Mittwoch, 7. Dezember 2016
03.03.2016
 
 

»Wir lagen alle falsch«: US-Journalisten wollen Trumps Triumph immer noch wegerklären

Markus Mähler

Selten lagen die Edelfedern im US-Politikjournalismus so daneben. Donald Trump sollte eigentlich längst aus dem Rennen sein – »zu 100 Prozent«. Der feiert aber Sieg um Sieg und ist seit dem Super Tuesday sicherer Favorit der Republikaner. Diese Realität passt den gekränkten Edelfedern nicht. Sie dämonisieren jetzt das »Phänomen«: Trump gilt als GAU des Systems. Für Deutschland wäre er aber die beste Wahl – was Freihandel, Flüchtlinge, Russland und den Nahen Osten betrifft.

Im November heißt es wohl Clinton gegen Trump. Beim US-Wahlkampf gilt Donald J. Trump inzwischen als der sichere Kandidat der Republikaner. Vier Vorwahlen konnte der »Demagoge des hässlichen Amerikas« (Spiegel Online) bereits gewinnen. Am Dienstag stimmten 13 Bundesstaaten beim Super Tuesday ab. Und wer bekam wieder die meisten Stimmen? Trump. Er feierte in sieben Staaten einen Wahlsieg. Seit Monaten führt der »rücksichtslose, militaristische amerikanische Super-Kapitalist« (Spiegel Online) die meisten Umfragen an.

 

Nicht nur deutsche Leitmedien haben ein ernsthaftes Problem mit dieser ungewollten Entwicklung. Trumps Triumph ist gerade für die Edelfedern des US-Politikjournalismus ein wahr gewordener Albtraum. Weil sie selten so deutlich daneben lagen, so klar entzaubert wurden. Nach dem Super Tuesday rangen die Ratlosen kurz um Worte. Gemäß ihrer Prognosen müsste Trump längst schon wieder zu Hause sitzen. In seinem Prunkschloss Mar-A-Lago in Palm Beach, wo er den US-Wahlkampf als Zuschauer am Fernseher verfolgt. Das bleibt Wunschdenken.

 

Präsident Trump? Es soll nicht sein, was nicht sein darf

 

Letzten Sommer schrieb David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, »der ganze Schwindel [mit Trump] könnte gut ausgehen, noch bevor der erste Schnee in Sioux City und Manchester fällt«. James Fallows wurde im Atlantic sogar noch drastischer: »Donald Trump wird weder der 45. Präsident der USA noch der 46. oder irgendeine andere Nummer. Die Chancen, dass er seine Nominierung und die Wahl gewinnt, sind exakt null.«

 

Was die Edelfedern vorschrieben, plapperte praktisch die gesamte Journalismus-Industrie in den USA nach. Trump sei nur durch heiße Luft, sein Ego durch ein paar Umfragen aufgeblasen. Er habe keine Basis. Er werde bald über seine eigenen Fettnäpfchen stolpern. Und wenn nicht, dann würden sich die anderen Kandidaten der Republikaner bald verbünden und den Exzentriker erlegen.

 

Nach dem Super Tuesday ist all das nur noch Schall und Rauch. Die Edelfedern haben ein Problem: Ihr Publikum merkt wieder einmal zu deutlich, dass es im US-Politikjournalismus nicht ums Informieren geht – sondern ums Meinungsmachen.

 

Die Journalisten gaben zwar zu, dass sie falsch lagen. Aber sie erklären nicht, warum eine enthusiastische Anhängerschaft Trump von Wahlsieg zu Wahlsieg trägt. Stattdessen drehen sie jetzt so richtig an der Dämonisierungs-Schraube. Die verletzten Ego-Journalisten pfeifen auf ihre Rolle als neutrale Beobachter und betreiben ungehemmten Wahlkampf.

 

Plötzlich ist er das »idiosynkratische Phänomen«

 

Chefredakteur David Remnick ließ sich dazu interviewen und spielte staatstragend den Geschockten. Trumps Erfolg sei »unfassbar«, spiegele die »schlimmsten Instinkte« und »Hässlichkeit« im Land wider. »Der Fakt, dass so viele von uns, alle von uns, seinen Erfolg nicht vorhersagen konnten, liegt daran, dass wir nicht glauben wollten, dass jemand diese Strömungen so geschickt und erfolgreich ansprechen kann.«

 

James Fallows warnte in einer E-Mail sogar vor dem »idiosynkratischen Phänomen« Trump. Viele Amerikaner werden dabei nur die ersten vier Buchstaben begriffen haben. Auf Twitter trieb er das Dämonisieren auf die Spitze und erklärte Trump zum Abfallprodukt der Terrorangst. Neben diesen mentalen Blähungen gibt es inzwischen aber auch wenige nachdenklichere Stimmen.

