Saturday, 28. May 2016
21.01.2014
 
 

Was eine Umfrage der London Times über eine entstehende neue Weltordnung aussagt

F. William Engdahl

Die London Times hat kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema »am meisten bewunderte Menschen« veröffentlicht. Anders als bei Umfragen des Time Magazine beispielsweise wurden dabei nicht nur Bürger der USA befragt, sondern insgesamt rund 14 000 Menschen aus 13 verschiedenen Ländern rund um den Globus. Bedeutsam ist nicht, dass Microsoft-Milliardär Bill Gates zur »am meisten bewunderten Person der Welt« gekürt wurde. Viel interessanter ist die wachsende Wertschätzung, die die politische Führung der so genannten BRICS-Staaten nicht nur unter den eigenen Bürgern, sondern auch in der Welt genießt. Es ist eine kleine, aber signifikante Reflexion dessen, was ich als »epochale« Verschiebung im geopolitischen Machtgefüge der heutigen Welt bezeichne.

Schon ein kurzer Blick auf einige Ergebnisse ist aufschlussreich. Befragt wurden Bürger in 13 Ländern: USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien, Pakistan, Indonesien, Indien, China, Ägypten, Nigeria und Brasilien. Eine solche Repräsentanz von Schlüsselländern, namentlich von vier der fünf BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), in denen Umfragen durchgeführt wurden, beweist, dass deren weltweiter Einfluss allmählich höher bewertet wird.

Der vielleicht signifikanteste Hinweis auf diese Veränderung ist die Tatsache, dass Russlands Präsident Wladimir Putin im Endergebnis auf Platz drei der am meisten bewunderten Menschen landete. Es reflektiert eine grundlegende Veränderung nicht nur im Ansehen Putins, der in Russland mit weitem Abstand zum am meisten bewunderten Menschen gewählt wurde.

 

Es zeigt, dass Russland unter Putin in den letzten zwei Jahren zu einem wichtigen Faktor der Weltdiplomatie und des Weltfriedens geworden ist. Ich habe seinerzeit öffentlich erklärt, dass der Friedensnobelpreis 2013 für die Entschärfung der Kriegslunte in Syrien eigentlich Putin und nicht der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zugestanden hätte. Es war Putin, der am 11. September letzten Jahres – dem Jahrestag des Terroranschlags auf das World Trade Center – den Marsch in Richtung auf einen möglichen Weltkrieg über Syrien stoppte, als er Obama einen Ausweg anbot, bei dem dieser sein Gesicht wahren und eine Kriegserklärung gegen Syrien umgehen konnte. Konkret formulierte Putin seinen Vorschlag in einem Meinungsbeitrag in der New York Times, der überschrieben war: »Ein Appell zur Zurückhaltung aus Russland«. Seitdem hat der größte Teil der Welt verstanden, dass Russland im positiven Sinne einen extrem wichtigen Teil der Weltgemeinschaft darstellen kann.

 

Wo ist die EU?

 

Dass es insgesamt kein Politiker aus der EU unter die ersten Zehn schaffte, ist ein Anzeichen für den sich verändernden Einfluss Europas in der Welt. Die einzige EU-Politikerin, die unter den ersten 30 landete, war die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einem bescheidenen 26. Platz. Noch vor drei Jahren war Merkel in den Mainstreammedien als Retterin Europas und als einflussreichste europäische Politikerin gefeiert worden; 2012 hatte das Forbes Magazine sie zur zweitmächtigsten Person der Welt erklärt. Inzwischen herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass ihr Eintreten für eine rigide Sparpolitik in Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und in der gesamten Euro-Zone eine schwierige Lage in eine volle gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise verwandelt hat. Darüber hinaus hat ihre lahme Reaktion auf die Enthüllung des NSA-Spionage-Skandals durch Edward Snowden während des Wahlkampfs 2013 vielen deutlich gemacht, dass sie nicht wirklich für europäische Interessen eintritt. Sie reagierte erst, als bekannt wurde, dass die NSA ihr privates Handy angezapft hatte.

 

Vor 40 Jahren hätten mit Sicherheit Namen wie de Gaulle, Willy Brandt oder Aldo Moro die Liste der am meisten bewunderten Menschen der Welt angeführt. Heute regieren in den EU-Staaten mittelmäßige Persönlichkeiten, denn die wirkliche Macht in der EU ist in den letzten Jahrzehnten von gewählten Politikern auf private Megabanken wie HSBC, Société Générale oder Deutsche Bank und multinationale Konzerne übergegangen, letztere unter anderem vertreten durch den Europäischen Runden Tisch Industrieller (ERT), der Macht hinter den Geheimverhandlungen mit Washington über die unselige Transatlantische Handels- und Investmentpartnerschaft.

