Thursday, 30. June 2016
05.06.2010
 
 

Warum Afghanistan? Teil I: Washingtons Kriegsstrategie in Zentralasien

F. William Engdahl

Der britische »Vater der Geopolitik«, Halford Mackinder, hätte das abgelegene zentralasiatische Land Kirgisistan wohl als geopolitischen »Dreh- und Angelpunkt« bezeichnet – ein Land, das aufgrund seiner geopolitischen Charakteristik bei den Rivalitäten der Großmächte untereinander eine zentrale Position einnimmt.

Kirgisistan als geopolitischer Dreh- und Angelpunkt

Zurzeit wird das winzige Land von einem allem Anschein nach sehr gut geplanten Volksaufstand zum Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew, den die USA zuvor unterstützt hatten, erschüttert. Eine erste Analyse hatte zunächst den Schluss nahegelegt, Moskau sei mehr als nur am Rande an einem Regimewechsel in dem Land interessiert und versuche eine Art »Umkehrung« der von Washington betriebenen »Farben-Revolutionen«. Besagte Farben-Revolutionen waren die Rosen-Revolution in Georgien 2003, die Orange-Revolution in der Ukraine 2004 und die Tulpen-Revolution, durch die Bakijew 2005 an die Macht gekommen war. Bei den andauernden Machtverschiebungen in Kirgisistan lässt sich im Moment jedoch nicht mit Sicherheit sagen, wer genau welche Position einnimmt.

Auf jeden Fall aber sind die Entwicklungen dort von enormer strategischer Bedeutung für die militärische Sicherheit im gesamten eurasischen Herzland – von China bis Russland und weit darüber hinaus. Somit sind sie auch für die Vereinigten Staaten in Hinblick auf Afghanistan sowie Zentralasien und damit auch auf ganz Eurasien von strategischer Bedeutung.

 

Politisches Pulverfass

Die Proteste gegen Bakijew hatten im März begonnen, als gegen den Präsidenten und Mitglieder seiner Familie der Vorwurf extremer Korruption erhoben wurde. 2009 hatte Bakijew die Änderung des Artikels in der Landesverfassung eingeleitet, der im Falle des Todes oder des unerwarteten Rücktritts des Präsidenten dessen Nachfolge regelte. Dieser Schritt wurde allgemein als Versuch betrachtet, im Land ein »dynastisches System« der Machtübertragung einzuführen; auch dies heizte die landesweiten Proteste in Kirgisistan weiter an. Bakijew verhalf seinem Sohn und anderen Verwandten zu Schlüsselpositionen, wo sie enorme Summen scheffelten, u.a. für die Nutzungsrechte am US-Luftwaffenstützpunkt in Manas. Allein hier sollen es angeblich bis zu 80 Millionen Dollar jährlich gewesen sein. (1)

Kirgisistan zählt zu den ärmsten Ländern Zentralasiens, über 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der offiziellen Armutsgrenze. Bakijew hat seinen Sohn Maxim – der nebenbei auch noch Zeit und Mittel fand, sich in einen britischen Fußballclub einzukaufen – zum Direktor der Zentralbehörde für Entwicklung, Investitionen und Innovation des Landes ernannt, der dadurch die Aufsicht über die wichtigsten Wirtschaftsgüter des Landes erhielt, darunter auch die Goldmine von Kumtor. (2)

Ende 2009 hatte Bakijew die Steuern für kleine und mittlere Unternehmen drastisch angehoben, Anfang dieses Jahres wurden neue Steuern auf die Telekommunikation erhoben. Das größte Elektrizitätsversorgungsunternehmen des Landes wurde privatisiert; im Januar verdoppelte das nunmehr private Unternehmen – das Gerüchten zufolge für weniger als drei Prozent seines geschätzten Werts an Freunde der Familie verscherbelt worden war – die Strompreise. Auch der Preis für Heizgas wurde erhöht, und zwar bis auf das Zehnfache. Die Winter in Krigisistan sind extrem kalt.

Die Opposition wirft Maxim Bakijew vor, die vormals staatliche Telekom bei deren Privatisierung einem Freund zugeschustert zu haben, dessen Firma ihren Sitz auf den Kanarischen Inseln hat. Kurz: Die öffentliche Wut gegen Bakijew und Co. war begründet. Die Schlüsselfrage war, wer würde diese Wut erfolgreich in welche Richtung lenken können?

