Tuesday, 24. May 2016
06.04.2011
 
 

Die Mafia im Kosovo: Warum die USA und ihre Verbündeten das Organisierte Verbrechen ignorierten

Matt McAllester / Jovo Martinovic

Im Herbst des Jahres 2000, etwas mehr als ein Jahr nach dem Ende des Kosovo-Krieges, legten zwei Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes der NATO den ersten bekannt gewordenen Bericht über die dortige organisierte Kriminalität (OK) vor. Darin erklärten sie, der frühere politische Führer der Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK) Hashim Thaci verfüge »über Einfluss auf die lokalen Strukturen der organisierten Kriminalität, die [einen] Großteil des Kosovo kontrollieren«.

Wie frühere NATO-Quellen gegenüber dem Internet-Nachrichtenprotal GlobalPost bestätigten, wurde dieser Bericht, dessen Existenz lange verborgen geblieben ist, in allen NATO-Mitgliedstaaten verbreitet. Und in jedem Jahr, in dem sich die noch junge Demokratie im Kosovo um Stabilisierung und Fortschritte bemühte und Thacis politischer Stern immer höher stieg, kamen immer detailliertere Vorwürfe und Geheimdienstberichte ans Licht – mindestens vier im Zeitraum zwischen 2000 und 2009, in denen Thacis Name genannt wurde, wie diese Quellen bestätigen. Diese Berichte standen amerikanischen und NATO-Geheimdienstmitarbeitern zur Verfügung und mindestens zwei waren auch ins Internet gestellt worden. In einem 36-seitigen NATO-Geheimdienstbericht, der der GlobalPost vorliegt, ist Thaci eine ganze Seite gewidmet, auf der ein Diagramm seine Verbindungen zu anderen prominenten UÇK-Mitgliedern darstellt, die selbst wiederum mit verschiedenen kriminellen Aktivitäten wie Erpressung, Auftragsmorden, Drogenhandel, Kraftfahrzeugdiebstahl, Waffenhandel und Frauenhandel in Zusammenhang gebracht werden. Heute ist Thaci Ministerpräsident des Kosovo und wurde vor kurzem erst für eine zweite Amtszeit gewählt.

Obwohl Vertreter der amerikanischen Regierung von den zahlreichen und detaillierten Vorwürfen gegen Thaci und viele seiner früheren UÇK-Kollegen wussten, wurde er von verschiedenen aufeinanderfolgenden amerikanischen Regierungen weiterhin als wertvoller Verbündeter gesehen. Es ist nicht bekannt, welche amerikanischen Regierungsvertreter von den Berichten Kenntnis hatten. Ein NATO-Diplomat erklärte aber, es sei allgemein bekannt gewesen, dass Thaci im Verdacht stehe, in kriminelle Aktivitäten verwickelt zu sein: »Immer wenn in den Lagebeurteilungen die Rede auf ihn kam, geschah dies in Zusammenhang mit dem ›Verdacht des organisierten Verbrechens‹.«

Und auf die Frage, ob er im Laufe der Jahre von den Vorwürfen gegen Thaci und andere gehört habe antwortete Daniel Serwer, ein ehemaliger hochrangiger amerikanischer Diplomat auf dem Balkan, der jetzt als leitender Wissenschaftler am Zentrum für transatlantische Beziehungen der Johns-Hopkins-School of Advanced International Studies tätig ist: »Allerdings, dieser Vorwurf war allgemein bekannt.«

Die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright umarmte Thaci öffentlich. Der frühere Präsident George W. Bush empfing ihn im Oval Office. Vizepräsident Joseph Biden begrüßte ihn im Juli ebenfalls im Weißen Haus. Und Außenministerin Hillary Clinton besuchte ihn erst vor Kurzem im Herbst letzten Jahres im Kosovo. »Lassen Sie es mich deutlich sagen, Herr Ministerpräsident«, erklärte Clinton gegenüber Thaci während ihres Besuches in Pristina am 13. Oktober letzten Jahres, »Wir stehen an Ihrer Seite, so wie wir Sie auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit begleitet haben. Wir sind Ihre Partner und wir sind Ihre Freunde, und wir sind entschlossen, Ihre Zukunft zu sichern.« Sewer sagte dazu, Clinton habe »mit Sicherheit von den Vorwürfen gegen sie gehört […] Wir alle wussten davon.«

