Monday, 29. August 2016
05.07.2010
 
 

Ölkatastrophe: »Sind Sie nun zufrieden? Die Plattform brennt!«

Gerhard Wisnewski

Auffällige Aktiengeschäfte und Unternehmenskäufe vor der Bohrinsel-Katastrophe der »Deepwater Horizon« vom 20. April 2010 erregten bisher schon Verdacht: Hatten einige Leute vielleicht ein Vorwissen von der Explosion? Inzwischen sind weitere Indizien aufgetaucht, dass es bei dem Unfall der »Deepwater Horizon« vielleicht nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.

Golf von Mexiko, 20. April 2010. Soeben haben sich über 100 Männer von der brennenden Bohrinsel »Deepwater Horizon« an Bord von Schiffen gerettet. Während manche Überlebende nach ihren späteren Aussagen daran gehindert werden, zu telefonieren, führen andere angeregte Gespräche. Besser gesagt: Aufgeregte Gespräche. Das berichtete jedenfalls der Kapitän eines der Rettungsschiffe laut dem investigativen US-Magazin »Mother Jones« vom 7. Juni 2010. Danach hörte der Skipper ein Telefonat zwischen einem Vertreter des Bohrinsel-Betreibers »Transocean« und einem Gesprächspartner in Houston mit, unter anderem Sitz der in das Unglück verstrickten Bohrfirma »Halliburton«.

Demnach schrie der »Transocean«-Mann ins Telefon: »Sind Sie nun verdammt zufrieden? Die Plattform brennt! Ich habe Ihnen gesagt, dass das passieren würde!« Der Gesprächspartner am anderen Ende habe den »Transocean«-Angestellten offenbar beruhigen wollen, denn der sei fortgefahren: »Ich bin verdammt ruhig! Haben Sie kapiert, dass die Plattform brennt?« Auch andere hätten diese Unterhaltung gehört.

Demzufolge haben einige Leute also bereits vor dem Unglück vor einer Katastrophe gewarnt. Betrachtet man die Vorgange näher, drängt sich der Eindruck auf, dass eine Sicherung nach der anderen versagte, ohne dass daraus irgendjemand Konsequenzen zog - oder Konsequenzen ziehen wollte?

 

Der Korken auf der Flasche

Die Ölreservoire stehen gewöhnlich unter einem hohen Druck, und nur ein ausgeklügeltes Druckmanagement ermöglicht ihre Ausbeutung, ohne dass dabei die Plattform in die Luft fliegt. Der entscheidende Korken auf der sprudelnden »Sektflasche« der Ölquelle ist der sogenannte »Blowout-Preventer«: ein haushohes, komplexes Ventil über der Bohrstelle auf dem Meeresgrund mit mehreren redundanten Sicherungen. Schon vier Wochen vor der Katastrophe seien plötzlich Teile eines wichtigen Dichtungsrings aus dem »Blowout-Preventer« durch die Bohrleitung nach oben gespült worden, berichtete der ehemalige Chefelektroniker der »Deepwater Horizon«, Michael Williams, in der US-TV-Sendung »60 Minutes« vom 16. Mai 2010.

Die Dichtung dient dazu, das Bohrloch druckdicht zu versiegeln. Erst dann kann man den Druck im nach unten führenden Bohrkanal messen und feststellen, ob er zu hoch ist oder nicht. Ist der Dichtungsring dagegen beschädigt, kann der Druck durch ihn entweichen und erscheint bei den Messungen als zu niedrig. Mit anderen Worten: Die Besatzung ist für hohen Druck im Bohrloch blind. In etwa so, als würde jemand ohne Licht mit dem Auto durch die Nacht rasen.

»Machen Sie sich keine Gedanken darüber«, habe man Williams jedoch beschieden. Auch als weitere lebenswichtige Teile des Blowout-Preventers versagten, ist nach Williams Angaben nichts geschehen. Der Verlust dieser Teile sei vergleichbar mit dem Verlust eines Beines, meinte Professor Robert Bea von der Universität von Kalifornien in »60 Minutes«, der mit der Untersuchung der Katastrophe betraut wurde. Bea analysierte schon mehrere nationale Katastrophen, darunter den Unfall der Raumfähre »Columbia« 2003 sowie 20 Offshore-Unfälle.

Damit war der »Korken« auf der »Sektflasche« also schwer angeschlagen. Übertragen auf ein Auto würde das heißen: Hier fuhr jemand nachts nicht nur ohne Licht, sondern auch ohne Bremsen mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn. Wobei sich schon hier die Frage stellt, wie so etwas möglich ist: Selbst als lebenswichtige Teile des Blowout-Preventers durch die Bohrleitung hochgespült werden, wird die Bohr-Operation nicht gestoppt. Ganz so, als würde es jemand darauf anlegen, dass der Korken der »Sektflasche« wegfliegt und eine Sektfontäne in den Himmel bzw. ins Wasser schießt. Nur dass es sich eben leider nicht um Sekt handelte.

 

Zoff auf der Bohrinsel

Schon am Morgen des Unfalls habe es deshalb Streit gegeben - in diesem Fall zwischen einem »Transocean«-Manager und dem »BP«-Manager an Bord, berichtete »60 Minutes«: Ob er wisse, worum es da gegangen sei?, fragte der Moderator Professor Bea. »Ja«, antwortete Bea, »darum, wer der Boss ist.« Inhaltlich sei es bei dem Wortwechsel um die Einbringung von drei Zementkorken in den nach unten führenden Bohrkanal durch die Firma Halliburton gegangen. Diese Zementkorken sollten den kilometertief in das Ölreservoir hinabführenden Bohrkanal unten, in der Mitte und oben abdichten, bis mit der Ausbeutung des Reservoirs begonnen werden könnte. Das sollte dann durch eine andere Plattform erfolgen.