Erstmals war es zu Protesten gekommen, als die Regierung im März die drastische Erhöhung der Preise für Energie und Telekommunikation um ein Vierfaches angekündigt hatte, und das in einem extrem armen Land. Bei den Protesten Anfang März wurde Otunbajewa zur Sprecherin einer Einheitsfront von Oppositionsgruppen ernannt. Damals appellierte sie – offenbar erfolglos – an die US-Regierung, sich aktiver der Politik des Bakijew-Regimes in Kirgisistan und des Problems mangelnder demokratischer Standards anzunehmen. (3)

Nach Angaben informierter russischer Quellen hat Rosa Otunbajewa seinerzeit mit dem russischen Ministerpräsidenten über die sich verschlechternde Lage gesprochen. Russland hatte als erstes Land unmittelbar nach deren Bildung die Übergangsregierung Otunbajewa anerkannt. Moskau hatte 300 Millionen Dollar an finanzieller Soforthilfe zur Stabilisierung der Lage versprochen und einen Teil des russischen Kredits über 2,15 Milliarden Dollar überwiesen, der 2009 der Regierung Bakijew für den Bau eines Wasserkraftwerks am Fluss Naryn zugesichert worden war.

Ursprünglich waren die 2,15 Milliarden Dollar angekündigt worden kurz nachdem Bakijew die Absicht erklärt hatte, den US-Stützpunkt in Manas zu schließen – eine Entscheidung, die mit der Hilfe amerikanischer Dollars wenige Wochen später revidiert wurde. Aus Moskauer Sicht bestand ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der russischen Finanzhilfe und Bakijews Ankündigung der Schließung des US-Stüzpunkts in Manas.

Die letzte Tranche der von Moskau zugesagten 2,15 Milliarden Dollar über 300 Millionen, die nach der Amtsenthebung Bakijews freigegeben wurde, fließt dem Vernehmen nach direkt an die Nationalbank von Kirgisistan. (4)

Laut einem Bericht der Moskauer Nachrichtenagentur RIA Novosti hat der gefeuerte Premierminister Danijar Usenow gegenüber dem russischen Botschafter in Bishkek erklärt, russische Medien, die in dem ehemals sowjetischen Staat – dessen Amtssprache nach wie vor russisch ist – noch immer über sehr viel Einfluss verfügen, seien gegen die Regierung Bakijew-Usenow voreingenommen gewesen. (5)

Die Sicherheitskräfte der Regierung Bakijew, darunter Berichten zufolge auch auf Dächern positionierte Scharfschützen der Sondereinheiten, hatten 81 Demonstranten der Opposition getötet, die Folge war eine dramatische Eskalation der Proteste in der ersten Aprilwoche.

Das Bemerkenswerte an den Ereignissen ist, dass der Volksaufstand plötzlich praktisch ohne Vorwarnung in den internationalen Medien ausbrach, was auch darauf hindeutet, dass hinter den Kulissen weit mehr im Gang ist.

Nachdem Bakijew bei der von Washington finanzierten Tulpen-Revolution 2005 das Ruder übernommen hatte, war es wiederholt zu Protestkundgebungen gekommen. (6) An diesem von Washington finanzierten Regimewechsel waren die üblichen amerikanischen NGOs beteiligt gewesen, darunter Freedom House, The Albert Einstein Institution, The National Endowment for Democracy und USAID. (7) Bis zum April dieses Jahres war jedoch keiner dieser Proteste so sorgfältig geplant und perfekt durchgeführt worden. Die Ereignisse haben anscheinend alle überrascht, nicht zuletzt die korrupte Familie Bakijew und deren Unterstützer in Washington.

Die Reibungslosigkeit, mit der man innerhalb der ersten Stunden des Protests die Loyalität der Armee, der Polizei und der Grenztruppen gewann, lässt auf sehr genaue vorherige Planung und meisterhafte Koordination schließen. Zurzeit ist jedoch noch nicht klar, ob diese von außen geleistet wurde, und wenn ja, ob vom russischen FSB, von der CIA oder von dritter Stelle.

