Saturday, 30. July 2016
16.01.2016
 
 

Krieg um jeden Preis

Janne Jörg Kipp

Der Krieg im Nahen Osten rückt näher. Kaum noch eine Woche ohne neue Terroranschläge, kein Fernsehabend mehr ohne den Talk über »Lösungen«. Doch der international bekannte Journalist James Risen, der für die renommierte New York Times schreibt, lenkt in seinem Buch Krieg um jeden Preis den Blick auf die Profiteure des Kampfs gegen den Terror. Der Pulitzerpreisträger hat sich damit in den USA viele Feinde geschaffen. Sein Buch ist wie dessen Vorgänger State of War eine Offenbarung.

 

Wer erinnert sich gerade in diesen Tagen nicht an den 11. September 2001, als scheinbar alles begann: der Terror und der Krieg gegen den Terror, den George W. Bush ausrief. James Risen nennt ihn in seinem jüngsten Buch Krieg um jeden Preis. Gier, Machtmissbrauch und das Milliardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror. Der im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Journalist hat sich vor allem in den USA einmal wieder unbeliebt gemacht. Auf 305 packenden Seiten erzählt er davon, wie dieser Krieg zum Goldrausch einer großen Clique wurde. Viele Amerikaner, so berichtet Risen, hätten auf Obama gesetzt. Auf den Präsidenten, der das amerikanische Volk »versöhnen« wollte, wie er ja auch jetzt auf seiner Abschiedstournee immer wieder erzählt.

Doch der weitete den Einsatz von Drohnen für die gezielten Tötungen noch aus. Er spionierte Journalisten aus, verfolgte noch mehr Geheimnisträger, die aus dem Inneren der Macht berichteten. Er baute die Befugnisse für die National Security Agency (NSA) noch aus. Und er sorgte dafür, dass der »militärisch-industrielle Komplex« mächtiger und mächtiger wurde. Dies alles berichtet Risen mit geradezu haarsträubenden Fakten, die sich ganz sicher auch gegen den noch amtierenden Präsidenten der USA wenden.

 

Im Jahr 2012, so erfahren wir, ging eine Schätzung davon aus, dass der bis dahin schon laufende Krieg in den insgesamt zehn Jahren fast vier Billionen (!) Dollar gekostet hatte. Die einen zahlen, die anderen kassieren. Die vier Billionen sind damit nicht mehr wie früher einfach in Rüstungskonzerne gegangen, in Flugzeuge, Schiffe oder Raketen. Heute läuft das Geschäft wesentlich geräuschloser.

 

Das Geld wandert an und in Unternehmen, die geheime Dienste bereitstellen, also in öffentliche und vor allem private Lauschdienste. Risen beschreibt die Büroparks rund um die Dulles Toll Road in der Nähe des CIA-Hauptquartiers und des Pentagons, also des Verteidigungsministeriums. Die Washington Post, so zitiert der Autor, hat vor einigen Jahren herausgefunden, dass es allein für die Terrorbekämpfung 1200 staatliche Stellen, Ämter, Behörden und Ministerien gibt sowie zusätzlich fast 2000 (!) Privatunternehmen. Mehr als 850 000 Menschen haben Zugangsberechtigungen für Verschlusssachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. Daraus entwickeln sich jährlich 50 000 Geheimdienstberichte. Und das US-Geheimdienstbudget hat sich seit dem Anschlag vom 11. September 2001 verdoppelt und liegt bei mehr als 70 Milliarden Dollar.

 

Dies alles nennt Risen »Goldrausch«. Der Markt für die Terrorbekämpfung wurde, so heißt es technisch, dereguliert. Damit wanderten die großen Fleischbrocken in private Hände. Und die mittlerweile zwei Präsidenten, Bush und Obama, haben ihre mächtige Einflussklientel bedient. Ein Wirtschaftskrimi, der seinesgleichen sucht. Ein Wirtschaftskrimi, den sich zu lesen lohnt, so viel kann ich Ihnen versprechen. Ein Wirtschaftskrimi, der schon mit dem Irakkrieg begann. Als eine Hand nicht mehr wusste, was die andere tut.

 

Schauplatz war das Bargeldlagerhaus von East Rutherford in den USA. Von hier wanderte Geld in den neu aufzubauenden Irak. Zwischen zwölf und 14 Milliarden Dollar, die, zumeist in 100-Dollar-Scheinen, in den Irak flossen. Niemand allerdings weiß so recht, wohin das Geld dann tatsächlich floss. Es war weg. Bei neuen Machthabern im Irak, bei Kontrolleuren der USA selbst, beim Militär. Es war einfach weg. Milliarden von Steuergeldern.

 

Fast zwei Milliarden flossen wieder ganz hinaus aus dem Irak. US-Ermittler machten sich auf die Spur und fanden zumindest heraus, dass es in den Libanon gewandert war. Und dort wird es noch heute gelagert, ebenso wie weitere mehrere Hundert Millionen Dollar, die auf anderen Wegen aus dem Irak geklaut wurden. Minutiös geht Autor Risen der folgenden Geschichte nach, wie etwa ein US-Offizieller namens Ged Smith aus einer Notfalltruppe für international zusammengebrochene Volkswirtschaften die Geschehnisse aufrollte. Der hatte als Spezialist für Invasionen und die Folgeschäden dringend davor gewarnt, die staatliche Logistik beim Eintreiben von Tarifen, Zöllen oder Steuern zu zerstören. Er hatte zudem das US-Militär eindringlich gebeten, die Notenbank des Irak beim Einmarsch zu schützen. Ohne funktionierende Finanzsysteme würde der Irak in sich zusammenfallen.

