Friday, 27. May 2016
25.12.2013
 
 

Wird Israel zum großen Player im Bereich Energie?

F. William Engdahl

Kaum beachtet von der übrigen Welt – die zurzeit damit beschäftigt ist, die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm und den Kollaps der Freien Syrischen Armee zu verfolgen – entsteht im Nahen Osten ein völlig neuer Energie-Gigant. Zum ersten Mal seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 sind dort riesige Vorkommen von Erdgas und auch Erdöl entdeckt worden. So, wie die Dinge stehen, wird Israel zukünftig wohl nicht mehr von Saudi-Arabien und anderen arabischen Erdöllieferstaaten abhängig sein. Doch das ist noch nicht alles, denn Israel scheint für einen direkten Wettkampf mit seinen arabischen OPEC-Nachbarstaaten und dem Iran auf dem Weltmarkt für Erdöl und Erdgas gerüstet. Das Ganze bedeutet eine riesige neue geopolitische Komplikation, die bisher nur wenige auf der Rechnung haben.

Im November dieses Jahres gab die israelische Erdölgesellschaft Givot Olam bekannt, im Ölfeld Meged 5 seien weit größere Reserven bestätigt worden als früher vermutet. Nach Schätzung des Unternehmens enthält das Feld 3,5 Milliarden Barrel Rohöl. Allerdings gibt es mit diesem Fund ein Problem: Die Bohrstelle liegt auf der so genannten Grünen Linie, das ist die Waffenstillstandslinie

von 1948, die Israel formell von den besetzten Palästinensergebieten trennt. Deshalb ist unklar, wie viel Israel von dem neu entdeckten Ölreichtum tatsächlich gehört. Israel vertritt den Standpunkt, das Meged-Feld liege ein paar Dutzend Meter innerhalb der Grünen Linie. Nach dem heutigen Ölpreis hätte das Öl einen Marktwert von fast 400 Milliarden Dollar – ein Betrag, über den es sich zu streiten lohnt.

 

Aber der Meged-Fund ist bei Weitem nicht der einzige. Am 17. Dezember gab Noble Energy, der US-Partner der israelischen Ölkonzerne Avner und Delek Drilling, neue Funde unter den Gewässern zwischen Zypern und Israel im östlichen Mittelmeer bekannt. Nach Schätzung des Unternehmens lagern zwischen den zyprischen und israelischen Offshore-Ölfeldern noch etwa drei Milliarden Barrel Erdöl unter dem Meeresboden.

 

Aus der Konzernzentrale von Noble Energy in Houston im US-Bundesstaat Texas wurde gemeldet, die Position des Konzerns im östlichen Mittelmeer biete weiteres Potenzial, und zwar mit rund drei Milliarden Barrel weitgehend gesicherter Erdölreserven in der tiefen mesozoischen Schicht in Zypern und Israel, und einem Potenzial von vier Billionen Kubikfuß Erdgas in Zypern. Gegenwärtig sei geplant, die Bohrungen im östlichen Mittelmeer Ende 2014 oder Anfang 2015 wieder aufzunehmen.

 

2010 hatten Noble Energy und seine israelischen Partner die Entdeckung des größten Erdgasfelds des Jahrzehnts bekannt gegeben, nämlich des vor Tel Aviv in Richtung Zypern gelegenen riesige Erdgasfelds Leviathan, das genug Erdgas enthält, um Israel womöglich ein Jahrhundert lang zu versorgen, und es dem Land erlaubt, sich zu einem wichtigen Konkurrenten auf dem boomenden Erdgasmarkt in der EU und anderen Teilen der Welt aufzuschwingen. Zwei Jahre früher hatten Noble und die israelischen Firmen nicht weit entfernt das kleinere Feld Tamar entdeckt. Im März des nun zu Ende gehenden Jahres 2013 floss das erste Erdgas von Tamar direkt nach Haifa, für die Israel Electric Corporation. Plötzlich schwand die Abhängigkeit Israels von Erdgasimporten aus den arabischen Nachbarstaaten.

In den letzten Jahren hat Israel das Leviathan-Feld entdeckt,

das größte Erdgasfeld im östlichen Mittelmeer

 

Im Februar 2013 unterzeichneten die israelischen Energiekonzerne Delek und Avner eine Vereinbarung zur Übernahme einer 30-prozentigen Beteiligung an den Erkundungsrechten vor der Südküste von Zypern zusammen mit Noble Energy. Damit nehmen israelische Unternehmen eine dominierende Stellung bei den großen Erdgas- und möglicherweise auch Erdölfeldern ein, nicht nur in der »exklusiven Wirtschaftszone« vor der israelischen Küste, sondern auch in der zyprischen Zone. Mittlerweile haben sich auch Putin und die staatliche russische Gazprom, der weltgrößte Erdgasproduzent, eingeschaltet.