Als Bakijew am 7. April die Kontrolle entglitt, soll er sich sofort an die Amerikaner gewandt haben, doch angesichts des Blutbads, das seine Scharfschützen auf den Straßen angerichtet hatten und angesichts der wachsenden Wut der Menge gegen die Regierung verfrachteten die den Präsidenten und seine Familie anscheinend schleunigst in dessen Heimatstadt Osh, offensichtlich in der Hoffnung, ihn zurückzuholen, sobald sich die Lage beruhigt hätte. (8) Doch dazu kam es nicht.

Nach dem Rücktritt seiner gesamten Regierung, einschließlich der Chefs von Armee, Landespolizei und Grenztruppen, trat auch Bakijew am 16. April zurück und floh ins Nachbarland Kasachstan. Jüngsten Berichten zufolge versteckt er sich in Belarus, angeblich hat er sich den Zutritt ins Land durch mehr als 200 Millionen Dollar für den in Finanznöten steckenden weißrussischen Präsidenten Lukaschenko verschafft. (9)

Kirgisistans neue Oppositions-Übergangsregierung unter der nominellen Führung der ehemaligen Außenministerin Rosa Otunbajewa hat inzwischen erklärt, sie wolle eine internationale Untersuchung über Bakijews angebliche Verbrechen durchführen lassen. Gegen ihn, seine Söhne, seinen Bruder und weitere Angehörige ist bereits Anklage erhoben worden.

Bakijew hatte kaum eine andere Wahl als zu fliehen. Armee und Polizei hatten sich bereits Tage vor seiner Flucht auf die Seite der Otunbajewa-Opposition gestellt – ein Anzeichen dafür, dass die Ereignisse zumindest von Teilen der Opposition äußerst gut geplant waren.

 

Ein geografischer Dreh- und Angelpunkt

Kirgisistan spielt heute die Rolle eines geografischen Dreh- und Angelpunkts. Das Land hat eine gemeinsame Grenze mit der chinesischen Provinz Xinjiang, einem für Peking strategisch wichtigen Gebiet. Kirgisistan, einer der kleinsten zentralasiatischen Staaten, grenzt im Norden an Kasachstan mit seinen großen Ölvorkommen, im Westen an Usbekistan und im Süden an Tadschikistan. Darüber hinaus gehört zu Kirgisistan ein Teil des politisch angespannten, ölreichen Gebiets namens Ferghana-Tal, ein multinationales ethnisches und politisches Spannungsgebiet, das auch nach Usbekistan und Tadschikistan hineinreicht.

Das Land selbst liegt im Hochgebirge, das Tian-Shan- und das Pamir-Gebirge nehmen etwa 65 Prozent der Fläche des Staatsgebietes ein. Etwa 90 Prozent des Landes liegt mehr als 1500 Meter über dem Meeresspiegel.

An Bodenschätzen – außer der Landwirtschaft, die ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht – verfügt Kirgisistan über Gold, Uran, Kohle und Öl. 1997 wurde mit der Kumtor-Goldmine eines der reichsten Goldfelder der Welt erschlossen.

Bis vor Kurzem war die staatliche Behörde Kyrgyzaltyn Besitzerin sämtlicher Minen und betrieb viele davon als Joint Venture mit ausländischen Unternehmen. Die nahe der Grenze zu China gelegene Kumtor-Goldmine ist zu 100 Prozent im Besitz des kanadischen Unternehmens Centerra Gold, Inc. Bis zur Bakijews Amtsenthebung war dessen Sohn Maxim als Direktor des staatlichen Entwicklungsfonds auch Chef von Kyrgyzaltyn, die auch größter Aktionär von Centerra Gold ist, des kanadischen Unternehmens, dem Kumtor heute gehört ist.

Bedeutsamerweise hat Centerra in Toronto – möglicherweise auf Veranlassung des US State Department – bereits Maxim Bakijews designierten »Nachfolger« als Chef der Kyrgyzaltyn, Aleksei Eiseew, stellvertretender Direktor der staatlichen kirgisischen Entwicklungsagentur, in den geschäftsführenden Vorstand der Centerra berufen, obwohl dieser formell von den kirgisischen Wählern noch nicht im Amt bestätigt ist. (10)

Kirgisistan besitzt bedeutende Vorkommen an Uran, Antimon sowie Kohle (Letztere werden auf 2,5 Milliarden Tonnen geschätzt), die vor allem in der Region Kara-Keche im nördlichen Kirgisistan lagern.