 

Eurasien tritt auf den Plan

 

Ähnlich bedeutsam wie Putin auf Platz drei der am meisten bewunderten Menschen der Welt war das Abschneiden des neuen chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf Platz sechs. Dass China und Russland in letzter Zeit im UN-Sicherheitsrat und in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit gemeinsame wirtschaftliche, politische, diplomatische und sogar militärische Interessen ausmachen, de facto als Widerstandsblock gegen die überwältigende Militärmacht und den Machtmissbrauch Washingtons, ist die wohl wichtigste weltpolitische Entwicklung der letzten zehn Jahre. Es könnte sich letztendlich als die wichtigste geopolitische Entwicklung erweisen, seit Westeuropa zum Zentrum globaler Macht wurde.

 

Auf Platz zehn der am meisten bewunderten Menschen der Welt findet sich der ehemalige indische Präsident Abdul Kalam. Die Tatsache, dass drei der zehn am meisten bewunderten Menschen führende politische Vertreter aus dem eurasischen Raum sind, ist von größter Bedeutung, es spiegelt den wachsenden Einfluss Chinas, Russlands und Indiens – jeweils auf andere Art – in der heutigen Welt wider. Die Umfrage wurde von dem britischen, weltweit operierenden Meinungsumfrageinstitut YouGov durchgeführt, das bekannt ist für einige der genauesten Umfrageergebnisse der Welt.

 

Englands »Vater der Geopolitik«, Sir Halford Mackinder, ein knallharter britischer Imperialist, schrieb bereits 1904, also vor 110 Jahren, die größte Herausforderung für eine britisch dominierte Welt liege im Entstehen eines geeinten eurasischen Wirtschaftsraums mit Zentrum Russland als geografischem Angelpunkt einer eurasischen Landmasse, als so genannter »Schlüsselmacht«. Diese Realität hat im Wesentlichen bis heute Gültigkeit, neu hinzugekommen ist China als wichtiges Element. Es war kein Zufall, dass der erste Auslandsbesuch des neu gewählten chinesischen Staatspräsidenten Xi nicht zu Obama in Washington, sondern zu Putin in Moskau führte.

 

Allein ist China trotz der beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung seit 1979 kein Konkurrent für die globale Rolle, die die USA seit 1945 spielen. Doch zusammen mit einem aufstrebenden Russland, das über eine moderne Atomstreitmacht und Technologie sowie über wichtige Rohstoff- und Energieressourcen verfügt, definieren China und Russland und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit sowie die von Putin initiierte Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft mehr und mehr einen Wirtschaftsraum, der wahrscheinlich – falls nicht ein katastrophaler Atom- oder konventioneller Krieg ausbricht – für mindestens das laufende Jahrhundert zum Gravitationszentrum weltwirtschaftlichen Reichtums wird.

 

Das setzt natürlich voraus, dass die derzeitigen Führungen Chinas und Russlands nicht das gescheiterte System des amerikanischen »freimarktlichen« Wildwest-Kapitalismus kopieren, sondern pragmatisch eigene eurasische Lösungen finden.

 

Wo steht Europa dabei? Nicht genug damit, dass die eigenen Bürger ihre politische Führung nicht bewundern – die EU als Ganze steckt zurzeit in einer Identitätskrise. Der Euro dient als Stütze für den US-Dollar als weltweite Leitwährung. Das erlaubt den USA, jährliche Haushaltsdefizite von über einer Billion Dollar anzuhäufen und ihre Kriege durch ausländische Inhaber von Staatsanleihen finanzieren zu lassen.

 

Die jüngste Krise in der Euro-Zone und die Unfähigkeit der EU, wirksame Maßnahmen wie beispielsweise die Gründung einer unabhängigen europäischen Kreditrating-Agentur – die von der Wall Street und Washington nicht gewollt wurde – einzuleiten, haben zur Folge, dass die Wirtschaft in einer tiefen Krise steckt. Der Ausweg liegt, wie mir viele Insider im privaten Gespräch bestätigen, in Eurasien. Das bedeutet ein Überdenken von mehr als 60 Jahren »Atlantischer Brücke«, etwas, worüber in den Machtzentren der EU bislang nur im Flüsterton gesprochen wird.

 

Natürlich geben Meinungsumfragen nur wieder, was die Befragten zu einem bestimmten Zeitpunkt denken. Doch diese weltweite Umfrage zeigt zumindest eine tief greifende Veränderung in der Perzeption globalen Einflusses.

 

 

 


 

 

 

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