationen, die sich am stärksten politisch einmischten. Die MSF spielten eine wichtige Rolle bei den Bombenangriffen im ehemaligen Jugoslawien im Jahr 1999, demselben Jahr, in dem sie den Nobelpreis erhielten. Spätere Untersuchungen ergaben, dass es keine humanitäre Krise gegeben hatte, wie von den MSF behauptet. Doch da war Serbien bereits in Schutt und Asche gelegt und das Pentagon war emsig dabei, das Camp Bondsteel im Kosovo aufzubauen, die größte seiner Militärbasen seit dem Vietnamkrieg.

 

Das Interessanteste sind aber vielleicht Behauptungen in französischen oppositionellen Medien, wonach Kouchner enge Verbindungen zum israelischen Geheimdienst unterhält.

 

Laut Muhammad Idrees Ahmad, einem prominenten in Schottland lebenden pakistanischen Journalisten, war Kouchner »Israels Mann am Quai d’Orsay«. Letzteres ist der Sitz des französischen Außenministeriums, wo Kouchner nach 2007 wirkte. Kouchner ist nicht mehr Vorsitzender der MSF, so dass es ohne zusätzliche Beweise nicht zulässig ist, zu behaupten, die MSF seien mit dem israelischen Geheimdienst verbunden. Es ist aber nützlich, ein Muster der internationalen Einmischung der Organisation zu erstellen.

 

»Schutzverantwortung«, aber zu wessen Schutz?

 

Kouchner und seine MSF waren auch die ersten, die ein neues Dogma des Völkerrechts populär machten, die so genannte »Schutzverantwortung«, die 2011 von Frankreich und der NATO dazu genutzt wurde, Gaddafis Libyen zu zerstören. In seinem Buch von 1987 Le Devoir d’Ingérence»Die Pflicht zum Eingreifen«, argumentierte Kouchner, westliche Länder seien verpflichtet (!) und moralisch gefordert, sich im Namen des Schutzes der Menschenrechte über die Souveränität eines anderen Landes hinwegzusetzen. Das nutzte die NATO 1999 als Rechtfertigung für die Bombenangriffe in Jugoslawien und 2011 in Libyen. Jetzt sieht es so aus, als geben die MSF erneut der NATO den Antrieb, Syrien im Namen der »Menschenrechte« in Grund und Boden zu bombardieren.

 

Wer im Einzelfall bestimmt, was Menschenrechtsverletzungen sind, wird nicht gesagt. Seit den 1970er Jahren sind neu entstandene so genannte Menschenrechts-NGOs wie MSF oder Human Rights Watch, National Endowment for Democracy oder Freedom House zu wichtigen Instrumenten geworden, die viele Analysten als Organe betrachten, die weltweit verdeckte Pläne der NATO erleichtern.

 

Ärzte ohne Grenzen ist keine Ansammlung von Barfußärzten. Vermutlich sind die meisten Ärzte und Krankenschwestern, die für die MSF arbeiten, gutwillige hingebungsvolle Mediziner, die versuchen, humanitäre Hilfe zu leisten. Doch das würde auch skrupellosen Geheimdiensten ein ideales Cover verschaffen, unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe politische Operationen durchzuführen. Laut ihrem Jahresbericht von 2011 verfügen die MSF über ein Jahresbudget von fast 200 Millionen Dollar, sie arbeiten weltweit, vor allem natürlich in Krisengebieten in Afrika und Nahost, beispielsweise in Somalia, Äthiopien, Sudan, dem Irak – Regionen, in denen sich eine humanitäre Fassade für eine NATO-Intervention als nützlich erweisen könnte, um die internationale öffentliche Meinung für einen Krieg zu gewinnen.

 

Bis vor einem Jahr war Richard Rockefeller, Sohn von David Rockefeller, Vorsitzender des Beirats von Ärzte ohne Grenzen. Er ist auch Mitglied des Vorstands des Rockefeller Brothers Fund. Die Organisation erhielt Geld von der US-Regierung und von privaten Stiftungen wie der MacArthur Foundation, Starr Foundation, William and Flora Hewlett Foundation, Hess Foundation, John L. Loeb Jr. Foundation.

