Samstag, 19. August 2017
17.01.2009
 
 

Gaza-Krieg: Israel will die »Hamas« brechen – und tötete bisher etwa 300 palästinensische Kinder!

Thomas Mehner

Es war keine Geringere als Bundeskanzlerin Angela Merkel, die »einzig und allein« der »Hamas« die Schuld an der derzeitigen Offensive des israelischen Militärs im Gaza-Streifen zuschob und damit – wieder einmal – ihre Geschichtsunkundigkeit und Faktenresistenz bewies. Stattdessen folgte sie der Schleimspur der israelischen Propaganda, wonach die »Hamas« eine Terrorgruppe sei und Israel ausschließlich sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehme. Die Wahrheit ist aber, zumindest in Teilen, eine andere.

»Terrorismus bekämpfen? Dass ich nicht lache! Unsere Armee sorgt in den besetzten Gebieten ständig für einen Nährboden des Elends, der Armut und der Hoffnungslosigkeit, einen Nährboden, auf dem der Terrorismus prächtig gedeiht.« – Yishai Rosen-Tzvi, israelischer Soldat, der sich weigerte, in den besetzten Gebieten seinen Militärdienst zu leisten, am 9. Februar 2002 bei einer Friedensdemonstration in Tel Aviv. (1)

 

Wir leben im 21. Jahrhundert. Moralisch gesehen sind wir wohl allerdings auf dem Weg in eine Zeit, in der das Faustrecht – jedenfalls für bestimmte Nationen – kurz vor seiner Wiedereinführung stehen dürfte. Beispielsweise haben die USA in den letzten Jahren bewiesen, dass internationales Recht dazu da ist, gebrochen zu werden, wenn es gilt, eigene politische, wirtschaftliche und militärische Ziele durchzusetzen. Seither wird deutlicher denn je mit zweierlei Maß gemessen. Die »Guten« dürfen Recht und Gesetz brechen, um die »Bösen« (die »Terroristen«) zu bekämpfen. Israel hat sich dieser Tendenz angeschlossen, indem es UN-Resolutionen ignoriert.

Die Berichterstattung der westlichen Medien ist, was den Gaza-Krieg anbetrifft, ziemlich einseitig und feige. Man beleuchtet zwar die Vorgänge, aber israelkritische Meinungen sind nur selten zu vernehmen – man könnte ja sonst schnell in den Verdacht des Antisemitismus geraten. Dabei ist es nur legitim, Israel für seine Vorgehensweise im Gaza-Streifen heftig zu kritisieren, denn das Ziel der Invasion, die Hamas zu schwächen oder zu brechen, wird mit einem ungeheuren Blutzoll erkauft: über 1.000 Tote hat es bereits gegeben – davon sind etwa 300 Kinder!!! Gegen wen führt die israelische Armee eigentlich Krieg? Gegen die Hamas oder gegen palästinensische Kinder?

Bei der Beantwortung dieser Fragen müssen einige grundsätzliche Dinge berücksichtigt werden: Die Hamas kämpft aus dem Gaza-Streifen heraus, der dicht bevölkert ist. Hier leben rund 1,5 Millionen Menschen. Der Gaza-Streifen wurde vom israelischen Militär abgeriegelt und dreigeteilt, um so die Hamas-Kämpfer besser in die Zange nehmen zu können, die sich (mit dem Rücken zur Wand) mit Verbissenheit zur Wehr setzen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig angesichts des übermächtigen Feindes? Kriegshandlungen in dicht besiedelten Gebieten treffen viele Unschuldige. Das war immer so und wird auch immer so bleiben. Allerdings stimmt die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht: Die westlichen Medien, das natürlich wissend, sind daher krampfhaft bemüht, auch die Untaten der Hamas zu demonstrieren, deren Kämpfer weiter (teils selbstgebastelte Raketen) gegen Israel feuern und nun auch wieder mit Selbstmordanschlägen drohen. Die Raketen richten Schaden an, sorgen für Verletzte, Tote und Zerstörungen. Man möge sich die Bilder aber genau ansehen: Da wird mit großem Tammtamm berichtet, wenn eine Kasam-Rakete die Wand eines israelischen Hauses durchschlägt und explodiert. Sicher ist das schlimm, denn es trifft auch hier Unschuldige. Die israelische Armee setzt aber im Gaza-Streifen Kampfhubschrauber, Flugzeuge, Panzer und schwere Artillerie ein. Die Bilder, die über die Fernsehschirme flimmern, zeigen die Wirkung: Da werden mit ein, zwei Treffern ganze Wohnblocks eingelegt und Straßenzüge verwüstet. Nach Bombenabwürfen steigen gewaltige Feuer- und Rauchwolken auf und der Betrachter kann nur erahnen, was die davor stattfindende Explosion angerichtet hat. Gnade Gott den Menschen, die diesen Beschuss aushalten müssen. Vorgestern wurde das Haus des Hamas-Innenministers weggebombt, übrig blieb nur ein großer Krater. Was ist das für eine Art von Kriegsführung, in der eine gut ausgerüstete Armee mit voller Wucht und Kraft gegen die Hamas-Krieger vorgeht, die sich mit teils veralteter einfacher Waffentechnik zur Wehr setzen? Man ist an den sprichwörtlichen biblischen Kampf David gegen Goliath erinnert. (Der aber letztlich, das sollten die Israelis immer berücksichtigen und eigentlich am besten wissen, von David gewonnen wurde.)