 

Nate Silver schrieb auf der Seite fivethirtyeight.com (ein meinungsstarker Online-Ableger der New York Times für Umfragen und Wahlkampf): »Dieses Mal könnten wir uns wirklich mitten in einer [politischen Neuordnung] befinden. Es ist fast unmöglich, diesen Nominierungswettbewerb der Republikaner mit einer gewöhnlichen Vorstellung von Politik in Einklang zu bringen.«

 

Eine »Lehrstunde« für Analysten

 

Bei Fox News hisste ein zerknirschter Chris Wallace im Interview förmlich die weiße Fahne: Analysten sollten beim Analysieren bleiben und sich nicht auf Prophezeiungen versteifen. »Wir haben gelernt, dass wir nicht so viel wissen, wie wir zu wissen glauben. Das war eine Lehrstunde für jeden, der dummerweise glaubt, dass wir Meinungsmacher oder Meinungsformer sind. Das amerikanische Volk wird seine eigene Entscheidung treffen.«

 

Die Mehrheit der Analysten vertraut aber immer noch darauf, dass sich die anderen Kandidaten der Republikaner im letzten Moment gegen Trump verbünden. Oder dass Trump und seine große Anhängerschaft noch mehr Amerikaner gegen sich aufbringen werden. Der letzte Rettungsanker für die Edelfedern wäre dann Hillary Clinton, die Trump im Hauptwahlkampf klar schlagen könnte. Bis dahin sind es aber noch acht Monate. Clinton steht wegen zahlreicher Skandale unter Dauerfeuer. Was ist, wenn sie über einen stolpert und verklagt wird? Was ist, wenn im Herbst eine Rezession kommt?

 

Warum Trump für Deutschland der bessere US-Präsident wäre

 

Dann könnte der 45. Präsident der Vereinigten Staaten tatsächlich Donald J. Trump heißen. Im politischen Mainstream gilt dieses Szenario als Katastrophe. Der größte anzunehmende Unfall des Systems. Für Deutschland wäre er aber ironischerweise die beste Wahl. Die Wettmärkte geben Trump aktuell eine Chance von 25 Prozent. Was der Exzentriker eigentlich genau will, macht er nicht klar – aber es gibt trotzdem Eckpunkte. Trump hält nichts vom Freihandel. Das TTIP-Abkommen mit Genmais und Chlorhühnchen würde er wahrscheinlich stoppen. In Berlin gingen vor ein paar Monaten Hunderttausende Deutsche genau dafür auf die Straße.

 

Außenpolitisch will er nicht weiter Weltpolizist spielen, sondern schlägt Töne der Isolation an. Ein Albtraum für die Hardliner in Washington, die bereits auf den nächsten US-Krieg in Libyen hinarbeiten. Trump lehnt militärische Interventionen wie im Nahen Osten ab. Er würde vermutlich sogar eng mit Wladimir Putin kooperieren, den er auffällig oft lobt.

 

Der neue Kalte Krieg in Europa könnte sich entspannen, Assad in Syrien an der Macht bleiben, der Strom der Flüchtlinge würde abebben. Eine Mauer gegen Mexiko oder Trumps Sprüche gegen Muslime dürfen den Europäern im Grunde genommen egal sein – das ist alles Innenpolitik.

 

Mit seinen Ansagen zur Einwanderungspolitik hätte Trump in Deutschland sogar viele Sympathisanten: Grenzen dichtmachen, Illegale abschieben und nur solche hereinlassen, die das Land wirtschaftlich voranbringen. Auf der anderen Seite ist er zwar unberechenbar – eine Präsidentin Clinton ist dafür aber umso berechenbarer: Der Weltpolizist USA macht weiter wie bisher – und destabilisiert eben auch den Nahen Osten wie in den letzten 25 Jahren. Keine guten Aussichten für die Sicherheit in Europa.

 

 

 

 

 

 

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