Entscheidender als der Rohstoffreichtum ist jedoch der große Stützpunkt der US Air Force in Manas, der 2001 eröffnet worden war, nicht einmal drei Monate nachdem die USA nach den Anschlägen vom September den »Krieg gegen den Terror« erklärt hatten. Kurz danach eröffnete Russland nicht weit von Manas entfernt einen eigenen Luftwaffenstützpunkt. Heute ist Kirgisistan das einzige Land, in dem es sowohl einen amerikanischen als auch einen russischen Militärstützpunkt gibt, ein – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade beruhigender Zustand.

Insgesamt betrachtet stellt Kirgisistan mit seiner Lage im Zentrum der wichtigsten strategischen Landmasse, nämlich Zentralasien, eine geopolitischen Trumpfkarte dar, die viele Großmächte gern in der Hand hätten.

 

Washingtons politischer Eiertanz

Das US State Department hatte versucht, Bakijew zum Durchhalten zu bewegen, offensichtlich in der Hoffnung, die Protestierer zerstreuen, die Straßenkämpfe niederschlagen und ihren Tulpen-Mann an der Macht halten zu können. Hillary Clinton hatte zunächst an die parlamentarische Opposition appelliert – Minister, die gegen Bakijews Korruption und Vetternwirtschaft protestierten –, zu »verhandeln« und mit dem von den USA finanzierten Präsidentenamt Bakijew »einen Dialog zu entwickeln«. Zu diesem Zeitpunkt gab das State Department die Erklärung ab, die Regierung von Präsident Kurmanbek Bakijew sei noch im Amt, obwohl bereits der Rücktritt der gesamen Regierung gemeldet wurde. (11)

Am 7. April, auf dem Höhepunkt des Dramas, dessen Ausgang noch nicht absehbar war, erklärte P.J. Crowley als Vertreter des US State Department vor der Presse: »Wir wollen, dass sich Kirgisistan entwickelt, genauso wie andere Länder in … der Region. Doch davon abgesehen, es gibt eine amtierende Regierung, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir sind Alliierte dieser Regierung im Sinne ihrer Unterstützung, wissen Sie, für internationale Operationen in … Afghanistan.« (12) George Orwell hätte solch eine Übung in diplomatischer Doppelzüngigkeit sicherlich nur bewundern können.

Am 15. April, als deutlich geworden war, dass Bakijew im eigenen Land praktisch keine Unterstützung mehr hatte, erklärte das US State Department, man werde sich weder auf die Seite des abgesetzten Präsidenten noch auf die der parlamentarischen Opposition stellen. In einer Erklärung, die deutlich macht, welchen Eiertanz Washington in dem Versuch aufführte, es sich mit niemandem zu verderben – insbesondere in Hinblick auf den Luftwaffenstützpunkt Manas –, erklärte Phillip Crowley als Sprecher des State Departments: »Wir wünschen uns eine friedliche Lösung der Lage, wir ergreifen nicht Partei.« (13) Nach Gesprächen mit Außenministerin Otunbajewa und ihren Mitstreitern haben das State Department und Obama inzwischen die neue politische Realität wohlwollend unterstützt.

Otunbajewa, die zu Sowjetzeiten führendes Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war, wurde in der post-sowjetischen Ära erste kirgisische Botschafterin in den Vereinigten Staaten und war später als Assistentin für besondere Aufgaben für UN-Generalsekretär Kofi Annan tätig. Die Übergangsregierung Otunbajewa kündigte an, innerhalb von sechs Monaten eine neue Verfassung vorzulegen und demokratische Wahlen im Lande vorzubereiten. Die Opposition behauptet, sie habe die Lage in Kirgisistan unter Kontrolle, es werden jedoch immer Unruhen und Plünderungen außerhalb von Bischkek gemeldet. (14)

 

Wessen Staatsstreich?

