Thursday, 26. May 2016
12.05.2014
 
 

Washingtons Schiefergas-Boom ist am Ende

F. William Engdahl

Glaubt man den Schlagzeilen, so sind die USA gerade ganz unerwartet zum Giganten der Erdöl- und Erdgasförderung geworden. Alles dank der Schiefergas-Revolution. Erst kürzlich redete Präsident Obama davon, durch das spektakuläre Wachstum der Förderung von Erdgas und jetzt auch Erdöl aus amerikanischen Schiefergasformationen könnten die USA die Ukraine aus der Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen befreien. Alles gut und schön – nur eines stimmt nicht an diesem Bild: »Es wird nicht so kommen…«

Auf den ersten Blick sind die Zahlen für einen Laien oder Politiker tatsächlich beeindruckend. Laut Daten der Energy Information Administration der US-Regierung stieg der Anteil des Schiefergases an der amerikanischen Erdgasförderung von unter zwei Prozent im Jahr 2005 auf über 20 Prozent 2010. 2011 wurde dank des Zuwachses beim Schiefergas zu einem Rekordjahr für die Förderung in den USA.

Doch das Schiefergas stammt aus einigen wenigen Regionen mit bedeutenden Schieferformationen, in deren Fugen Erdgas und Erdöl eingeschlossen sind. Die wichtigsten Schiefergasregionen sind das Barnett-Becken im texanischen Forth Worth; die Fayetteville- und Woodford-Schiefer des Arkoma-Beckens in Arkansas und Oklahoma; der Haynesville-Schiefer im Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana, die Marcellus-Formation im Appalachen-Becken und, als jüngste in der Reihe, der Eagle-Ford-Schiefer in Südwest-Texas.

 

Zwei Kriterien, die immer wieder genannt werden, um die Leistung der Schiefergasbrunnen zu beschreiben, sind die anfängliche Förderrate (IP, initial production) und die Rate ihrer Erschöpfung. Sie gelten als wichtige Größen in der Bewertung der Rentabilität. Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology haben Produktionsdaten der größten Schieferregionen in den USA analysiert. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

 

Die anfängliche Förderung bei den meisten Schiefergasfeldern war zwar ungewöhnlich hoch – ein wesentlicher Anteil des Schiefergas-Hypes der Wall Street –, doch die Förderung ging innerhalb eines Jahres drastisch zurück. »Im Allgemeinen sinkt die Leistung einer Bohrung innerhalb der ersten zwölf Monate um 60 Prozent oder mehr der anfänglichen Förderrate. Zum Zweiten deuten die verfügbaren Zahlen über die längerfristige Produktion darauf hin, dass der Rückgang der Förderrate in späteren Jahren mäßig ausfällt, oft weniger als 20 Prozent jährlich.«

 

Übersetzt heißt das, dass durch Fracking nach nur vier Jahren nur noch 20 Prozent des anfänglichen Gasvolumens aus einer Horizontalbohrung erreicht werden, nach sieben Jahren sind es nur noch zehn Prozent. Den eigentlichen Volumen-Boom beim Schiefergas gab es 2009. Das heißt, dass die Felder in den Regionen, wo 2009 intensiv gebohrt wurde, heute bereits zu 80 bis 90 Prozent erschöpft sind. Die Erdöl- oder Erdgasunternehmen konnten das Fördervolumen nur dadurch aufrecht erhalten, dass sie immer mehr Brunnen bohrten, immer mehr Geld investierten und sich immer höher verschuldeten, stets in der Hoffnung auf einen drastischen Anstieg des Preises für amerikanisches Erdgas. Insgesamt geben Schiefergasunternehmen mehr aus, als sie mit der Förderung netto einnehmen, sie schaffen also eine Blase von »Schrott«-Anleihen, um das »Ponzi«-Schneeballsystem am Leben zu erhalten. Die Blase wird spätestens in dem Moment platzen, wo die Federal Reserve eine Erhöhung des Zinssatzes ankündigt.

 

Die Branche lässt nichts unversucht, die Aussichten der Schiefergas-Revolution hochzujubeln. Erst kürzlich meldete sich der Chef von Conoco/Philips, Ryan Lance, zu Wort. Er benutzte eine Analogie zum Baseball, als er vor Teilnehmern einer Energiekonferenz in Houston erklärte, die Schiefergas-»Revolution« im Lande stehe erst am Anfang. Jahrzehnte erfolgreicher Energieproduktion seien zu erwarten: »Bei der Schiefergasrevolution in den Vereinigten Staaten sind wir im ersten Inning Spielrunde im Baseball eines Neun-Inning-Spiels.« Was die wissenschaftliche Verbindung zwischen Baseball und Schiefergas sein sollte, erklärte er nicht.

 

Die Wirklichkeit des Schiefergas-Booms sieht zunehmend anders aus. Laut Arthur Berman, einem Erdölgeologen mit 34-jähriger Berufserfahrung, der Förderung und andere Aspekte des Schiefer-Gas- und -Ölbooms studiert, »zeigen Prognosen, dass die Förderung auf Schiefergasfeldern vom Bakken in North Dakota bis zum Eagle Ford in Texas ungefähr 2020 einen Scheitelpunkt überschreiten wird. Wer in der Erwartung investiert, dass der Boom über Jahrzehnte anhalten wird, ›liegt völlig daneben‹«.

