Samstag, 10. Dezember 2016
13.12.2015
 
 

»Aus Putins Sicht sind die USA die eigentliche Ursache des Konflikts«

Markus Gärtner

Wer heute bei Google mit dem Suchwort »Wladimir Putin« die Nachrichtenseiten durchkämmt, stößt auf einen Mann, der dem Westen indirekt »mit Atomwaffen droht«, »wieder mit dem Feuer spielt« oder »einen Informationskrieg« anzettelt. Der Hausherr des Kremls als Brandstifter und expansionslustiger Aggressor, vor dem sich der Westen unbedingt in Acht nehmen muss. Das ist das Bild, das wir bei dem aktuellen Nachrichten-Streifzug sofort gewinnen – gewinnen sollen.

 

Seit Monaten bekommen wir im hiesigen Blätterwald Bilder und Kommentare serviert, in denen wir Wladimir Putin mal als angeblich einsamen und gemiedenen Staatschef am Mittagstisch beim G20-Gipfel sehen, dann als landhungrigen Feldherrn, der die Krim annektiert, oder als unverbesserlichen Großmacht-Romantiker, der die alte Sowjetunion zurück haben will und auf dem Weg dorthin am liebsten auch gleich die Ukraine mit einkassieren würde.

 

Dabei haben wir alle unter dem Strich keinen Schimmer, was Putin wirklich will. Wir wissen es ja mit Blick auf die vielen Flüchtlinge nicht einmal von der eigenen Kanzlerin in Berlin.

 

Wer oder was ist Wladimir Putin? Und was will er? Hört man die Reden amerikanischer Politiker wie Barack Obama – oder ihrer Berater wie Zbigniew Brzeziński – dann ist Putin nicht nur ein Kriegstreiber, sondern einer, der die bestehende Weltordnung gleich auf den Kopf stellen und den USA die globale Führungsrolle streitig machen will.

 

Soweit die Propaganda. Doch was will Putin wirklich?

 

Der Sachbuchautor Stephan Berndt hat sich aufgemacht, diese Frage endlich einmal befriedigend zu beantworten. In dem vorliegenden Buch mit dem Titel »Was will Putin? – Wie durch Desinformation ein großer Konflikt in Europa provoziert werden soll« versucht Berndt eine Antwort. Er nähert sich dieser Antwort geduldig und mit einer coolen Sachlichkeit, wobei er russische Quellen viel ausgiebiger nutzt, als westliche Medien dies tun. Die berichten fast immer, was ins transatlantische Erklärungs- und Handlungsmuster passt.

 

Unter anderem erinnert Berndt daran, was Putin in seiner zum Großteil auf Deutsch gehaltenen Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. September 2001 sagte:

»Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Natur-Ressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.«

Russlands Annäherungsversuche an Europa mit dem Stellvertreterkrieg in der Ukraine und den Sanktionen gegen das Land so brüskiert zu haben, wird den Europäern von Historikern später einmal als großer Irrweg vorgehalten werden.

 

Die Authentizität ist eine der großen Leistungen dieses Buches, das sich im Malstrom der Putin-Hetze für die ruhigen Tage als Augenöffner-Lektüre empfiehlt. Berndts Werk ist ein spannendes Näherungsverfahren. Es beginnt mit der Kernthese, »dass wir Wladimir Putins politische und geostrategische Absichten nur verstehen können, wenn wir auch die geostrategischen Absichten der USA kennen.«


Berndt geht in dem lesenswerten Buch davon aus, dass westliche Medien den russischen Präsidenten bewusst als einen Politiker porträtieren, dem man nicht trauen kann und der sowieso lügt. »Es werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit antirussische und gegen Putin gerichtete Emotionen geschürt«, weist Berndt überzeugend nach. Das Ziel sei es, eine Debatte über Putins Beweggründe und Motive gar nicht erst stattfinden zu lassen. Diese Strategie dient laut dem Autor unter anderem dem Ziel, einer Diskussion über Putins von ihm selbst erklärten An- und Absichten auszuweichen und seine eigenen Erklärungen auszublenden.

 

Im Klartext: Putin ist ein Aggressor, den man beizeiten in die Schranken weisen muss. Hier wird für den Konflikt, den der Westen seit Jahren mit der zunehmenden Einkesselung Russlands durch immer neue NATO-Mitglieder in Osteuropa anzettelt, gleich der Schuldige ausgemacht, noch bevor die Kampfhandlungen eskalieren.