Es gibt Spekulationen über eine aktive Rolle des russischen Geheimdiensts bei der »Anti-Tulpen-Revolution«, doch diese Frage muss hier offen bleiben.

Bei seinem Besuch in Washington am 14. April, als der Aufstand bereits eine Woche andauerte, äußerte sich der russische Präsident Medwedew besorgt über die Stabilität des Landes: »Es besteht die reale Gefahr, dass Kirgisistan in zwei Teile – einen nördlichen und einen südlichen – zerfällt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, unseren kirgisischen Partnern zu helfen, einen glimpflichen Ausweg aus dieser Lage zu finden.« Im schlimmsten Fall bliebe eine instabile kirgisische Regierung machtlos, während Extremisten ins Land strömten und dort ein zweites Afghanistan errichteten. (15)

Michael McFaul, Russland-Berater des Weißen Hauses, nahm am Rande der Prager Gespräche über Rüstungskontrolle folgendermaßen Stellung zu den Ereignisse in Kirgisistan: »Es ist kein antiamerikanischer Staatsstreich. So viel wissen wir mit Sicherheit; es ist auch kein von den Russen unterstützter Staatsstreich.«

Zumindest nominell könnte Washington Grund zu der Annahme haben, mit der neuen »Übergangsۍ-Führung in Kirgisistan »arbeiten« zu können.

Rosa Ontunbajewa ist in Washington gut bekannt, da sie in den 1990er-Jahren dort als Botschafterin gewirkt hatte.

Der zweite Mann in der Übergangsregierung, der ehemalige Sprecher des Parlaments Omurbek Tekebajew, der 2005 bei der Tulpen-Revolution, die Bakijew ins Amt gebracht hatte, eine maßgebliche Rolle gespielt hatte, war damals vom State Department im Rahmen eines der sogenannten »Besucherprogramme« nach Washington geholt worden. Dabei werden aufstrebenden ausländischen Politiker vermeintlich die schönen Seiten des amerikanischen »Way of Life« nahe gebracht.

Tekebajew hat damals offen über diese Erfahrung gesprochen: »Ich habe gesehen, dass die Amerikaner wissen, wie man Leute auswählt, wie man eine genaue Einschätzung über die Geschehnisse erarbeitet und Prognosen über künftige Entwicklungen und politische Veränderungen stellt.« (16)

Es gibt also Hinweise darauf, dass die jüngsten Ereignisse in Kirgisistan von Moskau möglicherweise als eine Art »Umkehrung« der Tulpen-Revolution unterstützt wurden, mit der man die wachsende amerikanische Militärpräsenz in Zentralasien unter Kontrolle halten will. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass es sich um einen zweiten von den USA gestützten Regimewechsel gehandelt hat, vielleicht weil die Regierung Obama besorgt war, ihr Mann, Bakijew, binde sich wirtschaftlich zu eng an Peking. Die dritte und am wenigsten wahrscheinliche Version ist die, dass die Ereignisse von einer bunt zusammengewürfelten und wenig organisierten Opposition im Lande gesteuert wurden, der es in den letzten fünf Jahren nie gelungen war, mehr als ein paar Tausend Menschen zu Protesten gegen Bakijews Politik auf die Straße zu bringen.

Klar ist gegenwärtig nur, dass sowohl Moskau als auch Washington äußerst bemüht sind, minimale Einigkeit über die Entwicklung im Lande zu demonstrieren.

Kanat Saudabajew, derzeit Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), erklärte am 15. April, die sichere Ausreise von Präsident Bakijew aus Kirgisistan sei das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen Obamas und des russischen Präsidenten Medwedew gewesen. (17)

Sowohl Washington als auch Moskau sind erkennbar um eine starke Präsenz bemüht, egal welche Regierung in dem krisengeschüttelten Land mit seinen fünf Millionen Einwohnern die Macht übernimmt. Weniger bekannt, aber ebenso deutlich ist, dass China ein erhebliches Interesse an stabilen Beziehungen mit Kirgisistan hat, einem Nachbarland, mit man eine lange gemeinsame Grenze teilt. Es ist also in jeder Hinsicht höchst interessant, welchen Lauf die Dinge in dem abgelegenen, aber aus geopolitischer Sicht strategisch wichtigen Land nehmen werden.