Der Einwand, Israel sei ja ein demokratischer Staat, der sich selbst verteidige und gegen eine Terrororganisation kämpfe, die ihn bedrohe, ist ein tausendfach heruntergeleiertes Scheinargument, das durch laufende Wiederholung allerdings kaum an Überzeugungskraft gewinnt. Man vergisst in der ganzen Diskussion nämlich Ursache und Wirkung. Die Hamas ist ein Kind israelischer Machtpolitik, die die Palästinenser seit Jahrzehnten zu Menschen zweiter Klasse deklariert. Ich behaupte, dass die Hamas niemals existieren würde, gäbe die von Israel seit Jahrzehnten betriebene aggressive Politik nicht. Leben die Palästinenser in Flüchtlingslagern oder die Israelis? Wer kontrolliert wen? Wer unterdrückt wen? Die Bilder des Gaza-Krieges geben eine eindeutige Antwort! Israel übt sich als Kolonialmacht, die Palästinenser sind vom Wohl und Wehe der israelischen Regierung abhängig. Wer sich da noch wundert, dass aus solchem Zwang Widerstand wächst, ist eindeutig weltfremd.

Der westlichen Medienberichterstattung ist es eigen, dass sie immer nur die Symptome benennt und niemals bis zu den eigentlichen Ursachen des Konfliktes vorzudringen versucht. Man scheut die Wahrheit, die sich bei einem solchen Versuch offenbaren würde, wie der Teufel das Weihwasser. Personen wie dem mutigen israelischen Historiker Ilan Pappe ist es zu verdanken, dass die wirklichen Gründe für den Konflikt nicht mehr unterdrückt werden können. In seinem Buch Die ethnische Säuberung Palästinas zerstört er das Bild vom Gründungsmythos Israels.

»Am 10. März 1948 treffen sich David Ben Gurion (später der erste Ministerpräsident Israels) und elf führende Vertreter der jüdischen Einwanderer in Tel Aviv; sie beschließen die ethnische Säuberung Palästinas. Noch während des britischen Mandats beginnen die Angriffe, geführt von Moshe Dayan (später Verteidigungs- und Außenminister), Menachim Begin (später Ministerpräsident und Außenminister) und Yitzhak Rabin (später Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger). Elf Stadtviertel und 531 palästinensische Dörfer werden zwangsgeräumt, viele dem Erdboden gleichgemacht; 800.000 Menschen fliehen. Es kommt zu Vergewaltigungen, Plünderungen und zu Massakern auch an Frauen und Kindern. Heute bedecken Wälder, Parks und Freizeiteinrichtungen die einstigen Dörfer.« (2)

Israels neuzeitliche Geschichte begann also mit Unrecht. Das darf niemals vergessen werden. Aber das interessiert niemanden im Westen. Stattdessen werden die Vertreter des palästinensischen Volkes, die sich gegen die Besatzer zur Wehr setzen, zu Terroristen erklärt. Wenn Israel UN-Resolutionen ignoriert, ist das aber »normal«. Ist das aber nicht Staatsterrorismus? Und wenn beim Gaza-Krieg unschuldige Kinder getötet werden, dann ist das auch »normal« – zumindest für alle, die feige wegschauen. Fakt ist: Wenn die Hamas Israelis tötet, dann ist das ein Verbrechen. Fakt ist aber auch: Wenn Israels Armee Kinder wie überhaupt unschuldige Zivilisten tötet, dann ist das auch ein Verbrechen, für das die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Wo bleibt der Aufschrei des Westens, der dortigen Menschenrechtler? Wenn jedes dritte Todesopfer im Gaza-Streifen ein Kind ist, dann ist Israels Krieg ein Krieg gegen die Kinder!

Noch ein paar Bemerkungen zum Terrorismus. Dieser kann nur auf fruchtbarem Boden entstehen. Von einigen verrückten Anarchisten abgesehen, möchten die meisten Menschen ein Leben in Würde, Ruhe, Frieden und bescheidenem Wohlstand führen. Wenn diese nur allzu verständlichen Ansprüche ignoriert werden und die Lebensrechte der Betroffenen mit Füßen getreten werden, dann hat das Folgen. Niemand wird als Terrorist geboren. Terrorismus ist die Ausdrucksform des Sich-Wehrens schwacher und verzweifelter Kräfte mit den zur Verfügung stehenden wenigen Mitteln. Er ist heimtückisch und hinterhältig, gewiss. Er kann aber auch gar nicht anders sein, denn Terroristen verfügen nicht über stehende Heere, moderne Kampfflugzeuge, Flugzeugträger, Interkontinentalraketen und Milliardensummen für ihre Rüstung. Terrorismus ist kein Kampf auf Augenhöhe mit dem »Feind«. Es ist ein Krieg im Untergrund, ein Krieg mit anderen Mitteln. Terrorismus ist letztlich ein Produkt der Politik derjenigen Regierungen dieser Welt, die laufend meinen, über andere Völker bestimmen zu müssen; der verzweifelte letzte Versuch des Aufbegehrens der Unterdrückten. Dass sich im Laufe der Jahrzehnte der Terrorismus verselbstständigte (Terrorismus um des Terrorismus willen), steht dabei außer Frage.

