Donnerstag, 8. Dezember 2016
05.02.2015
 
 

Die taumelnden BRICS und der abgewirtschaftete Westen

Markus Gärtner

Wir hören eine Horrormeldung nach der anderen zu den BRICS. Die einstigen Hoffnungsträger Brasilien, Russland, Indien und China – so lesen wir in der Mainstream-Presse – sind kräftig auf den Bauch gefallen. Die lange Wachstumsstory ist am Ende. Doch der Eindruck täuscht. Am Ende ist in Wirklichkeit der Westen: Mit einem gescheiterten Wirtschaftsmodell, mit immensen Schulden, dazu einer völlig korrupten Elite, stagnierendem Wachstum und Menschen, die von Zweifeln und Unsicherheit geplagt werden.

 

In den Leitmedien sind es die BRICS, um die wir uns die größten Sorgen machen müssen: Ausgelaugt sind sie, finanziell destabilisiert und verrannt haben sie sich. So wird uns seit Monaten China präsentiert. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, die nach der Finanzkrise zeitweise die Weltwirtschaft fast alleine antrieb, verpasste im vergangenen Jahr mit 7,4 Prozent Wirtschaftswachstum ihr Planziel und hatte so wenig Dynamik wie seit 1990 nicht mehr.

 

Damals bremsten Sanktionen des Westens die Volksrepublik aus, nach der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

 

Und Russland?: Das flächenmäßig größte BRICS-Land schlittert wegen kollabierter Ölpreise und westlicher Sanktionen in eine scharfe Rezession. Es wird um viele Jahre zurückgeworfen. Binnen Monaten fiel das Land in der Rangliste der größten Volkswirtschaften von der achten Position um mindestens fünf oder sechs Ränge zurück.

 

Der einstige Energie-Kraftprotz der BRICS musste in einer Nacht- und Nebelaktion der Notenbank im Dezember plötzlich die Zinsen auf 17 Prozent nach oben schrauben – um sie vor einer Woche wieder auf 15 Prozent zu reduzieren – damit der Rubel nicht völlig kollabiert und nicht noch mehr Kapital aus dem Land flieht.

 

Russland verdient das meiste Geld mit dem Öl und bezahlt so gut wie alles andere mit den Einnahmen aus den Energie-Exporten. Das ist kein Zukunftsmodell.

 

Und Indien? Acht Monate nach dem Wahlsieg des großen Hoffnungsträgers Narendra Modi sind vorsichtige Reformschritte sichtbar, aber der große Wurf fehlt immer noch. Modi hat eine »Make in India«-Kampagne gestartet. Er hat veraltete Gesetze einkassiert und die ersten Industrien zögerlich für ausländische Investitionen geöffnet.

 

»Alles hilfreiche Maßnahmen«, meckert das Wall Street Journal, »aber nur Trippelschritte«. Das klingt eher nach Vorsicht als nach Verwegenheit. Und jetzt schießen auch noch erhebliche Zweifel an den jüngsten Wachstumszahlen ins Kraut: Die Regierung hat vor einer Woche – mit einer neuen Berechnungsbasis ab 2012 – den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts für das vergangene Jahr von 4,7 auf 6,9 Prozent nach oben korrigiert. Jetzt rätseln sämtliche Volkswirte, wie das gehen kann.

 

Schroffer als in China, aber nicht so schlimm wie in Russland, ist die Bauchlandung in Brasilien. Die Wachstumskurve wird 2015 »fast flach« sein, kündigte Finanzminister Joaquim Levy vor wenigen Tagen in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel an. Im Klartext: Der Shooting-Star der großen Wachstumsmärkte des vergangenen Jahrzehnts kämpft gegen eine Rezession an.

 

Die Bremsklötze sind bekannt: Hohe Steuern, ein ausgelaufener Kredit- und Konsumboom, das Verpuffen staatlicher Sozial- und Einkommensprogramme wie die »Bolsa Familia« von Ex-Präsident Lula, der mit Helikopter-Geld die krasse Armut mehr als halbieren konnte, und dazu das schlingernde China, das Brasilien zu einem massiven Exportboom bei Energie und Agrarprodukten verholfen hatte und jetzt weniger kauft. Sie bremsen Brasilien.

 

Als Symbol dieser wirtschaftlichen Midlife-Crisis dient derzeit der größte Energiekonzern des Landes, Petrobras. Das Unternehmen ist in einen riesigen Korruptions-, Bilanz- und Schulden-Skandal verwickelt. In dessen Verlauf stürzte die Kapitalisierung von 310 Milliarden auf jetzt 48 Milliarden Dollar ab.

