Russlands Rolle im NDN ist komplex. Einerseits hat Moskau die Einrichtung der Eisenbahnverbindung ermöglicht, die im NDN eine wichtige Transportroute von Lettland bis zur usbekisch-afghanischen Grenze darstellt. Darüber hinaus hat sich die Regierung Putin mit der Regierung Obama auf Überflugrechte für Kriegsmaterial geeinigt. Russische Unternehmen, die in der weltweiten Wirtschaftskrise ums Überleben kämpfen, profitieren plötzlich von Transportverträgen mit dem Pentagon, die ihnen Millionen dringend benötigter Dollars einbringen. Gleichzeitig hat Moskau jedoch – wenn auch letztendlich erfolglos – versucht, die Bakijew-Regierung in Kirgisistan dazu zu bewegen, den US-Streitkräften die weitere Nutzung des Luftwaffenstützpunkts Manas zu verweigern. (1)
Washington erhält durch das NDN ein besseres Druckmittel gegenüber der unterentwickelten und in Schwierigkeiten steckenden Volkswirtschaft der zentralasiatischen Staaten. Durch Transitabkommen mit Transportfirmen dieser Länder entstehen neue wirtschaftliche Verbindungen nach Washington, in vielen Fällen wird die Bindung an Russland gelockert. In Russland selbst bildet sich eine Lobby, die sich für eine weitere Kooperation mit der NATO einsetzt. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, welches Potenzial das NDN ins sich birgt, ein wirtschaftliches Gegengewicht zur Shanghai Cooperation Organization zu schaffen. Russischen Unternehmen allein beschert der Transport amerikanischer Versorgungsgüter via NDN durch russisches Gebiet jährlich mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr an dringend benötigten Einnahmen. (2)
Wenn die USA mit ihrem Vorhaben, ausgehend von Afghanistan ganz Zentralasien zu militarisieren, Erfolg haben, erringen sie damit eine »Schachmatt«-Position – tatsächlich wäre dann jede Möglichkeit blockiert, dass sich eine Kombination mehrerer Staaten der vom Pentagon geplanten »Full Spectrum Dominance« widersetzen könnte. Die Fähigkeit der Länder Südamerikas – von Venezuela über Bolivien bis Kuba und Brasilien –, einen vom Diktat Washingtons unabhängigen wirtschaftlichen und politischen Kurs zu verfolgen, wird damit genauso zunichte gemacht wie die Fähigkeit Chinas, eine regionale asiatische und vom kollabierenden Dollar unabhängige Zone wirtschaftlicher Stabilität aufzubauen. Russland wird in sich untereinander bekriegende Teile auseinanderbrechen; Stammesfehden, ethische und religiöse Kriege werden sich in allen ehemaligen Mitgliedsstaaten der früheren Sowjetunion wie ein neuer Dreißigjähriger Krieg ausbreiten. Für Washington steht also bei den scheinbar weit entfernten Entwicklungen in Kirgisistan enorm viel auf dem Spiel.
NDN und das »Zentrum zur Terrorbekämpfung« im Oblast Batken in Kirgisistan
In diesem Zusammenhang spielt das neue Trainingszentrum zur Terrorbekämpfung, das die Regierung Obama im Gebiet Batken in Kirgisistan für die Ausbildung der Scorpion-Sondereinsatzkräfte in »Drogen- und Terrorismusbekämpfung« eingerichtet hat, in der künftigen »Grand Strategy« im Herzen Zentralasiens genauso eine entscheidende Rolle wie als künftiger Machthebel zur Kontrolle über ganz Eurasien von Russland über Kasachstan bis nach China.
Batken bildet die Achse oder den Dreh- und Angelpunkt der US-Operationen in Zentraleurasien.
Am 17. März 2010 veröffentlichte das kirgisische Verteidigungsministerium der mittlerweile abgesetzten Regierung Bakijew eine Erklärung, in der es hieß, der Bau des Ausbildungszentrums für Terrorbekämpfung im Oblast, [Bezirk] Batken, sei »das bilaterale kirgisisch-amerikanische Projekt gegen den internationalen Terrorismus und religiösen Extremismus, gegen grenzübergreifendes organisiertes Verbrechen und zur Verhinderung von Drogenschmuggel. Es ist nicht gegen dritte Länder gerichtet und steht nicht in Konflikt mit internationalen Verpflichtungen gemäß CSTO (Vertrag für Kollektive Sicherheit, deutsche Abkürzung: OVKS) und anderen internationalen Organisationen.« (3)
Nach Aussage nicht namentlich genannter Quellen im kirgisischen Verteidigungsministerium werden die von US-Kräften zur »Terrorbekämpfung« ausgebildeten kirgisischen Soldaten bei möglichen »lokalen Konflikten« eingreifen (besonders bei Konflikten mit Usbekistan) – ein höchst willkommener Vorwand, den von den USA inszenierten Konflikt auf das strategisch wichtige Fergana-Tal auszuweiten.