Kosovo ist noch eine junge Demokratie. Die USA und die NATO haben gemeinsam zunächst die Befreiung und dann die Unabhängigkeit unterstützt. Der Kosovo-Krieg wurde von der Weltöffentlichkeit gutgeheißen und von den USA und ihren Verbündeten als eine militärische Intervention aus humanitären Gründen bezeichnet. Heute ist der Kosovo durch Korruption und Einschüchterung gelähmt. Thaci und viele andere seiner damaligen kosovo-albanischen Guerilla-Kollegen, die damals im Krieg 1999 wichtige Verbündete der USA und der Nato waren, klammern sich an die Macht und sehen sich zahlreichen Vorwürfen wegen krimineller Machenschaften gegenüber. In einem Land, das seine Existenz unter anderem der Sorge des Westens um die Menschenrechte verdankt, scheuen heute viele Bürger davor zurück, einen Ministerpräsidenten und dessen Verbündete zu kritisieren, denen man vorwirft, gewohnheitsmäßig Menschenrechte zu verletzen.

Nach dreimonatigen Recherchen und Berichten, nach Dutzenden von Interviews mit Politikern, führenden UÇK-Mitgliedern, Diplomaten, früheren NATO-Soldaten, politischen Analysten und Regierungsvertretern, musste GlobalPost erkennen, dass Befürchtungen hinsichtlich der Kriminalität in der herrschenden politischen Klasse des Kosovo von den USA, der NATO und den Vereinten Nationen in den letzten elf Jahren mehr oder weniger ignoriert wurden. In einigen Fällen vereitelten Vertreter der USA und der Vereinten Nationen sogar Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden gegen frühere hochrangige UÇK-Mitglieder. Nach übereinstimmender Einschätzung vieler Leute, die eine wichtige Rolle in der jüngsten Geschichte des Kosovo spielten, hing dies vor allem damit zusammen, dass die Vereinigten Staaten, die NATO und die Vereinten Nationen der Auffassung waren, die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen der ethnischen Mehrheit der Albaner und der Minderheit serbischer Herkunft im Kosovo – und mit Serbien selbst – habe Vorrang vor allen anderen Problemen, auch wenn es um Vorwürfe abscheulicher Menschenrechtsverletzung gehe.

Hinzu kam, dass die UÇK-Kämpfer als die Helden des Kosovo angesehen wurden und ihre Führungspersönlichkeiten nach dem Krieg eine beispiellose politische Popularität und entsprechenden Einfluss erlangten, was die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten und anderer NATO-Länder, nachhaltige Partner im Kosovo zu finden, einschränkte. »Es ist sehr einfach, moralisierend aufzutreten, aber in Regionen wie dieser, wird man immer auf Leute stoßen, die nicht gut sind«, erklärte ein NATO-Diplomat, »Wenn es gute Leute wären, dann wären sie wahrscheinlich nicht an der Macht oder es gäbe überhaupt kein Problem mit dem Land. Das ist der Preis des Pragmatismus.«

Gegen Thaci wurde bisher noch kein Gerichtsverfahren eröffnet, aber der Zeitraum, in dem sich die Vorwürfe gegen ihn häuften, enthüllt, dass Vertreter der USA und der NATO bewusst ihn und auch andere führende Kosovaren, die angeblich in schwere Verbrechen verwickelt waren, seit Beginn des Kosovo-Konflikts unterstützten. »Amerikaner und diejenigen, die Verantwortung trugen, hatten Zugang zu diesen und anderen Dokumenten«, erklärte ein westlicher Diplomat, der über langjährige Erfahrungen in der Region verfügt, und bezog sich damit auf den Geheimdienstbericht, auf dem auf jeder Seite zu lesen ist, dass er zur Information der USA und der NATO dient. Vier weitere Quellen aus den Bereichen Diplomatie, Militär und Geheimdienst bestätigten, dass die Dokumente amerikanischen Vertretern bekannt waren.

