
Syrien, Ende Mai 2012: In weißes Leinen gewickelt liegen lange Reihen von Leichen in einer Halle. Über eine der Reihen hüpft ein Kind: Schreckliche Wirklichkeit der Gewaltherrschaft des syrischen
Despoten Baschar al-Assad. Am 25. Mai 2012 sollen seine Truppen und Milizen bei dem Dorf Hula 108 Zivilisten umgebracht haben, darunter viele Frauen und Kinder. Am 27. Mai stellte die Webseite der BBC das Foto reißerisch auf ihre Titelseite – zu einem Artikel über das Massaker von Hula. Das Problem: Das Bild zeigte gar nicht die Toten des angeblichen Regierungs-Massakers in Hula, sondern Leichen aus dem Irak. Es war ganze neun Jahre alt.
Das enthüllte kurz nach der Veröffentlichung der Fotograf des Bildes, Marco di Lauro, auf seiner Facebook-Seite: »Jemand benutzt illegal eines meiner Bilder für antisyrische Propaganda auf der Titelseite der BBC-Webseite«, regte sich di Lauro auf. »Heute, am 27. Mai, 7 Uhr Londoner Zeit, befand sich das beigefügte Bild, das ich am 27. März 2003 in Al Musajjib, Irak, aufgenommen habe, auf der Titelseite der BBC-Webseite, um das Massaker in der syrischen Stadt Hula zu illustrieren. Die Bildunterschrift und die Webseite behaupteten, die BBC habe das Bild von einem unbekannten Aktivisten erhalten; es zeige die Leichen der in Hula umgekommenen Menschen. Jemand benutzt meine Bilder als Propaganda gegen die syrische Regierung, um das Massaker zu beweisen.«

Originalfoto auf der Facebook-Seite des Fotografen
In Wirklichkeit zeige das Bild ein irakisches Kind, das am 27. März 2003 in Al Musajjib, Irak, über
eine Reihe aus Hunderten von Leichen springe, die in einer Schule aufgebahrt worden seien. Die Toten seien etwa 40 Kilometer von Bagdad entfernt in der Wüste bei Al Musajjib gefunden worden.
Na ja – kann doch mal vorkommen, meinte die BBC. Das Foto sei ja auch »sofort« entfernt worden. Man sei sich darüber bewusst gewesen, dass das Bild »nach den jüngsten Gräueltaten in Syrien« im Internet zirkulierte und habe darauf hingewiesen, dass es nicht von unabhängiger Seite überprüft worden sei.
Und tatsächlich ist das der neueste Trick unserer »Qualitätsmedien«: Plötzlich tauchen immer mehr verschwommene Videos und Fotos auf, die »nach Angaben von Oppositionellen« oder »nach Angaben von Aktivisten« dies oder jenes zeigen sollen. Dabei haben die Medien herausgefunden, dass der Hinweis, die Echtheit könne nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden, den Propagandaerfolg keineswegs schmälert. Die Bilder sind einfach stärker als jeder verbale Hinweis. Weil die Medien dieses Vorgehen nun als »korrekt« betrachten, führte das zu einer regelrechten Überschwemmung von Fernsehnachrichten und Webseiten mit falschen Videos und Bildern. Solange man den einschränkenden Hinweis gibt, glaubt man jedes falsche Video oder Foto veröffentlichen zu können. Kommen Beschwerden, reagiert man einfach wie die BBC: Man habe ja gleich gesagt, dass man für die Echtheit nicht garantieren könne...
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