 

Was wird aus dem Luftwaffenstützpunkt Manas?

Zu den drängendsten Fragen für Washington zählt die Zukunft des wichtigen US-Luftwaffenstützpunkts Manas nahe der Hauptstadt Bischkek. US-Außenministerin Hillary Clinton betonte die »wichtige Rolle Kirgisistans, durch die Nutzung des Transitzentrums auf dem Flughafen Manas«, so eine offizielle Mitteilung des State Departments vom 11. April. Sie ließ kaum einen Zweifel daran, was für Washington in diesem Land Priorität hat – weder Demokratie noch wirtschaftliche Entwicklung. (18)

Nachdem Washington im September 2001 den Krieg gegen den Terror verkündet hatte, war dem Pentagon in mehreren strategisch wichtigen zentralasiatischen Ländern das Recht eingeräumt worden, Militärstützpunkte zu errichten, angeblich zur Unterstützung des Krieges gegen Osama bin Laden in Afghanistan. Zusätzlich zu Stützpunkten in Usbekistan erhielt Washington auch die Konzession für Manas in Kirgisistan.

Die größte militärische Präsenz der USA besteht natürlich in Afghanistan. In einer seiner ersten Amtshandlungen als Präsident genehmigte Obama den sogenannten »Surge« – die Entsendung von 30.000 zusätzlichen Soldaten sowie die Errichtung von acht neuen »Interims«-Stützpunkten in Afghanistan. Damit verfügen die USA über die beeindruckende Zahl von 22 Stützpunkten, einschließlich der großen Luftwaffenbasen Bagram und Kandahar.

US-Verteidigungsminister Robert Gates hat es abgelehnt, die Dauer der Präsenz amerikanischer Streitkräfte in Afghanistan zu begrenzen. Der Grund dafür sind nicht die Taliban, sondern eindeutig die langfristige Strategie Washingtons, den »Krieg gegen den Terror« auf ganz Zentralasien auszudehnen, eingeschlossen das strategisch wichtige Ferghana-Tal im Grenzgebiet zwischen Usbekistan und Kirgisistan. Aus dieser Sicht sind die jüngsten Ereignisse in Kirgisistan geopolitisch gesehen für Russland, China und die USA mehr als interessant.

Am 14. April äußerte sich Gates vor der Presse zuversichtlich darüber, dass die USA die Nutzungsrechte für Manas für das – in der Sprache des Pentagon – Nördliche Verteilungsnetz, das heißt für den Transport von Nachschub zum Kriegschauplatz Afghanistan, zurück erhalten werde. (19) Nur wenige Tage zuvor hatten Vertreter der Übergangsregierung in Bischkek angedeutet, die Nutzungsrechte der USA für Manas würden wahrscheinlich gekündigt.

Während eines Treffens mit Russlands Präsident Medwedew sagte Präsident Obama, bei den Ereignissen in Kirgisistan handele es sich definitiv nicht um einen russischen Gegenputsch. Er erklärte die sofortige Anerkennung der Übergangsregierung von Rosa Otunbajewa durch die USA.

Die Frage ist nun, welche Rolle Kirgisistan bei dem hochdramatischen geopolitischen Schach um die Kontrolle über Zentralasien und damit über die Kontrolle des eurasischen Herzlands – wie es Halford Mackinder genannt hat – spielen wird. Die wichtigsten Spieler bei diesem geopolitischen Schachspiel in Gesamt-Zentralasien, bei dem so viel auf dem Spiel steht, sind neben Kirgisistan selbst China, Russland und die Vereinigten Staaten. Im zweiten Teil der Serie beleuchten wir das geopolitische Interesse Chinas an Kirgisistan, das ebenso wie China Mitgliedsland der Shanghai Cooperation Organization ist.