Normalerweise verbleibe bei der Zementierung zusätzlich schwerer Bohrschlamm im Bohrkanal, um einen »Blowout« zu vermeiden. Doch diesmal habe der BP-Manager darauf bestanden, den Bohrschlamm vor der Einbringung des letzten oberen Zement-Verschlusses zu entfernen. Damit hätte über dem mittleren Zementkorken und dem defekten Blowout-Preventer nur noch Wasser gestanden. Die unteren Zementkorken hätten versagt, und es sei zum Blowout gekommen.

 

Ein unsicherer Kantonist?

Das Versagen der Zementkorken wäre nach den Problemen mit dem Blowout-Preventer demnach schon der zweite schwerwiegende Fehler gewesen. Laut Spiegel Online vom 29. Juni 2010 kam 2007 eine Studie zu dem Schluss, »dass der Zementiervorgang das zentrale Problem bei fast der Hälfte aller bisherigen Bohrunfälle im Golf gewesen ist. Und nicht nur dort: Im August vorigen Jahres explodierte eine Ölbohrinsel in der Timor-See vor der Küste Australiens, schätzungsweise 220.000 Barrel Öl traten aus. Auch dort könnte die Unfallursache schlechter Zement gewesen sein. Dessen Hersteller: Halliburton.«

Sollte Halliburton in Sachen Zement ein unsicherer Kantonist gewesen sein, wäre es erst recht ein weiterer Fehler gewesen, über den beiden unteren Zementstopfen nun den schweren Bohrschlamm wegzulassen. "Andere Plattform-Arbeiter haben ebenfalls behauptet, dass sie von BP und seinen Supervisors unter Druck gesetzt wurden, schnell zu machen", schrieb "Mother Jones" am 7. Juni 2010. Sprich: Sonst übliche Prozeduren, zum Beispiel die Einbringung des Bohrschlamms, außer acht zu lassen.

"Transocean-Decksarbeiter Truitt Crawford erzählte der Küstenwache, dass er Unterhaltungen des Bohrinsel-Managements mitbekam, wonach BP durch Ersetzen des Bohrschlamms durch Salzwasser 'Abkürzungen nehmen' wollte, was dem massiven Druck der Ölquelle weniger Gewicht entgegensetzen würde."

Auch Arbeiter von Halliburton hätten sich darüber beschwert und BP gewarnt, es werde „ernsthafte Probleme mit dem Gasfluss“ geben, so Mother Jones. Auch das ergibt Sinn. Denn natürlich hat man - ob man der eigenen Arbeit nun vertraut oder nicht - gerne noch eine zusätzliche Sicherung im Bohrloch: in diesem Fall den Bohrschlamm.

 

Ohne Licht und Bremsen gegen die Wand

Ob der Blowout auch passiert wäre, wenn sich im oberen Teil des Kanals (über den beiden unteren Zementstopfen) noch Bohrschlamm statt Wasser befunden hätte, fragte der »60 Minutes«-Moderator Professor Bea. Die trockene Antwort: »Es sieht nicht danach aus.« Statt also die Hauptsicherung, den Blowout-Preventer, schleunigst zu reparieren, wurden dem gefährlichen Druck der Ölquelle demnach weitere Hindernisse aus dem Weg geräumt. Daraus resultiert wohl der Vorwurf der groben Fahrlässigkeit oder gar des Vorsatzes. Denn die Experten an Bord der Bohrinsel hätten die Risiken eines solchen Verfahrens natürlich kennen müssen. Ein Busunternehmen, das seinen Fahrer bei Nacht ohne Licht und Bremsen gegen eine Wand fahren lässt, wird sich wohl auch nicht auf einen »Unfall« herausreden können.

Wenn diese Schilderungen stimmen, ist die Katastrophe tatsächlich mit nichts zu entschuldigen, und das Verhalten der Verantwortlichen nähert sich gefährlich nahe dem Vorsatz an. Denn wer ständig entgegen besserem Wissen und entgegen einschlägigen Warnungen handelt, dessen Verhalten ist irgendwann nicht mehr mit bloßer Fahrlässigkeit zu erklären. Vor allem dann nicht, wenn er sein gefährliches und regelwidriges Verhalten sogar gegen den offenen Widerstand anderer Fachleute durchsetzt, wie in diesem Fall offenbar geschehen. Das unterstützt den Vorwurf des Vorsatzes, denn es legt auch einen starken Willen, oder, wenn man so will, eine erhebliche »kriminelle Energie« nahe, die Katastrophe herbeizuführen.

»Die erdrückenden Beweise zeigen eindeutig, dass diese Tragödie vermeidbar gewesen wäre und die direkte Folge von BPs rücksichtslosen Entscheidungen und Maßnahmen ist«, erklärte der Geschäftsführer des US-Erdölkonzerns »Anadarko«, neben "BP" Mitinhaber der Bohrrechte in dem Ölfeld, laut BBC News vom 19. Juni 2010. Wegen BPs »grober Fahrlässigkeit und absichtlichem Fehlverhalten« (»wilful misconduct«) werde man rechtliche Schritte in Erwägung ziehen. Heißt das, dass »Anadarko« so weit geht, bei BP auch Absicht als Grund für die Bohrinsel-Katastrophe in Betracht zu ziehen? Die Grenzen zwischen grober Fahrlässigkeit und Vorsatz sind bekanntlich fließend - und auch die zwischen Unfall und Sabotage.

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