Saturday, 27. August 2016
01.12.2014
 
 

Ölpreis kann noch 50 Prozent fallen: Harakiri-Prognosen, globale Preisschlachten, entsetzte Produzenten

Markus Gärtner

Bitte anschnallen für NOCH niedrigere Benzinpreise. Am Öl-Markt herrscht Chaos. Die Produktion steigt weltweit. Die Nachfrage sinkt wegen der schwachen globalen Konjunktur. Am Markt entsteht ein wachsender Überschuss. Die Folge: Der Ölpreis ist seit Januar um 35 Prozent eingebrochen, am Freitag auf einen Schlag um fast zehn Prozent. Das löschte allein bei den Energie-Aktien in Europa 27 Milliarden Euro aus.

 

Diese Implosion der Notierungen ist das schrillste Alarmsignal, das die Weltwirtschaft derzeit sendet. Sie bremst rapide ab. Der Internationale Währungsfonds hat seit Januar dreimal die Wachstumsprognose gesenkt. Der Kollaps am Ölmarkt nimmt die nächste – und vielleicht übernächste − schon vorweg.

 

Die Welt konsumiert derzeit täglich rund 92 Millionen Barrel Öl. Mindestens eine Million mehr wird produziert. Die USA haben im Oktober neun Millionen Barrel gefördert. Das ist der höchste Ausstoß seit 1985. Allein in diesem Jahr kommt eine Million hinzu. Im nächsten Jahr noch einmal, wenn die Prognosen stimmen. Der Fracking-Boom steuert rund 60 Prozent zur US-Produktion bei.

 

Auch anderswo auf dem Planeten steigt der Ausstoß deutlich. Libyen hat die Förderung seit April verdreifacht. Der Irak pumpt trotz der Eroberungen des Islamischen Staates rekordhohe 3,3 Millionen Barrel pro Tag. Die OPEC hat in der vergangenen Woche beschlossen, ihre Produktion von 30 Millionen Barrel nicht zu drosseln. Das Produktionsziel ist seit 2012 weitgehend stabil, wird derzeit aber um etwa eine Million Barrel am Tag übertroffen.

 

Das sind die nackten Zahlen.

 

Und sie lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Die Öl-Giganten pumpen um die Wette, während Europa und China weniger verbrauchen und die Preise weiter einbrechen. Der wichtigste Punkt ist dabei: Der OPEC wurde das Zepter aus der Hand geschlagen. Das Kartell hat die Kontrolle über den Weltmarkt verloren.

 

Doch die Politik spielt eine größere Rolle. Die USA und Saudi Arabien testen mit exzessiver Förderung die Schmerzgrenzen der übrigen Förderländer. Mit großen Risiken für alle Seiten. In den USA wird immer mehr Fracking-Aktivität unprofitabel. Und das bei Firmen, die sich immens verschuldet haben, um unkonventionelle Vorkommen auszubeuten.

 

Die Anleihen, die Energiefirmen ausgegeben haben, machen bereits 16 Prozent des gesamten Marktes für Ramschanleihen aus. Und dieser ist auf 1,3 Billionen Dollar angeschwollen. Der Anteil der Ramschanleihen hat sich seit 2005 verdreifacht. Der Großteil der Forderungen gegen diese Wackelfirmen steht in den Büchern der Banken. Wie er verbucht wurde, wissen wir nicht. Aber hier lauert eine der großen Zeitbomben, die zur nächsten Finanzkrise führen können.

 

Die Wall Street-Presse betont unterdessen einseitig die Vorteile, die der Ölpreis-Kollaps für die USA hat. Die privaten Haushalte verbrauchen im Schnitt pro Jahr etwa 5000 Liter Benzin. Das sind 120 Dollar Ersparnis für jeweils zehn Cent niedrigere Tankstellenpreise.

 

Bei der Bank of America haben die Analysten ausgerechnet, dass sich dies in einen kleinen Kaufrausch übersetzen wird, weil 47 Prozent der Familien im vergangenen Jahr keinerlei Ersparnisse hatten und jeden Cent, den sie an den Tankstellen sparen, in den Konsum leiten.

 

Das ist viel Geld, denn laut diesen Berechnungen geben US-Haushalte, die weniger als 50 000 Dollar Einkommen im Jahr verbuchen, über 21 Prozent ihres Einkommens für Energie aus. Das ist übrigens doppelt so viel wie zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts.