Im Übrigen darf auch einmal die Frage gestellt werden, mit welchem Recht Israel über mehr als 100 Atomwaffen verfügen darf, während andere Nationen, die angeblich an solchen arbeiten (Iran) vom Westen verdammt werden. Israel ist gewiss kein Garant für Ruhe und Frieden im Nahen Osten, sondern hat diese Atomwaffen leise, still und heimlich produziert, um seine arabischen Nachbarn in Schach zu halten, über deren Köpfen nun das israelische Damoklesschwert der nuklearen Ausrottung schwebt. Ich glaube nicht, dass ein derartiger Zustand mittel- und langfristig für stabile Verhältnisse sorgt. Und ob Israel seine politisch-militärischen Ziele mit der Bekämpfung der Hamas im Gaza-Streifen erreichen wird, scheint mehr als ungewiss. Meines Erachtens wird letztlich die Hamas sogar gestärkt aus diesem Krieg hervorgehen, denn die brutale Vorgehensweise der israelischen Armee wird viele gemäßigte Palästinenser nun endgültig radikalisieren. Und nicht nur das: der sogenannte Antisemitismus, der sich genaugenommen als Antijudaismus oder Antizionismus äußert, dürfte weltweit zunehmen. Israel isoliert sich zunehmend selbst und bedroht damit seine eigenen Lebensgrundlagen. Ob man sich dessen in Israel bewusst ist, wenn man einen Krieg gegen Kinder führt?

 

______________

Quellenverweise:

(1) Zitiert in: Hajo G. Meyer, Das Ende des Judentums – Der Verfall der israelischen Gesellschaft, SEMITedition im Melzer Verlag, 2. verbesserte Auflage, Neu Isenburg 2006, Seite 81.

(2) Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas, 1. Auflage, Zweitausendeins, Frankfurt/Main, 2007, Auszug aus dem Text der Buchrückseite.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Gaza-Krieg: Kollektivbestrafung an Palästinensern?

Michael Grandt

Israel nimmt keinerlei Rücksicht auf Frauen und Kinder. Was in Gaza derzeit geschieht, ist unmenschlich – und die ganze Welt schaut zu.  mehr …

Gaza-Krieg: Phosphorgranaten auf Zivilisten?

Michael Grandt

Menschenrechtsorganisationen und Medien berichten, dass Israel auch Phosphorgranaten in Gaza einsetzt, die Menschen bis auf die Knochen verbrennen können und deshalb gegen internationales Recht verstoßen. Die israelische Armee dementiert den Einsatz, trotz erdrückender Faktenlage.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Gaza-Krieg: Phosphorgranaten auf Zivilisten?

Michael Grandt

Menschenrechtsorganisationen und Medien berichten, dass Israel auch Phosphorgranaten in Gaza einsetzt, die Menschen bis auf die Knochen verbrennen können und deshalb gegen internationales Recht verstoßen. Die israelische Armee dementiert den Einsatz, trotz erdrückender Faktenlage.  mehr …

Gaza-Krieg: Kollektivbestrafung an Palästinensern?

Michael Grandt

Israel nimmt keinerlei Rücksicht auf Frauen und Kinder. Was in Gaza derzeit geschieht, ist unmenschlich – und die ganze Welt schaut zu.  mehr …

Das »Gelobte Land« – Hat Israel ein Recht auf Palästina?

Michael Grandt

Die Israeliten, das »Auserwählte Volk«, nahm einst das Land Kanaan, das heutige Palästina, mit der Begründung in Besitz, es sei das »Gelobte Land«. Diese gewaltsame Invasion hat Auswirkungen bis heute.  mehr …

KOPP EXKLUSIV: Geheime Planspiele in der EU – Mit dem Reisepass zum Tanken

Udo Ulfkotte

In der Europäischen Union sind die beliebten zollfreien »Butterfahrten« längst Geschichte. Und auch an Flughäfen darf nur noch zollfrei einkaufen, wer anschließend die EU verlässt. Bislang darf man allerdings noch jenseits der Grenzen günstig Benzin tanken. Doch auch dieser »Tanktourismus« könnte bald schon der Vergangenheit angehören. Jedenfalls  mehr …

Ahmadinejads provozierende Prophezeiung: Israels Zusammenbruch ist nicht mehr fern

Thomas Mehner

Der iranische Staatspräsident Mahmoud Ahmadinejad ist als geschickter Taktiker bekannt. Manche bezeichnen ihn gar, was seine Vorgehensweise anbetrifft, als verschlagen. …  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.