 

Im Februar 2013 unterzeichnete die Gazprom einen Vertrag, wonach Russland eine große Beteiligung an der zukünftigen Verteilung der israelischen Erdgasvorkommen vom Tamar-Feld erhält. Teil des Vertrages ist die Verpflichtung zum Bau eines schwimmenden Flüssiggas-Terminals vor Zypern. Über dieses Gazprom-Terminal wird israelisches und zyprisches Erdgas des Israel-Noble-Konsortiums für die weitere Versendung nach Europa oder Asien konvertiert. Delek Energy führt zurzeit Gespräche über den Export von Erdgas von Tamar nach Zypern und nach Südkorea. Nach Asien soll Flüssiggas verschickt werden.

 

Ein neues Saudi-Arabien?

 

Die wirklich bedeutende Nachricht bezüglich israelischer Energie ist aber die Entdeckung riesiger Vorkommen von Erdöl und Erdgas vor der israelischen Küste. Israel besitzt prospektive Schieferölfelder mit geschätzten Reserven von über 250 Milliarden Barrel. Wenn sich diese wirtschaftlich fördern ließen, entsprächen sie der Menge aller Erdölvorkommen in Saudi-Arabien. Die wichtigsten Schieferöllager befinden sich südwestlich von Jerusalem im Shefla-Becken.

 

Das Schieferöl im Shefla-Becken wird von einer Investorengruppe entwickelt, die – vorsichtig formuliert – auffallend ist. Der wichtigste israelische Entwickler des Shefla-Beckens ist ein Unternehmen namens »Israel Energy Initiatives (IEI)«. IEI ist im Besitz eines in den USA ansässigen Unternehmens mit dem seltsamen Namen »Genie Energy Ltd.«, einer Tochter der IDT Corporation. Zu den Großaktionären des Mutterkonzerns der IEI gehören Lord Jacob Rothschild, der ehemalige Geschäftspartner des soeben freigelassenen russischen Öl-Oligarchen Michail Chodorkowski und Spross der Rothschild-Bankendynastie. Mit von der Partie ist auch Rupert Murdoch von News Corp., ein großer Unterstützer Israels. Und, um dem Ganzen die besondere Würze zu geben, finden wir im neu geschaffenen internationalen Beirat des IEI-Mutterkonzerns Genie Energy niemand anderen als Dick Cheney, Architekt des Irakkriegs und ehemaliger Direktor von Halliburton, dem Unternehmen, das vor ungefähr zehn Jahren die Schieferöl- und Schiefergas-Technologie durchführbar machte.

 

Die Förderung im Shefla-Becken ist ein enormes Unterfangen. Israel Energy Initiatives hat einige der Top-Leute aus der weltweiten Ölindustrie verpflichtet, darunter neben Dick Cheney von Halliburton einen ehemaligen Präsidenten von Mobil Oil, Eugene Renna, und einen ehemaligen Präsidenten von Occidental Oil Shale, Allan Sass. Als Schlüsselmann gilt Harold Vinegar, ehemals Chefwissenschaftler bei Shell Oil, auf dessen Namen in den 32 Jahren seiner Tätigkeit bei Shell rund 240 Patente angemeldet wurden, und der die Schieferölindustrie revolutioniert hat. Lord Rothschild sprach über das Potenzial des israelischen Schieferöls, das sein Unternehmen fördern will; die Schieferölentwicklung der IEI im Shefla-Becken in den nächsten Jahren »könnte die Aussichten für Israel, den Nahen Osten und unsere Verbündeten auf der ganzen Welt grundlegend verändern«.

 

Offenbar sind wir Zeuge der Anfänge einer erheblichen Veränderung des geopolitischen Spiels, bei dem Israel innerhalb eines Jahrzehnts zum direkten Konkurrenten nicht nur Saudi-Arabiens und der arabischen OPEC-Staaten am Persischen Golf, einschließlich des früheren Erdgaslieferanten Katar, werden könnte. 2011, kurz bevor Israel und Saudi-Arabien gemeinsam mit der Regierung Obama grünes Licht für den Terrorkrieg gaben, mit dem Baschar al-Assad in Syrien gestürzt werden sollte, hatte Assad eine Vereinbarung mit dem Iran und dem Irak zum Bau einer Gaspipeline unterzeichnet, die vom iranischen Erdgasfeld South Pars am Persischen Golf nach Libanon zum Mittelmeer verlaufen sollte, von wo aus das Erdgas auf den wachsenden Gasmarkt der EU verschifft werden sollte.

 

Koordiniert gingen Saudi-Arabien und Israel daran, al-Qaida und andere ausländische Söldner zu finanzieren und Chaos über Syrien und den Libanon zu bringen. Der wirkliche Plan hinter der Kampagne des Westens zum Sturz Assads steht ganz eindeutig im Zusammenhang mit den politischen und geopolitischen Kriegen um die Herrschaft über diese enormen Energiemärkte. Fraglich ist dabei, welche Rolle Putins Russland bei der Entwicklung in Israel spielen wird. Ein abschließendes Urteil kann zurzeit noch nicht gefällt werden, aber klar ist, dass Putin keine Sekunde verschwendet, sich die wachsende Entfremdung zwischen Washington und Tel Aviv zunutze zu machen, um Russland als wichtigen Faktor bei der sich herausbildenden »Energiewende« am Mittelmeer einzubringen.

 

 

 


 

 

 

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