Ein früherer NATO-Geheimdienstoffizier im Kosovo, der Zugang zu weitreichenden Informationen im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität hat, erklärte unter Bezug auf den Bericht aus dem Jahr 2000, die USA und andere NATO-Länder »haben nach seiner Veröffentlichung nichts unternommen. Das empfand ich als enttäuschend und entmutigend.«

Der in Brooklyn lebende Geschäftsmann Florin Krasniqi, der große Spenden für die UÇK sammelte und hochwertige Gewehre aus den USA an die UÇK lieferte, erklärte, er habe sich persönlich gegenüber hochrangigen Vertretern des amerikanischen Außenministeriums über die Korruption und das Verbrechen in den Führungsebenen der Regierung im Kosovo beklagt, sei aber jedes Mal weggeschickt worden. »Man kann völlig korrupt sein« fuhr er fort, »solange man die Stabilität aufrecht erhält, gilt man als Freund.« Krasniqi, der vor kurzem als Abgeordneter ins Parlament des Kosovo gewählt wurde, beschrieb seinen früheren UÇK-Kameraden Thaci als »den Chef der dortigen Mafia«.

Thaci verfügt über ein telegenes Auftreten, eine eindrucksvolle Persönlichkeit und spricht ein passables Englisch. Seine ersten Kontakte zu amerikanischen Vertretern ergaben sich während der Friedensverhandlungen in Frankreich im März 1999, also noch vor Ausbruch des Krieges. »Meiner Ansicht nach kommt man um die Erkenntnis nicht herum, dass diese Vorwürfe seit langer Zeit erhoben werden. Um sie zu klären, bedarf es ernstzunehmender Ermittlungen«, erklärte Serwer. Thaci, der Serwer persönlich bekannt ist, sähe es gerne, wenn sie [die Vorwürfe] einfach im Sande verliefen. Aber ich sehe nicht, wie das geschehen sollte.«

Im Dezember letzten Jahres gerieten einige der seit Langem erhobenen Vorwürfe gegen Thaci und seine Mitarbeiter ins Blickfeld der Öffentlichkeit, als der Schweizer Ständerat Dick Marty seinen Bericht veröffentlichte, den er im Auftrag des Europarates, einer angesehenen Menschenrechtsorganisation, erstellt hatte und in dem Thaci und anderen prominenten früheren UÇK-Kommandeuren vorgeworfen wurde, in zahllose Verbrechen verwickelt zu sein. Ein besonders schwerwiegender Vorwurf betraf den Handel mit Organen, wobei Menschen [im Bericht ist von gefangenen Serben die Rede] gezielt getötet worden seien, um dann ihre Organe verkaufen zu können.

Der damalige Sprecher des amerikanischen Außenministeriums P. J. Crowley reagierte auf die Veröffentlichung des Berichtes im Dezember mit den Worten, die in dem Bericht vorgelegten Beweise und zitierten Quellen sollten im Rahmen einer umfassenden Ermittlung in Zusammenarbeit mit kompetenten Behörden geklärt werden. Aber darüber hinaus zeigten sich Vertreter der Regierung wenig gesprächig, wenn es um die Frage ging, warum praktisch jede amerikanische Regierung seit Bill Clinton Thaci unterstützt habe, obwohl sie alle Zugang zu detaillierten Informationen über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen seiner angeblichen Verbindungen zur Organisierten Kriminalität hatten.

Der amerikanische Botschafter im Kosovo, Christopher Dell, lehnte verschiedene Interviewanfragen ab. Eine Sprecherin stimmte dann zwar zu, Fragen entgegenzunehmen, auf die Dell dann möglicherweise antworten würde, was er aber dann doch ablehnte. VertreterInnen des Außenministeriums, darunter die frühere Botschafterin und derzeitige Staatsekretärin Tina Kaidanov, lehnten einen Kommentar ab, ebenso wie die amtierende Außenministerin Hillary Clinton und ihre Vorgängerin Madeleine Albright und deren früherer Sprecher James Rubin.

