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Im Jahr 1990 hielt der sowjetische Dissident Sergej Grigorjanz, der zweimal vom KGB verhaftet worden war, eine Rede, in der er vor der trügerischen Realität hinter dem Kollaps des Kommunismus warnte. Laut Grigorjanz war »die Perestroika ein gigantisches, vom KGB und der sowjetischen Führung seit mehr als 15 Jahren durchgeführtes Projekt«. Ein solches Projekt kann,
wenn es von einer totalitären Macht durchgeführt wird, kein gutes Ergebnis bringen. Echte Demokratie war nie ein Ziel der Kommunisten. Stattdessen würde Russland, nach Ansicht von Grigorjanz, in eine neue Art von Totalitarismus überführt werden.
»Sie dachten, dass das totalitäre System perfekt mit freiem Unternehmertum koexistieren könne. Diese Leute schrecken vor nichts zurück und sie können perfekt mit privatem Besitz leben«, so Grigorjanz. Was wir Kapitalismus nennen, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Demokratie. Der Kapitalismus ist, wenn er ausreichend kontrolliert wird, keine Bedrohung für autoritäre Herrscher, die es verstehen, ihre Macht zu festigen. Grigorjanz erklärte, »alles, was für eine autoritäre Herrschaft benötigt wird, ist der bürokratische Apparat, die Armee und der KGB.«
Die kommunistischen Machthaber in Russland, so fügte er hinzu, haben herausgefunden, dass eine große Zahl konkurrierender Parteien leichter zu handhaben ist als eine vereinte Opposition. Tatsächlich dient ein System vieler politischer Parteien »auch als dekorativer Schmuck« für eine gefälschte Demokratie. Es wird zum täglichen Funktionieren des Regimes beitragen »und dabei helfen, westliche Technologie zu beschaffen und den Lebensstandard zu heben«.
Außerdem sah Grigorjanz voraus, dass Konflikte innerhalb der früheren Sowjetunion den heimlichen Herrschern in Moskau nützen würden. Er sagte: »Das Fernsehen in Baku berichtete über den Tod zweier Aserbaidschaner, aber aus irgendeinem Grund berichteten sie nicht, dass die Armenier nichts damit zu tun hatten. Dies genügte, um die Pogrome in Sumqayıt auszulösen, welche die gegenwärtigen Kriege im Kaukasus nach sich zogen.« Die alte imperialistische Taktik des Teilens und Herrschens kam hier zum Zug. Sollen die Armenier doch die Aserbaidschaner hassen und die Russen die Tschetschenen. Ethnische Konflikte sind ein guter Vorwand für KGB-Operationen und Militärmanöver, bei denen scharf geschossen wird.
Die neue russische Wirtschaft wäre natürlich nicht kapitalistisch nach westlichem Verständnis. Grigorjanz erklärte: »Die KPdSU und die Parteielite werden es niemals zulassen, dass ein Außenseiter zu wirklich viel Geld kommt oder zu einem großen Anteilseigner in irgendeinem Joint Venture oder einem börsennotierten Unternehmen wird. Reichtum und Geldmacht wurden zu einem klaren und unbestrittenen Vorrecht derselben herrschenden Gruppe. Die Arbeitslager und psychiatrischen Gefängnisse wurden durch Spezialeinheiten und gut organisierte nationalistische Gruppen und extremistische Randalierer ersetzt. Bereits jetzt werden in diesem Land mehr Menschen ermordet, als das Regime früher eingesperrt hat.« Und er ergänzte, dass »Macht, Geld und Gewalt noch immer in denselben Händen konzentriert« sind.
Die große Täuschung gelang 1990 und sie gelingt bis zum heutigen Tag. Grigorjanz beklagte, dass »das neue autoritäre Regime nicht mehr nur durch Panzer und den KGB unterstützt« wird,
»sondern zu einem großen Teil von uns allen«. Man könnte hinzufügen, dass auch die kapitalistische Welt gerne bereit ist, sich ein Bein auszureißen, um Geschäfte mit Russland zu machen. Sie schauen weg, wenn das Regime sein wahres Gesicht zeigt. Und man sollte sich nicht täuschen lassen, dieses neue Regime ist gefährlicher als das alte. Grigorjanz sagte: »Wenn sie die blutigen Methoden eines Fanatikers aufgeben, entwickeln sie neue und gefährlichere Mittel«.
