Tuesday, 26. July 2016
17.02.2011
 
 

Ägypten begrüßt den neuen Herrscher – eine Trendvorhersage

Gerald Celente

Die ägyptische Bevölkerung auf dem Freiheitsplatz feierte, die führenden Politiker der Welt schalteten sich dazu und die Medien plapperten weltweit davon, hier werde »Geschichte gemacht«. Der große Bösewicht Husni Mubarak habe »auf die Stimme des ägyptischen Volkes gehört« und sich ihren Forderungen nach dem Ende seiner 30-jährigen Herrschaft als Präsident gebeugt.

Am 11. Februar wurde die Nachricht verkündet. Der frisch gesalbte Vizepräsident Omar Suleiman, der ansonsten der Ansicht ist, Ägypten sei noch nicht reif für Demokratie, gab in einer kurzen Erklärung bekannt: »In dieser schwierigen Lage, in der sich das Land gegenwärtig befindet, hat sich Präsident Husni Mubarak entschieden, von seinem Amt als Präsident der Republik zurückzutreten. Er hat den Obersten Militärrat mit der Regierungsgewalt beauftragt.«

Nach dieser Ankündigung erklärte der Nobelpreisträger und (Lieblingsoppositionelle des Westens) Mohamed el-Baradei, dies sei »der größte Tag« seines Lebens und »das Land (sei) nun frei«. Und die Zeitung USA Today fasste diesen »größten Tag« in der Schlagzeile zusammen: »Mubarak tritt zurück; Militär übernimmt die Macht«.

Die Leser des Trends Journal mussten nicht bis zum 11. Februar warten, um zu erfahren, was hier heraus kommt, wenn »Geschichte gemacht wird«. In unserer Vorhersage Trend Alert erklärten wir am 1. Februar:

Wie wir im Falle Ägyptens erleben werden, wird man Militärputsche als Regimewechsel ausgegeben. Die Öffentlichkeit wird schon darauf konditioniert, das ägyptische Militär als »geliebte Befreier« zu betrachten. Aber tatsächlich bilden sie nur eine andere Fraktion der autokratischen Regierung, die genauso wenig mit demokratischen Idealen zu tun hat wie der Diktator, den sie ersetzen … und der selbst den Rängen des Militärs entstammt.

Hier wurde eben nicht Geschichte neu gemacht, sie wurde lediglich wiederholt. Seit der ägyptischen Revolution von 1952, in deren Verlauf Armeeoffiziere den damaligen König Faruk I. stürzten, wurde das Land von Militärs regiert … bis zum vergangenen Freitag durch den früheren Luftwaffengeneral Husni Mubarak.

Und jetzt wird auch Omar Suleiman (Ägyptens Geheimdienstchef, bis ihn Mubarak am 29. Januar zum Vizepräsidenten ernannte) Berichten des Fernsehsenders Al Dschasira zufolge ebenfalls dem Obersten Militärrat angehören, der das Land regieren wird.

Suleimans Aufstieg zum Vizepräsidenten war von langer Hand vorbereitet. Aus einer von WikiLeaks veröffentlichten amerikanischen diplomatischen Depesche mit dem Titel »Nachfolge im Amt des ägyptischen Präsidenten« wurde der »ägyptische Geheimdienstchef und Mubaraks Berater in den letzten Jahren, Soliman (sic), offen als möglicher Kandidat für das seit langem unbesetzte Amt des Vizepräsidenten gehandelt. Viele unserer Kontakte glauben, Soliman werde auch aufgrund seines militärischen Hintergrundes in jedem denkbaren Nachfolgeszenario mindestens eine wichtige Rolle spielen.«

Suleiman wird vorgeworfen, in seiner 17-jährigen Dienstzeit als Geheimdienstchef äußerst brutal gegen die politische Opposition vorgegangen zu sein und öffentlich auftretende Dissidenten getötet, inhaftiert und rücksichtslos behandelt zu haben. Darüber hinaus war er der »Mann der CIA in Kairo«, der das amerikanische Programm zur »außerordentlichen Überstellung von Terrorverdächtigen« zumindest teilweise geplant und durchgeführt hat. Bereits unter Präsident Clinton und weiter bis unter Präsident W. Bush waren die USA dazu übergegangen, »Landesfeinde« , d. h. Terrorverdächtige, nicht vor einem ordentlichen Gericht anzuklagen, sondern sie zu entführen und nach Ägypten, als Land der Wahl, zu bringen, wo sie dann verhört und gefoltert wurden.

An der Spitze des Obersten Militärrates des nunmehr »befreiten« Ägyptens steht Verteidigungsminister Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi, der von Offizieren mittlerer Dienstgrade, wie es in von WikiLeaks veröffentlichten diplomatischen Berichten von 2008 heißt, als »Mubaraks Pudel« bezeichnet wird – inkompetent und eher altmodisch, aber dem Präsidenten gegenüber äußerst loyal. In dem Bericht wird die Einschätzung vertreten, Tantawi lehne »sowohl wirtschaftliche als auch politische Reformen ab, da sie seiner Meinung nach die Macht der Zentralregierung untergrüben«. Weiterhin gehören dem Rat Armeestabschef Generalleutnant Sami Hafez Anan und Luftmarschall Ahmed Schafik, der neue Ministerpräsident, an – beide unerschütterliche Anhänger Mubaraks.

