Friday, 26. August 2016
27.05.2013
 
 

Wird Syrien für die USA zum neuen Vietnam?

F. William Engdahl

Unmittelbar nach dem schnellen Sieg der NATO vor gut zwei Jahren in Libyen, bei dem das Land in Schutt und Asche gelegt und Gaddafi gestürzt wurde, richtete sich das Augenmerk auf das nächste Ziel für einen demokratischen Regimewechsel des »Arabischen Frühlings«, wie er in den Mainstreammedien beschönigend bezeichnet wurde.

Jetzt sollte die Assad-Diktatur in Syrien stürzen und der Weg freigemacht werden, um gegen das schwierigste Ziel – den Iran – vorzugehen. Heute, zwei Jahre später und nachdem die NATO und die arabischen Golfstaaten unter Führung Katars und Saudi-Arabiens Milliarden von Dollar in die

Ausbildung und Ausrüstung von Söldnertruppen gesteckt haben, die nach Syrien eindringen und im Land Chaos anrichten sollten, scheint ein Sieg der NATO jedoch in weite Ferne gerückt.

 

Syrien ist auf dem besten Wege, für Amerika zu einem zweiten Vietnam zu werden, ein Krieg gegen einen winzigen Feind, den das Pentagon trotz all seiner gewaltigen Ressourcen nicht gewinnen konnte. Syrien entwickelt sich für die Welt zum Signal, dass Amerikas Tage als unangefochtene einzige Supermacht der Welt gezählt sind.

 

Erst vor wenigen Tagen konnte die syrische Armee erneut die Aufständischen zurückwerfen, als sie die Stadt Al-Kusair im Bezirk Homs zurückeroberte. Es war der wichtigste Erfolg unter vielen in den letzten Wochen.

 

Al-Kusair ist für al-Qaida und andere terroristische Aufständische ein wichtiger Durchgangspunkt für Nachschub und Verstärkung aus dem Libanon. Verliert die syrische Regierung die Kontrolle über das Tal und die dort verlaufenden Straßen, wird Damaskus von Aleppo und der von Alawiten dominierten Küstenregion abgeschnitten. Damit wäre der Zugang zu Waffen und Versorgungsgütern aus den syrischen Häfen blockiert. Nach übereinstimmenden Berichten gelang die Rückeroberung von Al-Kusair mit der Unterstützung Russlands, des Irans und der libanesischen Hisbollah.

 

Es sind bemerkenswerte Kräfte, die den Sturz der Assad-Regierung betreiben. Erdoğans sunnitisch-fundamentalistisches Regime stellt in der Türkei Stützpunkte für die Ausbildung von Söldnern aus dem NATO-Krieg in Afghanistan, Pakistan und Libyen zur Verfügung, die dort trainiert und mit Waffen ausgestattet werden. Sie erhalten einen täglichen Sold von 100 Dollar – das ist in diesen Regionen ein echtes Vermögen – dafür, dass sie nach Syrien eindringen und sich dort als »syrische Opposition« ausgeben.i

 

Katar unterstützt die Muslimbrüderschaft

 

Eine bizarre neue antisyrische Kraft im geopolitischen Spiel am Persischen Golf ist Katar, ein winziger Staat mit einer Bevölkerung von gerade einmal 200.000. Die treibende Kraft hinter der neuen Rolle Katars ist dessen beleibter, in England ausgebildeter Emir, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, ein Sunnit wie Erdoğan und die Saudis. Scheich Hamad ist bereit, jeden finanziell zu unterstützen, ob al-Qaida oder die Muslimbrüderschaft, der bereit ist, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und in Syrien zu kämpfen. Das bedeutet eine Ansammlung von Terroristen, Rohlingen und Schurken, die keine Rücksicht auf die Genfer Konvention oder den Schutz von Menschenleben nehmen.