 

Als Smith selbst ankam, musste er indes feststellen, dass die Notenbank gerade nicht geschützt war. Vielmehr bot sich ein Bild des Schreckens, Plünderer hatten die Gebäude ausgeraubt – oder zumindest fast. Bis auf den Tresorraum, dies war nicht gelungen. Hier wurde lediglich die Infrastruktur zerstört, sodass letztlich auch der Haupttresor tief unter Wasser stand. Womit Smith nicht gerechnete hatte, war allerdings der schnelle Bargeldbedarf im zerstörten Irak. Man war davon ausgegangen, dass die alte Währung nicht mehr benutzt würde. Ein Irrglaube. Vielmehr wurde der Saddam-Dinar auch weiterhin im Alltag eingesetzt, sodass die neue Besatzungsmacht gezwungen gewesen wäre, neues Geld zu drucken. Dummerweise waren im Chaos, das Smith ja gerade hatte verhindern wollen, die Druckplatten nicht mehr zu finden. Genau deshalb musste er improvisieren, und so kam es dazu, dass das Geld des Irak aus dem ersten Golfkrieg in den USA liegend dazu verwendet werden sollte, den Irak wiederaufzubauen.

 

Das Unglaubliche: Das Geld kam faktisch nicht an. Hochrangige Beamte bedienten sich ebenso wie offenbar auch die Army, die Sunniten bestach, um gegen Extremisten im Irak zu kämpfen. Aber selbst das klappte nicht wie gewünscht, denn der betreffende Armeehauptmann selbst hat sich 700 000 Dollar unter den Nagel gerissen. Andere Kommandeure haben sich weitere 900 000 Dollar einverleibt. Smith selbst erkannte irgendwann mit seinem Team aus Finanzexperten, dass viel Geld spurlos verschwunden ist, und quittierte schließlich seinen Dienst. Es gab keine Finanzverwaltung mehr im faktisch besetzten Irak.

 

Die Übergangsverwaltung im Irak, inzwischen von Paul Bremer geführt, der damals auch in Deutschland vergleichsweise bekannt wurde, entließ derweil die Regierungsmitglieder der früher regierenden Baath-Partei und löste dann die irakische Armee so gründlich auf, dass er den Aufstand gegen die Amerikaner lostrat. Mit anderen Worten: ein totales Chaos.

 

Die Kriminalgeschichte dazu liest sich allerdings so unglaublich und so spannend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen mochte. Jeder von uns hat die Bilder aus der frühen Phase im Irak nach der Besetzung durch die USA sicherlich noch vor sich. Jetzt findet sich hier eine passende Geschichte dazu. Die Übergangsverwaltung war, so heißt es, »eine Fantasiewelt, eine bizarre Mischung aus republikanischen Ideologen und Freibeutern, die Kasse machen wollten«.

 

Dies jedoch ist lediglich der Auftakt zu einer Serie ähnlicher Geschichten vom Kampf gegen den Terror. Oder, um es mit dem Autor zu sagen: »Der Krieg gegen den Terror sorgte aber auch dafür, dass Gier und Machtmissbrauch ebenso leicht in den Vereinigten Staaten aufblühten, wo die anschwellenden Ausgaben … einen wahren Goldrausch in der Sicherheitsindustrie auslösten.« Hochstapler und Gaukler, die sich in der Terrorprävention und -vorhersage bewährten – oder jedenfalls so taten. Antiterrorunternehmer wie die Blue-Brüder, die mit einer Firma namens General Atomics Aeronatical Systems staatliche Aufträge im Wert von 1,8 Milliarden Dollar – ich sage: erbeuteten. Das Geschäft des Unternehmens? Drohnen, mit denen die mutmaßlichen Terroristen und ebenso Zivilisten getötet wurden. Käufer: das Pentagon und die CIA. Im Jahr 2001 hatten sie einen Umsatz von 110 Millionen Dollar erzielt.

 

Risen nennt Unternehmer wie diese »die neuen Oligarchen« und weiß dazu interessanteste Details, die das entscheidende Puzzlestück beim Verständnis der ganzen US-Politik darstellen. Denn üblicherweise bewegen wir uns im Ungefähren. Dass die USA vom Krieg leben, ist eine bekannte These. Dass die USA Kriege an verschiedensten Orten anzetteln oder scheinbare Oppositionsgruppen gegen früher lieb gewonnene Diktatoren einsetzen, ist schon vielfach geschrieben und gezeigt worden. Aber wie genau funktioniert der neue »militärisch-industrielle Komplex«? Wer verdient? Wie viel? Und welche politischen Kräfte stehen dahinter? James Risen nennt in diesen und weiteren Geschichten Ross und Reiter und erzählt schier unglaubliche Vorgänge.

 

James Risen ist zweifacher Pulitzerpreisträger. In den USA ist er nicht sonderlich beliebt – beim militärisch-industriellen Komplex. Dieses Buch zeigt unwahrscheinlich beeindruckend, wie die Macht missbraucht wird, wie Volksvermögen verschleudert und in einen nicht enden wollenden Krieg gelenkt wird. Und wie der Rechtsbruch vor Ort aussieht.

 

Wer die Welt von heute verstehen möchte, kann an diesem zugleich spannenden Wirtschaftskriminalbuch nicht vorbei. Hier geht es nicht um eine Verschwörungstheorie, es geht nicht um links oder rechts, es geht um das System hinter den modernen Kriegen. Ich habe dieses Buch mit höchstem Gewinn gelesen und kann es in jeder Weise dringendst empfehlen.

 

 

 

 

 

 

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