Obwohl die neuen Machthaber den Gegnern der Demokratie zuzurechnen sind, erklärte US-Präsident Obama: »Die Ägypter haben deutlich gemacht, dass nur eine echte Demokratie den Sieg davontragen kann. Die ägyptische Bevölkerung hat gesprochen – ihre Stimme wurde gehört und Ägypten wird nie mehr so wie vorher sein.«

»Das ist praktisch die ägyptische Version eines ›Wechsels, mit dem wir [die USA] leben können‹«, sagte John Anthony West, unser Mann vor Ort und geschäftsführender Herausgeber von Trends Journal. »Die Menschen sind begeistert und schwenken Fähnchen und sagen genau das gleiche dumme Zeug, allerdings auf Arabisch. Selbst der idiotische Jubel der korrupten Medien klingt genauso«, kommentierte West, der zwei Tage vor Beginn der Proteste am 25. Januar in Ägypten eingetroffen war und gerade erst wieder in die USA zurückgekehrt ist. »Man muss mit noch dramatischeren, einschneidenderen und langanhaltenden Ereignissen rechnen, wenn landesweit in ein paar Monaten unausweichlich ins Bewusstsein dringt, dass sich eigentlich nichts geändert hat«, warnte West weiter.

Wie in Ägypten legen auch in den »demokratischen« USA Politiker, Medien und die Nation als Ganze ihr Vertrauen und ihre bessere Einsicht in die Hände ihres ruhmreichen, mildtätigen Militärs und ihrer prächtigen Militärmaschine. Die Geschichte beweist aber, eine Militärherrschaft (die in Ländern, mit denen die USA keine Geschäfte machen, auch als »Junta« verunglimpft wird) ist ausnahmslos brutal und gibt nur sehr selten die Macht wieder an das Volk zurück. Wenn es überhaupt noch zu Wahlen kommt, sind sie in der Regel manipuliert, und der einzige Wandel ist der Wechsel der Kleidung – von einer maßgeschneiderten Generalsuniform zu einem maßgeschneiderten Armani-Anzug.

 

Alter Wein in neuen Schläuchen

Trendvorhersage: Eine Person loszuwerden, macht noch keine Revolution aus. Berüchtigte »Revolutionäre« wie Marx, Lenin und Pol Pot wussten genau, dass eine Revolution nur gelingen kann, wenn man alle Mitglieder der vormals herrschenden Klassen ersetzt.

In Ägypten herrscht immer noch die militärische Klasse, und die Macht des 18-köpfigen Obersten Militärrates ist unangefochten. Als erste Maßnahmen setzte der Rat die Verfassung außer Kraft, löste das Parlament auf und verbot Streiks.

Offensichtlich als Zugeständnis an die Protestbewegung versprach der Militärrat, die Macht nur befristet zu übernehmen und innerhalb der nächsten sechs Monate freie und faire Wahlen abzuhalten … praktisch den gleichen Zeitplan hatte Mubarak vorgeschlagen.

Niemand kann derzeit vorhersagen, ob das Militär die Macht wieder abgeben und wann es zu freien Wahlen kommen wird. Man darf aber vermuten, dass sie nicht freiwillig auf die etwa zwei Milliarden Dollar an amerikanischen Hilfsgeldern verzichten wollen, die die ägyptische Regierung bisher jährlich erhielt.

Seit dem Rückzug Mubaraks haben Washingtoner Politikexperten und politische Kommentatoren die Regierung aufgefordert, als Teil der Bemühungen, auf die neue Regierung Einfluss zu nehmen, »Stabilität« zu garantieren und die außerpolitischen Interessen Amerikas zu fördern, »prodemokratischen« Gruppen in Ägypten finanzielle Hilfen zur Verfügung zu stellen.

Trendvorhersage: Die Entwicklungen in Tunesien und Ägypten breiten sich nun auch auf den Jemen, Algerien und darüber hinaus aus. Sie sind Ausdruck einer sich schon lange anbahnenden Entwicklung, wie wir es auch in unserem Trends Journal vom Herbst letzten Jahres unter der Überschrift »Ihre Köpfe sollen rollen 2.0« vorhergesagt hatten. Was sich derzeit vor unseren Augen vollzieht, ist nicht allein auf Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten beschränkt: Es ist das Vorspiel zu einer ganzen Reihe von Bürgerkriegen, die in regionale Kriege münden werden, woraus sich dann der erste »Weltkrieg« des 21. Jahrhunderts entwickeln könnte.

 

Gerald Celente ist Leiter des 1980 gegründeten Trend Researche Institute und Herausgeber des vierteljährlichen Informationsdienstes The Trends Journal.

 


 

 

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