 

In einer schauerlichen Szene, die gefilmt und von der Gruppe triumphierend auf YouTube gepostet wurde, schnitt kürzlich ein Söldner der Independent Omar al-Farouq Brigade, einem Ableger der Free Syrian Army (FSA), einem toten syrischen Soldaten das Herz aus dem Leib und daß es vor laufender Kamera.ii Diese Bilder haben mit Sicherheit nicht dazu beigetragen, die Sympathie der syrischen Bevölkerung zu gewinnen. Und gewiss haben sie auch Obamas Aufruf zum Regimewechsel zur Beendigung der »Tyrannei« keinen Auftrieb verschafft. Wenn die »demokratische Opposition« aus einem Haufen von kannibalistischen Monstern besteht, so sieht das wohl kaum nach einer Verbesserung aus.

 

Scheich Hamad von Katar, der Eigentümer des berühmten Fernsehsenders Al-Jazeera in Doha, ist entschlossen, zum geopolitischen Player zu werden, seit Katar mit dem North Field im Persischen Golf ein riesiges Erdgasfeld entdeckte. Das Feld liegt genau gegenüber dem ebenfalls riesigen iranischen Gasfeld South Pars. Gut möglich, dass die britischen Berater des Emirs mit ihrer Unterstützung eigene geopolitische Absichten verfolgen.

 

Beraten von britischen Energiekonzernen, BP und Shell, hat Scheich Hamad Katar zur weltweit führenden Exportnation für Erdgas gemacht. 2011 beschloss der Iran, die Entwicklung seines Anteils am riesigen Erdgasfeld im Persischen Golf voranzutreiben und unterzeichnete mit dem Irak eine Vereinbarung über den Bau einer Pipeline. Der irakische Ministerpräsident al-Maliki ist Anhänger des schiitischen Islam, der im Iran vorherrschenden Strömung, und – sehr wichtig – er hält zu Syrien. Syriens Präsident ist kein Schiit, sondern ein eher liberaler pro-schiitischer muslimischer Alawit. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Kampf zum Sturz Assads kurz nach der Unterzeichnung des Erdgas-Pipeline-Abkommens mit dem Iran begann. Der Export von iranischem Gas auf den wachsenden Gasmarkt in der EU über das Mittelmeer wird zur direkten Bedrohung für Katars Erdgas-Strategie.

 

Scheich Hamad hat eine hochriskante geopolitische Strategie gewählt, als er der Führung der Muslimbruderschaft politisches Asyl in Katar gewährte, um damit die Kontrolle über die gut organisierte Kraft hinter den Regimen des Arabischen Frühlings in Ägypten, Tunesien und zum Teil auch Libyen zu gewinnen.iii Die Muslimbruderschaft ist auch die dominierende Kraft im Syrischen Nationalrat, der führenden Organisation der syrischen politischen Opposition, die ihrerseits von Katars zusammengewürfelter Söldnerarmee gestützt wird.

 

Es ist höchst peinlich für Washington, dass ein guter Teil dieser Söldner, die Dschabhat al-Nusra, Verbindungen zu al-Qaida unterhält. Jawohl, zu genau der angeblich terroristischen Bedrohung Nummer eins für Amerika, als Washington nach dem 11. September 2001 seinen Feldzug gegen den Terror proklamierte, und Osama bin Laden, Afghanistan, dem Irak und fast jedem Land mit einer großen muslimischen Bevölkerung den Krieg erklärte. Dieselbe al-Qaida steht jetzt bei dem Versuch, Baschar al-Assad zu stürzen, an der Seite Washingtons.iv

 

Die Türkei, Israel, Saudi-Arabien und Katar haben die schlimmsten Elemente der terroristischen und kriminellen Welt nach Syrien gebracht. Damit haben sie jede Legitimität als »pro-demokratische« Opposition zerstört und der öffentlichen Unterstützung für einen Verbleib Baschar al-Assads im Amt, mit Wahlen und den vorgeschlagenen demokratischen Reformen, enormen Auftrieb verschafft.