 

Präsidentin Dilma Rousseff, die erst kürzlich mit Hängen und Würgen wiedergewählt wurde, war vor ihrem politischen Spitzenamt Chefin des Konzerns. Dieser ist nun das meistverschuldete Unternehmen der Welt und für viele Beobachter ein Symbol für die Probleme, die Brasilien plagen: Korruption, verlorene Dynamik, gestutzte Hoffnungen. Moody´s hat vor wenigen Tagen die Kreditwürdigkeit von Petrobras herabgestuft.

 

So viel zu der Misere in den BRICS. Wie schön, dass es in den USA viel, viel besser aussieht, zumindest wenn wir der jüngsten »State oft the Union«-Rede von Barack Obama Glauben schenken.

 

Obama hat den 315 Millionen Amerikanern das »zweite Zeitalter des Perikles« versprochen, wie es der US-Finanzprofessor Peter Morici in der Washington Times ironisch bezeichnete: eine boomende Wirtschaft (deren Wachstum sich im jüngsten Quartal halbierte!), mehr Steuern für die Reichen und kostenlose Collegebesuche für alle.

 

Doch Amerika sieht anders aus. Es ist eine Großmacht, die im Rekordtempo kollabiert, sich militärisch überdehnt und sich finanziell wie sozial aufzehrt. Vom Wall Street Journal über Reuters bis zur New York Times wird zwar die Arbeitslosenrate von offiziell 5,6 Prozent als »die niedrigste seit 2000« bejubelt.

 

Doch weil die meisten Mainstream-Medien im Land die deprimierende Wahrheit hinter dieser vordergründig positiven Zahl nicht berichten wollen, greift der Chef des Meinungsforschers Gallup, Jim Clifton, auf seiner eigenen Webseite selbst in die Tasten, um gnadenlos aufzuklären: Die offizielle Arbeitslosenrate ist eine »große Lüge«, schrieb Clifton am Dienstag.

 

Der Grund: Von Geringbeschäftigten über unfreiwillig Teilzeit Arbeitende bis hin zu Arbeitslosen, die die Suche nach einem Job ganz aufgegeben haben, werden viele Millionen aus der traurigen Statistik herausgehalten. So ähnlich sieht das auch für viele andere Horrorzahlen »Made in USA« aus. Um diese zu lesen, müssen wir allerdings bei alternativen Info-Seiten wie dem »End oft the American Dream«-Blog nachschauen.

 

Dort sehen wir, dass 101 Millionen erwachsene Amerikaner keinen Arbeitsplatz haben, dass 55 Prozent von ihnen bestreiten, dass es einen »amerikanischen Traum« überhaupt gibt.

 

Dort lesen wir auch, dass der amerikanische Mittelstand bedrohlich schrumpft, die Zahl der Besucher von Suppenküchen seit 38 Monaten über 46 Millionen liegt, und dass 43 Millionen Amerikaner Schulden für medizinische Behandlungen auf ihren ausgemergelten Kreditkarten vor sich herschieben.

 

Und Europa, Deutschland? Die PEGIDA-Märsche in Dresden waren die jüngste, aber bestimmt nicht die letzte Bewegung unzufriedener bis entsetzter Bürger, die vieles zu beklagen haben: Von hohen Schulden, über einen kaputten Euro, zerstäubten Ersparnissen, die von Minizinsen zerfressen werden, stagnierenden Löhnen, Zukunftsangst, Kriegstreiberei in der Ukraine, einen Lebensabend in Armut sowie die Überalterung einer schrumpfenden Gesellschaft, die ihren Lebensstandard nicht mehr finanzieren kann.

 

Anstatt politische Reformen – inklusive einer gesetzlich geregelten Einwanderung, die auf breitem gesellschaftlichem Konsens aufbaut – sehen wir nur, dass Notenbanken die Welt mit Geld aus dem Nichts fluten und dabei unser Erspartes entwerten – und dass die politische Klasse Zeit kauft, um den unausweichlichen Crash, der nach Jahrzehnten verantwortungsloser Schuldenwirtschaft kommen muss, so lange wie möglich hinauszuzögern.

 

Die BRICS schlittern in ihre Probleme mit vergleichsweise geringen öffentlichen Schulden hinein, mit überwiegend jungen Bevölkerungen, anhaltender Urbanisierung, wachsender Innovationskraft und einigen anderen Treibern, die dafür sorgen werden, dass ihnen die Dynamik nicht dauerhaft abhandenkommt.

 

Im Westen, so scheint es, sind die Reserven dagegen weitgehend ausgereizt. Der Gegenwind aus Schulden, Vergreisung, Bevölkerungsschwund und einem Wirtschaftsmodell, das sich gerade selbst zerstört, ist zu stark geworden.