Das kirgisische Verteidigungsministerium fügte hinzu, der Bau des US-Trainingslagers im Oblast, Batken, sei nur »eines von vielen gemeinsamen kirgisisch-amerikanischen Projekten« im militärischen Bereich, wobei »die Kooperation in militärisch-technischen Angelegenheiten im Rahmen des FMF-Programms (Foreign Military Funding) des Pentagons seit 1996 besteht« (4).
Einige Militäranalysten in China und Russland, mit denen der Autor privat gesprochen hat, glauben, die Beteiligung der von US-Kräften ausgebildeten heimischen Soldaten an lokalen Konflikten diene der Absicht des US Central Command, die Präsenz der NATO sowie der USA auszuweiten und zu rechtfertigen, mit der die Kontrolle über die künftige Entwicklung im Bereich Energie und Politik von Russland bis China und in ganz Eurasien ausgeübt werden soll.
Brzezinski, der Schützling David Rockefellers und Schüler des britischen Geopolitikers Mackinder, schrieb 1997:
»Amerika ist heute die einzige Supermacht auf der Welt, und Eurasien ist der zentrale Schauplatz. Von daher wird die Frage, wie die Macht auf dem eurasischen Kontinent verteilt wird, für die globale Vormachtstellung und das historische Vermächtnis Amerikas von entscheidender Bedeutung sein … In Anbetracht des Wetterleuchtens am politischen Horizont Europas und Asiens muss sich jede erfolgreiche amerikanische Politik auf Eurasien als Ganzes konzentrieren und sich von einem geopolitischen Plan leiten lassen … Dies erfordert ein hohes Maß an Taktieren und Manipulieren, damit keine gegnerische Koalition zustande kommt, die schließlich Amerikas Vorrangstellung infrage stellen könnte.« (5)
Weiter heißt es in Brzezinskis höchst aufschlussreichem Buch:
»Zunächst besteht die Aufgabe darin sicherzustellen, dass kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen.«(6)
In diesem Zusammenhang betrachtet, sind die folgenden Handlungen von weiterreichender Bedeutung:
- Im Januar 2009 gab General David Petraeus, Kommandeur des US Central Command, den Abschluss von Transitabkommen mit Russland, Kasachstan und Usbekistan bekannt.
- Im März gestattete die Regierung von Usbekistan den Transport amerikanischer Soldaten über den deutschen Stützpunkt Termes mit Flugzeugen der Deutschen Luftwaffe nach Afghanistan.
- Im Mai 2009 wurde am usbekischen Flughafen Navoi ein amerikanisches Versorgungs-Drehkreuz eingerichtet. Die Geschäfte werden über eine südkoreanische Transportfirma abgewickelt.
- Im Juni 2009 wurde bekannt gegeben, der Pachtvertrag für den US-Stützpunkt Manas in Kirgisistan werde verlängert, während es zuvor geheißen hatte, die Amerikaner müssten ihn im August räumen.
- Schließlich wurde im Juli 2009 allgemein bekannt, dass die US Air Force einen kleinen Stützpunkt zum Auftanken und zur Versorgung an einem nicht bekannt gegebenen Ort in Turkmenistan unterhielten. (7)
Die Planer beim Pentagon begannen bereits 2006 mit dem Aufbau des Northern Distribution Network, als kaum Aufstände der Taliban gemeldet wurden und die militärische Kampagne der USA nur auf kleiner Flamme lief. Bedeutsamerweise hat in der Zwischenzeit mit der zunehmenden amerikanischen Militärpräsenz in Afghanistan auch der bewaffnete Widerstand zugenommen. Wie bereits dargelegt, ist das kein Zufall. Schritt für Schritt haben amerikanische Vertreter Verträge über Durchfahrtsrechte abgeschlossen, besonders mit Russland und anderen Nachbarländern Afghanistans.
Diese bilateralen Verträge blieben zunächst weitgehend unbeobachtet, erst Mitte 2008 entstand daraus das Northern Distribution Network, wie es die US-Streitkräfte nennen. Ein kurzer Blick auf eine Satellitenkarte von Google oder der NOAA (National Oceanic & Atmospheric Association, Nationale Gesellschaft für Ozeane und Atmosphäre) in Washington lässt die Bedeutung des NDN erkennen.