Ein Sprecher Thacis lehnte ebenfalls zahlreiche Interviewanfragen ab und erklärte, Thaci sei zu sehr beschäftigt. Auch auf schriftlich eingereichte Fragen reagierte Thaci nicht. Zudem droht er damit, Marty wegen Verleumdung zu verklagen. Thaci hatte den Bericht als »einen Skandal« bezeichnet und erklärt, der Bericht ziele darauf ab, »die UÇK und die Unabhängigkeit des Kosovo zu verunglimpfen«.

 

Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden

Neben Geheimdienstberichten und den sich häufenden Vorwürfen waren den amerikanischen Regierungsvertretern auch verschiedene Ermittlungsverfahren gegen Thacis Verbündete bekannt – drei von ihnen sind auch öffentlich dokumentiert.

GlobalPost wurde ein Fallbericht der aufgelösten UN-Mission gegen Kriegsverbrechen im Kosovo (UNMIC) zugespielt, der das Datum 20. Mai 2008 trägt. Der Bericht beschreibt, wie deutsche NATO-Soldaten kurz nach dem Krieg 14 Personen befreiten, die illegal von der UÇK in der Stadt Prizren im Süden des Kosovo festgehalten worden waren. Darüber hinaus stießen sie auf die Leiche eines älteren Kosovo-Albaners, die immer noch Handschellen trug. Er »zeigte Anzeichen von Schlägen«, heißt es in dem Bericht.

Als Verdächtiger wird in dem Bericht u.a. Kadri Veseli aufgeführt, den viele Kosovaren für Thacis engsten Verbündeten halten. Veseli war Chef des SHIK, des UÇK-Geheimdienstes, einer Organisation, die ohne Rechtsgrundlage bis 2008 immer noch existierte und tätig war – und die möglicherweise heute immer noch aktiv ist. Zusätzlich zu Veseli werden in dem Bericht auch noch andere UÇK-Kommandeure und Thaci-Verbündete wie Azem Syla, Sabit Geci und Fatmir Limaj als Verdächtige genannt. Gegen niemanden wurde wegen der Verbrechen in Prizren Anklage erhoben. Aber gegen Syla, Geci und Limaj liefen bereits andere Ermittlungsverfahren.

Ende 2009 wurde Azem Syla von der Polizei verhaftet und dazu befragt, ob er einen SHIK-Killer beauftragt habe, einen politischen Gegner zu töten. Auch in diesem Fall, in dem es sich bei dem Star-Angeklagten vermutlich um einen selbsternannten SHIK-Attentäter mit Namen Nazim Bllaca handelt, wurde gegen Syla keine Anklage erhoben.

Fatmir Limaj, ein weiterer früherer hochrangiger UÇK-Führer und Verkehrsminister in Thacis erster Regierung, wurde von EULEX, der Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo, die mit Regierungsvertretern des Kosovo zusammenarbeitet, um dort rechtstaatliche Verhältnisse mit aufbauen zu helfen, Mitte März der Beteiligung an Kriegsverbrechen beschuldigt. Im letzten Jahr durchsuchten EULEX-Ermittler Limajs Haus und Arbeitsplatz. Es wurde keine Anklage erhoben, aber viele Beobachter glauben, gegen ihn werde wegen massiver Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Straßenbauprojekten sowie wegen Kriegsverbrechen ermittelt. (Limaj war vom Vorwurf der Kriegsverbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien freigesprochen worden.)

Gegen Sabit Geci wird derzeit vor Gericht verhandelt; ihm werden von EULEX-Anklägern Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Im Rahmen der EULEX-Ermittlung wird auch kurz auf Thaci verwiesen, wie die GlobalPost erfuhr. Die Anklage behauptet, gestützt auf Zeugenaussagen, Geci habe während des Krieges ein Gefängnis im UÇK-Hauptquartier in der Stadt Kukës geleitet. In diesem Gefängnis soll Geci zahllose albanische Gefangene gefoltert haben, denen vorgeworfen wurde, Kollaborateure oder politische Gegner der UÇK zu sein.