 

Die Einsparungen entsprechen aber nicht nur einer kräftigen Steuersenkung für die US-Verbraucher. Sie stellen – auch aus deutscher Sicht – eine massive Umverteilung von den Förderstaaten auf die westlichen Konsumenten dar, je nachdem, wie stark der Preisverfall an die Kundschaft weitergereicht wird. Und da herrschen berechtigte Zweifel. Der heftige Preiseinbruch beim Öl in der vergangenen Woche ist an deutschen Tankstellen noch nicht sichtbar.

 

Während westliche Verbraucher darauf warten, dass sie von den sinkenden Ölpreisen stärker profitieren, nehmen die Bremsspuren in den Förderländern zu. Aber mit unterschiedlicher Wirkung. Saudi Arabien kann niedrigere Preise angeblich für längere Zeit ohne Probleme durchhalten. Die Herrscher im Königtum kontrollieren allein im Ausland laut Investmentbanken netto rund 750 Milliarden Dollar Anlagevermögen. Aber Saudi Arabien bezieht 80 Prozent seiner Staatseinnahmen aus dem Verkauf von Öl. Bei 70 Dollar pro Barrel – der aktuelle Preis – entsteht ein Einnahmeausfall im Umfang von zehn Prozent des BIP.

 

In Russland sind die Bremsspuren schon viel deutlicher und brisanter. Der Rückgang des Ölpreises um 30 Dollar je Barrel seit September übersetzt sich in jährliche Einnahmeverluste von 100 Milliarden Dollar. Die Hälfte des Staatshaushaltes wird mit Einnahmen aus dem Ölexport finanziert. Doch russische Firmen, überwiegend Energiefirmen, müssen in den nächsten zwölf Monaten bei laufenden Umsatzeinbrüchen 150 Milliarden Dollar Schulden tilgen.

 

Das Problem ist: Obwohl das Land über 400 Milliarden Dollar Devisenreserven verfügt – und die Zentralbank die Zinsen auf 9,5 Prozent angehoben hat – ist der Rubel seit Juni 38 Prozent abgeschmiert. Das verteuert die in Dollar aufgenommenen Schulden der Energiefirmen drastisch.

 

Für Europa ergibt sich ein gemischtes Bild. Viele Volkswirtschaften auf dem Kontinent sind Netto-Importeure von Öl. Niedrigere Notierungen sind positiv für private Haushalte und Industrie. Doch niedrigere Ölpreise verschärfen auch die Deflationsgefahr. Für die Wackelländer im Süden wird es damit schwieriger, ihre Schulden zu kontrollieren. Auch hier liegt eine Zündschnur für neue Eruptionen an den Kapitalmärkten und für eine erneute Verschärfung der Krise in der Euro-Zone.

 

Brisanter noch: Die Schmerzgrenze bei den Öl-Produzenten ist längst nicht erreicht. Bisher wird das Problem heruntergespielt. Nach dem OPEC-Treffen in der vergangenen Woche sagte Irans Ölminister zu der unveränderten Produktionsmenge, »das entspricht nicht dem, was wir wollten«. Venezuelas OPEC-Repräsentant findet, »dass jeder Opfer bringen muss«. Die Devisenreserven des Landes sind aber schon auf dem niedrigsten Stand in elf Jahren.

 

Die Minister aus Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Angola zeigten sich »besorgt«. Es wird nicht lange dauern, bis wir deutlich drastischere Äußerungen hören – und einen verschärften Preiskampf sehen, der die Schlacht jeder gegen jeden zum Überlebenskampf eskalieren lässt.

 

Die Gefahr ist real. Tom Kloza, der Gründer des Ölpreis-Informationsdienstes, sagt bei Ausbleiben einer gedrosselten Förderung in der OPEC für 2015 einen Kollaps der Ölpreise auf 35 Dollar je Barrel vorher. Das wäre eine Halbierung der Preise binnen Monaten. Und das nach dem bereits erfolgten Absturz.

 

»Wir starren einer Milliarde Barrel Öl ins Gesicht, die wir nirgends einlagern können«, sagte er vorige Woche dem Wall Street-freundlichen US-Sender CNBC.

 

 

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Leser-Kommentare (16) zu diesem Artikel

11.01.2015 | 19:21

Steinmann

Wir hatten das ganze Jahrzehnt 90 den Rohölpreis bei 20 bis 30 US Dollar.Unsere Wiftschaft stand gut da.Jede Kriese ist doch eine Gesundung . Geld brauch man nicht zu retten. Alles was über die normalen Umlaufmittel hinausgeht, (für die EU etwa1,8 Billonen EURO) ist unnötig. Die Spekulanden gewinnen nichts und verlieren nichts. Geld ist nur eine Idee welche sich ausschließlich in unseren Köpfen befindet.Eine Art des Zählens.Man braucht nur die Verteilung der Wirtschaftsprodukte...