Das NDN beginnt an einem von zwei »westlichen Knotenpunkten« in Lettland und Georgien. Von diesen sicheren Ausgangspunkten aus werden die militärischen Güter mit Zügen, Eisenbahnen und Fähren durch russisches Gebiet und die angrenzenden ehemaligen Sowjetstaaten Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan oder über Usbekistan nach Afghanistan transportiert. In der Öffentlichkeit wurden die NDN-Routen damit begründet, sichere, von Pakistan unabhängige Nachschubrouten nach Afghanistan müssten gewährleistet sein. (8)
Ironischerweise beginnt die wichtigste NDN-Route im eisfreien Ostseehafen Riga im NATO-Mitgliedsland Lettland, wo die Fracht von gecharterten Containerschiffen auf russische Eisenbahnen umgeladen wird, die dann in südlicher Richtung durch Russland führen, entlang des Kaspischen Meeres durch Kasachstan und weiter durch Usbekistan nach Nordafghanistan. Die russischen Eisenbahnstrecken waren in den 1980er-Jahren zur Unterstützung des eigenen Krieges in Afghanistan gebaut worden, heute dienen sie dank Moskaus Kooperation den USA und der NATO bei deren Afghanistan-Krieg. (9)
Eine weitere NDN-Route verläuft von Georgien unter Umgehung Russlands vom Schwarzmeerhafen Ponti nach Baku in Aserbaidschan, wo die Militärgüter dann auf Fähren umgeladen und über das Kaspische Meer nach Kasachstan verschifft werden, von wo aus es per Lastwagen nach Usbekistan und Afghanistan weitergeht. Gegenwärtig geht ein Drittel der über das NDN transportierten Güter über diese Route. Eine dritte NDN-Route umgeht Usbekistan vollständig, sie verläuft von Kasachstan via Kirgisistan und Tadschikistan nach Afghanistan. (10)
Unter diesem wichtigen geografischen Gesichtspunkt wird klar, dass sich Kirgisistan als nächster Kriegsschauplatz in der Zentralasien-Strategie des Pentagon herausschält, oder, wie General Petraeus sagte, zum Dreh- und Angelpunkt der Pentagon-Strategie wird. Der Zentralasienexperte Peter Chamberlain beschreibt es folgendermaßen:
»Die jüngste plötzliche Neuorientierung von Taliban und pakistanischen Interessen (die sich in der Serie von ›Festnahmen‹ von Taliban zeigt), soll den USA und der NATO eine Entschuldigung liefern, diese neue Front in ihrem Krieg gegen den Terror zu eröffnen, indem sie die Betonung auf den Schutz des Northern Distribution Network (NDN) legen, das parallel zu geplanten Pipeline-Routen zu dem unwiderstehlichen Reichtum im Boden verläuft, der darauf wartet, aus dem fruchtbaren Boden des kaspischen Beckens gepumpt zu werden. Diese versuchte Neuorientierung auf Innerasien ist möglich, weil amerikanische und pakistanische Führer entschieden haben, sich die fortgesetzt freundlichen Beziehungen Pakistans mit den Taliban zunutze zu machen, anstatt weiter gegeneinander zu arbeiten.« (11)
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Quellen:
(1) Mark Mazzetti, »US Is Still Using Private Spy Ring, Despite Doubts«, The New York Times, 15. Mai 2010
(2) Ebenda
(3) Central Asia News, »Kyrgyz Defense Ministry: The training center in Batken is not oriented against third countries«, Ferghana.ru, 18. März 2010, unter http://enews.ferghana.ru/news.php?id=1625
(4) Ebenda
(5) Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard: American Primacy and It's Geostrategic Imperatives, Basic Books, New York 1998 (Paperback), S. 194ff. Deutsche Ausgabe: Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Beltz Quadriga Verlag, Weinheim und Berlin 1997, S. 277–283
(6) Ebenda
(7) Cornelius Graubner, »Implications of the Northern Distribution Network in Central Asia«, Central Asia-Caucasus Institute, Johns Hopkins University, 1. September 2009, unter http://www.cacianalyst.org/?q=node/5169
(8) Bill Marmon, »New Supply ›Front‹ for Afghan War Runs Across Russia«, Georgia and the ‘Stans, 21. März 2010, unter http://therearenosunglasses.wordpress.com/2010/03/21/the-northern-distribution-network-ndn-rail-and-road-routes/
(9) Ebenda
(10) Ebenda
(11) Peter Chamberlain, »America’s ›Islamists‹ Go Where Oilmen Fear to Tread«, News Central Asia, 24. März 2010, unter http://www.newscentralasia.net/moreNews.php?nID=586
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