In einem Interview erklärte einer der schätzungsweise 20 Überlebenden des Gefängnisses, er habe Thaci im Gefängnis gesehen. Der Mann, der ausgesagt hatte, Geci habe ihn gefoltert und seinen Bruder ermordet, ist bereit, im Prozess gegen Geci auszusagen, forderte aber strikte Anonymität, bevor er zu einem Gespräch bereit war. »Ich habe Thaci mit eigenen Augen gesehen«, sagte der Mann und räumte ein, möglicherweise habe Thaci nicht gewusst, dass die Gefangenen im UÇK-Hauptquartier gefoltert würden. Aber die Gefangenen seien in einem großen Raum mit Fenstern festgehalten worden, und »er konnte uns sehen«. Weiter sagte der Mann, er habe den EULEX-Anklägern erzählt, dass er Thaci in dem Gefängnis gesehen habe. Aber die Ankläger hätten die Angelegenheit nicht weiter verfolgt.

Auch wenn jetzt, beginnend vielleicht mit dem Prozess gegen Geci, damit begonnen wird, gerichtlich gegen einige hochrangige UÇK-Führer vorzugehen, vertreten Kritiker die Auffassung, man habe damit zu lange gewartet. Zu diesen Kritikern gehören Personen, deren Aufgabe es war, nach dem Krieg gegen Kriminelle im Kosovo zu ermitteln und sie vor Gericht zu bringen.

 

Geschützt von den Vereinigten Staaten?

Ein besonders frustrierendes Beispiel für die amerikanische Macht in der Hauptstadt Pristina, so sagen derzeitige und frühere Vertreter der Vereinten Nationen und westliche Diplomaten, sei der Einfluss, den amerikanische Diplomaten auf das angeblich unabhängige Büro des UN-Anklägers im Kosovo ausübten. »Die amerikanische Botschaft [im Kosovo] hat ihren Einfluss geltend gemacht, um effektive Ermittlungen und eine Anklageerhebung gegen hochrangige Vertreter des Kosovo zu verhindern«, erklärte ein UN-Vertreter, der aufgrund seiner Position mit Details der Strafverfolgungsbemühungen in der Zeit zwischen 2000 und 2008, als der Kosovo unter UN-Verwaltung stand, vertraut ist.

Der UN-Vertreter erklärte weiter, gegen hochrangige Politiker des Kosovo sei wegen mutmaßlicher Verwicklung in organisierte Kriminalität ermittelt worden, und amerikanische Vertreter hätten Hausdurchsuchungen bei Verdächtigen unterbunden und seien in einem Fall mit anderen UN-Vertretern sogar daran beteiligt gewesen, die Ausführung eines Urteils zu verhindern. Der UN-Vertreter sagte, diese Telefonanrufe [seitens der Amerikaner] seien »allgemein bekannt« und würden von den internationalen Anklägern als sehr frustrierend empfunden, die für die Vereinten Nationen tätig waren und gegen diese Kosovaren gerichtlich vorgehen wollten.

Am 14. Juni 2008 ordnete der ranghöchste UN-Vertreter im Kosovo, der Deutsche Joachim Rücker, per Dekret die Aufhebung der Gefängnisstrafe eines früheren UÇK-Kommandeurs namens Sami Lushtaku an, der zu einer Haftstrafe von elf Monaten verurteilt worden war. Lushtaku war Bürgermeister der Stadt Skenderaj, einer UÇK-Hochburg. In seinem Dekret, das GlobalPost vorliegt, erklärt Rücker, eine Verurteilung Lushtakus mache es diesem unmöglich, Bürgermeister zu sein, und ein solches »Ergebnis wäre in diesem Stadium politisch hoch sensibel und liege nicht im öffentlichen Interesse«. Es ist nicht bekannt, ob amerikanische Vertreter Einfluss auf Rückers Rechtsentscheidung nahmen, aber ein früherer NATO-Vertreter im Kosovo erklärte, CIA-Mitarbeiter hätten versucht, NATO-Soldanten an der Festnahme Lushtakus vor dessen Prozess zu hindern.