 

Berndt fängt diese künstlich erzeugte Erklärungs- und Informationslücke zu Putin durch zwei ausführliche Kapitel in seinem Buch auf. Er analysiert auf Basis wichtiger Reden des russischen Staatspräsidenten zunächst ganz schlicht, »Was Putin sagt«. Im Folgekapitel nimmt Berndt sich die Aussagen führender russischer Politiker zur Weltlage vor, darunter Sergei Lawrow, Dmitri Medwedew und Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew.

 

Diese beiden zentralen Kapitel sind für den Leser ein Aha-Erlebnis, das ganz nebenbei die Meinungs-Kampagne im deutschen Blätterwald über Putin als das entlarvt, was sie ist: reine Propaganda.

 

Seitenweise weist Berndt in dem Buch nach, wie Putin hierzulande abwechselnd als »Zar Wladimir«, dann als »Imperialist« oder als »skrupelloser Verbrecher« abgestempelt wird. Mit dem Bild vom expansionssüchtigen Aggressor, das die Medien bei uns verbreiten, räumt Stephan Berndt aber schon im Zusammenhang mit einem Zitat von Joschka Fischer gründlich auf. Der ehemalige Außenminister hat dem russischen Präsidenten unterstellt: »Putin will die Weltmacht«. Dazu Berndt in seinem Buch:

»Man kann davon ausgehen, dass Putin schon seit Jahrzehnten  weiß, dass Russland nicht mehr über die wirtschaftliche Basis verfügt, um sich gegen den Willen des Westens eine neue Weltmachtposition zu erstreiten. Putin wird genug fähige Wirtschaftsberater haben, die ihn seit geraumer Zeit auf das Problem der zu schwachen russischen Wirtschaft hingewiesen haben. Joschka Fischer unterstellt Wladimir Putin damit eine gewisse intellektuelle Beschränktheit oder irgendeine Art von Realitätsverweigerung.«

Was also will Putin, wenn er nicht die russische Wirtschaft für eine riskante militärische Expansion aufs Spiel setzen will? Putin will ein starkes Russland, das sich nicht nur gegen amerikanische und europäische Aggressionen zur Wehr setzen kann. Er will auch ein Land, das seine nationale Identität ausreichend festigt, um dem Ansinnen der globalen Eliten, eine Weltregierung unter Ausschaltung der Nationalstaaten zu erschaffen, genügend entgegenzusetzen.

 

Putin sieht laut Berndt die westliche, christlich-weiße Welt im Niedergang. Bei diesem kulturellen Niedergang, den er wie folgt beschreibt,  will Putin seiner Einschätzung nach nicht mitmachen:

»Wir sehen, dass viele euro-atlantische Staaten den Weg eingeschlagen haben, ihre eigenen Wurzeln zu verneinen … einschließlich der christlichen Wurzeln, die die Grundlage der westlichen Zivilisation bilden. In diesen Staaten werden moralische Grundlagen und jede traditionelle Identität negiert. Nationale, religiöse, kulturelle oder sogar geschlechtliche Identitäten werden verneint.«

Besser kann man eigentlich die aktuellen Entwicklungen hierzulande vom Flüchtlingsstrom bis hin zur Gender-Kampagne nicht beschreiben. In Putins Augen, so Berndt, stellt Russland im Zuge dieses Prozesses der Beseitigung echter souveräner Nationalstaaten »eines der letzten Hindernisse dar, vielleicht sogar das Haupthindernis«.


Das ist freilich ein defensives Szenario. Und es klingt ganz anders als das, was der US-Milliardär George Soros im November 2014 in einem Beitrag für The New York Review of Books unter der Schlagzeile »Wach auf, Europa« behauptete: »Europa steht einer Herausforderung durch Russland gegenüber, die seine Existenz infrage stellt.« Wer Berndts Buch gelesen hat, weiß, dass das völliger Quatsch ist. Auch Soros, so wird dank Stephan Berndt deutlich, beteiligt sich aktiv an der großen Desinformations-Kampagne gegen Putin. Sollte diese Propaganda am Ende scheitern, was ich hoffe, dann können wir uns auch bei Stephan Berndt bedanken.

 

 

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