 

Desperates Israel

 

Mit der jüngsten Bombardierung von angeblichen Nachschublagern der Hisbollah in der Nähe von Damaskus spielt Israel eine zunehmend desperate Rolle. Wobei der dreiste kriegerische Akt die Hisbollah kaum geschwächt haben dürfte. Russland verstärkte daraufhin die Waffenlieferungen an Syrien und versprach die Lieferung der modernen radargesteuerten Anti-Schiff-Rakete Jachont. Die Überschallrakete ist für den Küstenschutz entwickelt worden, abhängig von der Flugbahn beträgt ihre Reichweite 120 bis 300 km.v

 

Russland hat Syrien auch das Iskander-System geliefert, das nach Angaben des amerikanischen Militäranalysten Gordon Duff nicht nur Patriot-III-Batterien unschädlich machen kann, sondern auch die israelischen Panzerstreitkräfte und befestigten Stellungen auf den Golanhöhen ausschalten kann. »Die Iskander ist schlagkräftig, extrem treffgenau und nicht zu stoppen. Iskander-Batterien, die von S-300-Flugabwehrsystemen geschützt werden, bilden ein erfolgreiches Gegengewicht zur israelischen Luftverteidigung und machen sowohl Panzerung als auch Befestigung verwundbar. Der wichtigste Aspekt ist natürlich, dass es sich dabei um reine Defensivsysteme handelt«, betont Duff.vi

 

Zum jetzigen Zeitpunkt, wo die Regierung Obama wegen der »Sequestrierung«, der obligatorischen Kürzung des Haushalts, zur Verkleinerung der US-Streitkräfte gezwungen ist, füllt Putins Russland dieses Machtvakuum geschickt aus. Mehr als einmal wurden in den vergangenen Wochen die anfänglich harten Töne Washingtons über eine »rote Linie« in Syrien wegen des angeblichen Einsatzes von Chemiewaffen oder anderer Vorwürfe wieder zurückgenommen. Washington steckt in der tiefsten Krise seit dem amerikanischen Bürgerkrieg in den 1860er Jahren.

 

Die entscheidende Frage für die Zukunft der Vereinigten Staaten und der Welt ist heute, ob sich innerhalb der USA starke Fraktionen herausbilden, die den neokonservativen Putsch, der vor allem in den Jahren der Bush-Cheney-Regierung im Pentagon, in den Intelligence-Behörden wie der CIA und im State Department stattgefunden hat, neutralisieren und die US-Außenpolitik wieder auf wirkliche amerikanische Interessen gründen, und nicht auf die Interessen einer Kabale des militärisch-industriellen Komplexes und dessen Verbündeter in und um Netanjahus Israel. Allmählich erkennt die Welt, dass der amerikanische »Kaiser« keine Kleider anhat, um den großen dänischen Erzähler Hans Christian Andersen zu zitieren. Beim nächsten Mal braucht er einen besseren Schneider.

 


Fußnoten:

 

i Berichte über Bezahlung und Ausbildung von Söldnern für den Kampf in Syrien erhielt der Autor von türkischen und iranischen Journalisten, die kürzlich aus Syrien zurückgekehrt sind, wo sie gefangene Söldner interviewt hatten. Einige glaubten, sie kämpften gegen israelische Soldaten, nicht gegen muslimische Brüder.

ii Jim Muir, »Outrage at Syrian rebel shown ›eating soldier's heart‹«, BBC News, 14. Mai 2013

iii Layla al-Shoumari, »Muslim Brotherhood Paves Way for Qatar’s Ascent«, Al-Akhbar, 12. April 2013

iv Richard Spencer, »Al Qaeda’s Syrian wing takes over the oilfields once belonging to Assad«, The Telegraph, 18. Mai 2013

v BBCNews, »Syria crisis: Russia ›sends sophisticated weapons‹«, 17. Mai 2013

vi Gordon Duff, »Syria’s failure to lose«, PressTV, 22. Mai 2013.

 

 

 

 


 

 

 

 

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