Sunday, 26. June 2016
14.06.2010
 
 

Öl-Katastrophe: Doomsday hoch zwei

Gerhard Wisnewski

»Top Kill«: Lustiger Name. Wissen Sie noch? So nannte BP seinen Versuch vom 26. Mai 2010, das Bohrloch im Golf von Mexiko mit einer Schlammkanone zu verschließen. Inzwischen darf man sich fragen, wer oder was hier eigentlich »gekillt« werden sollte – wirklich der Ölstrom aus dem Bohrloch? Oder nicht vielleicht doch ein klitzekleiner Planet? Mit allem, was sich darauf bewegt? Lesen Sie selbst …

Preisfrage: Was passiert eigentlich, wenn man in einen Gewehrlauf von beiden Seiten gleichzeitig eine Kugel schießt? Dumme Frage: Er explodiert natürlich. Das weiß doch jedes Kind. Vielleicht. Aber vielleicht nicht jeder Erwachsene. Jedenfalls nicht jeder Erwachsene von BP, jener Firma, die zurzeit den Golf von Mexiko und demnächst den Azorenstrom und den Golfstrom verseuchen könnte und sich damit als globaler Brunnenvergifter betätigt.

Am 20. April 2010 explodierte die BP-Bohrplattform Deepwater Horizon und hinterließ ein offenes Bohrloch. Was heißt »Bohrloch«: einen offenen Kanal, aus dem das Öl mit hohem Druck herausschoss – ein sogenannter »Blowout«. So weit, so schlecht. Ein offenes Bohrloch in 1.500 Metern Tiefe ist zwar schlimm. Aber bei Weitem nicht so schlimm, wie ein bis zwei Dutzend Öllecks im Ozeanboden. Seit einiger Zeit häufen sich nämlich die Berichte, wonach der Meeresgrund an vielen Stellen »leck geschlagen« ist. In einem Report des russischen Tiefseeexperten Anatoli Sagalewitsch an den Kreml steht zu lesen, der Meeresboden sei »jenseits jeder Reparaturmöglichkeit zertrümmert«, und unsere Welt sollte sich auf ein Umweltdesaster »jenseits jeder Vorstellungskraft« vorbereiten. Das berichtet die Website whatdoesitmean.com.

Noch erinnert sich ja kaum jemand an das genaue Datum der Bohrinsel-Explosion im Golf von Mexiko, schon bald könnte es den 11.9.2001 jedoch in den Schatten stellen. Deshalb notieren Sie sich schon mal den 20. April 2010, als im Beisein bzw. in der Verantwortung von BP ein riesiges Ölreservoir geöffnet wurde. Im Ergebnis wurden sämtliche Schleusen geöffnet, um ein großes Ölvorkommen in den Ozean zu leiten.

Laut Sagalewitsch »kommt das Öl im Golf von Mexiko nicht nur aus dem 55-Zentimeter-Bohrloch, das man im amerikanischen Fernsehen sieht, sondern aus mindestens 18 Stellen auf dem ›zertrümmerten Meeresgrund‹, wobei die größte davon etwa elf Kilometer vom ursprünglichen Standort der Deepwater Horizon entfernt sei und etwa zwei Millionen Gallonen pro Tag abgibt« (zitiert aus whatdoesitmean.com).

Ja, wie kann das denn sein? Normalerweise »ist ein Blowout ein Blowout«: Durch einen Unfall oder eine Fehlfunktion wird das Bohrloch unkontrolliert eröffnet, und das Öl schießt heraus. Das wars dann. Der zum Ölreservoir in die Tiefe führende Bohrkanal bleibt dabei in der Regel unbeschädigt. Da der Druck im Bohrkanal nun durch das offene Bohrloch entweichen kann, gibt es keinen Grund, warum die Einfassung des Bohrkanals »platzen« sollte. Der Druck entweicht an der schwächsten Stelle, und das ist nun mal das offene Bohrloch. Wenn, dann wäre der Bohrkanal unter dem Druck des Öls »geplatzt« oder zusammengebrochen, als der »Korken« oben noch drauf war. Dann hätte der Druck – theoretisch – vielleicht seitwärts aus der Einfassung des Kanals entweichen können. Aber nach dem Blowout herrscht im Bohrkanal logischerweise ein viel geringerer Druck als vorher.