 

 

 

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Leser-Kommentare (19) zu diesem Artikel

07.02.2015 | 07:47

Elisa

China, Indien und Russland – Partnerschaft für eine multipolare Weltordnunghttp://www.contra-magazin.com/2015/02/china-indien-und-russland-partnerschaft-fuer-eine-multipolare-weltordnung/Wenn auch diese riesen Staaten noch viel für eine gerechtere Welt zu tun haben, sie haben zumindest beschlossen, den multipolaren Weg gemeinsam zu beschreiten und begehen ihn auch mit erstaunlichem Tempo, indem sie grosse Infrastrukturpojekte miteinander vereinbaren, die viele Arbeitsplätze...

China, Indien und Russland – Partnerschaft für eine multipolare Weltordnung
http://www.contra-magazin.com/2015/02/china-indien-und-russland-partnerschaft-fuer-eine-multipolare-weltordnung/

Wenn auch diese riesen Staaten noch viel für eine gerechtere Welt zu tun haben, sie haben zumindest beschlossen, den multipolaren Weg gemeinsam zu beschreiten und begehen ihn auch mit erstaunlichem Tempo, indem sie grosse Infrastrukturpojekte miteinander vereinbaren, die viele Arbeitsplätze schaffen und den Menschen wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bieten.

Der Westen hingegen mit den USA als brutalen Leithammel kann nur Kriege, Zerstörung und hoffnungslose Verschuldung zustande bringen, was letztlich nichts als verbrannte Erde und den Tod hinterlässt. Es ist völlig unverständlich, warum die EU-Politiker hier mitmachen. Sie benehmen sich wie Kriegsverbrecher. Die europäischen Völker wollen das alles nicht.


07.02.2015 | 07:39

Sascha

Also ich fange jetzt in wenigen Wochen mit dem Export an, mache Geschaefte mit den Chinesen von SO-Asien aus und kann nur sagen - DIE WISSEN NICHT WOHIN MIT IHREM GELD!!! Vorvertrag ist fertig,die 80-fache Menge der von mir vorgeschlagenen ersten Bestellgroesse geordert und 30 % Anzahlung bevor ich ueberhaupt anfange zu produzieren, gibt es einen groesseren Vorschuss-Vertrauensbeweis? Die Geschaeftsmentalitaet ist 1000% hoeflich, korrekt, kultiviert, verstaendnissvoll,...

Also ich fange jetzt in wenigen Wochen mit dem Export an, mache Geschaefte mit den Chinesen von SO-Asien aus und kann nur sagen - DIE WISSEN NICHT WOHIN MIT IHREM GELD!!! Vorvertrag ist fertig,die 80-fache Menge der von mir vorgeschlagenen ersten Bestellgroesse geordert und 30 % Anzahlung bevor ich ueberhaupt anfange zu produzieren, gibt es einen groesseren Vorschuss-Vertrauensbeweis? Die Geschaeftsmentalitaet ist 1000% hoeflich, korrekt, kultiviert, verstaendnissvoll, grosszuegig und auf Perfektion ausgerichtet. Ein zur Realitaet gewordener Traum von Geschaeftspartnern wie man sie sich nur wuenschen kann! Ein dickes, fettes Kompliment an die Chinesen nach den ersten geschaeftlichen Korrospondenzen !


06.02.2015 | 00:16

Zeisig

Was soll denn immer der Vergreisungsblödsinn? Masse bringt überhaupt nichts. In Zukunft werden immer weniger Leute im Arbeitsprozess gebraucht. Weniger nachkommen wie wir sie jetzt haben mit bester Ausbildung sind das Erfolgsmodell der Zukunft. Hier wird auch nur nachgequatscht was in der Systempresse steht.


05.02.2015 | 21:39

LarsLonte

Aus der Schweiz http://www.zeit-fragen.ch siehe auch Archiv und Suchstichworte zur Thematik! Nachrichtenagentur EIR - Für ein Trennbanksystem und Glass Steagall, siehe auch "Neue Solidarität" und das Forum für ein Neues Paradigma http://www.bueso.de Geolitico http://www.geolitico.de Peak Oil und 9.11. - Michael C. Rupperts Blog (täglich) http://www.fromthewilderness.com


05.02.2015 | 21:38

rotepmal

@Manfred Friedmann: Da ist ein Schreibfehler bei Ihnen zu finden es heißt nicht Brics, es heißt "westliches" Finanzsystem und dann stimmt es wieder. Und auch dürfen Sie nicht immer alles verallgemeinern. Der Mensch ist nicht deshalb etwas, weil andere es auch sind - Sie sprachen von gottlos.


05.02.2015 | 21:32

rotepmal

@DrVanvoid: Ich verstehe. Das kenne ich auch, dass von ein und dem selber Autor durchaus in kürzeren Abständen sehr Unterschiedliches zu hören ist. Das hat auch teilweise etwas mit redaktionellen Zwängen und Lernprozessen zu tun.

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