Als jeder dem neuen Russland zujubelte, als jeder glaubte, die Demokratie würde triumphieren, sprach Grigorjanz die folgende Warnung aus: »Die Außenpolitik der UdSSR wurde nach Stalin energischer und gefährlicher und brachte die Menschheit an den Rand der Katastrophe – wie etwa durch die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba und die weltweite Explosion des Terrorismus und lokaler Kriege. Es ist schwer, das Wesen des neuen Regimes zu durchschauen, aber die Aussicht auf eine Katastrophe ist klar erkennbar.« Laut Grigorjanz würde eine »Infiltration« von Russen und anderen Sowjets nach Westeuropa in großem Umfang einsetzen. Personen, die in der Sowjetunion erzogen wurden, können energisch und sehr erfolgreich sein. Doch sie wurden zu einer sklavenartigen Mentalität erzogen. Nur wenige hatten die innere Stärke oder die Kraft, sich dem Regime zu widersetzen. Er erklärte: »Wir lebten in einer Situation, in der jedes Jahr eine halbe Million Menschen aus dem Gefängnis entlassen wurden. Viele wurden ihrer ethischen, moralischen und kulturellen Normen und Standards beraubt, welche die Grundlage der europäischen Zivilisation sind. Jetzt kommen diese Leute nach Westeuropa. Und das ist eine Gefahr für die europäische Kultur und Zivilisation, weil es das geistige Klima in Europa zerstören kann.«
Aber die eigentliche Gefahr entsteht durch die Bereitschaft des Westens, auf die Moskauer Lügen hereinzufallen. »Der fantastische Erfolg der Desinformationskampagnen gegen den Westen in den letzten Jahren bestätigt dies«, so Grigorjanz. »Man kann sagen, dass die öffentliche Meinung des Westens durch die ganze sowjetische Geschichte hindurch noch nie so sehr von so vielen massiven Fehleinschätzungen in die Irre geführt wurde wie heute.« Im Jahr 1990 ist es der Moskauer Desinformation gelungen, Hardliner und Gemäßigte, Marxisten und Christdemokraten zusammenzubringen. Sie alle sind gleichermaßen verblendet auf die Lügen hereingefallen. Laut Grigorjanz gründete »der KGB vielfach Informationsbüros, Verlagshäuser, Radio- und Fernsehstationen und zahllose derartige Unternehmen in der Sowjetunion und im Ausland.« Vieles davon wird mit westlichem Geld bezahlt. Und er fügte hinzu: »Der KGB ist eine einzigartige Organisation in der Geschichte der Menschheit, mit mehr Projekten im Ausland als innerhalb des Landes. Der KGB ist jene Organisation, die gleichzeitig das Perestroika-Programm innerhalb des Landes und das Desinformationsprogramm im Ausland umsetzen konnte. Wie der KGB davon Gebrauch machen wird und wie die Planung für die Zukunft aussieht, das ist die brennende Frage, die die gesamte Menschheit beschäftigen sollte. Wie ein Freund sagte, hatten wir schon einen braunen und einen roten Totalitarismus und jetzt werden wir eine neue Farbe kennenlernen.«
Mit dem Untergang der Sowjetunion gerieten Grigorjanz‘ Warnungen in Vergessenheit. Der Westen fürchtete den Kommunismus nicht länger, schließlich gab es gar keine Kommunisten mehr. Vielleicht sollte man diese »Tatsache« einmal den Menschen in Venezuela, Nicaragua, Südafrika und im Kongo erklären. Der Kommunismus hat weiterhin Länder vereinnahmt, weil der Widerstand gegen den Kommunismus nach 1991 aufhörte. Es ist klar, dass die Zulassung privaten Besitzes in Russland nicht den Sieg des Kapitalismus bedeutet. Vielmehr stellt dies eine neue Art von Gefahr dar, welche in der Zersetzung des Kapitalismus durch den Kapitalismus selbst liegt. Damit wurde nur eine alte Bedrohung durch eine neue ersetzt.
Autoreninfo:
Jeff Nyquist gilt als ausgewiesener Experte der sowjetischen Langzeitstrategie und kommentiert seit vielen Jahren das weltpolitische Geschehen vor dem Hintergrund der fortgesetzten kommunistischen Bedrohung. Er betreibt die Webseite www.strategiccrisis.com, die über das strategische Zusammenspiel der Weltmächte aufklärt und zeigt, dass Russland und China auf eine Weise gegen den Westen arbeiten, die von den westlichen Eliten nicht verstanden wird.
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