 

Konkret gesagt wird die Förderung auf den großen Schiefergasformationen – von denen es aus geologischer Sicht gar nicht so viele gibt – in nicht einmal sechs oder sieben Jahren zu schrumpfen beginnen. Anders als konventionelle Erdöl- oder Erdgasfelder ist Schiefergas eine unkonventionelle und schwierige Form der Energieproduktion, denn sie verlangt das hoch umstrittene und toxische Verfahren des »Frackings« der Schiefergasformationen. Da der Schiefer horizontal verläuft, eröffneten neue horizontale Bohrtechniken in den 1990er Jahren erstmals profitable Aussichten für das Schiefergas.

 

Beim Fracking wird eine Flüssigkeit, die so genannte Fracturing Fluid – typischerweise hochgiftig und dank des Einflusses des damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney vom Kongress von den Bestimmungen zum Gewässerschutz ausgenommen –, gepumpt, und zwar in Mengen, die es möglich machen, den Druck im Zielgebiet zu erhöhen. Der Fels reißt auf und die Flüssigkeit dringt weiter in das Gestein vor und verlängert den Riss. Oft versickern bis zu 70 Prozent der Fracking-Flüssigkeit und gelangen ins Grundwasser, wie in Pennsylvania und andernorts geschehen.

 

Sogar die Energy Information Agency der US-Regierung prognostiziert, dass die Erdölproduktion der USA 2019 mit 9,61 Millionen Barrel pro Tag einen Scheitelpunkt erreichen wird. Für Schieferöl oder Tight Oil erwartet sie für 2021 einen Spitzenwert von 4,8 Millionen Barrel. Bis dahin sind es nur noch sieben Jahre. Und auch wenn die US-Regierung versucht, beschleunigt den Bau von Flüssiggas-Terminals an Häfen zu genehmigen, damit US-Gasgesellschaften ihr Gas exportieren können, dauert die Fertigstellung derart komplizierter Terminals, einschließlich der nötigen Umweltgutachten, normalerweise sieben Jahre. Hm…

 

Leichtes Geld der Wall Street

 

Niemand erwartet, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika über die Zeit oder den wissenschaftlichen Hintergrund verfügt, um sich in die geophysikalischen Einzelheiten der Schieferenergie zu vertiefen. Er verlässt sich natürlich auf kompetente Berater. Was ist aber, wenn die Berater, wie es heute in so vielen Regierungsbehörden der Fall ist, statt kompetent zu sein, von der Schiefer-Öl- und -Gas-Industrie und deren Investmentbankern an der Wall-Street kontrolliert (und oft genug bezahlt) werden? Immerhin haben die Milliarden zur Verfügung, um den Schiefer-Hype anzuheizen.

 

Der derzeitige US-Schieferboom wird mit Steroiden am Leben gehalten, sonst bekannt als die unendliche Nullzinspolitik der Quantitativen Lockerung der US-Zentralbank Federal Reserve. Die Fed lässt keine Anzeichen für eine Rückkehr zu normalen Zinssätzen erkennen, während die US-Wirtschaft immer tiefer in die Depression rutscht, angefangen mit dem Kollaps der Immobilien-Verbriefungs-Blase 2007. Tatsächlich bleiben Schieferbohrer nur deshalb im Geschäft, weil ihnen die Wall Street und andere Investoren Geld hinterherwerfen, als fiele es von den Bäumen. Tim Gramatovich, Chef-Investmentmanager beim 800 Millionen Dollar schweren Fonds Peritus Asset Management LLC, schreibt: »Die Investoren trinken jede Menge Kool-Aid [›Drinking the Kool-Aid‹ ist eine Anspielung auf den Massensuizid der Sekte von Jonestown]. Menschen verlieren die Disziplin. Sie rechnen nicht mehr, sie führen nicht mehr Buch. Sie träumen einfach den Traum, und genau das passiert mit dem Schiefer-Boom.«

 

Angesichts der endlosen Nullzinspolitik der Fed sind Investmentsfonds verzweifelt auf der Suche nach Investitionen, die höhere Zinsen bringen. Sie sind so verzweifelt, dass sie in einem nie dagewesenen Ausmaß Geld in Schieferöl- und Schiefergasunternehmen pumpen. Die Unternehmen machen Verluste, sind von Schulden belastet, ihre Aktien werden von den Kreditratingagenturen als »Ramsch« bewertet, d.h. sie werden bei einer Marktabschwächung wahrscheinlich wertlos. Ein Unternehmen, Rice Energy, verkaufte seine Aktien im April mit einem Standard&Poor‘s-Rating von CCC+, sieben Schritte unter »Investment Grade«. Das ist unter dem minimalen Risiko-Qualitäts-Niveau, bei dem Großinvestoren wie Rentenfonds oder Versicherungen kaufen dürfen. Laut S&P besteht bei Schulden im CCC-Bereich »aktuell das Risiko der Nichtzahlung«. Trotzdem konnte Rice Energy Kredite zu erstaunlich niedrigen 6,25 Prozent Zinsen aufnehmen.

 

»Es ist ein Geschäft mit schmelzenden Eiswürfeln«, sagt Mike Kelly von der Investmentfirma Global Hunter Securities in Houston. »Wenn Sie die Produktion nicht erhöhen, sind Sie erledigt.« Von den von S&P bewerteten 97 Erkundungs- und Förderunternehmen sind 75 »Ramsch« oder »unter Investment Grade«. Die Schiefer-»Revolution« ist nichts anderes als ein Schneeballsystem im Gewande einer Energierevolution.

 

 

 

 


 

 

 

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