Auch andere aktive und frühere US-Vertreter bestätigen, dass die USA einige hochrangige Politiker, darunter auch Thaci nahestehende frühere UÇK-Führer, schützen. Damit solle der Eindruck erweckt werden, der Kosovo sei ein stabiles Land mit einer starken lokalen Führung. Aber oft, so erklärten diese Beamten weiter, seien NATO- und UN-Vertreter daran beteiligt gewesen, Ermittlungen zu behindern, auch wenn viele andere über diese eingestellten Verfahren verärgert gewesen seien. »Wenn wir mit ihnen sprachen [den früheren UÇK-Kommandeuren, die im Kosovo heute immer noch sehr einflussreich sind], wussten wir alle, dass sie uns anlügen, und sie wussten, dass wir wussten, dass sie lügen, aber aufgrund der Politik und ihrer Beschützer in D.C. konnten wir nicht viel unternehmen«, erklärte ein früherer NATO-Nachrichtendienstmitarbeiter, der im Kosovo gearbeitet hatte gegenüber Global Post, »Sie betrieben Prostitution, Benzinschmuggel, Geldwäsche, organisierte Kriminalität und schüchterten LDK-Mitglieder [eine konkurrierende politische Partei, die Demokratische Liga des Kosovo] ein. Sie kamen sogar mit Morden davon. […] Die Amerikaner trugen nicht gerade dazu bei, die Ermittlungen zu erleichtern. Ich wusste, dass sie in einigen Fällen darauf hinarbeiteten, dass die Ermittlungen eingestellt würden, weil ›es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei‹, zumindest aus ihrer Sicht. So zogen sie die Notbremse, und es gab nichts, was wir dagegen tun konnten. Es ging um die ›großen Fische‹.«

Ein früherer internationaler Beobachter mit Verbindungen zur UN-Mission im Kosovo erklärte: »Es kam sogar soweit, dass einigen meiner Freunde unter den Anklägern praktisch befohlen wurde, ›Hört auf damit‹. Man kann verstehen, wenn jemand sagt, ›Wartet‹; man kann anordnen, die Ermittlung eine Weile ruhen zu lassen. Aber einfach hinzugehen und den Leuten zu sagen, ›Lasst es  für immer sein‹, und damit das Büro des Anklägers als eine Verlängerung der Politik betrachtet – an diesem Punkt verwischen sich die Grenzen. Diese früheren Beobachter waren an Zusammenkünften beteiligt, an denen auch amerikanische Diplomaten teilnahmen und in denen sie und UN-Vertreter darüber diskutierten, ob es aufgrund besonderer politischer Erwägungen verhindert werden sollte, dass gegen bestimmte politische Persönlichkeiten ermittelt werde oder sie verhaftet würden.

Den Eindruck, dass Thaci und seine engen Mitarbeiter geschützt werden und praktisch unantastbar sind, hat, so berichten viele Beobachter, im Kosovo ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit entstehen lassen. Thaci lässt derweil in der Hauptstadt Pristina ein riesiges Haus errichten, und selbst wenn das Geld für den Bau aus legalen Quellen stammen sollte, betrachten viele einfache Kosovaren, die oft zu den ärmsten Menschen in Europa gehören, das Haus als ein Symbol der Arroganz und der Korruption. »Für mich ist das absolut nachvollziehbar«, erklärte Sewer.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Thaci jemals vor einem Gericht im Kosovo angeklagt wird. »Die Polizei, die Ankläger und Gerichte sind unberechenbare Akteure, anfällig für politische Einflussnahme und Amtsmissbrauch«, hieß es in einem Bericht der unparteiischen International Crisis Group im vergangenen Jahr, womit sie einer Einstellung Ausdruck verlieh, die von vielen Kosovaren, ausländischen Regierungen und Hilfsorganisationen geteilt wird.