Wir hatten das ganze Jahrzehnt 90 den Rohölpreis bei 20 bis 30 US Dollar.Unsere Wiftschaft stand gut da.Jede Kriese ist doch eine Gesundung . Geld brauch man nicht zu retten. Alles was über die normalen Umlaufmittel hinausgeht, (für die EU etwa1,8 Billonen EURO) ist unnötig. Die Spekulanden gewinnen nichts und verlieren nichts. Geld ist nur eine Idee welche sich ausschließlich in unseren Köpfen befindet.Eine Art des Zählens.Man braucht nur die Verteilung der Wirtschaftsprodukte anders, gerechter gestalten und Geld verliert jede Bedeutung.


04.12.2014 | 08:44

Elisa

Die Verluste ausländischer Firmen im Zusammenhang mit der Einstellung des Projektes „Süd-Stream“ belaufen sich auf mindestens 2,82 Mrd. Euro, so die News aus Russland.Ru. Die Europäer schaden sich mit diesem Wirtschaftskrieg per Energieresourcen selbst in einem unvorstellbaren Ausmass, sind gar bereit, ihre eigenen Wirtschaften lahmzulegen, um den Amerikanern zu dienen. So viel Dummheit ist einfach nicht zu fassen. Ausländische Investoren verlieren drei Milliarden Euro durch...

Die Verluste ausländischer Firmen im Zusammenhang mit der Einstellung des Projektes „Süd-Stream“ belaufen sich auf mindestens 2,82 Mrd. Euro, so die News aus Russland.Ru. Die Europäer schaden sich mit diesem Wirtschaftskrieg per Energieresourcen selbst in einem unvorstellbaren Ausmass, sind gar bereit, ihre eigenen Wirtschaften lahmzulegen, um den Amerikanern zu dienen. So viel Dummheit ist einfach nicht zu fassen.


Ausländische Investoren verlieren drei Milliarden Euro durch Süd-Stream
http://www.russland.ru/auslaendische-investoren-verlieren-drei-milliarden-euro-durch-sued-stream/

International Gas Union: Europa wird nicht ohne russisches Gas auskommen
http://de.ria.ru/business/20141203/270135149.html


02.12.2014 | 20:52

Axel

@ Hans-Joachim, gut möglich, das Öl abiotisch ist. Ich selber kann mit der fossilen These auch nicht so recht was anfangen. Das heißt aber auch nicht, dass Öl zu jeder beliebigen Zeit unbegrenzt zur Verfügung steht. Die Bäume wachsen auch nach und dennoch verschwinden ganze Wälder weil abgeholzt.


02.12.2014 | 08:43

butterberg

nach den sturm kommt die die flaute.der ölpreis steigt künftig so hoch wie nie.


02.12.2014 | 07:37

Volker

Da läuft gerade eine Lehrstück für Alle, die schon immer wussten, dass Peak-Oil unausweichlich kommt und desshalb Öl unbezahlbar wird. Wie war doch die Prognose noch vor 3 Jahren, 200 Dollar? Jetzt gibt es ein höheres Ziel. Russland soll wirtschaftlich ruiniert werden. Hat mit der Sowjetunion schon mal geklappt. Durchsichtig und einleuchtend, wenn man weiss, wie abhängig Russland vom Ölexport ist. Nur stellt sich die Frage, wer ist in der Lage den Ölpreis derart massiv zu...

Da läuft gerade eine Lehrstück für Alle, die schon immer wussten, dass Peak-Oil unausweichlich kommt und desshalb Öl unbezahlbar wird. Wie war doch die Prognose noch vor 3 Jahren, 200 Dollar? Jetzt gibt es ein höheres Ziel. Russland soll wirtschaftlich ruiniert werden. Hat mit der Sowjetunion schon mal geklappt. Durchsichtig und einleuchtend, wenn man weiss, wie abhängig Russland vom Ölexport ist. Nur stellt sich die Frage, wer ist in der Lage den Ölpreis derart massiv zu beeinflussen? Das ist ein Ölkrieg und keine Marktwirtschaft.


02.12.2014 | 07:32

rotepmal

Die USA schießt sich selbst ins Knie und (fast) alle machen mit....

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

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