 

Der Fall Syrien

 

Ob die MSF heute hinsichtlich des möglichen Einsatzes von Chemiewaffen in Syrien ein doppeltes Spiel treiben, um eine französisch geführte NATO-Intervention in Syrien zu rechtfertigen, lässt sich nicht bestätigen. Es ist jedoch auffallend, dass ihre »Ergebnisse« passend just in dem Moment erscheinen, wo Frankreich, Großbritannien und andere Länder die syrische Kriegstrommel rühren. Was haben die UN-Inspekteure, die jetzt in das Gebiet des angeblichen Giftgaseinsatzes gelassen werden, zu berichten? Ist das Erscheinen des alarmierenden MSF-Berichts über 3600 Menschen in Krankenhäusern zeitlich so abgestimmt, dass die UN-Inspektoren in den Hintergrund gedrängt werden und ein zögerlicher Obama unter Druck gesetzt wird, in den Krieg einzuwilligen?

 

Im Falle eines »Präzisions«-Bombenangriffs der NATO auf mutmaßliche Lagerstätten von Chemiewaffen in Syrien würde die Bombardierung selbst höchstwahrscheinlich zur Freisetzung giftiger Chemikalien in zivilen Bezirken führen, durch die potenziell Millionen getötet oder verkrüppelt würden. Ist das Prinzip »Schutzverantwortung« heiliger als Menschenleben? Zivilschutzexperten aus Dänemark und anderen Ländern verweisen auf die Fotos angeblicher Giftgasopfer in Syrien, die derzeit die internationale öffentliche Meinung für eine »gerechte Intervention« in Syrien aufheizen. Sie weisen darauf hin, dass die Ersthelfer in direktem Kontakt mit den angeblichen Opfern keine Schutzkleidung trügen. Außerdem lässt sich nicht verifizieren, wo und wann die Fotos überhaupt gemacht wurden.

 

Auf der Grundlage dieser Behauptung und der folgenden Erklärung von Ärzte ohne Grenzen einen Krieg zu riskieren, ohne Sorge dafür zu tragen, die Fakten unabhängig zu ermitteln, ist moralisch nicht zu rechtfertigen.

 

Es könnte nützlich sein, an die Behauptungen zu erinnern, Saddam Hussein habe 1988 Chemiewaffen gegen seine eigene kurdische Bevölkerung eingesetzt, am Ende des brutalen (US-unterstützten) Iran-Irak-Kriegs. Der Bericht diente zur Rechtfertigung einer von den USA und Großbritannien verhängten »Flugverbotszone« 1991 im Irak. Eine Untersuchung des US Army War College über die Vorwürfe hat ergeben, dass 1,4 Millionen irakische Zivilisten infolge der Sanktionen gestorben sind, rund 3000 Mal mehr als die Kurden, die angeblich durch Gas in Händen von Saddam Hussein starben. Was der US-Army-Bericht ans Licht brachte, war alarmierend:

»Nach Prüfung aller uns zur Verfügung stehenden Beweise ist es uns nicht möglich, die Behauptung des State Department, bei diesem Vorfall sei Giftgas eingesetzt worden, zu bestätigen. Zum einen wurden nie Opfer präsentiert. Internationale Hilfsorganisationen, die die Kurden untersuchten – in der Türkei, wo sie Zuflucht gesucht hatten –, konnten keine finden. Auch im Irak selbst wurden keine gefunden. Die Behauptung beruht ausschließlich auf Zeugenaussagen von Kurden, die über die türkische Grenze gekommen waren, wo sie von Mitarbeitern des Auswärtigen Ausschusses des US-Kongresses befragt wurden.«

Der Bericht wurde von der Regierung George H.W. Bush begraben. Bushs damaliger Außenminister war Dick Cheney. Cheneys damaliger Stellvertreter war Paul Wolfowitz, der Architekt des Golfkriegs gegen den Irak 1991. Für alle mit einem kurzen Gedächtnis: Wolfowitz war auch der neokonservative Architekt von Bush Juniors Irak-Invasion im Jahr 2003. Washington oder zumindest die einflussreiche Fraktion der Kriegsfalken wollten den Krieg gegen den Irak.

 

 

 

 


 

 

 

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