Und so dürfte sich die Situation auch die ganze Zeit über bis zum 26. Mai 2010 dargestellt haben. Jene Zeit über, in der BP-Ingenieure oder -Beauftragte an dem Bohrloch herumdilettierten, wobei angeblich nichts klappte, bis die BP-Leute auf die brilliante Idee kamen, bis zu 50.000 Barrel Schlamm bereitzuhalten, um sie in das Bohrloch zu schießen, und zwar mit 30.000 PS.

Drei Mal dürfen Sie raten, was nun mit dem Bohrkanal passieren würde? Würde sich der Druck verringern oder erhöhen? Halt, nicht vordrängeln – fragen wir erst BP: »Das Hauptziel des Top-Kill-Verfahrens besteht darin, schweren Kill-Schlamm in das Bohrloch einzubringen, damit der Druck und anschließend der Ölfluß reduziert wird.«

 

Quelle: BP

 

Der Kandidat hat null Punkte. Jetzt sind Sie dran. Nochmal dumm gefragt: Würde mit 30.000 PS in das Bohrloch geschossener Schlamm den Druck im Kanal reduzieren oder erhöhen? Erhöhen? Bravo! Wenn Sie so weitermachen, werden Sie von mir zum Vorstandsvorsitzenden von BP h.c. ernannt.

Aber vorher noch eine weitere Frage. Was würde passieren, wenn man den Druck im Bohrkanal unter Einsatz von 30.000 PS erhöhen würde? Antwort BP: Der Schlamm würde das Öl zurückdrängen und so den Ölfluss stoppen. Und jetzt Sie: Was würde mit dem Bohrkanal passieren? Er würde platzen? Bravo! Und das ist denn auch genau das, was geschah.

Bereits am 31. Mai 2010 wurde in der Washington Post ein nicht namentlich genannter BP-Experte mit den Worten zitiert: »Wir stellten fest, dass etwas unter dem Meeresgrund gebrochen war« – also im Bohrkanal. »Er sagte«, so die Washington Post, »dass Schlamm aus dem Bohrloch ›nach außen in die Formation‹ eindrang.« Womit das umgebende Gestein gemeint ist. Und das wiederum kann nur passieren, wenn der Bohrkanal geplatzt ist.

Am 8. Juni 2010 machte sich der US-Fernsehmoderator Keith Olbermann Gedanken, was wohl die Steigerung von »Doomsday« (Schicksals-, Untergangstag) sein könnte. Denn womit niemand gerechnet hatte: Dank BP benötigt die englische Sprache nun eine solche Steigerung. In Olbermanns Sendung berichtete der Ölexperte Bob Cavnar, er wisse von Beteiligten, dass es während der Top-Kill-Operation einen Zwischenfall gab, woraufhin der Vorgang sofort gestoppt worden sei. »Ich glaube, sie hatten es während der Top-Kill-Operation wahrscheinlich mit einem Versagen der Einfassung (Casing, G.W.) zu tun.« Also der Einfassung des in die Tiefe führenden Bohrkanals. »Vergessen Sie nicht, dass der Schlamm mit 30.000 PS in das Bohrloch gepumpt wurde, und das heißt, dass die vielleicht schon beschädigte Einfassung versagt haben könnte.«

 

 

Auf gut Deutsch heißt das, dass es den Bohrkanal bei der »Top Kill«-Operation zerrissen hat und sich das von unten heraufschießende Öl nun seinen Weg durch den umgebenden Meeresboden sucht, bis es irgendwo an die Oberfläche dringt. Wenn die entsprechenden Berichte stimmen, sogar noch in elf Kilometern Entfernung. Damit das Öl soweit entfernt an die Oberfläche tritt, muss der Bohrkanal in großer Tiefe gerissen sein. Wäre der Bohrkanal weiter oben gebrochen, würde das Öl in der Nähe des ursprünglichen Bohrloches austreten. So aber könnte es auch fast unmöglich sein, eine treffgenaue Entlastungbohrung anzubringen. Mit anderen Worten hat BP aus einem Blowout etwas gemacht, von dem aus es möglicherweise kein Zurück mehr gibt – so eine Art Doomsday hoch zwei eben.

Wenn ich in den nächsten zehn Jahren jemanden an einer BP-Tankstelle tanken sehe (Slogan der Tochter Aral: »Wir handeln verantwortungsvoll«), kriegt er es mit mir zu tun.

 

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