Ein Journalist von GlobalPost interviewte den Polizeichef des Kosovo, Reshat Maliqi, und fragte ihn, warum er vor dem Hintergrund der zahlreichen gegen den Ministerpräsidenten erhobenen Beschuldigungen keine Ermittlungen gegen Thaci eingeleitet oder eine Durchsuchung seiner Amtsräume zur Sicherstellung von Beweismitteln angeordnet habe. »Wir haben es nicht versucht«, entgegnete Maliqi, »denn es muss jemand an unsere Tür klopfen« und Beweise vorlegen.

Wahrscheinlich wären nur internationale Ankläger in der Lage, ein Verfahren gegen Thaci einzuleiten. Seit 2008 bildete EULEX die stärkste juristische Macht im Kosovo, der im gleichen Jahr seine Unabhängigkeit erklärte. Thacis innenpolitische Gegner und Kritiker hoffen, dass die EULEX-Ankläger aggressiv gegen den Ministerpräsidenten ermitteln werden.

Ein westlicher Diplomat, der im Kosovo tätig ist, bestätigte gegenüber GlobalPost, EULEX habe bereits vor einiger Zeit in aller Stille mit Ermittlungen gegen Thaci begonnen. Im Januar kündigte EULEX an, seine Ankläger hätten vorläufige Ermittlungen im Zusammenhang mit den Vorwürfen wegen Organhandels, wie sie im Bericht Martys enthalten waren, aufgenommen.

Und es gibt Anzeichen dafür, dass selbst Thacis Freunde in Washington über das Ausmaß der Korruption und der Verbrechen, das Thaci und seine früheren UÇK-Kommandeure umgibt, allmählich peinlich berührt sind. Als Thaci im Juli des vergangenen Jahres Biden besuchte, verhielt sich der amerikanische Vizepräsident in der Öffentlichkeit zwar freundlich gegenüber Thaci, aber bei ihren privaten Treffen sprach er ihn mit harten Worten auf die Korruption an, wie aus informierten Kreisen berichtet wurde. Thaci räumte ein, es gäbe da ein Problem und erklärte, er werde jetzt größere Anstrengungen unternehmen, um der Korruption und dem Verbrechen in der Regierung des Kosovo Einhalt zu gebieten.

Sollte Thaci demnächst die USA besuchen wollen, ist es derzeit unwahrscheinlich, dass er ein normales Visum bekäme, es müsste schon ein diplomatisches Visum sein, das ihm Immunität gewähre, erklärten amerikanische Regierungsquellen gegenüber GlobalPost. Die USA verweigern im Allgemeinen Ausländern die Einreise, wenn gegen diese noch ungeklärte Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen vorliegen. Thaci erklärte gegenüber Vertrauten, er sei beunruhigt, was Auslandsreisen angehe, weil er fürchte, im Ausland verhaftet zu werden.

Dennoch bleibt Thaci der bei Weitestem einflussreichste Politiker im Kosovo. Aber sollten die Vereinigten Staaten ihm oder seinem Land die Unterstützung entziehen, stürzte der Kosovo in politisches Chaos, das nach Ansicht einiger Leute durchaus zum Zerfall des Landes führen könnte. Mit einem solchen Chaos vergrößert sich auch die Gefahr ethnisch begründeter Feindseligkeiten.

»An einem bestimmten Punkt werden die Vereinigten Staaten sagen, ihr verdient es nicht, ein eigenes Land zu haben«, erklärte Engjellushe Morina, Exekutivdirektor der Denkfabrik Kosovo Stability in Pristina, »Einige Kosovaren würden dann nach Albanien und andere nach Serbien gehen. Es wäre eine Katastrophe, würde es soweit kommen. Wir wollten so dringend einen Staat, aber wir wissen nicht, wie man ein Land regiert.«

 

 


 

 

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