 

 

__________

Quellen:

(1) RIA Novosti, »Russia's Medvedev blames Kyrgyz authorities for unrests, says civil war risk high«, 14. April 2010, unter http://en.rian.ru/exsoviet/20100414/158570646.html

(2) John C.K. Daly, »The Truth Behind the Recent Unrest in Kyrgyzstan«, unter www.oilprice.com

(3) Leila Saralayeva, »Kyrgyz opposition protests rising utility tariffs«, AP, 17. März 2010, unter http://blog.taragana.com/politics/2010/03/17/thousands-of-kyrgyz-demonstrators-protest-utility-tariffs-hike-and-political-oppression-23948/

(4) RIA Novosti, »Russia throws weight behind provisional Kyrgyz govt.«, 8. April 2010, unter http://en.rian.ru/exsoviet/20100408/158480874.html. Auch der sehr gut informierte ehemalige indische Botschafter K. Gajendra Singh erklärt in einem von der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti veröffentlichten Artikel, Putin habe seit Beginn der Proteste am 7. April zwei Mal mit Obtunbajewa gesprochen, darüber hinaus habe sie sich im Januar und März dieses Jahres zwei Mal zu Besuchen in Moskau aufgehalten. (K. G. Singh, »Geopolitical battle in Kyrgyzstan over US military Lilypond in central Asia«, RIA Novosti, 13. April 2010, unter http://en.rian.ru/valdai_foreign_media/20100413/158555369.html.)

(5) RIA Novosti, »Kyrgyz prime minister protests Russian media reporting of riots«, 7. April 2010, unter http://en.rian.ru/world/20100407/158462398.html

(6) Richard Spencer, »Quiet American behind tulip revolution«, in The Daily Telegraph, London, 2. April 2005, unter http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/kyrgyzstan/1486983/Quiet-American-behind-tulip-revolution.html

(7) Philip Shishkin, »In Putin's Backyard, Democracy Stirs – With US Help«, in The Wall Street Journal, 25. Februar 2005.

(8) »Quelle« des Nationalen Sicherheitsdienstes, War and Peace.ru, 10. April 2010, für den Autor aus dem Russischen übersetzt von www.warandpeace.ru/ru/news/view/46021/

(9) Meldung des russischen politischen Blogs War and Peace.ru. unter www.warandpeace.ru/ru/news/view/46417/

(10) Centerra Gold Website, Toronto, Kanada, unter http://www.centerragold.com/about/management/

(11) David Gollust, »US Urges Dialogue in Kyrgyzstan«, 7. April 2010, Voice of America, unter http://www1.voanews.com/english/news/US-Urges-Dialogue-in-Kyrgyzstan-90120737.html

(12) P.J. Crowley, Kommentare vor der Presse über die Ereignisse in Kirgisistan, 7. April 2010, zitiert in John C.K. Daly, a.a.O.

(13) AFP, »US ›not taking sides‹ in Kyrgyzstan political turmoil«, 15. April 2010, unter http://news.asiaone.com/News/AsiaOne%2BNews/World/Story/A1Story20100415-210389.html

(14) Hamsayeh.net, »New Interim Kyrgyz Government to Shut Down the US Airbase at Manas«, 9. April 2010, unter http://www.hamsayeh.net/hamsayehnet_iran-international%20news1114.htm

(15) Karasiwo, »Nuclear deals and Kyrgyz fears – Medvedev in Washington«, 14. April 2010, unter http://www.allvoices.com/contributed-news/5610284-nuclear-deals-and-kyrgyz-fears-medvedev-in-washington

(16) Maria Golovnina und Dmitry Solovyov, »Kyrgyzstan’s new leaders say they had help from Russia«, in The Globe and Mail, Toronto, 8. April 2010, unter http://www.theglobeandmail.com/news/world/kyrgyzstans-new-leaders-say-they-had-help-from-russia/article1527239/

(17) Sreeram Chaulia, »Democratisation, NGOs and ›colour revolutions‹«, 19. Januar 2006, unter http://www.opendemocracy.net/globalization-institutions_government/colour_revolutions_3196.jsp

(18) BNO News, »OSCE says Kyrgyzstan President Bakiyev’s departure is the result of joint efforts with Obama, Medvedev«, 15. April 2010, unter http://www.thaindian.com/newsportal/world/osce-says-kyrgyzstan-president-bakiyevs-departure-is-the-result-of-joint-efforts-with-obama-medvedev_100348625.html

(19) Philip Crowley, Sprecher des State Department, »US Clinton Urges Peaceful Resolution of Kyrgyz Situation«, 11. April 2010, zitiert in RIA Novosti unter http://en.rian.ru/world/20100411/158517788.html

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